und nur ganz en passant: →hier. Erste und letzte Werbemaßnahme.
Monat: Mai 2011
Dickey, Osborn, Household: ein Archetypus des Krimis
Es ist dünnes Eis, auf dem wir wandeln. Darunter brodelt Magma, unter der Erdkruste wie unter dem Zivilisationsüberzug, und jeden Moment drohen wir einzubrechen, unser bisschen Zivilisiertheit verdampft im Triebhaften, das angelernte Gute löst sich im archaisch Bösen auf. So jedenfalls sagt es ein Gemeinplatz der philosophischen Psychologie, davon handelt Kriminalliteratur generell. Von dieser hauchdünnen Distanz zwischen Kultur und Natur, Gutbürgerlichkeit und Verbrechen.
WeiterlesenNachruf auf Guido Rohm
Der Kriminalschriftsteller Guido Rohm (Blut ist ein Fluss, als Simon Beckett Tiere u.a.) hat heute, in den frühen Morgenstunden des 14. Mai 2011 →das Zeitliche gesegnet. Diese an sich schon erschütternde Nachricht trifft mich umso schwerer, als ich selbst diese Katastrophe ausgelöst habe. Bei den Arbeiten an meinem neuen, sehr mysteriösen, inzwischen schon Kultstatus erreicht habenden Werk Das große Totenbuch der Kriminalliteratur. Eine Vademekum für die ganze Familie (im Herbst bei Conte) war mir aufgefallen, dass noch kein Kriminalschriftsteller, keine Kriminalschriftstellerin an einem 14. Mai die Welt betreten resp. das Zeitliche gesegnet hat. Eine entsprechende launige Aufforderung bei Facebook nahm Rohm zum Anlass, mir in die Hand hinein zu versprechen, dieses Manko pünktlich zu beheben. Er hat Wort gehalten. Wer aber war Guido Rohm?
Auf die Couch gesetzt
… hat der Blogchef eine →kleine Kolumne zum Thema „Wie kommt das Buch zu seinen Lesern?“ sowie →eine Besprechung von Anne Goldmanns „Das Leben ist schmutzig“. Sauber.
Der Eurovision Song Contest kann kommen
Die ARD hat vorgesorgt. Falls einem LED-Lämpchen schlecht wird oder eine Kamera noch überraschend Urlaub nimmt, steht sofort Ersatz bereit. Was kaum jemand weiß: auch den deutschen Act gibt´s doppelt. Die Kopie ist in Düsseldorf. Das Original probt bei uns zuhause auf dem Sofa. Und ich darf mir jetzt eine neue Frostschutzmatte für die Windschutzscheibe kaufen. Na super.
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Andrej Longo: Sarahs Mörder
Dass es in Sarahs Mörder nur am Rande um Sarahs Mörder geht, dämmert einem schnell. Auch Neapel, dieser korrupte, stinkende Moloch, bildet keineswegs das Zentrum des schmalen Romans, mag es uns der Verlag noch so dringend nahe legen. Sarahs Mörder handelt ganz einfach von einem Jungen, der das Leben kennenlernt, auf die harte Tour zwar, aber dennoch sensibel, von einer Katastrophe in die kleinen Nervenzellen des eigenen Lebens abgeleitet.
ESC 2011 – Die Vorschau (V)
Lettland: Musiqq – „Angel in disguise“
Und noch ein Nachschlag 90er-Euro-Beat, trotz der Indie-Gitarren-Einsprengsel. Och nö. Gähn. Austauschbar, leichtgewichtig und ideenlos. Dürfte nach dem Halbfinale weg sein.
ESC 2011 – Die Vorschau (IV)
Moldau: Zdob si Zdub – „So lucky“
Viel Krawallrock, bisserl Klezmer, bisserl Egerländer. Hier haben wir den unterhaltsame Laut-Leise-Baukasten der Pixies. Geradeaus, etwas flach, aber kracht richtig gut rein. Riecht nach guter Show, und weil der sympathisch angealterte Sänger für die Optik Sonderpunkte einfährt, reichts fürs Finale, und da vielleicht für schönen Platz unter den ersten Zehn.
