Kapitel XIII

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Was bisher geschah: Ein toter Krimiblogger, eine kryptische Liste, Mordversuche und schwerstgetötete schwule Friseure, KrimiAutorinnen, die plötzlich verschwinden und auf einer künstlichen Insel in der Südsee wieder auftauchen. Mittendrin: Wickius. Wickius, aus den Klauen der Beller in die Klauen eines mächtigen Feindes geraten. Wickius, der eine Flaschenpost geschickt hat, in der er seine Abenteuer auf der künstlichen Insel reportiert. Die Fortsetzung seines Berichts.

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Der Quellcode

(Ein erster, noch nicht überarbeiteter Versuch, Derek Raymond und den Noir-Roman in den Griff zu bekommen. Oder, besser: sich ihm zu nähern. Seien Sie wie ich auf das Endergebnis gespannt. Die Monografie „Derek Raymond – the Man in Noir“, von der wir noch gar nichts wissen, außer dass sie ab sofort →hier subskribiert werden kann.)

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Andrea Maria Schenkel: Kalteis

Vergessen wir den „Tannöd“-Hype. In einem Land, dessen Bevölkerung zu Millionen vor den Fernsehern sitzt und chemisch abgefüllten Pedaleuren zujubelt, kann ein Buch nur mit Hilfe der üblichen Hochleistungs-Medienzuckungen zu Hunderttausenden verkauft werden. Vergessen wir das Reizwort „authentischer Fall“. Das interessiert mich, wenn ich einen Roman zur Hand nehme, nicht im mindesten.
Vergessen wir vollständig die Plagiats-Farce, die eigentlich nichts weiter ist als Teil des Hypes. Vergessen wir die enttäuschten Zurufe düpierter KäuferInnen, die wegen dieses Hypes zugriffen und danach den „komischen Schreibstil“ ebenso geißelten wie die Preisgestaltung des Nautilus Verlags. Ihnen ist in diesem Leben nicht mehr zu helfen und in einem anderen werde ich hoffentlich anderswo sein als sie.

Vergessen wir die Sprache. Wie schon „Tannöd“ kommt auch „Kalteis“ als ins Hochdeutsche massakrierter Dialekt daher, syntaktisch zwischen verdreht-verzwirbelt und naiv-niedlich. Das ist Andrea Maria Schenkel, das darf sie, dafür kann man sie schelten oder bejubeln oder man kann es hinnehmen als den legitimen Versuch einer Autorin, zu einem eigenen Stil zu finden. Sie inszeniert, sie hat, auch wenn wieder viele Stimmen aus Protokollen und Zeugenbefragungen reden, nur eine Perspektive, die ihre nämlich.

Vergessen wir die historische Zeit. Kalteis, das „Monster“, mordet, während der Staat das viel größere Morden vorbereitet. Der Analogschluss, nach dem uns Schenkel hier im Kleinen vorführt, was im Großen bevorsteht, ist natürlich zulässig. Aber kein Verdienst der Autorin, sondern ein automatisch gereichtes der schrecklichen Epoche.

Vergessen wir den Mörder Kalteis. Um ihn geht es hier nicht. Weder um die Umstände seiner Offenbarungen – im Dritten Reich oft genug unter der Folter gemacht – noch um die Hintergründe seiner schrecklichen Taten. Andrea Maria Schenkel lässt Kalteis bekennen, lässt ihn leugnen, lässt ihn abschweifen – er ist aber nur Mittel zum Zweck, „das Böse“ eben, nichts von dem was er sagt überrascht.

Vergessen wir die Euphorie, bei „Kalteis“ handele es sich wie schon bei „Tannöd“ um etwas „Neues“. Was auch bei einem Zweitwerk merkwürdig klänge, das in seiner Machart an den Vorgänger gemahnt, also schon deshalb nicht „neu“ sein kann. „Tannöd“, nur zur Erinnerung, weist über die Zwischenstation „Kritischer Heimatroman“ geradewegs zurück ins 19. Jahrhundert, was man wüsste, wüsste man etwas über Krimis im 19. Jahrhundert. Aber für diese Euphorie kann Frau Schenkel ja auch nichts. Sie hat gezeigt, dass inmitten der inzwischen unerträglichen Krimi-Stanzereien auch ein Roman Erfolg haben kann, der gegen den Trend läuft, der nicht die wenigstens 200 Seiten Standardthrill abspult, keine Detektive beim Ermitteln zeigt oder, noch schlimmer, beim Inspizieren ihrer Kühlschrankinhalte zum Zwecke des „realistischen Schreibens“.

