Kris Nelscott: Days of Rage

„Days of Rage“ spielt im Oktober 1969 in Chicago und beginnt just mit jenen „Tagen des Zorns“, initiiert von den Weathermen, einer militanten Bürgerrechtsbewegung, anlässlich einer Unrechtsgerichtsverhandlung gegen eine Gruppe linker, überwiegend weißer Aktivisten, die wegen der Anstiftung von Krawallen angeklagt wurden, die sich im Jahr zuvor, während des Präsidentschaftsnominierungskonventes der Demokraten im Zusammenhang mit anti-Vietnam Demonstrationen entwickelt hatten.

„Smokey Dalton“, vormals schwarzer Privatdetektiv in Memphis lebt nun in Chicago, für viele Schwarze aus dem Süden einst der Ort der Heilserwartung und des besseren Lebens. Auch wenn es so hoch im Norden niemals Rassegesetze gab, bedeutet das nicht, dass es kein kodifiziertes Verhalten gab. Die Vorsicht vor der Polizei gehörte für die Schwarzen dazu, und so tut „Smokey“ alles, um sich und seinen Pflegesohn aus dem Gebiet der Unruhen herauszuhalten.

Seinen Lebensunterhalt verdient er durch Gelegenheitsjobs. So hat er von „Sturdy Investments“ den Job bekommen, alte Mietgebäude der Firma auf ihren Zustand zu überprüfen, denn der Vater der jetzigen Eigentümerin, Laura Hathaway, mit der „Smokey“ eine am Rande der Liebesgeschichte stehende Beziehung hat, hatte viele der Gebäude verwahrlosen lassen.

In einem der Gebäude, dessen langjähriger Verwalter erst vor kurzem verstorben ist, macht er einen grausigen Fund: In einem Kellerbereich, abgetrennt durch Ziegel, findet er die Gebeine dreier Toter. Da Hathaway senior früher manch undurchsichtiges Geschäft betrieb, Laura Gegner in der Firma hat und auch in der weißen Oberschicht der Stadt nicht immer wohlgelitten ist, kann man mit diesem Fund nicht einfach zur Polizei gehen. Man zieht sich einen unabhängigen Kriminalisten aus New York hinzu, findet einen Leichenbeschauer und macht sich ans Werk.

„Smokey“ wird häufiger mit Walter Mosleys Easy Rawlings verglichen, ganz verkehrt ist das natürlich nicht, Rawlings war sicher „role model“, aber wie der Gewinn des Herodotus Award für das erste Buch der Serie zeigt, hat Kris Nelscott immer auch Zeitgeschichte in ihre Geschichten integriert. War es im ersten Band die Ermordung Martin Luther Kings, sind es in „Days of Rage“ die anfangs genannten Ereignisse, Emmett Till und die Person des charismatischen Führers der Black Panther, Fred Hampton. Aus dem Rassentrouble würde sich Smokey am liebsten ‚raushalten, allein er kann es nicht: Er ist schwarz.

Die Untersuchung des Gebäudes und der dort gefundenen Knochen muss still und heimlich von statten gehen, eine eigenartige Atmosphäre ist das und wird an den Leser gebracht: Geheimnisvoll, unheimlich und makaber. Smokey und seine Leute sind seriöse Spurenleser und arbeiten so, Smokey muss sich mit der Vergangenheit einer Stadt beschäftigen, die ihm fremd ist, mühsam arbeitet er sich voran und gleichzeitig muss er es vermeiden, die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen.

„Days of Rage“ ist ein spannender Krimi, der einen in klassischer Pose verharrenden Detektiven präsentiert, welcher sich und seinen Pflegesohn durch eine Zeit bringen muss, die voller Gefahren ist. Dabei bringt Nelscott nicht nur die Atmosphäre der damaligen Zeit unangestrengt ‚rüber, sondern sie macht mühelos eine kleine Lehrstunde daraus. Diese Mischung ist es, die ihr Buch aus der Masse ähnlicher Bücher heraushebt: Sie beschreibt Geschichte so, dass sie bewegt und sie schreibt eine Kriminalgeschichte, die unterhält. Nicht dass sie so das Genre revolutionieren würde, aber sie zeigt Eigenständigkeit und hat das schriftstellerische Potential, ihr Programm zu bewältigen; glaubwürdige Personen, emotionaler Druck, die stimmige Konstruktion, die das Buch zusammenhält, die kleinen Szenen, die den Herzschlag des Lesers beschleunigen, alles ist hier da.

Kris Nelscott: Days of Rage. 
St. Martin's Minotaur 2006. 352 Seiten. 18,99 €
(noch keine deutsche Übersetzung)

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