ESC 2011 – Die Vorschau (III)
Bosnien-Herzegowina: Dino Merlin – „Love in rewind“
Hat das Zeug zu meinem persönlichen Sommerhit! Leicht swingendes, entspanntes Ohrwürmchen mit leicht angebeatletem Harmoniegesang. Trotzdem werde ich zittern, ob dieses wunderschöne, unaufgeblasene Stückchen Pop im Finale landet. Ich drücke alle Daumen und wünsche alle zwölf Punkte der Welt.
Für alle Bestände
Na, die Woche beginnt positiv. Früher begannen die Tage mit einer Schusswunde, heute mit einer sehr schönen Rezension von „Pixity“ durch den ekz Bibliotheksservice. „Für alle Bestände“ lautet die Empfehlung – und das gilt nicht nur für Bibliotheken! Für Entscheidungswillige hier noch einmal die →Website von „Pixity“. Und angehängt der vollständige Text der Besprechung.
Rudolph, Dieter Paul: Pixity – Stadt der Unsichtbaren / Dieter Paul Rudolph. – Saarbrücken : Conte, 2011. – 286 S. ; 21 cm. – (Conte-Krimi) ISBN 978-3-941657-29-8 kt. : EUR 13.90
Programmierer Nils Bentner ist der Schöpfer von Pixity, einer digitalen Welt für Kinder und Jugendliche mit pädagogischem Konzept. Mittlerweile tummeln sich Pädophile in der virtuellen Stadt und Bentner ist zum Controller der Webside degradiert. Er fahndet nach „Fakes“, Menschen, die vorgeben, jemand anderes zu sein, als sie in Wirklichkeit sind. Da begegnet er im Chat der 14-jährigen Anna und gerät selbst in einen gefährlichen Sog. Als ein Pixity-Mitbegründer ermordet wird, verschwimmen auf der Suche nach dem Mörder Realität und Cyberspace. Dieter Paul Rudolph ist Literaturwissenschaftler und Multimedia-Entwickler. Er spricht hier das brandheiße Thema von Computerspielen und deren Abgründe für junge Leute, aber nicht nur für diese, an (s. auch Caja Cazemier „Riskanter Chat“, BA 9/08). Authentisch gibt er Einblicke in die Machenschaften geldgieriger Macher und Sexbesessener. Seine Charaktere skizziert er so, dass Raum bleibt fürs eigene Kopfkino. Virtuos komponiert er Sprachrhythmen aus Chat-„Sprech“, Stakkato-Monologen und narrativen Elementen. Ein Kriminalroman, der lange nachhallt. Für alle Bestände.
Renate Schattel
Kinderfest VI
Wenn man Salzstangen mit ein paar Eiern garniert, werden es „Igel im Grünen“. Sowas von süß! Im Ernst: man darf in die Eier nicht zuviele Salzstangen reinstecken, sonst gibt es unschönes Gebrösel. Meine Igel sind vergleichsweise langhaarig, aber ich bin sehr verliebt in sie. Allerdings hab ich mir fast den Arm gebrochen beim Versuch, die Kapern als Augen in die Eier zu stecken. Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie das Dr. Ö-Team das hingekriegt hat. Und die Gretchenfrage ist doch, ob die Sachen im Dr. Ö-Foodstudio hinterher noch essbar waren. Oder ob da mit, sagen wir, Sekundenkleber gearbeitet wurde – denn das sind verdammt viele Salzstängchen und verdammt makellose Kapern-Augen auf den Eiern. Weiterlesen
ESC 2011 – Die Vorschau (II)
Kroatien: Daria – „Celebrate“
Noch ein 90er Eurobeat-Song von der Stange. Jedesjedesjedes Fitzelchens dieses Stücks hat man einzeln schonmal irgendwo anders gehört – so kommts einem zumindest vor. Ganz ganz schrecklich. Am allerliebsten noch vor dem Halbfinale raus, grrrr. Und auch noch mit ganz schlimmem Akzent gesungen.
