Jimi Tenor: Out Of Nowhere

Wenn es Pop-Jounalisten mit Musik ohne Songstrukturen zu tun kriegen, reden sie schnell von Filmmusik. Das neue Album von Jimi Tenor wird eine Invasion des Wörtchens „Filmmusik“ auslösen, denn eine klare Schublade für „Out of nowhere“ gibt es nicht. Bislang galt der eigenbrötlerische Finne als Elektroniker, seine Debüt gab er noch mit Dancefloor und Clubmusic, das letzte Werk war ein groovender Stilmix, und das neueste Lebenszeichen ist schlicht Freestyle. Elektronik, Black Music, Jazz, Ethno und E-Musik sind die Gebiete, die Tenor hier erforscht und zusammenführt.

Leicht macht er es dem Hörer nicht: „Out of nowhere“ ist ein kühnes, aber auch ein unterkühltes, oft sprödes und manchmal monumentales Unternehmen. Die Klanglandschaften haben etwas Unwirtliches, Karges, Abweisendes und Verschlossenes. Nur zweimal lässt Tenor zu, dass sich aus verschiedenen Linien ein unwiderstehlich groovender, hypnotischer Sog entwickelt. Zwei Takes, in denen sich „Out of nowhere“ sexy gibt und Tenors ganze Brillianz unter Beweis stellt. Flirrend, spacig und schillernd, mit Dschungel-Flair, Funk und asiatischer Mystik („Hypnotic Drugstore“). Oder mit pathetischen Star Wars-Bläsern, Sitar und weichen Flöten, Sci-Fi-Spannung, jazzigen Percussions, Disco-Anklängen und HipHop-Bass („Night in Loimaa“).

Von der Herrschaft des Beats hat sich Tenor auf „Out of nowhere“ befreit, er lässt sich mehr Zeit als auf dem Vorgänger „Organism“, und für Improvisationen ist immer viel Raum vorhanden. Allerdings auch für Dissonanzen und ätherisches Flimmern, gläserne Windspiele fehlen auf kaum einem Take.

„Out of nowhere“ ist in jedem Moment eine originäre Tenor-Platte, mit im Studio war diesmal allerdings das Orchester des Lodzer Theaters. Sozusagen als verlängerter Arm Tenors, aber höchst ökonomisch eingesetzt. Ob das Resultat Tenors ursprünglichen Vorstellungen entspricht, ist fraglich. Wie man hört, gab es Probleme: der „Groove“, noch dazu spontan und intuitiv entwickelt, soll nicht die Stärke des Ensembles gewesen sein, dafür meisterte es spielend Tenors atonale Einfälle. Der finnische Pro Cantor Chor, ebenfalls mit im Studio, verstärkt die zarte, zerbrechliche Seite des Albums, die auch in jedem noch so harschen Ton mitschwingt. Ausnahme: „Blood on Borsch“, eine Mischung aus monoton, aber symphonisch geschmetterten Metal-Riffs und Wagners Walküren.

Fazit: ein eigenwilliges, sehr anspruchsvolles Werk. Tenor macht sich nicht die Mühe, den Hörer dort abzuholen, wo er es erwartet. Solche Angebote findet man kaum auf „Out of nowhere“, kein Album zum Nebenbei-Hören.

Jimi Tenor: Out Of Nowhere
(Warp/Rough Trade)

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