Buddy Giovinazzo: Piss in den Wind

giovinazzo-piss-in-den-wind.jpg Ein Buch – zwei Meinungen. Nein, kein Kritikerstreit, denn beide sind sich einig: Buddy Giovinazzos „Piss in den Wind“ erzählt eine ebenso gradlinige wie vertrackte Geschichte, die ihr Thema mit Respekt und ohne die sonst üblichen Beigaben des Pompösen und Schaurig-Sensationellen aufbereitet. Dass zeitgleich mit dem Erscheinen von „Piss in den Wind“ auch Giovinazzos Debüt „Cracktown“ eine verdiente Neuauflage erfahren hat (und Neuauflagen weiterer Werke angekündigt sind), gibt dem Ganzen eine besondere Note – und allen Interessierten Gelegenheit, den erstaunlichen erzählerischen Reichtum des Autors in aller Ruhe zu begutachten.

Von der Stadt auf’s Land, an die See. Dort wo es ruhig und beschaulich zugeht, keine Cracksüchtigen sich und ihre Umgebung in Flammen setzen, keine Jugendgangs vergewaltigend und raubmordend durch die Gegend ziehen, und Verzweiflung nicht fester Bestandteil des sozialen Gefüges ist.

Die Dämonen lauern woanders. In individuellen Befindlichkeiten und Biographien. Wie in der von James Gianelli, der an einem kleinen College Fotografie unterrichtet. Er ist beliebt bei den Studenten, hat gute Chancen auf eine Festanstellung und ein Trauma seit Kinderzeiten. Deshalb fällt es ihm schwer allein zu sein. Es funktioniert nicht. Denn allein zu sein bedeutet, mit den Geistern (oder dem Geist?) der Vergangenheit, eingesperrt in einem kleinen Raum zu leben. Das löst Trauer aus, Angst. Und Wut?

Scheint so, denn wieso sonst liegt James‘ Freundin Karen erwürgt neben ihm im Bett, nachdem die Trennung fast schon vollzogen war? James kann sich leider an nichts mehr erinnern, ein psychotischer Schub hat ihn seiner Sinne beraubt. Ohne Erinnerung, aber mit einer neuen Ladung Schuld auf den Schultern, beseitigt er Karens Leiche im Meer. Dumm nur, dass die See nicht nur nimmt, sondern auch gibt. Und so findet James während eines verzweifelten Spazierganges die Leiche einer anderen Frau am Strand. Berufsmäßiger Voyeur der er ist, schießt er eine Hand voll Fotos und hat fortan eine neue Geliebte am Hacken. Die ermordete Dominique. Sie nimmt nachhaltigen Einfluss auf sein Leben, das immer mehr aus den Fugen gerät.

„ICH SEHE TOTE MENSCHEN“

Davon kann James ein Lied singen. Denn sein Autor Buddy Giovinazzo lässt ihn ein Stellvertreterleben führen für jene Toten, die James seit Kindesbeinen um sich schart. Was den Lebenden, vor allem denen, die James mögen, die Beziehung zu dem Fotografie-Professor zu einer einzigen Gedulds- und Bewährungsprobe macht. Wenig Hoffnung für ein gemeinsames Morgen.

Was „Piss in den Wind“ zu einem Neo-Noir par excellence macht. Fast. Denn Buddy G. wäre nicht er selbst, wenn er nicht noch den ein oder anderen Bruch mit den Traditionen / Regularien in petto hätte.

Auf der Suche nach Liebe, Zusammengehörigkeit. Darum dreht sich alles. James Gianelli opfert sich auf, ist bereit alles zu tun, damit ein Mensch bei ihm bleibt. Und wird getrieben von dieser allzu menschlichen Sehnsucht, zur Persona non grata. Einer der klammert, ein potenzieller Stalker, jemand der seine Liebe eher mit ins Grab nimmt, als sie ziehen zu lassen. Die Zeitungen sind voll davon, tagtäglich. Und fast immer sind es Männer, die es nicht ertragen können, wenn ihre (ehemaligen) Partnerinnen eigene Wege gehen möchten. Das wahre schwache Geschlecht. Buddy Giovinazzo dreht an dieser Schraube, bis ein Kriminalroman daraus entsteht, Verbrechen auf engstem Raum, vermutete und reale. „Piss in den Wind“ ist ein Spiel mit den Unsicherheiten, die tiefe Gefühle auslösen. Dabei bleibt James eine durchaus sympathische, nachvollziehbare Figur. Jemand, der smart ist, vermutlich gut in seinem Job (so viel Raum nimmt seine Arbeit nicht ein) und lax in den formalen
Dingen, die das Leben nur verkomplizieren. Andererseits ist er ein Besessener, ein Gefangener seiner Vergangenheit, die sein Verhalten maßgeblich beeinflusst. Schweigen und Irrationalität dort, wo Gespräche und eine rationale Einschätzung vonnöten wären.