WeiterlesenESC 2011 – Die Vorschau (I)
Nur noch wenige Tage bis zum ersten Halbfinale in Düsseldorf. Höchste Zeit also, dass unsere hochoffizielle Eurovision Song Contest-Beauftragte Frl. Katja sich mal all der potenziellen Lena-Nachfolger (inkl. Lena selbst) und ihrer Songs annimmt. Los geht´s…
Polen: Magdalena Tul – „Jestem“
Dance-Hymne mit heftigem Beat und austauschbarer Melodie. Schwer 90er-lastig. Kann gut gehen, muss nicht.
WeiterlesenSpanische Dörfer
Man hätte also doch Französisch abwählen und Spanisch lernen sollen. War aber für einen Saarländer gar nicht möglich. Und so weiß man jetzt nicht, was aus den guten alten „Menschenfreunden“ geworden ist in ihrem neuen spanischen Gewand. Das gibt es ab dem 2. Juni beim Verlag Barataria und heißt, natürlich →„Los filántropos“. Aber 352 Seiten? Spanisch muss eine sehr verschwenderische Sprache sein. Oder das Buch mit viel Weiß zwischendrin gesetzt.
Dominique Manotti: Roter Glamour
Es ist, und ich wage wieder das schockierende Wort, schnuppe, ob der Schriftsteller Karl Marx besingt oder die Jungfrau Maria. Hauptsache, er tut das gut (…) (Arno Schmidt)
Stimmt. Dominique Manotti könnte über alles schreiben, man würde es gerne lesen, denn Dominique Manotti kann schreiben (… und Andrea Stephani kann übersetzen; dieses Lob gleich vorweg). Und so ist es wohl auch: Sie schreibt über alles. Über das mörderische Intrigengeflecht der hohen Politik und ihrer Organisationen ebenso wie über die Entwicklung einer jungen Frau maghrebinischer Abstammung, über Väter und sonstige Fädenzieher, aus dem Ruder laufende Befehlsempfänger und emanzipatorische Abnabelungen (beides ähnelt sich), mit einem Wort: Dominique Manotti schreibt über das Leben.
Dabei beginnt Roter Glamour abschreckend, mit einer kurzen Erklärung der Autorin, die Organisationsstruktur der französischen Polizei betreffend. Dagegen ist man in Deutschland erfreulich überschaubar, eine Menge Abkürzungen gilt es sich zu merken (oder immer wieder aufzufrischen), aber mit dem Hinweis, man könne sich auch einfach so durch die Lektüre treiben lassen, beruhigt uns Manotti wieder. Die Komplexität dieses Systems wird zum politischen Thema des Buches. Eine dieser Organisationen, der direkt dem französischen Staatspräsidenten unterstellte Antiterrorstab, hat einen Waffendeal mit dem Iran eingefädelt. Angeblich zum Wohle französischer Geiseln, aber in Wahrheit geht es um Profit. Nur: Das Flugzeug mit den Waffen stürzt unter mysteriösen Umständen ab, der Chef des Stabs, Bornand, gerät in Bedrängnis.
Die wird noch heikler, als ein Untergebener Bornands, der Polizist Fernandez, die Prostituierte und Spitzelin Katryn ermordet. Nun kommt die junge Noria Ghozali ins Spiel, eine Flüchtige aus den patriarchalischen Zwängen des Elternhauses, im Polizeidienst untergekommen, ehrgeizig und hartnäckig genug, den Fall mehr und mehr zu erhellen. Aber die Strippenzieher sitzen natürlich woanders: In den polizeilichen Konkurrenzorganisationen, in den mafiösen Strukturen von Banken und Scheinfirmen, die alle an den schmutzigen Geschäften verdienen. Es geschehen weitere Morde, nur der Präsident der französischen Republik ein Sozialist, heißt er François Mitterrand? will von alledem nichts wissen. Schließlich ist er ganz moralisch steriler Staatsmann und sein roter Glamour verträgt sich nicht mit dem schmutzigen Rot von Blut.
