Der grüne Tunnel

Seit einigen Tagen raunt es durch die Blogosphäre: Da gibt es einen neuen Krimiblog… ganz geheim… nur für Eingeweihte… nicht fürs profane Lesevolk… ein grüner Tunnel führt in dieses unterirdische Feen- und Gnomenreich… Manche haben ihn sogar schon gefunden, allein: Sie kommen nicht rein. PRIVAT! steht an der Tür, und die ist fest verschlossen. Öffnen kann sie nur ein Passwort, das aber erhalten ausschließlich diejenigen, deren Interesse an KRIMIKULTUR bekundet wurde.

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Zwischen den Genres

„Was Krimis und Phantastik gemeinsam haben“ nennt der Blogger molosovsky die →kleine Betrachtung der Genres, zu der ihn mein Gespräch mit Thomas Klingenmaier für die „Stuttgarter Zeitung“ angeregt hat. Tatsächlich finden sich diese Gemeinsamkeiten; so scheint etwa auch die Phantastik Schwierigkeiten zu haben, sich zu organisieren. Es gibt allerdings auch Unterschiede, die in der sich anschließenden Diskussion betont werden.

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Horst Eckert: Sprengkraft

So etwa muss man sich einen normalen Arbeitstag im Leben des Horst Eckert vorstellen: Der Autor am Frühstückstisch, vier bis sieben Zeitungen, von BILD bis FAZ zwischen Kaffeetasse, Brötchen und selbstgekochter Marmelade ausgebreitet; die stilvoll ins Mobiliar integrierten Fernseher (geschätzte fünf) radauen, der Laptop (gleich neben dem Honigtöpfchen) hält eisern die Leitung zum Netz, diverse Radiogeräte kakophonen Nachrichten.

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Eine Kiste explodierender Rezensionen…

… das ist der heutige Krimisamstag des Titel-Magazins. Thomas Wörtche eröffnet den Budenzauber mit einem Porträt des Autors →Mohammed Hanif und seines Buches „Eine Kiste explodierender Mangos“. Eher klassische Unterhaltung bevorzugte Doris Wieser bei der Lektüre des →„Großen Sherlock-Holmes-Buches“. Agis Sideras hat →Martin Kohan gelesen und Eva Karnofsky →zwei kubanische Kriminalromane in einem Band. Über die neueste Zusammenarbeit von →Bruen / Starr hat sich Frank Göhre amüsiert, derweil Frank Rumpel mit →Don Winslow surft. Bei dieser geballten Rezipower sollten wir Henrike Heiland nicht vergessen, die →Håkan Nesser interviewt hat – wahrscheinlich zu Klängen der →Beatles, die das heutige Krimigedicht zu verantworten haben.

Kleiner Unterschied

Ja, verstanden. Dass man ein Buch mit dem Originaltitel „Thirty-three Teeth“ in Deutsch „Dr. Siri sieht Gespenster“ nennt, ist okay. Warum ein Krimi „Verblendung“ heißt, wenn der schwedische Originaltitel „Männer, die Frauen hassen“ zu übersetzen ist, mag ebenfalls gute Gründe haben. Aus Reginald Hills „Good Morning, Midnight“ „Welch langen Weg die Toten gehen“ zu machen oder aus Lisa Jacksons „Absolute Fear“ das hübsch bilinguale „Cry – meine Rache ist der Tod“ – nun, das werden die Titelgeber einst vor ihrem Schöpfer verantworten müssen.

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Noch einmal: Simenon

Einer der Nachteile stolzen Blogbesitzertums ist die Notwendigkeit, sich auf das Tagesgeschäft zu konzentrieren. Spannend, keine Frage; auf der Strecke bleibt aber zuverlässig das Studium der Klassiker, jenes Stündchen am Abend, das uns zu den abgegriffenen Bändchen greifen lässt, in denen die Großen das Genre geprägt haben. Manchmal hilft einem das Schicksal – oder nennen wir es Zufall: ein unverhofft eintrudelndes Päckchen mit vier Simenon-Neuausgaben etwa oder der runde Geburtstag von Mister Ambler. Dann nimmt man sie guten Gewissens wieder zur Hand, die Ehrwürdigen, und liest. Und liest.

