Martin Compart: Die Lucifer Connection

compart_l.jpg Der Weg zwischen Kunst und Trash ist lang. Jedenfalls wenn man sich das literarische Wertigkeitssystem als ein Gebäude vorstellt, der Krimitrash im von Schimmel und Schwamm heimgesuchten Souterrain und der fein-, tief-, hintersinnig komponierte „literarische Krimi“ ganz Penthouse-Resident mit den Annehmlichkeiten eines intellektuellen Dachgartens. Aber man kann sich das Ganze auch anders vorstellen. Als einen Kreis, der beim Krimi als reiner Kolportagekost beginnt und beim „Krimi als literarisches Kunstwerk“ endet. Dann kommt einem die Strecke zwischen den Extremen immer noch lang vor – doch eigentlich liegen sie ganz dicht beieinander.

Diese kleine theoretische Überlegung sei gestattet, um Martin Comparts „Die Lucifer Connection“ dort zu verankern, wo sie steht. Was zunächst kein Probleme zu machen scheint, allein der Blick auf das Cover genügt doch, oder? Sex und Gewalt und männlich-destruktive Coolness, „Pulp“, Trash, grobgerastertes Actionkino zur Befriedigung niederster Bedürfnisse, meilenweit entfernt von nüchterner, austarierter Wirklichkeit. Ein Ex-Geheimdienstmann namens Gill, der jetzt in Dortmund als Privatermittler tätig ist, erhält einen läppischen Auftrag – er soll die verschwundene Katze eines kleinen Jungen suchen – und gerät in eine bestialische Weltverschwörung des Bösen, mit unvorstellbaren Grausamkeiten an Kindern, Snuff-Movies, durchgeknallten afrikanischen Despoten und ihren drogenzugedröhnten Mordmaschinen, satanistischen Politikern aus der westlich zivilisierten Welt. Dann wird eine Freundin Gills, Kriminalkommissarin, entführt und im zweiten Teil des Romans quasi permanent vergewaltigt. Gill nimmt den Kampf auf. Sehr dubiose Typen kreuzen seinen Weg: Bordellbesitzer, Söldner, manchmal auf Gills Seite, manchmal auf der anderen. Der Oberbösewicht mit dem genretypischen Namen Zaran wütet zwischen Dortmund und Sierra Leone, London und Wien, ein größenwahnsinniges Genie wie aus dem Lehrbuch für Heftchenkrimis, inmitten seiner entmenschten Jünger. Da werden Babys bei lebendigem Leib zerrissen, da wird genüsslich gefoltert und die spezifischen Eigenschaften von Schusswaffen fließen wie Mantras aus den Mündern der Protagonisten.

Politisch korrekt liest sich anders. Abgrundtiefe Verachtung des durch die „Medienkellner“ vermittelten Normalen durchzieht den Text, die Vereinten Nationen sind eine Verbrechensorganisation wie die EU, Afrika ein Kontinent des immerwährenden Grauens. Nie war das Böse böser und das Gute suspekter.

Uff. So stellen sich Lieschen Müller oder wahlweise der sensible, akademisch geschulte Großkritiker X. die Niederungen des Genres vor. Mit spitzen Fingern entsorgen oder, ganz elegant in der bewährten Manier der Literaturgeschichtsschreibung, einfach ignorieren. Dabei macht Compart nur, was dieses Genre seit seiner Geburt tut. Er unterhält im Wortsinne gnadenlos, er verwischt in seiner rigorosen Starkgebärdigkeit die künstliche Begrenzung zwischen dem Dreck der Straße und dem gebohnerten Parkett der literarischen bel etage. Mit anderen Worten: Compart gibt dem Genre zurück, was ihm seine Vereinnahmung durch „die Literatur“ genommen hat, jenes unbändig Triviale, und er belässt ihm das, was schon immer unter dieser grellen Oberfläche steckte: sehr unangenehme Wahrheiten über das Leben, der genaue Blick auf die Verhältnisse.

Ja, zugegeben, das alles ist nicht „ausgewogen“. Das Buch hat philosophische Passagen von geradezu exaltierter Überdrehtheit, in Gill vereinen sich Mitleid und Mordlust, sensibelste und grobschlächtigste Rezeptoren für menschliches Leid und brachialste Zerstörungswut. Das irritiert, polarisiert, sucht so gar nicht nach dem Kompromiss, bringt Dinge zueinander, die wir nicht beisammen sehen wollen – oder kurz und knapp: „Die Lucifer Connection“ ist brillante Unterhaltung, bevor sie von der Mittelmäßigkeit des Marktes kastriert wurde.

dpr

Martin Compart: Die Lucifer Connection. 
Evolver Books 2011. 395 Seiten. 16,80 Euro

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