In einem Zug 2

64 Seiten, zumal wenn sie so eng bedruckt sind wie Manfred Wieningers „Die Rückseite des Mondes“, das ist schon fast ein gestauchter Roman. Oder eine ausgewalzte Kurzgeschichte? Wäre beides möglich, ist es aber nicht. „Die Rückseite des Mondes“ ist eine längere Erzählung mit Romanpotential, ein Showstück auch, das Noch-nicht-Wieninger-Leser auf den Geschmack bringen kann.

Es ist nämlich alles vorhanden, was auch die Romane des Österreichers auszeichnet. Der Protagonist, Gruppeninspektor Grassmann, wegen permanenter Widersetzlichkeit auf einen öden Polizeiposten im noch öderen Kaff Laiden abgeschoben, steht unmittelbar vor der Pensionierung, mit ihm wird auch der Polizeiposten verschwinden, beiden wird man nicht nachtrauern. An diesem letzten Tag geschieht, wie auch an den Tagen zuvor, nichts von Belang. Eine Ladendiebin wird vom „Security“-Deppen rabiat beigeschleppt, Grassmann entlässt sie unbehelligt und steckt ihr sogar noch Geld zu, nachdem er erfahren hat, dass der Marktleiter gegen sexuelle Dienstleistungen von einer Anzeige abgesehen hätte, die Diebin dies aber ausschlug. Wir begleiten Grassmann in sein kleines Zimmer über dem Tankstellen-Café, wo er seine Freizeit vor Weinschorle und anderen Spezialitäten verbringt, von der Wirtin nicht nur gastronomisch verwöhnt und in Gesellschaft zweier weiterer Dauerbewohner der Gaststätte. Wir begleiten den Protagonisten auch auf seinen nächtlichen Spaziergängen, überhaupt bei seinem Hin- und Herdenken, wir lernen seinen Kosmos kennen, mit wildgewordenen und fremdenfeindlichen Kleinbürgern, gepiesackten Armen, prolligen Reichen und dumpf-brutaler Administration.

Dann, am nächsten Tag, ist Grassmann endlich im Ruhestand. Und jetzt geht’s rund. Er selbst bekommt ein paar mit dem Totschläger übergebraten, verschläft einen Tag, erwacht und erfährt zu seiner Verblüffung, was währenddessen alles passiert ist: Der sexgeile Marktleiter ist mit seinem nimmersatten Schniedel an eine Werbetafel getackert worden und auch andere Sünderlein, die während der Grassmannschen Dienstzeit ungesühnt ihr Unwesen trieben, hat es bös erwischt. Und wer war’s? Grassmann, denkt die Polizei und nimmt ihn in die Mangel.

Am Ende schnappt sich der gefrustete Pensionär die Wirtin und verschwindet aus Laiden. Aber es war schön, ihn kennengelernt zu haben, einen genau gezeichneten widerspenstigen, irritierten Charakter, der sich durch 64 Seiten konzentrierter und flexibler Sprache bewegt, die ein ganzes enges österreichisches Provinzuniversum zeichnet. Man hätte auch einen Roman daraus machen können. Aber als durchtrainierter Mitteltext funktioniert die Geschichte wahrscheinlich doch besser.

Manfred Wieninger: Die Rückseite des Mondes. 
Edition Nautilus 2008. 64 Seiten. 4,90€

9 Gedanken zu „In einem Zug 2“

  1. Das mit dem „eng bedruckt“ kann ich bestätigen. Ich wollte es beim Zahnarzt lesen. Ein Buch, das man in der Hosentasche trägt, müsste sich doch ausgehen, denkt man sich. Ging aber nicht. Weil mehr drinnen ist, wie man denkt. Andererseits spricht es für den Zahnarzt. Jetzt muss ich es noch eine Zeitlang mit mir herum tragen.

  2. Im Übrigen habe ich mich immer gefragt, wie die AutorInnen das machen: Genau 64 Seiten. Das ist doch Wahnsinn, dass sich das ausgeht. Jetzt ist es aber klar: Der Verlag macht 64 Seiten draus, egal wieviel es ist. Den nächsten Wieninger müssen wir eben mit der Lupe lesen.

  3. Ja, so machen die das. Aber immer noch besser, als den Text zu kürzen, nur damit er die Seitenvorgabe erfüllt. Es gibt auch Bändchen, die haben weniger als 64 Seiten, da wäre der Satzspiegel denn doch etwas zu luftig geworden. Im Übrigen: Einem Autor, der nicht mit einer Maximalabweichung von 5 % nach unten und oben vorab sagen kann, wie umfangreich sein Text wird, ist nicht zu trauen!

    bye
    dpr
    *nächster Roman: 238 Seiten

  4. Einem Autor, der nicht mit einer Maximalabweichung von 5 % nach unten und oben vorab sagen kann, wie umfangreich sein Text wird, ist nicht zu trauen!

    Das solltest Du ‚mal mit James Ellroy bereden.

  5. Nee, Bernd, da werden Ellroy und ich nicht einig. Zumal ich ja zur hardcore-Fraktion gehöre und meine, plus minus 1% wäre eine realistische Einschätzung VOR dem Schreibbeginn. Und für Kaliber 64 schreib ich das natürlich nicht. Sondern für den neuen Kurzgeschichtenband, den Frau G. aus W. herausgeben wird („Am Fegefeuer erzählt“).

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