Daniel Chavarría: Viagra à la cubana

Krimi? Nun, wie das meiste, was uns an kubanischer Literatur erreicht, kann auch „Viagra à la cubana“ die allgegenwärtigen Strukturen des Verbrechens nicht verleugnen. Und ein Roman, der mit einer Penisamputation beginnt und dem Abfaulen des besten Stückes eines Gangsters endet, kann so schlecht nicht sein…

Also Krimi? Eher nein. Lesenswert: Ja, unbedingt. Charvarría erzählt die Geschichte von vier Freunden aus einem einstmals feudalen, jetzt aber heruntergekommenen Viertel der Hauptstadt Havanna, vier unterschiedliche Lebensläufe, die eine Menge über soziale Strukturen dort verraten, wo sie überlebenswichtig sind. Bebo, einer der Vier, arbeitet als Arzt in der Provinz und macht eine merkwürdige Entdeckung. Beängstigend viele Männer eines abgelegenen Dorfes leiden an Priapismus, vulgo auch „Dauererektion“ genannt. Klingt vielversprechend, kann aber tödlich sein. Bebo spürt dem Phänomen nach und findet eine Frucht, deren Verzehr das unangenehme Phänomen hervorruft. Ob sich daraus „kubanisches Viagra“ herstellen ließe?

Ein solcher Text handelt natürlich von machismo, von Gockeln und ihren Hennen, von Posen und Männerfreundschaften, aber eben auch von den mehr oder weniger stabilen Beziehungen der Menschen untereinander. Nach und nach lernen wir die Freunde kennen, verfolgen ihre Wege durch die Instanzen, sie landen in Ministerien und Gefängnissen, pflegen die Freundschaft oder treten sie mit Füßen. Das geht nicht ohne Humor ab, den Humor derjenigen, die nichts zu lachen haben, vor allem aber ist „Viagra à la cubana“ ein sehr unprätentios geschriebener Text über Hoffnungen – erfüllte wie zerstörte. Und ein Text über das Sicheinrichten in der Dekadenz, wo Wärme und Kälte übergangslos nebeneinander existieren. Krimi? Auch. Das stört aber gar nicht.

dpr

Daniel Chavarría: Viagra à la cubana. Edition Köln 2009 
(Príapos, 2001. Deutsch von Willi Zurbrüggen). 201 Seiten. 9,90 €

(Der Rezensent steht in geschäftlichen Beziehungen zur Edition Köln.)

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