Man muss sich das so vorstellen: Krimikritiker kritisieren Kriminalliteratur, weil sie etwas davon verstehen. Kriminalliteratur erzählt Geschichten aus bestimmten Milieus, von denen Krimikritiker in der Regel wenig, manchmal überhaupt nichts verstehen. Die sogenannte IT-Branche ist so eine Welt, ihr Aushängeschild, das Internet, obgleich tägliches Werkzeug, ein Mysterium, das sich für Laien kaum oder gar nicht durchschauen lässt.
Wenn nun also ein Kriminalroman eben dieses Mysterium und seine Gefahren thematisiert, wird es eng für den Krimikritiker. Er kann eine Email verschicken, eine Webseite aufrufen, einen Link setzen, ansonsten aber ist er meist Laie, das heißt: Er muss über etwas schreiben, das er nicht versteht. Über Charles Macleans „Trojaner“ beispielsweise, einen Krimi, der uns die Allgegenwart der digitalen Überwachung via diverser Spionagesoftware („Trojaner“) deftig vorführt.
Man kann →an dieser Stelle nachlesen, warum ich „Trojaner“ für einen hanebüchenen Kriminalroman halte, ja, für einen schlicht dummen und inkompetenten. Das Schlimmste ist aber, dass dieses Urteil nicht meiner Kenntnisse der digitalen Welt wegen gefällt wurde, nein, so weit brauchte es gar nicht zu kommen, ein wenig gesunder Menschenverstand müsste eigentlich genügen, um Macleans Vorstellung, wie schutzlos wir doch alle den Cyperpiraten ausgeliefert seien, als eine erschreckend platte zu brandmarken.
Aber wahrscheinlich irre ich mich da. Die neuesten Rezensionen des Romans fallen nämlich voll auf die Behauptungen von Autor und Verlag herein, sie schlucken das angedeutete Schreckensszenario kritiklos, ein Szenario, dies nebenbei, das als solches durchaus real ist, aber eben nicht so, wie Maclean es beschreibt.
Dabei kommt es zu etlichen Putzigkeiten. Im →„Tagesspiegel“ etwa fürchtet sich Martina Scheffler ganz arg vor den allgegenwärtigen Schnüfflern und erkennt: „Macleans „Trojaner“ bewirkt, dass man sich in der realen virtuellen Welt – ein Paradox an sich – vornimmt, beim nächsten Chat vorsichtiger zu sein oder ernsthaft über eine Verschlüsselung seiner E-Mails nachdenkt.“ Das ist putzig, weil es richtig ist. Doch nicht, weil Mclean uns die Gefahren des Netzes vorführt, hat das seine Berechtigung, sondern weil er angebliche Experten, ja, Genies, agieren lässt, die sich im Netz bewegen wie tumbe Toren, die keinerlei Sicherheitsvorkehrungen treffen, sich gegen Spione zu schützen. Mcleans Buch ist eben KEIN Plädoyer für mehr Schutz, sondern im Gegenteil ein resigniertes Schulterzucken. Du entkommst den Brüdern eh nicht.
Auf der ansonsten seriösen Plattform →„literaturkritik.de“ schreibt Thomas Neumann: „Man könnte meinen, dies alles sei recht banal, vor allem, wenn man sich ein wenig im Internet auskennt. Aber nur weil man eine offensichtliche Gefahr ignoriert, bedeutet das nicht, dass sie nicht vorhanden ist.“ Wer ignoriert hier was? Wer kennt sich „ein wenig aus“? Auch hier kein Wort über die törichte Prämisse des Buches, die genau das Gegenteil von dem bewirkt, was ihm der Rezensent hoch anrechnet. Hier wird eine reale Gefahr als Naturgesetz beschrieben, sogenannte Experten kapitulieren vor dem „Bösen“, ohne auch nur versucht zu haben, es zu bekämpfen. Selbst jetzt schüttele ich noch fassungslos das greise Haupt: Da kommunizieren zwei Menschen, von denen einer als „Computergenie“ eingeführt wurde, ganz zwanglos über eine Internetverbindung, von der sie genau wissen, dass sie durch einen Trojaner überwacht wird. Jeder Normalanwender würde andere Mittel und Wege finden.
Nun sollte man sich ja über so etwas eigentlich nicht aufregen. Wenn ich es hier ausnahmsweise doch tue, dann vor allem der absoluten Kritiklosigkeit wegen, mit der hier Krimikritiker einer Scharlatanerie auf den Leim gehen. Nicht weil sie „nicht alles wissen“ können (das versteht sich von selbst), sondern weil sie nicht sorgfältig lesen, als Laien schon von vornherein die innere kritische Instanz ausschalten und sich vor der angeblichen Kennerschaft des Autors demütig verbeugen. Und damit die fatale Botschaft von „Trojaner“ fröhlich multiplizieren. (Dass mich das an die aktuelle Finanzkrise erinnert, sei nur am Rande erwähnt.)
Schöner Artikel. Erinnert mich ein wenig an den Hype einiger Computerzeitschriften, dass, falls die oder die Software installiert wäre, man ein 100% sicheres System hätte, um dann doch im nächsten Monat den Aufmacher „Ist Ihr PC sicher?“ auf ihre Titelseiten zu bringen. Und wir dummen User hecheln eifrig hinterher. Die unendlichen Weiten des WWW wecken in uns wieder die archaischen Urängste.
BTW, worüber würde heute H.P. Lovecraft schreiben?
dann, lieber dpr, hab‘ ich jetzt die Lizenz, mich stets und ständig über die ‚Gesetzesverstöße‘ der irr-autoritären Bullen in 93% aller Krimis (print und audiovisuell) zu mokieren? Wie schön!
Beste Grüße!
@Claus: Ja, Lovecraft. Das zusätzliche Ärgernis an Macleans Buch ist, dass er ein spannendes Thema verschenkt. Er schreibt einen höchst konventionellen „US-Thriller“ (nicht einmal einen besonders guten), der nach den bewährten Regeln funktionieren muss. Eine dieser Regeln: Es gibt ein „Genie des Verbrechens“, einen Holzschnitt-Mabuse. Er benötigt totale Kontrolle, weil sonst das Spannungskonstrukt nicht mehr funktionieren würde. Das geht auf Kosten alltäglicher Logik. Würde Maclean auch nur ansatzweise wie ein neuer Lovecraft auftreten (und das Thema wäre da!), müsste er sich weitgehend von seiner Thriller-Masche verabschieden. Das aber war nicht vorgesehen. Er hätte dann nämlich einen für Mainstream-Verhältnisse irritierenden Roman schreiben müssen. Und ob sich der verkaufen würde?
@JL: Wenn mir suggeriert wird, es handele sich um einen „Polizeiroman“, einen „authentischen“ gar, und es ist nur heiße Luft, dann haben Sie die Lizenz. So wie ein Roman, der angeblich „die Gefahren des Internets“ thematisiert und schon im Banalsten scheitert, lizenzmäßig abgeschossen werden muss. – Ansonsten denken wir weiterhin über Literatur-Literatur und Dekonstruktion nach. – Aber Sie brauchen ja eh keine Lizenz, schon gar nicht von mir, Sie machen ja sowieso, was Sie wollen…
bye
dpr
„Sie machen ja sowieso, was Sie wollen…“: das ist so ziemlich das Einzige (sic!), worauf Sie sich verlassen können, lieber dpr.
Beste Grüße!