Lesen für die Konjunktur

k_krimis.gif

Wer, wenn nicht der deutsche Finanzbeamte, sollte der entschiedenste Feind jener Konsumverdrossenheit sein, die unser Volk seit Jahr und Tag in Not und Elend hält? Darum, Deutschland: Nicht jedes Buch dreimal lesen! Schon gar keine Krimis. Lohnt sich nicht.

Krimis sind wie Eis am Stiel: Einmal runtergeleckt, bleibt nur das blanke Hölzchen übrig, das Leckere aber ist unwiederbringlich den Weg aller Lektüre gegangen, zersetzt von der Säure intellektueller Verdauung, ausgeschieden, runtergespült. Die Spannung. Die Ungewissheit. Das Mitleiden. In der Kanalisation des Vergessens, wo Ratten und dritte Männer hausen, aber der biedere Krimikonsument nimmer mehr einen Fuß hineinsetzt. The thrill has gone, hätte Raymond Chandler gesagt.

Oh, ich höre schon die Einwände! Ja, Spannung futsch, aber die Atmosphäre! Wie jener traurige Detektiv sich den Hut in den Nacken schnippt, bevor er seine Zigarette anzündet – das kann man immer wieder lesen, das packt einen stets aufs Neue. Exakt. Das kann man immer wieder lesen. In jedem zweiten Krimi, übern Daumen.

Es soll ja Krimis geben, die eine Sprache haben. Eine Sprache, die einen trunken macht, wie es der dpr immer betont, aber ich bitte Sie! Trunken! Enthält also Alkohol, und wenn sonst nix hilft, erheben wir auf solche verkaufshemmenden Werke eben eine entsprechende Steuer, da kennen wir nix, wir treiben euch das Mehrfachlesen schon noch aus.

Nein, glauben Sie mir: Noch nie wurde ein Krimi geschrieben, der die Zweitlektüre wert gewesen wäre. Und gehen Sie mir doch weg mit dem scharfsinnigen Argument, man müsse jeden Krimi ja sowieso, quasi naturgemäß mehrmals lesen, weil die Autoren ja auch immer einen Krimi mehrmals schrieben, ja, sie schrieben immer nur den einen, genaugenommen. Das ist richtig. Das ist wie damals, als wir mit Bauklötzen und Legosteinen spielten. Was haben wir uns abgemüht, stundenlang, und am Ende wurde es doch immer nur der baufällige Turm. So hantiert auch der Autor, hantiert die Autorin gewöhnlich mit ihren Klötzchen, schichtet sie so oder schichtet sie anders, aber der Teufel will, dass es doch wieder ein Serienmörderkrimi wird mit rührender Sozialeinlage und Psycho-Slapstick und Beziehungsgrübeln. Kenn ich doch, sagen Sie, hab ich von dem, von der doch schon mal gelesen, hieß nur anders.

Genau! Hieß anders! War ein eigenes Buch! Musste bezahlt werden! Hat Arbeitsplätze geschaffen! Steuereinnahmen gebracht, die dazu dienten, IHREN Gören die Flausen aus dem Kopf und die Bildung hinein zu treiben, auf dass sie was Anständiges im Leben werden, die Kinder, vielleicht Krimiautoren.

Und darum geht es doch: um die soziale Verantwortung des Krimilesers! Eigentlich ist es schon unsozial, einen Krimi von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Lesen Sie den Anfang, lesen Sie das Ende, lesen Sie den Klappentext, und dann weg damit, neues Buch. So machen wir aus den Hunderten von KrimiautorInnen hierzulande TAUSENDE! Ewig Junggebliebene, die gerne mit Lego spielen und es Krimi nennen. Tausende gescheiterter Existenzen, die von der Straße wegkommen, an den Laptop, ans Moleskine-Notizbuch, bis das Gummi reißt, Sie wissen schon, wie bei Hemingway.

Und dann schreiben sie – Serien! Genau! Zehn Bücher, die doch nur leichte Variationen eines einzigen sind. Es gibt doch Beispiele! Mankell! Immer nur EIN Buch, das aber gleich im Dutzend, und das auch noch schön geklaut von seinen Vorschweden da. Oder Bottini! Einmal Zen, immer Zen. Der Rankin denkt auch nur ans Saufen. Immer ein einziges Buch, immer neu, immer Umsatz, immer Steuern. Am cleversten David Peace. Der tauscht beim Titel einfach eine Ziffer aus, 1974 – 1977, päng, schon wieder wälzen sich die Kritiker vor ihm im Staub, nix Neues, holen wir die alte Rezension noch mal raus, kosmetische Änderungen vielleicht, schon wieder das volle Zeilengeld.

