Zwei Preisträger

Unterschiedlicher können Gewinner kaum sein. Hier steigt einer in Dantes Inferno und verbrennt; dort macht einer seinen Job und morgen wartet der nächste. Seit gestern haben David Peace, „1974“ und Norbert Horst, „Todesmuster“, wenigstens eines gemeinsam: den Gewinn des →Deutschen Krimipreises 2006. Aber damit hört es nicht auf.

Zwei Männer bei der Arbeit. Edward Dunford, Gerichtsreporter in Nordengland, setzt sich auf die Spur eines äußerst brutalen Mädchenmörders und stürzt dabei, selbst kein Engel des Guten, in die Abgründe des Bösen. Anders Konrad Kirchenberg. Der Mann ist für Mordfälle zuständig, und was sich da an Indizien in einem aufgegebenen Stollen offenbart, deutet auf ein Gewaltverbrechen hin. Beide Protagonisten sind Ermittler, ihnen geht es um die Wahrheit, die bei Peace eine übergeordnete ist, eine Parabel, bei Horst dagegen am Ende eines Erkenntnisprozesses steht, sehr irdisch ist und positivistisch, übergeordnet deswegen, weil gerichtsverwertbar und „objektiv“.

Sowohl in „1974“ als auch in „Todesmuster“ generieren die Protagonisten erzählte Wirklichkeit aus ihrer unmittelbaren Wahrnehmung, in Echtzeit, wenn man so will. Sie sind Schöpfer und Geschöpfe zugleich, die Welt, durch die man sie schickt, ist ihre eigene Interpretation. Sie sind folglich nicht Figuren im Spiel eines Autors, der sein Personal wie Schachfiguren über das Storybrett bewegt. Natürlich bleibt der Autor oberste Instanz, die Person an den Fäden. Aber man merkt es nicht.

Und wieder sehen wir zwei Männer bei der Arbeit. Sie bemühen sich um angemessene Sprache, es soll nicht so stubenrein formuliert werden, dass Fontane und Thomas Mann ihre reine Freude daran gehabt hätten oder doch wenigstens Herr und Frau Duden von „korrektem Deutsch“ faseln könnten. Die Bewusstseinsströme der Helden werden kanalisiert und schlängeln sich durch die Erzähllandschaft. Peace und Horst profitieren dabei von der Entwicklung literarischer Techniken. Bei Peace zersplittert alles in den Sprachzentrifugen der Moderne, es ist eine Mischung eben aus Dantes Inferno und Voltaires „Candide“, ein sündig gewordener Idealist sucht „die beste aller Welten“ und findet natürlich die schlechteste, aber die wahre, die Sprache ist eine absonderliches Gemenge aus Naturalismus und Expressionismus, das man in die Gosse geworfen hat, wo es jetzt verrottet.

Horst wählt eine milde, dabei wohltemperierte Form jenes „stream of consciousness“, der im 20. die tradierten Erzählformen des 19. Jahrhunderts erweiterte. Kirchenberg ermittelt und schafft Erkenntnis, aber sein Privatleben setzt sich auf die gleiche Weise aus snapshots zusammen, ist ebenso Ergebnis einer Detektion. Erzählt wird, auch bei Peace, linear und kausal, doch die Künstlichkeit (und damit Willkürlichkeit) dessen, was qua Bewusstsein geschaffen wird, bleibt erkennbar.

„Darstellung von Gehirnvorgängen“ sind beide Strategien; und Beweise, dass ein Krimi mehr sein kann als ein Plot mit suspense. Die Selbstverständlichkeit, mit der beide Autoren literarische Techniken für ihre Zwecke adaptieren, ist verblüffend und ein weiterer Beleg der These, dass auch im Krimi Sprache nicht allein dazu dienen sollte, Sachverhalte mitzuteilen, in der Konsequenz also bloßes Transportmittel zu sein, dessen Ästhetik nicht zu interessieren braucht. Das hätte auch schiefgehen können, fürchterlich manieriert werden, peinlich gewollt und nicht gekonnt. Ist es nicht. Denken bevor man zu schreiben beginnt wird manchmal belohnt. Mit dem DKP und hoffentlich vielen Lesern.

dpr

Hingewiesen sei auf die beiden, eigentlich drei Rezensionen zu den besprochenen Romanen.
Norbert Horst, „Todesmuster“ → hier, David Peace, „1974“ → da und in einer putzigen Alternativversion →dort.

5 Gedanken zu „Zwei Preisträger“

  1. der Krimi eben doch als Infostand: zu Norbert Horsts ‚Todesmuster‘ hab‘ ich mir folgendes Zitat aus dem ‚Guardian‘ vom 11.8.2005 notiert:

    „Several cases have been well documented. Thomas Hamilton, the Dunblane killer, enjoyed shooting animals and squashing rabbits‘ heads beneath car wheels as a youth. Robert Thompson, who was 10 years old when he and John Venables killed two-year-old Jamie Bulger, pulled the heads off live birds.“ … „Robert Ressler, founder of the FBI’s behavioural sciences unit, said: „These are the kids who never learned that it was wrong to poke a puppy’s eyes out.“ Alan Bradley, an FBI special agent, said: „Some offenders kill animals as a rehearsal for targeting human victims and may kill or torture animals because, to them, animals symbolically represent people. […]“

  2. Hallo, Herr Linder,

    Horst, „Todesmuster“? Nicht Peace, „1974“? Peace erwähnt übrigens den Bulgerfall auch in seinem Beitrag für das Krimijahrbuch 2006, von Ludger Menke kongenial übersetzt. – Äh, Sie haben nicht zufällig die Gartenlaube von 1860 greifbar und können mir sagen, ob Temmes „In einer Brautnacht“ identisch ist mit „Eine Brautfahrt“?

    bye
    dpr

  3. Kommando zurück! Ja, klar, Horst, ich hab mir eben nochmal die Story ins Gedächtnis zurückgerufen. Also auch hier eine Verbindung zwischen Horst und Peace…

    bye
    dpr

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