So, haben wir jetzt alles Wichtige vergessen? Dann kommen wir endlich zu „Kalteis“, das Buch mit dem etwas zu sprechenden Namen. Aber, wie schon gesagt, um Kalteis geht es nicht. Es geht um Kathie, ein junges Mädchen vom Land, das nach München kommt, weil man es daheim nicht mehr haben will. Kathie will Arbeit finden, Kathie will eine Dame in schönen Kleidern werden. Aber Kathie wird zunächst einmal eine Gelegenheitsprostituierte, und irgendwann schneiden sich die Lebenswege von ihr und Kalteis, und was da rauskommt, das ahnen wir von Anfang an, das beschreibt uns die Autorin an den Vorgängeropfern.

Und das ist schön und überlegt gemacht. Während Kathie ihrem Schicksal entgegenlebt, während wir schon wissen, dass wir da eine Verlorene auf ihrem letzten Stück Weg begleiten, seziert Andrea Maria Schenkel das grauenvolle Ende an Stellvertreterinnen-Objekten, und wir sehen die lebendige Kathie immer auch schon als tote Kathie.

Das hat sie in „Tannöd“ nicht gemacht (wir vergessen jetzt, dass wir „Tannöd“ eigentlich vergessen wollten). Dort hat sie eine ländliches Soziogramm inszeniert (dieses „inszeniert“ ist entscheidend), hier schickt sie ein armes Hascherl durch den Rest seines erbärmlichen irdischen Daseins. Punkt, fertig.

Ist das jetzt zu wenig oder vielleicht schon zu viel? Ich weiß es nicht. „Kalteis“ hat mich nicht gepackt, es hat mich trotz der gelungenen Dramaturgie – ein wenig kalt gelassen, was aber nicht am Text selber liegt, sondern natürlich an mir, der ich eben das Vergessen predige, aber nicht wirklich vergessen kann. – Oder es liegt gerade an der gelungenen Dramaturgie, weil man sie sofort als gelungene Dramaturgie erkennen kann. Wie auch immer: „Kalteis“ ist ein nettes Buch, und hätte Andrea Maria Schenkel damit debütiert, wäre sie ähnlich gelobt worden wie für „Tannöd“. Aber weil dem nicht so ist, lobt man es als das Buch, das „Tannöd“ überwinden sollte, aber noch nicht überwunden hat.

Das ist nun einmal der Fluch von Zweitlingen, die zwar eine Weiterentwicklung zeigen, aber noch zu sehr an der großen Blaupause hängen. Doch selbst das kann man der Autorin nicht anlasten. Sie ist dabei, sich freizuschreiben, hoffentlich auch formal, denn noch einmal möchte man ein Buch von ihr nicht mit „Tannöd“ vergleichen müssen oder darauf bestehen, es zu vergessen. Enttäuscht sein von „Kalteis“ kann nur, wer „Tannöd“ reloaded will oder überhaupt kein „Tannöd“. Alle anderen haben kein schlechtes Buch gelesen und warten auf ein anderes.

Andrea Maria Schenkel: Kalteis. 
Edition Nautilus 2007. 155 Seiten. 12,90 €

Alligator-Dauerdienst: das Allerletzte

Natürlich: „Kalteis“. Einmal Andreas Ammer, →hier zu hören. Das ermuntert den →Herrn Linder zu einem Zitat. Und dann: nochmal „Kalteis“. Diesmal im nicht online-seienden „Bielefelder“. Auch hier Zitat: „Einziger Schwachpunkt: die etwas schlichte Psychologie der lüsternen Kerle und lieben Frauen“. Auch rezensiert: „Drei Irre unterm Flachdach“. Kein Krimi, aber passt irgendwie.

Derek Raymond

Ich bin nun mal so, ich kann nicht anders. Wenn sich eine Idee in mir behaglich einrichtet, muss ich ihr irgendwann ein kleines Büchlein bauen. Und der Gedanke, meine mit Astrid Paprotta begonnene Reihe mit Monografien fortzusetzen – wie und wo auch immer – unterstützt mich dabei.

