Monika Geier: Die Herzen aller Mädchen

Die Ermittler werden auch immer unzulänglicher. Und dafür die Krimis immer dicker, kein Wunder. Ganz zu schweigen von den Geschichten, die da erzählt werden. Rettete man sich früher vor dem prallen Leben und seinem Handlungsgewirr in eine schön überschaubare Spannungsgeschichte, ist man jetzt nach der Lektüre bisweilen froh, in die Übersichtlichkeit des wirklichen Lebens zurückkehren zu dürfen. Mei, was für Fäden da manchmal ausgelegt werden! Tröstlich immerhin, wenn man an Ariadnefäden durch diese Labyrinthe gelotst wird.

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Aus den Katalogen

Die Herbstkataloge flattern ins Haus. Und versprechen uns: Auch in den nächsten Monaten wird der Krimistrom nicht abreißen. Dick sind sie, diese Kataloge, hochglänzend, Marktgeschrei tönt aus den Seiten. Aber wenden wir uns den schmaleren, nüchterneren, nicht ganz so lauten Katalogen zu, den kleinen oder zumindest kleineren Verlagen. Was versprechen sie uns für die zweite Hälfte des Jahres? Einige Hervorhebungen.

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Überlegungen zum Polizeiroman

Man kann das Krimigenre recht übersichtlich nach den Tätigkeiten der Protagonisten sortieren. Da gibt es Detektive und Polizisten und Helden, die berufsmäßig nichts mit Verbrechen zu tun haben, durch Zufall oder Fügung aber in solche geraten. Beschäftigen wir uns heute ein wenig mit dem qua Profession in Verbrechen verstrickten – und zumeist verbeamteten – Personal, den Polizisten und der ihnen angemessenen Krimiform, dem Polizeiroman, auch „police procedural“.

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Small Talk

Es ist der größte anzunehmende Unfall. Und im Gegensatz zum atomaren GAU, der uns höchstens alle zwanzig Jahre beglückt, ereignet er sich tagtäglich in unseren Fernzügen: eine Geschäftsreise mit dem Chef. Stundenlanges Sichgegenübersitzen, Erzählzwang, Nickautomatismus. Aber was soll man reden mit diesem ausbeuterischen Arschgesicht? Dieser Ein-Mann-Terrororganisation? Als treuer Leser von wtd weiß man sich natürlich zu helfen. Man zieht ein dickes Buch, Krimi, versteht sich, aus dem Reisenecaissaire und beginnt zu lesen. – Hat aber einen entscheidenden Fehler gemacht! Doch lesen Sie selbst…
Chef: Sie lesen einen Krimi? Einen deutschen Krimi? Sind die nicht furchtbar schlecht?

Sie: Och… nö, eigentlich…

Chef: Hab ich aber gelesen!

Sie: Echt? Dass deutsche Krimis schlecht sind? Und warum?

Chef: Weil es nur fünf wirklich bekannte deutsche KrimiautorInnen gibt! Und weil bekannt gleich gut und unbekannt gleich schlecht ist.

Sie: Aha.

Chef: Doch! Hingegen gibt es ca. 500 – 5000 bekannte britische und amerikanische KrimiautorInnen!

Sie: Also gute…

Chef: Genau!

Sie: Und wer sind – äh – die guten deutschen?

Chef: Moment mal, obs mir noch einfällt… ja, genau: Patrick Süßkind, Charlotte Link, Frank Schätzing, Andreas Franz und Ingrid Noll.

Sie: Hochinteressant. Und warum haben wir so wenige gute Schreiber?

Chef: Ganz einfach. Weil bei uns kaum Verbrechen passieren! In einer einzigen amerikanischen Großstadt werden exakt so viele Verbrechen begangen wie in allen deutschen Großstädten zusammen!

Sie: Ui!

Chef: Ja! Und eine CIA haben wir auch nicht! Noch nicht mal ein FBI! Oder ein MI-6! Wo sollen sie also herkommen, die guten deutschen AutorInnen?!

Sie: Das leuchtet ein. Traurig.

Chef: Traurig, ja. Aber es leuchtet ein Lichtlein am Horizont! Ich sage nur: Wimmer Wilkenloh!

Sie: Wimmer…

Chef: Wilkenloh! Oder Ella Danz! Ganz zu schweigen von Manfred Bomm!