So muss das laufen. So brummt die Wirtschaft. So werden wir Weltmeister bei der Binnennachfrage. Glauben Sie mir; ich bin vom Fach.

Herzlichst
Ihr K.

(Herr K. arbeitet als Sachbearbeiter bei der Oberfinanzdirektion Oberursel. Seine aktuellen Lieblingskrimiserien sind „Magnum“, „Simon Templar“ und „Perry Mason“, „weil das Fernseh ist und ich kein Fernseh guck“. Wenn es ihm die Zeit erlaubt, wird Herr K. seine Mittagspausen weiterhin dazu nutzen, den Krimi zu erklären.)

30 Gedanken zu „Lesen für die Konjunktur“

  1. nein, Sie haben nicht recht, entschuldigung.
    fruttero & lucentini und wolf haas und patricia highsmith sind bei mir schon ganz ZERLESEN – und das nicht zum letzten mal.
    *widerspricht sehr

  2. Nein, liebste Freundin,

    da muss ich meinerseits leider auch widersprechen. Es geht hier um Höheres als die ansonsten berechtigten Interessen von Einzelnen! Es geht um Deutschland! Wie Ihnen nicht unbekannt sein dürfte, plant man die Einführung eines Mindestlohns in Höhe von 7 Euro 50, der dann auch für Kriminaldichter gelten soll. Das heißt aber: Der Durchschnittsverdienst eines herkömmlichen deutschen Krimiautors verfünffacht sich dadurch auf einen Schlag! Mindestens! Und das wiederum heißt: Derdie KriminaldichterIn muss Ihren sogenannten Output auch verfünffachen, das heißt: In der Zeit, in der sie normalerweise einen Krimi schreiben, müssen die Kriminaldichter jetzt fünf zur Ader lassen. Und das geht nur, wenn der Leser mitspielt! Erste zehn Seiten, letzte zehn Seiten – Schluss. Was dazwischen steht, ist eh dasselbe, nur so kommt der Autor, kommt die Autorin auf seineihre Siebenfuffzich. Auch Sie dereinst, liebe gnädige Frau, ja doch, Kopf hoch, auch wenn der Herr dpr, der wahrlich nichts Dackelähnliches hat, momentan nicht gut auf Sie zu sprechen ist und jetzt schon wieder mit dem Rotstift — satanisch grinsend —„wörtliche Rede!“ murmelnd — bellend eine halbe Seite(!) durchstreicht — Aber es wird alles wieder gut; vielleicht.

    Ihr Herr K., der jetzt aber wieder an die Einkommenssteuererklärungen für 2005 ran muss. Die Rückvergütungen müssen raus! Die Leute sollen Krimis davon kaufen!

  3. (*kurze regieanweisung, führt dpr zur seite – du hast herrn k´s beitrag unterschrieben!) (**zu viel wörtliche rede?! ***rennt auf ihr manuskript)

    liebster freund,

    Ihre idee ist zauberhaft, denn sie führt – 10 seiten am anfang, 10 seiten am schluss – den AUTOR wieder zur kurzgeschichte! (lächelt)

    hier noch ein eintrag, der in diesem zusammenhang auch nennenswert erscheint, auch wenn dpr es hasst, wenn ich ihm links reinstelle … über frühzeitig beendete bücher, WEIL SIE GUT SIND.

    http://texteria.twoday.net/stories/1460569/#comments

  4. Liebste Freundin,

    nein, dpr hat meinen Beitrag nicht unterschrieben! Ich sitze halt nur gerade an seinem Arbeitsrechner und habe die Voreinstellungen übernommen. Im übrigen kommentiert er ihre Liste zerlesener Bücher wie folgt: Fruttero und wer? So Italiener, was?! Na, die wer’n wir bei der WM aber dermaßen blutgrätschen, dass – Wolf Haas! Ein one trick pony! Immer die gleiche Masche! Wegtreten! Patricia Hochschmitt? Wenns chronologisch nicht unmöglich wäre, würde ich sagen: ne schlechte Imitation von der Paprotta—
    Ja, ja, liebste Freundin, er ist heute morgen merklich bissig, aber sein Käsekuchen – ein Gedicht! Ich bedanke mich artig für Ihren Link, den ich sogleich studieren werde, wenn ich meinen aktuellen Einkommenssteuerbeantrager zurecht gestutzt habe, der doch tatsächlich „ein Arbeitszimmer“ absetzen will. Wissen Sie, was der von Beruf ist? – Krimiautor! Brauchen doch kein Arbeitszimmer! Sitzen doch nur in Kneipen rum und „dichteln“!

