Großereignisse des Interzonenverkehrs

Als am späten Vormittag des 17. Juni 1970 ein Interzonenzug innerhalb der Grenzsicherungsanlagen knapp hinter Bebra wegen Maschinenschadens liegen blieb, ahnte noch niemand, dass die Welt schon bald am Abgrund stünde. Die Außentemperatur lag bei 32 Grad, die Wagen durften nicht geöffnet werden und nur ein Plumpsklo (für 670 Berlinreisende) war in Betrieb. Die Unfreiwillige Pause dauerte circa 5 Stunden, dann kam die ersehnte Rangierlok und zog den Zug zurück nach Bebra.

Inzwischen waren aber schon sämtliche diplomatischen Drähte heiß gelaufen. Honnecker sprach von einer unerträglichen Provokation und Breschnew hatte damit gedroht die Raketensilos zu aktivieren. Hätte nicht Kissinger seine persönlichen Kontakte spielen lassen, wer weiß, wer weiß… Letztendlich führte der Vorfall zur Einführung der Vakuumtoilette im Reiseverkehr und zum legendären Kniefall Willy Brandts am 7. Dezember in Warschau.

Kontrapunkte

DLF, Fazit. 14.11.2005
In einem Beitrag über eine Tagung zur Musik in Ost und Westdeutschland behauptet Autor Volker Michael:

Vielleicht ist die deutsche Musikwelt bis heute stärker geteilt, als viele wahrhaben wollen. Aber zum Glück gibt es ja die neuen ostdeutschen Erfolgreichen in der Popmusik wie „Silbermond“ und „Tokio Hotel“ – diese jungen Leute profitieren eindeutig vom ehemals guten Musikbildungssystem in der DDR.

Als die DDR abgeschaltet wurde, waren die Jungs von Tokio Hotel gerade zwischen 1 und 3 Jahre alt. Ob es da nicht doch eher die Westproduzenten sind von denen die Band (oder noch eher die Plattenfirma) eindeutig profitiert?

John Le Carré: The Spy who came in from the cold

(Ein Klassiker noch einmal gelesen. Überholt oder aktuell? Und was die Originalausgabe der Übersetzung voraus hat.)

„The Spy who came in from the cold“, das Verb im Imperfekt, und anders als im Titel der deutschen Übersetzung („Der Spion der aus der Kälte kam“), im englischen Original mit der Betonung auf dem kleinen Wort „in“: Der kalte Krieg und die Gefühlskälte, mit der die Agenten an der „Front“ umgehen müssen. Schließlich erwarten die Geheimdienste nicht nur Ergebnisse, sondern auch absolute Verschwiegenheit. Ein vom Gegner enttarnter Agent, der stirbt, ist da allemal eine gute Lösung.

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Puhdys – Rock’n’Roll Music

Cover: Puhdys – Rock'n' Roll Music (1976)

Fangen wir von Anfang an. Ich glaube an Gott. Es ist ja unvorstellbar, dass alles auf der Erde so schön ist, ohne dass es einen Schöpfer gibt, der es so schön geplant hat. Der Nichtgläubige würde hier sagen, dass es uns alles nur so schön vorkommt, weil wir keinen Vergleich haben, und wenn sich alles anderes entwickelt hätte, würden wir das auch schön finden. Quatsch. Glauben Sie es mir: wenn die Musik und die Frauen und die Blumen nicht so schön wären, würde ich zumindest das merken. Also: einen Gott gibt es. Aber eine richtige Religion? Lass mich überlegen….. ja, ich glaube Lemmy hat meine Religion am besten beschrieben: „Don’t you listen to a single word against rock’n’roll/the new religion/the electric church/the only way to go.“ Und ich weiß, dass es Millionen von Gläubigen gibt, für die der Rock’n’Roll die gleiche Rolle spielt, die ältere Religionen für Milliarden anderer Menschen spielen: Wir verlassen uns darauf, wenn die Fragen des Lebens zu groß und kompliziert werden.

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Manfred Krug: Das war nur ein Moment/Ein Hauch von Frühling

Das War Nur Ein Moment / Ein Hauch Von Frühling | CD (1994, Compilation)  von Manfred Krug

Vor seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik im Jahre 1977 war Manfred Krug nicht nur einer der gefragtesten Schauspieler der DDR, sondern auch ein beliebter Sänger und Musical- bzw. Operetten-Darsteller. Als Schauspieler konnte er im Westen fast nahtlos an diese Erfolge anknüpfen, als Sänger startete er zwar den Versuch (an den ich mich noch dunkel erinnern kann), allerdings fand dieser wenig Beachtung, und so ist die musikalische Seite des Manfred Krug heute kaum noch gegenwärtig.

Das ist ein Jammer, denn diese beiden auf CD wiederveröffentlichten Schallplatten aus den Siebziger Jahren sind Kostbarkeiten, deren Originalität und musikalischer Reichtum nicht hoch genug einzuschätzen sind. Was Krug als Sänger, Günther Fischer als Komponist und Arrangeur und Clemens Kerber als Texter da produzierten, ist nichts weniger als – Achtung festhalten! – großer DDR-Soul, real existierender Bar-Jazz oder auch intelligente, spannende, gehobene deutschsprachige Unterhaltungsmusik.

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Martin Frei: Gregor Ka im 21. Jahrhundert

Ein wiedervereinigtes Deutschland hätte auch anders aussehen können. Wirtschaftskonzerne hätten die Macht übernehmen können und ein Schattenkabinett hätte den demokratischen Schein nach außenhin gewahrt. Für Zucht und Ordnung hätte eine Volkspolizei gesorgt und statt einer innerdeutschen Mauer wären die Grenzen zum Ausland dichtgemacht worden.

Ein solches Szenario hat Martin Frei entworfen und – wen überraschts – in der (zu) nahen Zukunft, im Jahr 2005 angesiedelt.

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Sampler: L’amigamore

Keine gewöhnliche Compilation, aber das wäre bei dem Selbstanspruch von L’age D’or verwunderlich gewesen. Es wurden nur deutsche Künstler auf den Sampler gepackt, was ja im Hinblick auf den sonstigen Output des Labels nicht ungewöhnlich erscheint. Hingegen ist der Fakt, daß sämtliche Interpreten die Gemeinsamkeit aufweisen, nämlich Tanzmusik in den 60er Jahren, dazu noch in der DDR, gemacht zu haben, eine Kuriosität.

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