Patrick Boman: Peabody geht fischen

Es ist schwül in den indischen Kolonien, den hinterindischsten zumal, wo weder Monumentales noch Pittoreskes den Aufenthalt versüßt. Hierhin hat es zu Beginn des 20. Jahrhunderts Josephat Peabody verschlagen, den unbotmäßigen, dicken, schwitzenden und fluchenden Polizeibeamten, und was bleibt ihm anderes übrig, als sich pragmatisch durch die triefende Landschaft zu wälzen, nicht einmal die See weiß zu erfrischen.

Ein dubioser Anwalt ist ermordet worden, bestialisch inklusive geröstetem Unterschenkel und aufgeschlitztem Penis. Ein Ritualmord, ein Rachemord? Beides denkbar, und Josephat Peabody nimmt seine Ermittlungen auf.

Und wir lernen ihn kennen. Peabody nimmt sich, was er braucht. Sexuelle Nötigung, weiteres Erschleichen erotischer Stimulierung, rüder Umgang mit den Einheimischen, nein, mit so einem identifiziert man sich nicht. Merkwürdig also, dass man ihn dennoch fast lieb gewinnt.

Irgendwie. Unter all den kaputten Kolonialtypen. Dem versoffenen, hurenden irischen Missionar, dem brutal-indifferenten Richter, dem unterschlagenden kleinen Beamten mit der lieblosen, unglücklichen Frau, nun immerhin: die betörende Nonne ist rein und gut, über ihre Gedanken reden wir nicht.

All diese Figuren in eine Welt hineingestellt, die so gar nichts von dem hat, was wir Leser von einer Schilderung kolonialen Milieus erwarten. Kein Wort der Anklage, kein Wort des Mitleids, keine soziologische Studie. Das verschlafene Nest, in dem sich die Dinge zutragen, ist moralisch so diffus wie Peabody, der am Ende fischen geht, um den Mörder an die Angel zu bekommen. Die Opfer sind Täter, die Täter auch Opfer. Ein Szenario, das unsere Erwartungen hübsch düpiert.

Unsere Erwartungen. Wer einen sympathischen Ermittler erwartet, die übliche Identifikationsfigur also, wird enttäuscht. Wer seine politisch korrekte Brille, die kritische Betrachtung des Kolonialzeitalters betreffend, anlegt, dem beschlägt sie. Bomann, übrigens ein schwedischer Franzose, falls es so etwas gibt, testet auch unsere moralische Flexibilität. Schreiben kann der Bursche zudem, Personen, Orte, schwer atmende Landschaften mit zwei, drei Strichen zeichnen, so dass noch genügend Raum bleibt für die Phantasie des Lesers, aber auch ein Ort, an dem er sie vom Zügel lassen kann.

„Peabody geht fischen“ ist ein lustiger noir, kein zynischer, einer halt, der uns ein munteres Feuerchen in der dunklen Welt anzündet. Nicht um uns zu wärmen, sondern um uns sehend zu machen.

Patrick Boman: Peabody geht fischen. 
Unionsverlag (metro) 2006. 183 Seiten. 8,90 €

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