    Ihr Herr K., der immer noch dpr unterschreibt (wie stelle ich das bloß um? — dpr?)

  5. lassen Sie sich nicht dominieren, herr k., letztens gelang es Ihnen selbst zu unterschreiben und es erscheint dem leser schlüssiger! vertrauen Sie mir.

    Ihrem Argument (nicht) folgend, könnte man auch sagen, dass thomas bernhard den gleichen roman 12 mal geschrieben hat („österreich-bashing).

    manche (wenige) autoren sind kult, finden zu ihrer sprache und sollen sie bitt schön auch weiter behalten!

    *wirft Ihnen einen handkuss zu, muss zur zeichenklasse, um gemalt zu werden!
    **zahnlücke

  6. Ach, liebe gnädige Frau Anobella,

    Ihr Handkuss brennt noch auf meinen Lippen – was gäbe ich darum, bei Ihnen Zahnlücke sein zu dürfen! (Dies nur um zu beweisen, dass auch Finanzbeamte charmant sein können!)
    Nein, nein, der Herr dpr dominiert mich nicht. Ich habe Kopien seiner letzten zehn Einkommenssteuererklärungen und ihn damit vollständig in meiner Hand. Allein die Nebeneinkünfte, die er natürlich nicht angegeben hat…
    Ja, das mit den Voreinstellungen ist gar nicht so schwer! Ich denke, jetzt ist alles korrekt!

    Herr K., stets der Ihre

  7. Sagen Sie mal, K., müssen Sie Ihr Triebgesülze ausgerechnet von MEINEM Rechner aus in die Welt schicken? Und fummeln Sie nicht mehr an meinen Voreinstellungen rum! Das mit der Steuer ist übrigens verjährt! Und Nebeneinkünfte hab ich noch nie gehabt!

    bye
    dpr

  8. Warum so ruppig, DPR? Lassen Sie die Leute sich doch Handküsse auf ihrem Blogdingsda zuwerfen. Hat noch keinem geschadet.

    Kopfschüttelnd, Manfred

  9. Ruppig? Ich? Als Hinternet-Führungskader bin ich lediglich um die Arbeitsmoral der Truppe besorgt. Für solche Techtelmechtel nutze man doch die reichlich bemessene Freizeit! Persönliches hat auf unseren Seiten keinen Platz, schon gar nicht, wenn es das sittliche Empfinden unserer Leserschaft zu irritieren in der Lage sein könnte. Um das hier mal klar zu sagen!

    bye
    dpr
    *bleiben Sie stark, Schorndorf! Ihre Schöpferin ist keine Göttin! Wehren Sie sich!

  10. Objektive, nachprüfbare Feststellung: Die von DER=DA (steht zukünftig für DIE=DA mit ihrem Winzigkrimi) geschaffenen Romanfiguren sind ZU BLÖD ZUM RECHNEN! 1970. Bon. 1955. Auch bon. 1970 minus 1955 = 20! Gar nicht bon. Ich könnte also 15, aber vielleicht auch erst 14 gewesen sein, als ich das Petting erfunden habe (Gegenbelege habe ich noch nicht. Muss mal meine alten Bravos durchblättern, ob da schon was von „Petting“ drinsteht). Jedenfalls: Trauriges Bild eines traurigen Romans, in dessen achtem Kapitel die überreiche, überfalsche (!) indirekte Rede dringend durch direkte resp. einen Redenmodi-Mix ersetzt werden muss. Sonst seh ich das Ding schon auf der Bestsellerliste. Und das gilt es doch wohl zu verhindern, oder?

    bye
    dpr

  11. Liebe Anobella,

    klar, wir vertragen uns doch immer! Aber die Leser hier wollens dramatisch! In Hamburg lauert schon einer auf den nächsten Skandal…
    Und, Schorndorf, Sie: Von „Bett“ war nirgendwo die Rede! Petting! Dazu braucht man kein Bett!