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Weise Worte des Vorsitzenden

Das Porträt, das Thomas Klingenmaier in der Stuttgarter Zeitung von mir gepinselt hat, ist zwar nur für Abonnenten greifbar – das dem Porträt zugrundeliegende Interview aber steht ab sofort auf dem →Filmblog der StZ zu jedermanns Information bereit. Einer bohrenden Bitte schwäbischer Witwen – „Wer ist denn dieser gutaussehende Mann?“ – sei Dank.

Krimikultur, 2

Noch wabert die IG Krimikultur um uns wie Nebel… Also Ausschlussverfahren. Was soll sie bitte NICHT sein?
Keine Definitionsmaschine. Nichts, das Autoren sagt, wie sie ihre Bücher zu schreiben haben, Kritikern, nach welchen Kriterien sie kritisieren müssen, Lesern, wie sie die Texte unbedingt lesen sollen.

Keine Ideologie- und Richtungspropaganda. Hier geht es weder um „links und rechts“, den „literarischen Krimi“, den „richtigen Krimi“, den „korrekten Krimi“. Es geht um Krimi. Punkt.

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John Harvey: Tiefer Schnitt

Man nehme eine Gruppe Polizisten, gebe ihr ein Verbrechen und lasse sie im Käfig der Bürokratie, der gegenseitigen Animositäten und Intrigen mehr oder weniger planvoll hin und her hasten. Eine/r aus dieser Gruppe hebt sich ein wenig von den anderen ab: der Protagonist, die Protagonistin. Die Vorgesetzten sind zumeist borniert, manche gar heimtückisch, das übrige Personal – das ermittelnde wie das im Laufe der Ermittlungen auftauchende – hat seine psychischen Defekte, die entweder privat oder sozial bedingt sind oder beides. Und schon hat man das Muster, nach dem Krimis beinahe wie am Fließband verfertigt werden, weltweit, am kultiviertesten vielleicht in Großbritannien.

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Krimikultur, 1

In den nächsten Tagen möchte ich in einer kurzen Serie von Beiträgen ein paar wenige provisorische Umrisse dessen zeichnen, was „Krimikultur“ sein könnte. Was soll damit erreicht werden, Krimikultur zu fördern? Ja, was ist das überhaupt? Welche Schritte sind wie und wann zu unternehmen? Was soll sie füglich NICHT sein? – Beginnen wir damit, uns Gedanken über den Status Quo zu machen, warum man ihn verändern sollte – und welche Konsequenzen das haben könnte.

Was ist hier und heute Krimikultur? Ein kleines Beispiel: Vor einigen wenigen Jahren kam es zu einem fatalen Missverständnis. Die Krimidebütantin Andrea Maria Schenkel veröffentlichte einen schmalen Text namens „Tannöd“, der sofort von Kritik und erstaunlich vielen Lesern als „Krimi, aber irgendwie anders, irgendwie mehr“ identifiziert wurde. Das Buch verkaufte sich mehr als gut. Dann kam eine Fernsehdame daher und befand in ihrer kriminalliterarischen Ahnungslosigkeit, es handele sich bei „Tannöd“ um ein beinahe epochales Werk und empfahl es ihrem Millionenpublikum. Und die Medienmaschine kam ins Laufen. In der Folge wurde aus „Tannöd“, dem Krimi – wir erinnern uns -, der anders war als das sonstige Futter aus der großen Bestsellerei – so etwas wie die Neugeburt des Genres. Das ging so lange, bis auch der Ahnungsloseste unter den Meinungsführern seine Zimmermannsarbeit am Kästchen „Neuer Deutscher Heimatkrimi“ geleistet hatte und das entsprechende Etikett geschrieben und aufgeklebt war. Die kritische und sachliche Betrachtung von „Tannöd“ hatte inmitten dieses hektischen Spektakulums kaum eine Chance, gehört zu werden. Frau Schenkel schrieb ein zweites Buch, „Kalteis“, das man mit einigen Mühen noch in das frisch gebaute Kästchen stecken konnte, obwohl die murrenden Stimmen schon bedenklich lautstark „Hype“ zischten. Dann kam das dritte Buch, „Bunker“, und jetzt wars vorbei. Das passte einfach nicht mehr ins Kästchen, beim besten Willen nicht. Jetzt erhob sich auch die Kritik und protestierte. Die Leserschaft verweigerte sich endgültig, aus dem Murren wurde Häme, an eine wirklich kritische Betrachtung war kaum noch zu denken. Nicht dass sie hätte zu Gunsten des Buches hätte ausfallen müssen. Das eben ist der Punkt. Sie entpuppte sich dort, wo in aller Ahnungslosigkeit gezimmert worden war, als eine Steigerung dieser Ahnungslosigkeit, das Buch wurde nach Kriterien beurteilt, die ihm gar nicht gerecht werden konnten, weil sie von den Kriterien abgeleitet wurden, die schon den Vorgängerbüchern nicht gerecht wurden. „Krimi“ wurde plötzlich von Leuten definiert, die sich zeitlebens nicht mit Krimi beschäftigt hatten. „Tannöd“ und folgende wurden zu medialen Spielbällen, zu Liebesbeweis und Liebesentzug – und diejenigen, die dem Fundiertes und durchaus Kritisches entgegenzusetzen hatten, gingen unter, ja, sie wurden zu unfreiwilligen Teilnehmern einer wildgewordenen Rezeption, Einzelstimmen im Gebrüll.