Roter Glamour handelt also von der großen Politik, ihren Machtstrukturen und Metastasen, der letztlichen Beliebigkeit ideologischer Maßstäbe und der Verhöhnung demokratischer Prinzipien. Nur, mal ganz ehrlich: Hatten wir wirklich etwas anderes erwartet? Liefert Manotti also Bestätigungsprosa? Ein kollektives Kopfnicken Gleichgesinnter am Stammtisch der Besitzer von Universitätsabschlüssen? Die Gefahr bestünde, wäre Manotti keine Literatin, deren Sprachbehandlung wie schon im Romanvorgänger Letzte Schicht allein uns auch die Jungfrau Maria schmackhaft machen würde, dieses stilistische Neben- und Ineinander innigster Intimität der Gedanken und äußerster Distanz der Milieuskizzierung. Entscheidend jedoch ist die Art, wie Manotti ihr Personal aus dem realpolitischen Tableau meißelt. Der Drahtzieher der Helfershelfer die Polizistin: Figuren von beeindruckender Tiefe, zerrissene Gestalten zwischen dem Biografisch-Privaten und der Staatsräson. Kein Zweifel: Roter Glamour ist auch ein Meisterstück psychologischer Kriminalliteratur. Der Bonze Bornand, der über Leichen und einstige Überzeugungen steigt, ein pikantes Geheimnis mit seiner Geliebten teilt und am Ende vom Privaten eingeholt wird; der Helfershelfer Fernandez, funktionabel wie eine elektrische Zahnbürste und plötzlich außer Kontrolle; vor allem aber Noria Ghozali, die dem Terror des Elternhauses entflieht, sich emanzipiert, um sofort in eine andere Zwangsjacke gesteckt zu werden. Gerade ihre Entwicklung möchte man weiter verfolgen und kann es auch, denn im nächsten Manotti (vom Verlag für den Herbst angekündigt) kehrt sie zurück.
So also gelingt es der Autorin, uns eine tendenziell affirmative Lesehaltung, dieses Hab wir doch schon immer gewusst, schön, es noch einmal zu erfahren des kritischen Konsumenten, gründlich durch die Kraft der Literatur auszutreiben. Die psychologischen Parameter des Personals finden sich in jedermanns Denken wieder, in jedermanns Reflex-, Trieb- und Instinktkästchen. Arno Schmidt hatte recht: Karl Marx oder die Jungfrau Maria, eigentlich ist es einerlei. Nur schreiben muss jemand können, die Welt betrachten und in Literatur verwandeln. Dominique Manotti kann das. Und wie.
Dominique Manotti: Roter Glamour. Ariadne 2011 (Nos fantastiques années fric. 2001. Deutsch von Andrea Stephani). 246 Seiten. 12,90
Die Mörder sitzen anderswo. Sjöwall / Wahlöö, die Täter und das Politische
Wer vom „politischen Krimi“ spricht, denkt an Sjöwall / Wahlöö. Tatsächlich waren sie in den 60er und 70er Jahren eine Offenbarung, ein Augenöffner gleich in mehrfacher Hinsicht. Vor allem jedoch irritierten sie uns, weil eine liebgewordene und oft beschworene Wahrheit infrage gestellt wurde. Sozialkritische Krimis aus Schweden? Das waren die Eulen nach Athen, die Kühlschränke an den Nordpol, so etwas konnte es nicht geben. Hatte man uns doch lang und breit das schwedische Modell des „Volksheims“ als die menschenwürdigste aller Lebensformen gepriesen, das Endziel jeglicher Sozialdemokratie – und dann das. Wir lasen von faschistoiden Tendenzen bei der Polizei, von sozialer Fürsorge, die zum Terrorismus mutierte, von Rentnern, die Hundefutter essen mussten, von einem Eingriff in privateste Rechte, die selbst in modernen Hartz-IV-Zeiten ungewohnt sind.
WeiterlesenBye Alligator
Tja. Hätte man es nicht schon gewusst, es könnte einen erschüttern. Und obwohl man es gewusst hat, erschüttern tut es doch. Alfred Miersch stellt seine →„Alligatorpapiere“ ein:
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