1997: Notes From Underground

Victory Records ist längst nicht mehr das Hardcore-Label, das es einst war. Seit geraumer Zeit hat man sich in dessen Hauptquartier in Chicago auch anderen Genres geöffnet. Gott sei Dank. Es gibt nichts langweiligeres als Engstirnigkeit bzw. den berühmten Tunnelblick. Für Hardcore-Fanatiker ist das allerdings immer noch ein erstaunlicher Entwicklungsschritt.

Andererseits werfen einige Musiker aus der Hardcore/Emo-Szene dem Labelchef Tony Victory vor, aus dem Musikbiz maximalen Profit rausschlagen zu wollen und Bands über den Tisch zu ziehen. Da scheint die Ausweitung der Stilpalette nur eine logische Konsequenz zu sein. Wie auch immer…

1997 gehören zu denjenigen Bands, die vor Jahren auf Victory undenkbar gewesen wären. Denn Kevin Thomas (Gesang), Arthi Meera (Gesang, Keyboards, Gitarre), Caleb Pepp (Gitarre, Gesang), Cody Josephson (Harmonika, Gitarre), Brian Osters (Bass) und Nick Coleman (Schlagzeug) schreien gegen nichts an. In ihrer Musik ruht keine unbändige Wut, sondern viel Melancholie und Schönheit.

„Notes From Underground“ ist dem Indierock näher als irgendeinem anderen Genre. Wobei man nicht nur in „Falling Down“ bei Thomas Emo-Gesangsmuster entdeckt. Diese wirken keineswegs deplatziert, zumal sie sehr schön mit der Stimme von Neuzugang Meera, die überhaupt keine Anstalten macht, zu schreien, wunderbar koalieren. Diesem Wechselspiel zuzuhören, macht ungeheuren Spaß. Aber nicht nur das: Die Musik, die feierlichen Indie à la Arcade Fire oder Stars ebenso zitiert wie unzeitgemäßen Emorock im Stile von The Promise Ring, ist ganz was Feines.

(kfb)

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