Mouse On Mars: Idiology

Mouse On Mars waren bis zur zweiten LP „Iahora Tahiti“ eine dubbige Angelegenheit, die auf einem englischen Indielabel namens „Too Pure“, mit solch illustren Namen wie Laika, Stereolab und dem PJ Harvey-Erstling 1994 eine E.P. namens „Frosch“ herausbrachten und damals meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zogen. MOM sind seitdem eine Ausnahmeerscheinung, da sie bei jeder Folgeveröffentlichung regelmäßig zu den Lieblingen der Journaille gekürt werden, und das nicht nur im Heimatland. Deutsche Experimentalelektroniker haben in England ja Props ohne Ende. Da kommt sofort der ganze Kraftwerk-, Krautrock- und Can-Schwall rüber („Oh, you are Tschörman, hohoho, so you must know funfunfun on se Autobahn huah huah huah.“ – So kann es einem ergehen, wenn man in einem Pub zu laut quatscht…)

MOM sind mittlerweile kleine international beachtete Stars des Undergrounds, nicht nur, dass sie mit „Autoditacker“ ein Elektronikfrickelmeisterwerk mit Hitpotential („Twift Shoeblade“, „Schnickschnack“) 1997 auf die Menschheit losließen; vor allem die Arbeit mit Ex-Labelmates Stereolab, deren LP „Dots and Loops“ sie veredelten, hat den Herren Andi Thoma und Jan St. Werner zu großem Ruhm verholfen. Den Nachfolger zu „Autoditacker“, habe ich nicht mitbekommen, da mir MOM auf der Vorabsingle „Distroia“ zu sehr auf das sprichwörtliche Zerstören und Verzerren setzten. Zu experimentell, zu wenig Pop, zu viel Mutwilligkeit; vielleicht war ich auch nicht in der richtigen Verfassung, um mich auf so viel Elektronikgesplattere einzulassen. Niedlich war diese Maus jedenfalls nicht mehr. Dennoch war ich auf „Idiology“ gespannt.

Leider fehlt mir an dieser Stelle die Titelliste auf der Promo-CD, aber ich versuche mal die Bestandsaufnahme ohne Titel, die wahrscheinlich eh wieder eigens erfundene Knuddelwörter, meistens eine Mischung aus Deutschen und englischen Neologismen darstellen. Also: Im Großen und Ganzen sind MOM immer noch in „In the mood to destroy“. Atonal, verzerrt und quietschend stampfen Andi und Jan durch ihren Gerätepark; man sieht sie vor dem geistigen Auge, wenn Sie auf dem Boden kriechen, um irgendwelche Knöpfchen an komischen Geräten zu drehen. Ich denke an ein Kind, das zum ersten mal bei Toys are Us losgelassen wird und begeistert alles anfassen möchte. Zwischen dem Umwerfen von Bauklötzchen findet man auch die ein oder andere Spieluhr, der man eine niedliche Melodie entlocken kann, aber immer auf Weirdo-Mode: Nachdem das erste Stück wie Godzilla über Osaka hergefallen ist, den Zuhörer das Ohrenstäbchen nie wieder vermissen lassen wird, daddeln MOM bei Nummer zwei rum, dass ich schon fast abgeschaltet hätte.

Doch dann erfolgt ein musikalischer Quantensprung, wie wir ihn von MOM nicht erwartet hätten: Wie ein Intro zu einer siebziger Jahre Rockschwarte à la Genesis oder Yes bringen die Mäuse eine gesungene Nummer, die gottseidank den Introstatus nicht verläßt und das Panflötenkeyboard eiert munter über ein diffuses Gebleepe und Gezirpe bis der Drehmechanismus der verantwortlichen Aufziehpuppe zum Erlahmen kommt. Dann noch ein Försterchor, der seine Hörner stimmt…köstlich.

Im folgenden läuft ein ganzes Studio mit Spieluhren und Streichern rückwärts. Schneewittchen verläßt die Sieben Zwerge nochmal und verirrt sich im Wald. Dann eine MOM Nummer wie zu alten Vulvaland – Zeiten. Mäusegefiepse arrangiert und komponiert in Köln. Bei Nummer Sechs beweisen die beiden Nerds, daß sie den Ska inhaliert haben, aber nur in Verbindung mit Lachgas. Auffällig: Thoma und St. Werner setzen verstärkt auf Vocals und natürliche Ingridenzien wie Saxophon. Na- ist ja auch schließlich Ska!

Danach wird so unerträglich geklotzt, dass zumindest ich mich frage, warum man auch noch defekte Videospiele mitaufnehmen mußte. Erst die letzte Nummer beendet den Terror, als man die Spieluhren wiederentdeckt. Sie sind noch kaputter und laufen immer noch rückwärts, grmpf. Zum guten Schluß packt der liebe Onkel noch den Zupfhansel aus dem Sack und wünscht den Kindern eine gute Nacht.

Ich kann auch nicht mehr und letztlich frage ich mich, ob ich den MOM – Humor verstanden habe. Bestimmt keine leichte Kost, sondern eher eine Herausforderung. Vielleicht braucht es bei mir seine Zeit, dann schreibe ich nochmal über diesen verkannten Geniestreich.

Mouse On Mars: Idiology
(Our Choice/Zomba)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.