    bye
    dpr

  12. Sehr geehrter Herr K.,

    da muss ich Ihnen fast widersprechen. Wolf Haas, ganz klar, kann man Fünf mal und mehr lesen. So lange halt, bis man die One-liner auswendig kann.

    beste Grüße

    bernd

  13. Sie fallen mir jetzt auch noch in den Rücken, lieber Bernd? Wissen Sie denn nicht, wer diesen Beitrag gesponsort hat? Die deutschen Krimiverlage natürlich! Criminalbibliothek wollen sie nicht sponsorn, dazu fehlt halt die Kultur. Aber Krimis nach einmaligem Lesen in den Mülleimer werfen – das zu fördern, dafür ist natürlich Geld da…oh, hab ich jetzt Interna verraten?

    verunsichert
    Herr K.
    *hat Wolf Haas auch mehrfach gelesen. Aber nur einmal.

  14. STOPP! Was Herr K. da rausgelassen hat, existiert natürlich nur in seiner Finanzbeamtenphantasie! In Wirklichkeit ist auch dieser Beitrag ungesponsort! Und die Verlage stehen, kulturvoll wie sie halt sind, Schlange, um als Sponsoren der Criminalbibliothek in Erscheinung treten zu dürfen. Herr K. – Abmahnung!

    bye
    dpr
    *stellvertretend für die Geschäftsführung

  15. @dpr
    wieder vertragen? „winzigkrimi“ lese ich da anders …

    @bernd
    danke! man kann jeden absatz haas zitieren und zitiert ein kabinettstück. das geht zwar auf kosten der handlung, aber was interessiert mich handlung, wenn ich haas habe. bin sehr gespannt, was er jetzt vorhat, nachdem er mit dem brenner aufgehört hatte, als ICH ihn gerade entdeckte. ist der eigentlich schon übersetzt? er ist kult, sucht … er sucht seinesgleichen als deutschsprachiger autor. inside and outside the crime novel.
    ich hoffe, er nervt uns nicht mit ernsterem!

  16. „Winzigkrimi“? – ups, vertippt…war wirklich nicht so gemeint. Ich mag ihn wirklich, den Winselkrimi. Aber muss man Haas übersetzen? Woraus und wohin?

    bye
    dpr

  17. Hallo anobella,

    ich sehs ein wenig anders.

    Klar, Haas ist großartig – einerseits. Andererseits vermisse ich eine Weiterentwicklung. Nicht nur dass seine Plots wenig berauschend sind, sie sind auch (wenn auch auf einzigartigem Niveau) zu stereotyp – also „maschig“.

    Anfangs war ich begeistert und habe ich sehr gut unterhalten, aber warum ich jetzt noch ein viertes Buch seiner Brenner-Serie lesen soll, weiß ich nicht unbedingt. Er hat sich ein wenig in seiner Nische verfahren finde ich.

    Und ja, unter Jüngeren scheint er Kult zu sein. Gut ist das !

    Beste Grüße

    bernd

  18. Haas ist besser als der ganze Bachmannwettbewerb zusammen. Eben habe ich Alfred Tegtmeier gehört, wie er seine Schwiegermutter meuchelt.

    „Kam ich nach Hause, war meine Schwiegermutter da, streng genommen anwesend, und fing an mit Sausack, und Bahnhofspenner, mit diesen ehrenrührigen Sachen, und dann habe ich ihr das Messer ins Herz gestochen. Und sie lag vor mir auf dem Boden und ich habe mein Ohr auf ihre Brust gelegt, aber sie war schon weg gewesen, streng genommen nicht mehr anwesend. Dann habe ich sie in den Keller getragen und zersägt, damit sie schön auf den Bollerwagen passt … drei Fuhren habe ich für sie gebraucht.

    Der konnte es auch.

