Die Wahrheit als längeres Gedankenspiel

Im Kriminalroman geht es zumeist um nichts weniger als die Wahrheit. Szenario: Über 400 Seiten lang hat eine Reihe von Personen „wahre“ Geschichten erzählt. Am Ende des Textes scharrt der Ermittler seine Verdächtigen um sich und rekonstruiert, was geschehen ist, wer als Täter seiner gerechten Strafe entgegensehen muss. Ein typischer Whodunit, eine mit den Mitteln der Deduktion fixierte Wahrheit, neben der keine andere bestehen kann. Kausalitäten, Indizien, Fakten.

Kritische LeserInnen wissen natürlich, dass auch diese Wahrheit nichts sonst sein kann als ein jeglicher Überprüfung ihrer logischen Dynamik standhaltendes Konstrukt. Und dass es – basierend auf den vielen Geschichten, die in einem Roman erzählt werden – daneben weitere, ebenso stabile Wahrheiten geben kann. Ob A oder B der Täter war, entscheidet also der Ermittler in einem längeren Gedankenspiel, das ihm vom Autor in den Kopf gesetzt wurde.

Pierre Bayard hat das in seinem Buch „Freispruch für den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes“ sehr unterhaltsam beschrieben. Holmes‘ Herleitung der Wahrheit, dass nur A der Täter sein könne, lässt sich erschreckend leicht dekonstruieren und durch eine mindestens ebenso logische Herleitung, dass B der Täter sei, ersetzen. Wer sich nun den Roman aufmerksam vornimmt, wird konsequenterweise beweisen können, nicht B, sondern C sei der Täter. Wir hätten es dann mit drei (und gerne auch mehr) Gedankenspielen zu tun, jedes ein nach den Gesetzen der Logik absolut integeres, doch mit dem pikanten Nebeneffekt, dass sie nur bestehen können, wenn sie alle anderen Gedankenspiele diskreditieren.

Doch muss das sein? Können nicht mehrere logische Wahrheiten friedlich nebeneinander existieren? Im Prinzip schon. Nur: Der Leserschaft dürfte es nicht gefallen. Sie besteht auf A, B ODER C, sie möchte Gewissheit, und Gewissheit bedeutet stets: EINE Wahrheit.

Tana French hat jüngst mit „Grabesgrün“ („In the woods“) einen Roman vorgelegt, der die Leser zumindest in puncto Wahrheit auf sich selbst zurückwirft und zu einem längeren Gedankenspiel zwingt. Es sei nicht zuviel verraten, aber neben dem durchweg konventionellen Plot gibt es noch einen zweiten, eher versteckten, an dessen Ende eben nicht die Wahrheit den Schlusspunkt setzt.

Das Problem hierbei: Wer sich als Leser, Leserin auf das Gedankenspiel einlässt, wird ebenfalls nur EINE gültige Wahrheit als Resultat seiner / ihrer Bemühungen erhalten. Was aber, wenn ein Text BEWUSST mehrere Wahrheiten schlüssig herleiten würde? – Viele Wahrheiten im Krimi = keine Wahrheit im Krimi. An einem solchen Text zu basteln, ist allemal der Mühen wert. Auch wenn man das Geifern einiger Apostel der Gewissheit schon hört.

7 Gedanken zu „Die Wahrheit als längeres Gedankenspiel“

  1. wie schön: das ist mein augenblickliches Thema (unter dem vorläufigen Titel: „Wie kommt der Psychopath in die Judenbuche?“ Antwort: Ihr letzter Absatz …)

  2. Alter Hut, mein Lieber. Rashomon, Nabokov etc. Strenggenommen hat jedes gute Buch mehrere Wahrheiten. So wie auch jedes Leben ja mehrere Wahrheiten hat.

    Schreib’s!

  3. Pardon, mein Kommentar war auf dpr gemünzt, das hat sich wohl überschnitten.

    Schöner Titel allerdings, lieber JL. Fontane als Fall für den Psychiatriekriminkritiker…

  4. Kennen wir doch alles, lieber Georg. Wir sind auch keineswegs innovationssüchtig. Alte Hüte müssen aber manchmal auch getragen werden. Und es geht konsequent um den Ein-Wahrheit-Krimi. Arbeiten wir doch schon längst dran… Jetzt haben Sie die Frau Krimi dazu verführt, auch noch die Judenbuche zu lesen, lieber JL! Sie sind mir vielleicht einer!

    bye
    dpr

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