Das ist die herrschende Krimikultur. Mediales Getöse, kenntnislos entfachter Hype, um „das Genre“ aus seiner üblichen Elend des Durchschnittlichen zu heben, hernach von billiger Entrüstung gespeiste Versuche, alles was sich über den Durchschnitt erhebt oder propagandamäßig über ihn erhoben wurde, wieder auf das nivellierende Normalmaß zu drücken. Es gibt Krimikultur, die sich gegen diese Praxis sträubt, wenn überhaupt, dann nur als solistische Veranstaltung, unterbrochen von einigen gewiss lobenswerten Gemeinschaftsaktionen, die aber, weil auch sie letztlich zu solistischen Leistungen werden müssen, nicht viel bewirken. Was könnte aber eine andere, eine gemeinsam geschaffene Krimikultur erreichen? Was könnte, was müsste sie verändern?

Einfach ausgedrückt: Das Bild, das man sich von Krimi macht, diese bonbonbunte, alle Sinne betäubende, von schierem Fun & Event metastasierte Präsentation eines im Grunde beliebigen Produkts, dessen Wert längst vom Grad seiner Verkäuflichkeit abgeleitet wird. Das Bild auch des zur bloßen Ästhetik degradierten „Kunstprodukts“ Krimi, dem man seine Trivialität wie eine schlechte Angewohnheit aus dem Leib prügeln möchte, damit es nach überlebter Erziehungsmaßnahme wie nur je ein verkrüppelter Musterschüler im Kreise der literarischen Connoisseurs hockt und vor lauter intellektuellem Diskurs nicht mehr zu atmen wagt.

Eine neue Krimikultur würde also dort ansetzen, wo noch keine Bilder entstanden sind, wo noch Bewegung möglich ist. Sie wäre auch mehr als eine reine special-interest-Liebhaberei. Denn wir reden hier über die inneren Werte des Produkts Krimi, über das, was es im Guten wie im Bösen in die Welt setzt, die es beschreibt und von der es gleichzeitig erschaffen wird. Wir reden über die Degradierung einer Literatur zum Profitfaktor, zum Sinnverderber, zum desensibilisierenden Narkotikum – und wir reden über das, was Krimi auch ist: ein Beschreibungs- und Erkenntnismedium, Lieferant verborgener Informationen und Strukturen. Wir reden auch über uns, die Leser, die Kritiker, die Autoren. Über unsere Verpflichtung, das, was wir im Krimi jenseits eitler Pfauenradschlägerei erkennen, mit den uns gegebenen Mitteln zu fördern, ans Tageslicht zu bringen. Das reicht alles weit über den eigentlichen Gegenstand hinaus, so wie gute Literatur immer über sich hinausreicht und weder in ihrer Beschreibung als Unterhaltung oder intellektueller Zeitvertreib zu fassen ist.