    *nickt

  19. lieber bernd, ja, offenbar hat haas das auch selbst gedacht. wir können gespannt sein, was er macht. aber um noch mal auf den bernhard zu kommen, der ein bösartiger haas ist (haas ist sehr liebevoll mit seinen nebenfiguren, ich erinnere mich an diesen feuerwehrmann, der dem wichtigsten tag seines lebens entgegenfiebert – nämlich das kommado über den löschtrupp zu haben – und dann kommt der tag, alles passt, es gibt auch einen riesenbrand im ort, an einer tankstelle, nur fährt der mit seinem löschtrupp zur falschen tankstelle. alle sind am brandherd, die polizei, die rettung und die zeitung – nur die feuerwehr guckt mit großen augen von der anderen seite des sees rüber. das ist liebevoll ohne ende …

    und bernhard hat mit dem „untergeher“ erst sein meisterstück abgeliefert, das schon in „auslöschung“ und im „kalkwerk“ angelegt war … am ende kann einer, der seine sprache gefunden hat, wahrscheinlich gar nicht anders. aber warten wir auf haas. ist auch klar, dass der mal aus der krimi-ecke raus will, ich verstehe das.

  20. Eigene Sprache kann zur Masche werden, wenn sie nur noch für sich steht. Ich will jetzt weder Haas noch Bernhard noch (wen könnte man denn noch nennen?) Arno Schmidt als die große Maschinisten bezeichnen – Schmidt keinesfalls, dafür kenne ich ihn zu gut, Bernhard auch nicht, dafür kenne ich ihn zu wenig, Haas noch nicht, dafür kenne ich halt „nur“ Krimis von ihm. Wenn aber Nichtkrimi-Haas = Krimihaas ist, dann fände ichs bedenklich. Tendiere ja zu „angemessener“, d.h. flexibler Sprache statt „eigener“. Ideal wäre beides, siehe Jean Paul, siehe Vladimir Nabokov, auch Döblin in Ansätzen, ja, James Ellroy, von den deutschen KriminautInnen nur eine, deren Namen ich streng geheim halte. Peace wahrscheinlich „eigene Sprache“, warten wirs ab, Steinfest??? Hm, hm, hm. Nee. Ani, wenngleich auf einem anderen Niveau, untrennbar mit der Dramaturgie.

    bye
    dpr

  21. Dass Ellroy diese eigene/flexible/angemessene Sprache hat, möchte ich bezweifeln. Ellroy schreibt. Zu kurze Sätze. Ist das schon. Stil? Peace tendiert auch dahin, aber er will nicht so hoffnungslos cooool sein.
    Und hierzuland? Ani, Horst, Paprotta, Steinfest (alphabetisch!), die haben ihre Sprache, das sind Autoren, keine Krimischreiber. (Bottini muss ich noch kennen lernen, mal sehen…) Was man mit dem guten, alten „inneren Monolog“ anstellen kann, hat Paprotta mit „Sterntaucher“ gezeigt und geht damit ziemlich oft über die Schmerzgrenze hinaus. Du hast hier einige Male „Mimikry“ erwähnt, na ja. „Sterntaucher“ halte ich für das furioseste Stück deutscher Kriminalliteratur.
    Kein Polizeiroman, obwohl Polizisten drin vorkommen. Was der Polzeiroman leisten kann, zeigt Horst. Und Ani? Für mich der klassische Erzähler, ruhig, abgeklärt wie Glauser himself.

  22. Guten Morgen, Ralf,

    ich habe es mir angewöhnt, Texte nach ihrer Fähigkeit, mir einen „Raum“ zu eröffnen, zu bewerten. Wenn es der Sprache gelingt, dass ich mich DURCH einen Text bewege und nicht einfach über ihn hinweghusche und das aufnehme, was er an Informationen zu bieten hat und sonst nichts – dann ist ein Stil für mich gelungen und in einigen Fällen auch eigen, wenn ich merke, dass dieser Stil das Produkt von Autorenarbeit ist. Bei Ellroy sehe ich das so, gebe aber zu, dass die kurzen Sätze gewöhnungsbedürftig sind. Aber sie eröffnen mir diesen Raum, in dem ich mich umherdenken kann. Jüngstes Beispiel: „Aschemenschen“ von Ullrich Schmid. Ich hatte zunächst größere Probleme mit der Sprache, bis…aber dazu mehr und ausführlicher am Donnerstag in der Rezension.
    Die deutschen Autoren: Ich kämpfe ja dafür, jeden „Krimischreiber“ als „Autor“ zu sehen, also im Kontext von „Literatur“ und damit zwangsläufig auch Sprache. Eine Krimi ist mehr als eine heruntererzählte Story mit den üblichen Zutaten. Jedenfalls sollte er es sein. Auch sogenannte Schundromane übrigens, auch ein Grund, warum ich jemanden wie C.H. „Kommissar X“ Günther schätze, denn der hatte eine durchtrainierte Sprache, man mag über die Resultate denken was man will. Aber allein diese Sprache erhebt ihn über eine Vielzahl von Nachahmern, Sprachartisten, die schon über Grashalme stolpern, Talmiproduzenten, Besinnungsaufsätzler, Besserwisserinnen etc.
    Zu A.P. sage ich jetzt nichts, da bin ich im Moment zu sehr am Hin- und Herdenken. Oder doch, vielleicht das: Es gibt „innere Monologe“, die Gesprache mit der Außenwelt sind oder versuchte Gespräche. Das ist eine Krux in „Sterntaucher“. WIe ich überhaupt jetzt, nach dem zweiten Lesen, jedem anraten möchte, das auch zu tun, denn die vier Romane hängen zusammen. Und sind – huch! – überhaupt nicht psychologisch im analytischen Sinne. Sehr wohl im beschreibenden.