Sie: Genau… ganz zu schweigen…

Chef: Und Uta-Maria Heim!

Sie: Nun, die ist ja durchaus… aber jetzt mal unter uns, Chef: Wer schreibt denn so etwas? Der Gmeiner Verlag, bei dem alle genannten…

Chef: Ach was! Das ist →wissenschaftlich erwiesen!*

Sie: Hört, hört.

Chef. Das schreibt niemand anderes als →„Katrin“*. Katrin ist die Krimiexpertin bei „Claudia’s Literaturblog“ – man beachte den Deppenapostroph, Claudia hat nämlich Germanistik studiert. Und Katrin auch! Sie ist zarte 25 und sitzt gerade an ihrer Doktorarbeit zum Thema „Britischer Kriminalroman“!

Sie: Ja dann… Früher habe ich auch solche ewigen Erstsemester gekannt. Die haben ständig vor dem Kaffeeautomaten gestanden und drauf gewartet, dass unten die Seminarscheine rauskommen. Und plötzlich waren sie Vollakademiker.

Chef: Ja, das geht manchmal schnell mit den Karrieren. Jedenfalls mal vormerken, die Frau, wenn wir noch Kompetenzen für unser Team brauchen. So, aber jetzt lesen Sie ruhig weiter. Ich lausche mal in mein Hörbuch rein. Andreas Franz, „Hochspannung pur!“, sagt Katrin. Wecken Sie mich bitte, wenn wir am Ziel sind.

(*Die genannten neuen Hoffnungsträger des Deutschkrimis klaube man sich gefälligst selbst von der Seite. Oder lasse es vernünftigerweise bleiben. Mit den angegebenen Links kann es unter Umständen Schwierigkeiten geben, was nicht an der Fehlerhaftigkeit der Links, sondern der Fehlerhaftigkeit der aufgerufenen Seiten liegt. Wer partout dort lesen möchte, muss sich über die Hauptseite durchhangeln.)

Nachtrag: Und dann noch, wie konnte ich das nur übersehen, →einige schlagende Argumente, warum Frauen bessere Krimis schreiben als Männer. – Weil die guten Männer schon alle tot sind! Jawoll!

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Simon Beckett: Leichenblässe

(Wtd-Rezensentin Anna Veronica zusammen mit unserem jamaikanischen Zwangspraktikanten Bob in der gemütlichen Leseecke – und beide ebenso ernüchtert wie aufgewühlt? Das kann nur eines bedeuten: Sie haben den neuen Bestseller von Simon „Ich hab immer die coolsten Cover“ Beckett gelesen. So hat sich Bob das Rezensionsgeschäft nicht vorgestellt. Und Anna Veronica auch nicht.)

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Essen, Trinken, Schädelbrummen

Und wieder ist Krimisamstag beim Titelmagazin. Der beginnt mit dem wahrhaft Essentiellen, dem Essen. Wohl ist kriminelles Kochen out, aber das Thema doch interessant genug. Fred A. Walterspiel hat ihm deshalb ein →„Bloody-Food-Special“ gewidmet. Essentiell auch →Frau Dr. Lehmanns heutige Frage: Sollte man beim Morden Handschuhe tragen? Natürlich. Reinfallen kann man trotzdem. Alles ziemlich kompliziert.

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Kommunikationsangebote

Dieser Blog ist ein Kommunikationsangebot. Jemand schreibt etwas – und alle können dieses Geschriebene kommentieren und wiederum alle können die Kommentare kommentieren. Wir möchten dieses Angebot gerne ausweiten, vor allem auf AutorInnen von Kriminalliteratur und (kleinere) Verlage.
Ein Angebot läuft ja bereits. AutorenInnen können mir Ihre Werke zum Rezensieren schicken. Veröffentlicht werden nur positive Besprechungen, negative nur auf Wunsch der UrheberInnen.

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22. Mai 1859: Arthur Conan Doyle. Aus dem Notizbuch

Das Jahr der runden Geburtstage. Edgar Poe wird 200, Eric Ambler 100 – und Arthur Conan Doyle, hübsch und sinnig dazwischen, feiert seinen 150sten.
Doyle ist überall, das heißt: sein Held Sherlock Holmes ist überall, nur manchmal nicht dort, wo Doyle ist. Doyle mag aufatmen, denn die Gesellschaft seines Protagonisten war ihm zeitlebens lästig. Er hat ihn geschaffen und ist von ihm geschaffen worden, er hat ihn irgendwann verabscheut und schnöde in den Reichenbach-Fällen entsorgt, bis er den Ungeliebten zähneknirschend wieder aus dem Wasser fischte. Treppenwitz: Ausgerechnet der Schöpfer dieses Vernunftmenschen par excellence ergab sich in späteren Jahren dem Spiritismus und sagt seiner Kopfgeburt Holmes endgültig good bye.