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Alligator-Dauerdienst 060807: deutschsprachig

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Aufarbeitung des Wochenendes. Deutschsprachiges. Von wichtig bis skurril. Mehr am Nachmittag. Internationales und alles andere, was uns bis dahin noch erreicht. Surfen Sie! Melden Sie! →Hierher!
Ingeborg Sperl empfiehlt im österreichischen →„Standard“ wieder kurz und bündig vier Kriminalromane: Sergej Kusnetzows „Die Hülle des Schmetterlings“, Veronica Stallwoods „Flucht aus Oxford“, Jörn Lier Horsts „Wenn das Meer verstummt“ sowie Katryn Ruschs „Die Lautlosen“, einen SF-Krimi: „Rusch präsentiert hier einen spannenden Zwitter für alle Leser, die über den Rand unseres Planeten hinausschauen möchten.“

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Kapitel XII

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Die folgenden Aufzeichnungen unseres Titelhelden erreichten die Redaktion auf denkwürdigem Wege. Sie befanden sich zusammengerollt in einer verkorkten Flasche mit der Aufschrift „Dr. Schlawinskis Original Südsee Erfrischung – jetzt mit 10% Datteln!“. Diese Flasche wurde – südwestlich der japanischen Insel Kyubashi – von Herrn Ludwig Hirnbeiß aus dem Pazifik gefischt, welchen Herr Hirnbeiß in Begleitung seiner Gattin auf einer handelsüblichen Luftmatratze zu überqueren gedenkt. Die Flaschenpost – denn um eine solche muss es sich handeln – gelangte per Sonderflugzeug in unseren Besitz und wird nun wort- und zeichengetreu wiedergegeben. Man entdeckte sie im spärlichen Nachlass des inzwischen verschollenen Ehepaares, einer Plastiktüte, welche außer der Flasche nur einen Stahlkamm sowie fünf unbenutzte Kondome enthielt. Die Aufzeichnungen schildern Wickiussens Erlebnisse, kurz nachdem dieser die geheimnisvolle künstliche Insel betreten hat, auf der sich die deutschen Krimischaffenden vor den kritischen Nachfragen von Öffentlichkeit und Ordnungsmacht versteckt halten.

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Alligator-Dauerdienst 030807: international

Einige ausgewählte Links aus der großen weiten Welt des englischsprachigen Krimis haben wir zum Wochenende für Sie zusammengestellt. Beginnen wir mit Michael Dibdin, dem im März gerade einmal 60jährig verstorbenen Autor, dessen postum erschienenes Werk „End Games“ im →„Spectator“ vorgestellt wird. Das letzte Abenteuer von Dibdins Held Aurelio Zen – und Rezensent Ian Thomson befindet: „End Games, in short, has all the bite of vintage Zen; I wish we could have more.“

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Pieke taucht ab

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Sie schreckt vor nichts zurück. Ob zu Lande, in der Luft oder im Wasser: Pieke ist immer dabei. Auch in ihrer neuen Kriminalreportage „Leichenfund nach Piratenart“, den man am Sonnabend, 4.August 2007 im „TAGESSPIEGEL“ lesen und im RBB-Inforadio 93,1 um 11:45 Uhr hören kann. Wiederholungen um 16:45 Uhr und in der folgenden Nacht um 0:45 Uhr und 05:45 Uhr. Oder als Podcast. Klick aufs Radio.

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Ross Thomas: Umweg zur Hölle

Ross Thomas kann’s. Nun, das ist keine sensationelle Neuigkeit. Aber was kann Ross Thomas? Amerikas Wirklichkeit hinter dem schönen Schein (die längst auch unsere ist) sezieren, das alles mit einer stilistischen Leichtigkeit, die auf das Schwerdenken verzichtet, einem souverän zusammengestellten Figurentableau und Dialogen, die wie Maßanzüge sitzen. All das – und noch ein wenig mehr.

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Alligator-Dauerdienst 010807

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Schottland – Deutschland 4:0? Nein, im Fußball unvorstellbar, in der Kriminalliteratur aber scheint’s möglich. Aber auch da nur gedopt. Unser Alligator-Dauerdienst beginnt mit Krimikritik als Sportereignis.
„4:0 für Schottland“ hat Rolf-Bernhard Essig seine Rezension bei literaturkritik.de von Dieter Kühns →„Geheimagent Marlowe“ übertitelt. Alles Eigentore Kühns: „Pappkulissen, Pappkameraden, pappdröge Sprache“, stellt Reporter Essig sauer fest. Aber warum? Nun, das lese man selbst. Alles was Essig hier gegen Kühn verwendet, kann man übrigens auch für ihn verwenden. Und dann hätte er doch ins richtige Tor getroffen.

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Schon wieder

Der alte Alligator schleppt sein müdes Panzerkleid aus dem Tümpel. „Ferien!“ Nun ja, er braucht das halt. Und was machen wir? Wir fordern unsere LeserInnen wieder auf: Wenn euch was krimimäßig auffällt im Netz, dann schickt die Links dem vitalen Betreiber dieses Krimiblogs. An →diese Mailadresse, bitte. Heut nachmittag schauen wir dann mal, was so eingetroffen ist und stellen es online.