Nun gut; sehr schön. Aber wie gelangt man zu einer Krimikultur, die genau dies bewirken könnte? Und was genau sollte sie bewirken? Der erste, der allererste Schritt: Man muss die Kräfte bündeln. Denn diese Kräfte gibt es. Bei den Erzeugern von Kriminalliteratur selbst, bei Verlagen, bei Kritikern, bei Lesern. Krimikultur ist keine lockere Veranstaltung, bei der sich ein paar Gestalten auf dem Podium die Inhalte ihrer Köpfe zeigen und das Publikum im Saal dem mehr oder weniger interessiert folgt.

Deshalb: Interesse bekunden, selbst aktiv zu werden. Jeder dort, wo er will und kann. Sich über die nächsten Schritte Gedanken machen, aber vor allem erst einmal: Flagge zeigen. Krimikultur ist nichts, was per Akklamation definiert wird, sie ist ein ständiger Prozess, der Versuch auch, Plattformen zu schaffen, ins Gespräch zu kommen, Dinge zu ermöglichen, die nur eine Gruppe von Menschen ermöglichen können. Aber so weit sind wir noch nicht, noch lange nicht. Und: Wir werden immer zu wenige sein. Nur: Allein sind wir gar nichts – höchstens eine Horde Windmühlenbekämpfer, die sich ihres Frusts bei Bedarf jammernd entledigt.

Demnächst ein paar Bemerkungen zu den avisierten „nächsten Schritten“. Vergessen wir aber den ersten nicht: Zeigen Sie Interesse. →Melden Sie sich.

E.V.? IG?

Ah ja, danke für den Rat. Man kann, bevor die Frage der Gründung eines e.V. angegangen wird, das Ganze erst einmal als Interessengemeinschaft (IG) laufen lassen. Das ist keine Rechtsform im eigentlichen Sinne, hat man mir gesagt, sondern eben – eine Interessengemeinschaft. Und da wir (ja, tatsächlich, es gibt schon Interessenten) eh alles fein demokratisch klären wollen, so denn auch dies: ob nun Krimikultur e.V. oder nicht. Also vorläufig: IG Krimikultur, auch wenn das wie IG Bergbau klingt. Ist es ja auch, irgendwie. →Melden! Mitmachen! Wer? Leser, Autoren, Kritiker, Verlage… bis auf die Verlage natürlich auch alles in der weiblichen Form.

Ich tret in keinen Verein ein

Ich weiß nicht, was deutscher ist: einem Verein beizutreten oder Vereine in Bausch und Bogen als reichlich miefige Spießbürgerversammlungen zu verdammen. Bleiben wir bei den Tatsachen. Die Gründung eines Vereins empfiehlt sich immer dann, wenn Menschen ein gemeinsames Ziel anstreben, gegen bestehende Strukturen aufbegehren oder, im Spezialfall des Kulturellen, eine Insel im Mainstream aufschütten wollen. Beispiele gibt es zuhauf. Attac oder Amnesty International? Ohne Trägervereine undenkbar. Oder nehmen wir literarische Zeitschriften wie „Am Erker“ unseres geschätzten Krimifreundes Joachim Feldmann. Auch hier ist die Basis →ein Verein.

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Von Simenon lernen

„Er war drauf und dran, diese braven, anständigen Leute zu verabscheuen.“

Warum tut sich Kommissar Maigret nur so schwer mit diesem Fall? Monsieur Josselin ist in seinem Wohnzimmer ermordet worden, ein ehemaliger Fabrikant, dann Rentier, glücklich verheiratet, keine besonderen Vorkommnisse. Und alle, alle sind wie er: so brav, so reputiert, anständig eben. Gut; wir verstehen den Kommissar. Das ist nicht sein Metier. Dort wo gemordet wird, kann es mit dem Anstand nicht weit her sein. Doch einer dieser Biedermenschen muss der Täter sein – dafür spricht alles. Nur wie will Maigret die Maske vom Gesicht des Mörders reißen, wenn auf diesem Gesicht gar keine
Maske sitzt?

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Krimikultur e.V.

Na, geht’s noch? Ein Verein? Ja, es geht noch, denn es geht nicht anders. Ein Verein, der „Krimikultur e.V.“ heißen könnte und dessen Ziel und Zweck die Förderung publizistischer Plattformen für die kritische Erforschung von Kriminalliteratur und den Gedankenaustausch zwischen AutorInnen und LeserInnen sein sollte. Mehr sei vorerst gar nicht expliziert.

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