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Blogs for sale

Das hier ist ein Blog. Hier zu lesen kostet nichts. Aber – das könnte sich bald ändern, in den USA tuts das schon, vorausgesetzt, man ist stolzer Besitzer des Amazon-Ebookreaders KINDLE und, aus welchen Gründen auch immer, geneigt, Blogs auf diesem Gerät zu lesen – und dafür zu bezahlen.

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Christiane Geldmacher: Rheingauer Spitzen

Eigentlich geht das ja so: Jemand schreibt ein Buch, das Buch wird veröffentlicht, der Kritiker bespricht das Buch. Wenn wir heute eine Ausnahme von dieser Regel machen und ein Buch besprechen, das es als solches noch gar nicht gibt, dann aus gutem Grund. Von Christiane Geldmachers Kriminalroman „Rheingauer Spitzen“ wurde im Netz schon viel gemunkelt; kein Wunder, spielen doch Internet und Blogosphäre darin eine entscheidende Rolle.

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Christiane Geldmacher: Rheingauer Spitzen – Leseprobe –

KAPITEL 2

„LEICHHARDT! SIND SIE SCHON IN WIESBADEN?!“
Mit spitzen Fingern hatte ich die Nummer des Wiesbadener Polizeipräsidiums gewählt und Juskowiak drehte gleich durch, als ich ihn dranhatte. Ich schaute auf die Uhr: Es war erst elf. Völlig unmöglich, dass ich schon zu Hause hätte sein können. Der reine Terror.
„Ganz ruhig, Chef“, versuchte ich, den Kerl zu beruhigen. „Hören Sie … ich hab das ganze Zeug gelesen, das Sie mir durchgemailt haben … Den Tatortbefund, den Obduktionsbericht, die Zeugenaussagen … ein ungewöhnlicher Mord, zugegeben … und ich will gern helfen. Ich hätte einen Kompromiss…“
„Kein Kompromiss! Sie setzen sich sofort ins Auto!“

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Beziehungszauber

Manchmal leben wir wirklich wie in einem einzigen großen Kriminalroman. Und wenn einer einen schreibt und dazu noch einen liest, dann kann es sein, dass er in dem, was er gerade liest, etwas entdeckt, was er eigentlich selbst schreiben möchte. So ist es mir gerade bei der Lektüre eines alten Krimis ergangen, während ich meine eigene schriftstellerische Frucht polierte. Eine eher beiläufige Begebenheit, wenngleich mit hübscher Interpretationstiefe.

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Bitter

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muss es für Maxim Gorki sein, sich in der →„Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ wiederzufinden. Hielt doch der alte Sowjet Kriminalliteratur für einen „der Gründe, warum sich ihr Klassenbewußtsein so langsam entwickelt“ und verdächtigte ihn gar, „Mord und andere Verbrechen zu verbreiten“. Dennoch: Im Kontext „bürgerlicher Kriminalliteratur“ ist Gorkis „Die Geschichte eines Verbrechens“ durchaus die 38seitige Lektüre wert. Der Herausgeber gibt ein paar einleitende Hinweise, die bei entsprechender Muße ausgebaut werden könnten.

Suhrkamp und anderes Voodoo

Heute gehts wieder heiß her am Krimisamstag des Titelmagazins. Chef Wörtche persönlich beginnt mit einer Betrachtung der Romane von →Nick Stone und des Verhältnisses von Realpolitik und Voodoo. Uta-Maria Heim platziert auch ihren zehnten →Kopfschuss zielgenau, während Ulrich Deurer das genaue Ziel der neuen →Suhrkamp-Krimireihe (die ja gar keine ist) ergründen möchte. Zu ergründen gibt es auch bei →Frank Göhre genug. Elfriede Müller tut es in einem Porträt. Lena Blaudez schließlich rezensiert →Nick Brownlee, und →Shemekia Copeland kündigt an, niemals nach Memphis zurück zu gehen.