Großartige Szenen gelingen Giovinazzo beim Zusammentreffen James mit seiner Mutter am Krankenbett des Vaters. Keine wehleidige Bestandsaufnahme wechselhafter Emotionsschübe, keine Versöhnung am Totenbett, stattdessen ein wankelmütiges Jonglieren zwischen dem Status Quo des Schweigens und dem, was eigentlich gesagt werden müsste. Provoziert durch den Schatten der toten Dominique, die James begleitet wie das personifizierte schlechte Gewissen.

Das könnte in die Hose gehen, den Geist jener unzähligen Werbespots hervorrufen, der verkündet, dass man anscheinend nicht das richtige Waschmittel genommen hat. Doch Giovinazzo beherrscht sein Handwerk. Und so bleiben seine Figuren glaubwürdig, mit all ihren Schwächen und Obsessionen. Und am Ende, wenn sich ein Großteil aufklärt, gibt es sogar so etwas wie Hoffnung. Die allerdings eine trügerische sein könnte…

Es hat sich so ergeben, dass die Neuauflage von „Cracktown“ und Giovinazzos aktueller Roman „Piss in den Wind“ gleichzeitig hierzulande erscheinen. Hochinteressant beide Romane im Gespann zu lesen. Dazwischen liegen fast 20 Jahre, diverse Tatorte und andere Filme, sowie weitere Romane. Eins ist geblieben: Die Welt als dunkler, gewalttätiger Ort, an dem Menschen auf der Suche nach Zugehörigkeit und Liebe verzweifeln. Während „Cracktown“ im Blitzgewitter zwischen Drogen, Prostitution, Armut und alltäglicher Gewalt implodiert, schaffen sich die Protagonisten in „Piss in den Wind“ ihre Hölle selbst. Schreie und Flüstern. Aber nie miteinander reden. Die einen sind dazu nicht (mehr) in der Lage, die anderen zu feige. Bis zum Schluss…

Jochen König

Wirklichkeit und Wahn: Kriminalliteratur arbeitet bevorzugt mit Extremen und Gegensätzen, dem Unversöhnlichen und Unvereinbaren, mit dramaturgischer Fallhöhe als einem wesentlichen Spannungsmerkmal. So gesehen, ist der Plot von „Piss in den Wind“ durchaus krimikonform und die Frage des Gelungenseins eine Frage der Ausführung. Ein Mann mit ausgeprägter Psychose schreitet zur schier aussichtslosen Selbsttherapie. Er hat Schuld auf sich geladen, Schuld in der wirklichen Welt, doch in dieser Welt gibt es niemanden, mit dem über diese Schuld zu reden wäre. Also erfindet sich Gianelli eine Wahnwelt, eine Tote wird darin Ankerpunkt, sie hört zu, sie fordert den Mann heraus, sie stärkt ihn, sie schwächt ihn.

Giovinazzo verzichtet von Anfang an darauf, mit harten Kontrasten zu arbeiten, mit einer theatralischen Konfrontation von „krank“ und „gesund“. Im Gegenteil. Aus der wirklichen und der Wahnwelt wird eine dritte, eine Welt aus Wirklichkeit und Wahn eben, die so normal ist wie das Alltägliche – und genauso irrwitzig. Durch diese neue Welt ziehen sich die Erzählstränge, die Lebenslinien: Gianellis Jugendtrauma, seine prekäre berufliche Existenz, seine verzweifelten Bemühungen, „normal“ zu sein. Das ist, wie Giovinazzo es aufbaut, eine erstaunliche unspektakuläre Geschichte, bei aller Abstrusität, bei aller psychopathologischen Relevanz. Hinzu kommt, dass wir uns stets auf dem Boden des Genres befinden, eine Geschichte voller Verdacht und Vorahnungen lesen, die latente Überraschungen in sich trägt und am Ende auch hier einlöst, was sie verspricht. Wieder ein Gegensatzpaar, wieder Fallhöhe. Die exakte Rekonstruktion von Normalität (mit der normalen Prise Wahn) bedient sich herkömmlicher Genremittel und erhält dadurch ihre Originalität.

Das alles macht „Piss in den Wind“ zu einem Kleinod zeitgenössischer Kriminalliteratur. Zu einem „Noir“, der dezidiert keiner ist – es sei denn, das Normale wäre per se Noir – und deshalb mit Fug und Recht als ein Noir der intelligenten Sorte gerühmt werden kann. Die Begegnung mit der Schwester des Toten führt Gianelli langsam aus seiner verqueren Welt hinaus, hinein in das normale Verrücktsein, die mit Brief und Siegel attestierte Geisteskrankheit. Ein Happyend? Oder der Auftakt eines neuen Traumas? Wieder mischen sich die Extreme.

Buddy Giovinazzo: Piss in den Wind.
Pulp Master 2011. 247 Seiten. 13,80 €
("The Professional". 2009. Deutsch von Emanuel Bergmann)

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