    bye
    dpr

  23. Ach ja, kleiner Nachtrag: Ein Autor mit eigener Sprache ist auch Peter J. Kraus („Geier“). Relaxte, warme Sprache, ist mir schon aufgefallen, als er noch Musikbücher geschrieben hat, Reisen durch die USA auf den Spuren der (Rock-)musikalischen Tradition. Der Bursche ist ein begnadeter Erzähler, hat momentan fünf Manuskripte in der Schublade und hiererorts entblödet man sich nicht, stattdessen jeden pubertärpädagogischen Mist zu veröffentlichen, aber nicht eines dieser Manuskripte. Pfui, deutsche Krimiverlage!

    bye
    dpr

  24. Hallo Ralf,

    wenn man Ellroys Werke „LA-Confidential“, „White Jazz“ und „American Tabloid“ miteinander vergleicht, sieht man, fern aller Knappheit, wie sehr er seinen Stil den Gegebenheiten anpassen kann.

    Es gibt ein zweites Moment, welches bei Ellroy zu beobachten ist, nämlich jenes der Reifung. Sehr erstaunlich, wie er innerhalb weniger Bände sprachlich und strukturell an Substanz gewinnt. Dieses überlagert natürlich die reine zweckmässige Verwendung der Sprache.

    Auch muss man sich beim Lesen bewußt machen, dass – soweit ich weiß, ganz bewußt intendiert – Ellroy reifen Werke auch eine Hommage an das amerikanische Englisch.

    Mithin, wenn nicht Ellroy, wer dann ?

    Beste Grüße

    bernd

  25. Hallo Bernd, Widerspruch in einem Punkt: Stilanpassung. Ellroy schreibt gern in Perspektiven, aber alle sind gleich. Du kannst sprachlich nicht unterscheiden, wer gerade spricht. Es ist eins. Die Perspektive als Erkennungszeichen einer Figur: wer das hinkriegt, hat Klasse.
    Generell aber wollte ich den Mann nicht abqualifizieren. Seine Geschichten sind groß. Die sind immer noch eine Nummer größer als jene seines Schülers Peace.

  26. Hallo Ralf,

    „Ellroy schreibt gern in Perspektiven, aber alle sind gleich. Du kannst sprachlich nicht unterscheiden, wer gerade spricht. Es ist eins.“

    Möglich ! Seine Personen sind ihm und seinen Willen untergeordnet ! Richtig. Allerdings – ohne es hinreichend untersucht – zu haben, hatte ich bei „American Tabloid“ das Gefühl, dass er die deutsch-jiddischen Ausdrücke eher den Mafia-Typen zuordnet.

    Worauf es mir ankam war, der Unterschied im Stil zwischen der beschreibenden Darstellung in „LA-Confidential“ und der ganz an Klein ´ran- (ja, fast rein-)gerückten Darstellung in „White Jazz“.

    Wieder anders, fast ein Mischung aus den beiden Vorgängern ist in „American Tabloid“ zu finden.

    Insbesondere: „Ellroy schreibt. Zu kurze Sätze. Ist das schon. Stil?“ Gilt doch so extrem nur für seine zwei Bände der „American Trilogy“. Bei seinem LA-Quartett dagegen ist jeder Band in einem anderen Stil. Und die erzählerische Kraft die seinen kurzen abgehackten Sätzen innewohnt zeigt deren Qualität.

    Beste Grüße

    bernd

    PS. Hat nicht er recht ? Ein großer Anfang !

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.