Katie Estill: Dahlia’s Gone

Das Buch ist gewissermaßen Pflichtlektüre für alle diejenigen, die zu den üblichen sinnlosen Versuchen zu Abgrenzung von Büchern ein Beispiel suchen. Geschrieben von einer Frau, mit drei Frauen im Mittelpunkt, zudem Frauenthemen im Bibelgürtel bei den Rednecks, Genderliteratur also? Der grausige Mord an einer jungen Frau, sexuell aufgeladen, fast schon ritualisiert wirkend, die Frauen drumrum voller Angst und Sorge zurücklassend, Suspense also?

Muckefuck! Dahlia’s Gone ist, für den der’s mag, ein moderner Krimi und für diejenigen, die Krimis für primitiv halten, gute Literatur.

Dahlia ist eine junge hübsche Frau. Ihr Leichnam wird von Sand gefunden, der Nachbarin, die von der Mutter gebeten worden war, auf die Kinder ein paar Tage aufzupassen. Während Dahlias Leichnam ausgeblutet, gewaschen und gereinigt dalag, war ihr Stiefbruder, geistig leicht zurückgeblieben im Wohnzimmer und dröhnte sich die Ohren mit Fernsehtrash zu.

Das ist ein Fall für Patti Callahan, die bei der Polizei der Gemeinde für Frauenverbrechen zuständig ist. Doch der Titel deutet es an: Es geht um das Leben nach Dahlias Ende. Um Norah die (Stief-) Mutter und den Vater, deren Ehe ob des Ereignisses auseinander zubrechen droht, um Sand, die eigenwillige, im Ort groß Gewordene, die so gar nicht ins bibeltreue Milieu passen will, sich für den Tod verantwortlich fühlt, und um Patti, die das Verbrechen aufklären soll und doch auch immer noch ihre Aufgabe sucht in einer Gegend, in der immer noch Vergewaltigungsopfer selber schuld sind.

Frauen in einer bibelfesten Region sind es, und jede liefert eine eine unterschiedliche Position zum Umgang mit der Lebenssituation, die eine versucht sich zu integrieren, die andere sondert sich ab und die dritte versucht zu verändern – unglücklich sind sie alle.

Estill ist eine wunderbare Erzählerin, etwa wenn sie schildert, wie die Polizei im Haus, in dem das Opfer umkam, umher wandert und mit Luminol dessen letzte Schritte nachzuvollziehen sucht. Eine tiefgründige Szene zeigt Sand (es handelt sich ja schließlich um Spannungsliteratur) mit Norah im Krankenhaus, in dem keiner Sand glauben will, dass deren Symptome einen Herzinfarkt anzeigen könnten; dabei argumentiert Sand, dass die meisten Studien über Symptome eben an Männern gemacht sind (das ist so reich, wie prinzipiell wahr und kann in Bezug zur Geschichte ebenso wie zur Medizin gesetzt werden).

Mit einer Vielzahl solcher Episoden entwickelt Estill ihre Personen und liefert auch eine intensive Darstellung der Landschaft, die so ursprünglich und ungebändigt darstellt ist, wie die Personen von denen der städtischen Moderne abweichen.

„Dahlia’s Gone“ ist ein gutes Buch, stilistisch gelungen (wenn man mag auch schlichtweg: schön) erzählt es in einer souveränen Art eine kleine innige Geschichte, die den Leser unterhalten mag, wenn er denn die Spannung sucht, die von den Menschen, die Gesellschaft partikularistisch betrachten wollen, als Frauenbuch eingeordnet werden kann und das eine Kultur und eine Haltung zeigt, die mitunter nicht so weiter weg sind, wie wir gemeinhin glauben.

Katie Estill: Dahlia’s Gone.
St. Martin’s Press 2007. 256 Seiten. 16,99 €
(noch keine deutsche Übersetzung)

3 Gedanken zu „Katie Estill: Dahlia’s Gone“

  1. Also der Umschlag ist schon mal ganz große Kunst! So schönnnn. Von David Hamilton? Da müsste ich mich besonders in Acht nehmen, um es nicht mit Kaffeeflecken und sonstigem … zu verfeinern zu versuchern.

    Ansonsten kam mir anfangs P.J. Tracy in den Sinn. Aber die erzählen ja nicht schön, sondern witztig und spannend. Und auf deutsch …; jedenfalls später.

    Hoffe, ich gerate hier nicht in so eine deutschtümmelnde Ecke.

  2. Hamilton ist eine interessante Assoziation, aber sehr abwegig. Tatsächlich passt dieser blaue Farbton des Hintergrunds irgendwie zum Buch.

    Das mit der deutschen Lümmelecke habe ich nicht ganz verstanden … dpr ?

  3. Bernd, wenn du nicht so vergesslich bzw. viel beschäftigt wärest, würdest du dich daran erinnern, dass ich in letzter Zeit wiederholt eine fehlende deutsche Übersetzung der von dir gelobpreisten Bücher beklagt habe, statt mich als globalisierter Erdenmensch mit der Weltsprache zufrieden zu geben.

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