Stieg Trenter: Eine Puppe für Samarkand

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(Weihnachten naht. Und mit ihm die Frage: Welche Krimis schenke ich meinen Liebsten? Jeder weiß: Das kann ins Auge gehen und langjährige Freundschaften abrupt beenden. Doch keine Angst: Hinternet hilft. Die Krimiredaktion hat einige aktuelle Spitzenprodukte der Spannungsindustrie unter die Lupe genommen und ihnen den jeweiligen Idealtypus Leser (hier „Geschenkempfänger“ genannt) zugeordnet. Jetzt kann nichts mehr schiefgehen.)

Das Buch

Aufregung im größten Stockholmer Postamt. Ulla Simander und einige ihrer Kollegen entdecken in einem aufgeweichten, für ein Waisenhaus in Samarkand bestimmten Paket Grausliges: Eine Puppe mit Echthaar, an dem noch Kopfhaut und Blutspuren hängen. Wenig später entdeckt man auch die eigentliche Besitzerin der Puppe. Harriet, selbst bei der Post und dort zur Schönheitskönigin gewählt, liegt, mit einem zehn-Kilo-Gewicht, ebenfalls aus Postbeständen, beschwert im nahen Gewässer. Und jetzt wird’s turbulent: Die Verdächtigen geben sich die Klinke in die Hand, Ulla, keck / jung / Handballspielerin, ermittelt auf eigene Faust, bevor sich auch der Fotograf und Hobby-Detektiv Harry Friberg (Trenters erfolgreicher Serienheld) sowie der blassiert-snobistische Kommissar Johnson des Falles annehmen. Fast zu spät erkennen sie, dass Ulla selbst ins Fadenkreuz des Mörders geraten ist, im einsamen nächtlichen Postamt kommt es schließlich zum dramatischen Showdown…

Der ideale Geschenkempfänger

…ist jeder Verächter aktuellen Schwedenkrimitums, jeder ob der in letzterem dargebotenen hölzernen Moralität naserümpfende Gegner grübelschweren Weltanjammerns. Denn: „Eine Puppe für Samarkand“ erschien erstmals 1959. Tief durchatmen: 1959. Herr Wahlöö ließ sich noch einen Bart für den „Karl-Marx-look-alike-Contest“ wachsen, bei dem er dann Frau Sjöwall traf, die ihrerseits am „Rosa-Luxemburg-look-alike-Contest“ teilnahm. Gemeinsam sollten sie noch etliche Jahre bis zur glorreichen Idee einer schwedenkritischen Krimiserie brauchen, die den schweren Stein des Skandinavienkrimibooms erst ins Rollen brachte. Und Henning Mankell? Der war gerade 11 geworden und träumte von einer gemeinsamen Zukunft mit Pippi Langstrumpf, mit der man heiter und froh durch das vorbildliche schwedische „Volksheim“ sozialdemokrabbeln würde. Will sagen: Man konnte noch deftige Krimis schreiben, atemlos von pausbäckigen Mädels durchhechelte Whodunits, von originellen und zwangswitzigen Typen bevölkert, deren Bösesein im Fälschen von Postanweisungen kulminiert. Kurz: Herrlicher Lesestoff aus einem Skandinavien, das krimimäßig so normal und trivial war wie du und ich, in einer „behutsam überarbeiteten“ Übersetzung aus dem Jahr 1964, bei der man sich freilich hier und da etwas weniger behutsameres Überarbeiten gewünscht hätte.

Geeignet auch für

…Käufer des jetzt-schon-Standardwerkes „Fjorde, Elche, Mörder. Der skandinavische Kriminalroman“, herausgegeben bei →Nordpark von Jost Hindersmann, der bei Drucklegung von „Eine Puppe für Samarkand“ noch nichts von seiner Herausgeberschaft ahnte, ja, nicht einmal von seinem irdischen Dasein, das nämlich erst sechs Jahre später auf dem Standesamt protokolliert wurde.

Stieg Trenter: Eine Puppe für Samarkand. 
Neuer Europa Verlag 2006
(Originaltitel: „Dockan till Samarkand“, 1959, deutsch von Senta Kapoun).
240 Seiten. 12,90 €

Ein Gedanke zu „Stieg Trenter: Eine Puppe für Samarkand“

  1. Endlich ein Geschenk für mich! Schon das zweite (Horst war das erste). Obschon ich bei „Weltanjammern“ kurz stutzte. Als Schopenhauer-Leser ist mir Weltanjammern ja doch auch manchmal sympathisch (allein, zu Hause, das schon). Aber dennoch: Das ist was für mich. Wer will?

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