Fünf steile Thesen wider das Lesen von Kriminalliteratur

„Das gibt’s doch nicht!“ Fräulein Anna Veronica, wie jeden Morgen als erste vor der wtd-Tür, weil sie als Redaktionsküken für den ordnungsgemäßen Zustand des Frühstücks verantwortlich ist, Fräulein Anna Veronica also, die sonst immer ein Wort auf der scharfen Zunge parat hat, – ist sprachlos. Ein DinA4-Blatt, akribisch handbeschrieben, mit Reißzwecken an die Tür gepinnt. „Fünf steile Thesen wider das Lesen von Kriminalliteratur“ prangt darauf als Überschrift, sie seien den wtd-Konsumenten nicht vorenthalten.

Erste These: Das Lesen von Krimis befördert die dem Menschen naturgegebene Denkfaulheit! Glaubt ihnen nicht, wenn sie davon reden, es ginge ihnen beim Lesen der Krimis um die Anregung des Geistes! Welch eitel-dummer Silbenschlag! Unterhalten wollen sich die Viecher, spannend muss es sein, nicht langweilen darf es! Und nach den tradierten Regeln der Heiligen Kirche des Genres gehäkelt! Nicht langweilen? Ach was! Das Denken empfinden sie als langweilig! Wie trist, wie unspannend der Spaziergang durch die Wüstenei der eigenen Gedanken! Ich aber sage euch: Die Kriminalliteratur, welche wie ein vorgekautes Gummi im Maule hin und her bewegt wird, macht eure trüben Hirne noch trüber, eure verkümmerten Ansichten noch verkümmerter, denn sie vertreibt nur die Zeit, die ihr dringend bräuchtet, euch über die Armseligkeit eures Daseins, welches so fern alles Geistigen ist, klar zu werden. Drum lasset ab!

Zweite These: Das Lesen von Krimis ist die moderne Form des Ablasshandels! Wie war das noch früher? Man kaufte Ablasszettel, um sich von seinen Sünden reinzuwaschen! Heute kauft man Kriminalromane, in denen die Sünden der Menschheit, als da wären Mord und Totschlag, Lüge und Betrug, verzeichnet sind! Man hofft nun, dass durch das Lesen derselben die Sünden quasi aus dem eigenen Leben getilget werden und man also unschuldig ins Paradies hinauffährt, denn man hat sich doch gehörig erbost über das Böse und dem Guten stets die Daumen gedrückt! Das aber nenne ich den modernen Ablasshandel, doch Der=da=oben wird nicht hereinfallen auf euer Blendwerk, er wird euch im Fegefeuer Telefonbücher zu lesen geben, immer nur Telefonbücher, und ihr werdet dann wissen, was die Hölle ist. Denn eure Handys hat man konfisziert.

3. These: Wer Krimis liest, senkt das literarische Niveau einer Sprachgemeinschaft! In vergangenen Zeiten war das Schreiben ein Privileg der Berufenen. In Zeiten der Kriminalliteratur aber ist das Schreiben so allgemein wie das Zustuhlegehen, der Beischlaf, das Verzehren vorgefertigter Nahrung. War es früher unabdingbar, vor dem Schreiben die deutsche Sprache (oder irgend eine andere) zu beherrschen, so ist heute das einzige Hindernis auf dem Weg zum eigenen kriminalliterarischen Werk eben diese Beherrschung der Sprache. Und die Kriminalliteratur ist wie ein bösartiger Tumor, und sehet, er breitet sich aus, er erfasst alle Literatur! Resultat: Wer nicht lesen kann, schreibt. Wer nicht schreiben kann, tut es gerade darum. Das wird böse enden!

4. These: Sie treiben Götzendienst, denn sie huldigen dem Fürsten Mammon! Warum schreibt man Kriminalromane? Doch nur, um auf möglichst bequeme Art Geld zu verdienen! So ein Krimi ist schnell geschrieben, in drei Tagen schafft es der gemeine, pfeifenrauchende Belgier, eigentlich als träge verschrieen, der fleißige Deutsche verfertigt einen Roman vor dem Frühstück und einen danach. Ha! Da klimpert Fürst Mammon in den Beuteln! Derweil meine LITERARISCHEN Krimis wie sauer Bier in den Regalen verstauben! Doch wartet nur! Sieben Plagen werden kommen und euch heimleuchten!

5. These: Sie schädigen die Volkswirtschaft und das Erbgut! Denn wenn sie erst einmal zu lesen begonnen, können sie nicht mehr aufhören! Und die Arbeit bleibt liegen! „Konnte den Krimi nicht aus der Hand legen!“ So jammern sie, derweil die Asphaltdecken der Straßen auf Ausbesserung warten, das Korn auf den Feldern verrottet, die Akten unbearbeitet bleiben, das Glas Bier, welches ich mir bestelle, uneingeschenkt! Immer nur Krimi, Krimi, Krimi! Eine Seite noch, ist gerade so spannend – noch eine und noch eine – jetzt noch das vorletzte Kapitel und das letzte, damit man weiß, wie es ausgeht! Und dabei vergessen die Frauen die Körperpflege! Wechseln die Männer nicht mehr wöchentlich, nein, höchstens noch monatlich die Unterwäsche! Pflanzt sich vor lauter Verkommenheit der stinkenden Körper das Menschengeschlecht nur noch sporadisch und lustlos fort! Geht zugrunde! Und warum? Wegen des vermaledeiten Krimis! Nieder mit ihm!

Ein entsprungenes Mönchlein aus der Krimiszene

Wir finden: ein aufrüttelndes, ein erschütterndes Dokument. Und: Vermisst zufällig jemand einen Krimikritiker?

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