Jean-Christophe Grangé: Das Herz der Hölle

Dass wir DAS noch erleben dürfen! Senior-Azubi Jochen ist nach der Lektüre eines Krimis hellauf begeistert! Ob das mit Julchen, seiner neuen Flamme zusammenhängt? Oder weil er seit neuestem einen spitzegeilen Motorroller sein eigen nennt? Wir wissen es nicht. Es ist uns auch egal. Wir sind einfach nur begeistert, weil Jochen begeistert ist. Und hier erklärt er, warum und von wem und überhaupt…

Als der Polizist Mathieu Durey an das Krankenbett seines Freundes und Kollegen Luc Soubeyras tritt, haben beide eine intensiv gelebte gemeinschaftliche Vergangenheit hinter sich. Erst zusammen, später getrennt ähnelt sich ihr Lebensweg bis auf Nuancen. Vom katholischen Internat ins Priesterseminar, über die Arbeit in Kriegs- bzw. Krisengebieten (Luc treibt es in den Sudan und ins kroatische Vukovar, Mathieu begibt sich im Auftrag einer Hilfsorganisation nach Ruanda), finden sich schließlich beide Seite an Seite im Polizeidienst wieder.

Antriebsfeder ihrer Freundschaft und ihres Tuns ist die Diskussion um das Prinzip des Bösen, bzw. eine reale Manifestation des Bösen existiert und seine Spuren in der Welt hinterlässt. Während Luc voran prescht, hinkt der nachdenklichere Mathieu immer einen Schritt hinterher. Und so findet er sich aufrecht neben seinem Freund wieder, der nach einem Selbstmordversuch im Koma liegt. Mathieu beginnt zu ermitteln, will herausfinden was Luc seine Überzeugungen vergessen ließ und ihn kopfüber in einen eiskalten See trieb. Er stößt dabei auf eine Reihe von brutalen Morden, augenscheinlich begangen von Menschen, die eine Nahtoderfahrung hinter sich hatten. Ein Sterben, dass nicht im gleißenden Licht endete, bevor es neu begann, sondern im rötlichen Funkeln der Hölle. Auf einer Reise quer durch Europa begegnet Mathieu hilfsbereiten Menschen, Killern, Verblendeten und Verbündeten, Vertretern einer Kirche, die sich im Zentrum eines immer währenden Kampfes Gott vs. Satan wähnt, sowie seiner ersten großen Liebe. Am Ende findet er sich im Herzen der Hölle wieder und muss feststellen, dass das Böse eine ganz profane Angelegenheit ist, und der Krieg zwischen Himmel und Hölle sich auf ein irdisches Duell zu reduzieren vermag. Geistlicher Beistand wird natürlich trotzdem gerne genommen…

Keine Sorge, Grangés Roman ist von esoterischem Geschwurbel ziemlich weit entfernt, gelegentliche Klippen umfährt er elegant und sehr eloquent. Trotzdem ist es hilfreich, sich auf die Sicht des asketischen und überzeugten Katholiken Mathieu Durey einzulassen, um die Bedeutung der letzten Fragen, die ihn und Luc umtreiben, zu ermessen. Immerhin befinden sich auf der Suche nach Satan himself etliche Personen am Wegesrand, die sich den Nachweis seiner Existenz sehnlichst wünschen. Sei es, um ihm ergeben zu dienen, oder ihn erbittert zu bekämpfen. So sind zwei Seiten vorhanden, doch die dazugehörige Medaille ist noch nicht geprägt, und ob sie es jemals wird, ist fraglich.

Grangé ist ein viel zu kluger Autor, um sich auf eine simple Dämonenhatz einzulassen, die in Gotteswahn und Exorzismus endet. Zwar streift „Das Herz des Hölle“ gelegentlich Bereiche des Phantastischen; so erinnert das blutige Zusammentreffen Dureys mit den Anhängern einer Satanssekte im nebelverhangenen Prag an die Gemälde Hieronymus Boschs, und in der Zentrale der katholischen Anti-Teufelsbrigade würde sich auch James Bond heimisch fühlen. Doch am Ende, über und vor allem steht der finstere Kriminalroman, der zumindest ein Bein jederzeit auf dem Boden behält. Dabei übt sich Grangé allerdings keineswegs in Zurückhaltung; Bescheidenheit ist nicht sein Metier. Bei ihm geht es immer in die Vollen. Da er die sprachlichen Mittel dazu besitzt, es ihm gelingt, selbst unglaublichste Zufälle (meist) plausibel zu vermitteln, macht sein Buch einen Höllenspaß. „Das Herz der Hölle“ atmet den Geist jener Sucht erzeugenden Abenteuerromane, die wie die buchgewordene Aufforderung daherkommen, bewaffnet mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke noch ein bisschen weiter zu lesen. Und noch ein bisschen…

Solche Bücher gibt es nicht mehr viele. Schon gar nicht, wenn sie ihre Geschichte über rund 800 Seiten ausbreiten. Grangè schafft das erstaunlich gut und souverän, zudem glücken ihm Szenen von beklemmender Intensität. Die Passagen über Mathieus Einsatz in Ruanda (und die Erklärung, warum er das Klappern von Besteck nicht ertragen kann) sind in ihrer zwingenden und bitteren Folgerichtigkeit brillant geraten.

Nur eins noch: wer sich mit der Prämisse des Buches nicht anfreunden kann, keinerlei Sympathie für den Teufel verspürt, Übertreibungen und ein wenig Deus Ex Machina (legitim bei diesem Thema) für kaum lässliche Sünden hält, wird an dem „Herz der Hölle“ wenig Freude finden. Ihm wird aber auch ein außerordentlicher spannender und bis zur letzten Seite hervorragend durchkomponierter Thriller – etwas, das bei Grangé ja keineswegs selbstverständlich ist. Eher im Gegenteil – entgehen.

Jochen König, tatsächlich begeistert

Jean-Christophe Grangé: Das Herz der Hölle. 
Ehrenwirth 2007
(Original: „Le Serment des Limbes”. Éditions Albin Michel 2007, deutsch von Thorsten Schmidt).
778 Seiten. 19,95 €

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