Das Krimigedicht

Dass der Geheime Rat Goethe seiner Zeit voraus war, wissen Sie natürlich. Dass er auch auf dem Gebiet der Kriminalliteratur hochmodern ist, mag Ihnen neu sein. Aber was, bitte schön, ist Goethes Ballade „Der Erlkönig“ anderes als ein Kinderschinder-Gedicht, ja, da der Bursche wohl notorisch Spätdurchnachtundwind-Reitende mordete, gar eine Serienkiller-Ballade?

Schule hat das aber nicht gemacht. Wohl hatte jeder Dichter, der auf sich hielt, im 19. Jahrhundert ein paar dramatische Balladen im Programm, aber die Entwicklung des Kriminalgenres war bald untrennbar mit der Prosa verknüpft. Wenn ich heute „Krimi“ sage, weiß ein jeder: aha, ein Roman. Seltener eine Kurzgeschichte. Kaum noch ein Theaterstück, und nie, nie, nie: ein Gedicht. Dabei hätte die Rückbesinnung auf diese poetischste aller Formen unbestreitbare Vorteile für Krimischreiber und –leser.

Frau Krüger lag im Weizenfeld,
die Haut fein sauber abgepellt.
Wer sie so außer Form gebracht,
darüber sei jetzt nachgedacht.

Schon dieses kleine Beispiel zeigt, wie wohltuend die gebundene Form des Gedichts uns von den Übeln literarischer Formlosigkeit verschonen könnte. Kein müdes Intro mehr, kein Gestammele – wer Gedichte schreibt, achtet die Form. Die des Endreims, wie ich unbedingt darauf bestehen muss. Bitte keine modernen Gedichte!

Frau Krüger
Hautlos
Liegt
Sie
Der Weizen wogt
Wer
Wer
Nur?
Wars?

Wir wissen alle, dass moderne Lyrik eine besonders abartige Form des Zeilenschindens ist und besonders von faulen Autoren gerne genommen wird. Nein, wir bestehen auf Reimzwang, schon um den üblichen Ungereimtheiten mittelmäßiger Kriminalromane keine Chance mehr zu geben. Wer clever ist, kann trotzdem Wörter sparen, denn im Gegensatz zur Prosa müssen bei Gedichten die Zeilen nicht bis zum letzten Tastaturanschlag vollgeschrieben werden. Ein durchschnittlicher Gedichtband hat 68 Seiten, ein durchschnittlicher Prosakrimi 680. Das ist gut für die Wälder, gut für den Dichter, der sich vermehrt anderen Freuden des Lebens widmen kann, gut für die Verlage, die das schmale Büchlein trotzdem für Neunfünfundneunzig verkaufen können, und besonders gut für die Leser, die jetzt noch viel mehr Krimis lesen könnten.

Wenn denn die dichterische Potenz hierzulande garantieren würde, dass wenigstens 50, 60 solcher Kriminalgedichte jährlich auf den Markt geworfen werden könnten. Aber da sieht es trostlos aus. Der deutsche Kriminaldichter, die deutsche Kriminaldichterin kann sich bekanntlich nicht am poetischen Riemen reißen. Genau das aber müsste man beim Krimigedicht. Punktgenaue Landungen, gewissermaßen:

Herr Stoffels hat kein Alibi,
hingegen sehr viel Phantasie.
Die Tat wäre ihm zuzutrauen,
zumal er mit den meisten Frauen
so seine Schwierigkeiten hat.
Die Krügersche, die war ihn satt,
das hat sie wiederholt erwähnt
und dabei höhnisch nur gegähnt.
Zumal der Stoffels Hautarzt ist.
Und deshalb Hautabziehungsspezialist.

Das nenne ich poetische Reduktion! Das wünsche ich mir von den Damen und Herren KriminalautorInnen! Also! Wer schreibt das erste moderne Kriminalgedicht?

3 Gedanken zu „Das Krimigedicht“

  1. Maler, bleib bei deinem Pinsel!Wenn du frech wirst, leihen wir dich drei Monate lang an Anobella aus, das ist Strafe genug!

    bye
    dpr

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