James Sallis: Driver

Ein Mann macht seinen Job. Etwas geht dabei schief. Der Mann gerät in Schwierigkeiten. Er räumt sie aus dem Weg. Ende der Geschichte. Nun ja, denkt man, einhundertsechzig Seiten, was will uns der Autor da schon großartig erzählen. Heißt der Autor der Geschichte allerdings James Sallis, werden selbst einhundertsechzig Seiten Roman zur komplexen Weltabbildung.

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Sabine Thiesler: Der Kindersammler

(In der Berufsschule nimmt Azubi Jochen gerade „die euphorische Rezension“ durch. Und weil er auch in der Praxis ausprobieren soll, wie das ist, wenn man ein Buch mal so richtig lobt, haben wir ihm Sabine Thieslers „Kindersammler“ zur Besprechung zugeteilt. Genau das Richtige für Splatterfan Jochen! Kindermorde, wow! Man kann das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, he! Das ist so richtig schön blutig und grauslig, bruah! Und was passiert: Jochen ist ir-gend-wie restlos begeistert. So begeistert, dass er am Ende sogar noch Kommas herschenkt. Oder Kommata, wie wir Abiturbesitzer von WTD sagen.)

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Wahnsinnig. Lustig.

…Ist das, was →hier auf der „Krimicouch“ passiert (danke, Jochen!). Ein Kritiker bespricht ein Buch, es gefällt ihm nicht. Einige LeserInnen melden sich zu Wort, ihnen gefällt das Buch, aber der Kritiker gefällt ihnen nicht. Ein weiterer Leser greift ein, ihm gefallen die LeserInnen nicht, weil sie gute Bekannte der Autorin zu sein scheinen. Und dann gehts ab. Sehr schön. Sehr erhellend.

Juan Damonte: Ciao Papá

„Sie haben den Franzosen freigelassen, und der sucht dich. Die Bullen sind am Durchdrehen. Sie haben Tato identifiziert, der James Bonds Kriegsflugzeug geklaut hat [Tato ist Carlitos Cousin, hat eine Kaserne überfallen und dort geheimes Militärgerät entwendet. bk]. Die gesamte Schmiere ist auf der Strasse, Carlitos. Es ist schon bescheuert genug, dass wir uns hierhin setzen und Drogen haben. Los, lass uns zu mir gehen, nur wir zwei.“

Argentinien zur Zeit der Militärjunta. Das Land ist in der Hand von Schergen, die alles dürfen und noch mehr machen. Es gibt Möglichkeiten sich zu arrangieren, wen sie aber auf dem Kicker haben, der hat’s schwer. Carlitos Tomassini z.B. Gerade 30 Jahre alt geworden, Kleinkrimineller und frisch aus der Haft, Teil einer verlorenen Generation, dröhnt sich zu mit Koks und Alkohol. Seine Onkel, Mafiabosse allesamt, möchten ein Geschäft mit ihm aufbauen. Vorausgesetzt, er ließe ab von den Drogen … nun ja, versprechen kann er es mal. Aber alles wird hinfällig, als seine Lieblingstante vergewaltigt und zusammengeschlagen wird, ihr Sohn entführt. Carlitos verspricht nach ihm zu suchen.

„ Carlitos, sei kein Dummkopf. Sie knallen alle ab, und wenn wir nicht vorsichtig sind, töten sie auch uns. Wenn sie ihn nicht töten, stecken sie ihn in ein Loch voller Scheiße in Gott weiß welcher Gegend dieses Landes, und dort bleibt er bis zu seinem Tod. Oder bis unser Herr Jesus Christus heruntersteigt auf einer Wolke und Tomaten scheißt, damit die Armen zu essen haben und bis er uns allen ein Land beschert, in dem Frieden und Harmonie herrschen.“

So gnadenlos wie die Realität ist im Buch die Sprache der Dialoge: „Fick deine Schwester, Carlitos.“ „Eine Schwester habe ich nicht, drum öffne du mir deine Beine.“. Wer spricht so? Wo reden (männliche) Freunde so miteinander? Roh, ungewaschen kommt die Sprache daher; sie wirkt authentisch und ist deshalb stimmig.

Willkür und Gewalt können jeden treffen. Hingucken ist tödlich, aber auch weggucken schützt nicht automatisch. Die kurze Geschichte steigert sich von einem fast gemütlichen Anfang in einen Rausch: Wie eine Vorahnung der Hölle ist das, was Carlitos sieht, als er sich mit seinem Freund, dem Dicken aufmacht, eine Leiche zu suchen und dabei durch die Müllberge der Stadt watet. Müllberge, die von den Schergen der Junta genutzt werden, um dort ihre Leichen zum Verbrennen abzuladen: Leichen, denen halbe Köpfe fehlen, deren Gesichter versengt, Penisse verstümmelt und Gliedmassen abgesägt oder abgerissen wurden.

„Ciao Papa“ ist packend, tiefsinnig und kompromisslos. Es ist kein Buch für Leser, die mit Lektüre der Realität fliehen möchten, sondern führt vor, was Krimis, was Bücher leisten können.

Juan Damonte: Ciao Papá. 
Lateinamerika Verlag 2007 (übersetzt von Peter Tremp).
188 Seiten. 14,50 €

Besuchen Sie auch Bernds Blog →„Internationale Krimis“!

Na schön

Damit das anderswo mal in Gang kommt, hier zwei Hinweise in meiner Eigenschaft als Ersatzalligator: In der →TAZ werden die neuen Romane von Christiane Lehmann und Astrid Paprotta besprochen. Und auch bei den Kollegen von →Kaliber 38 gibts ebbes Neues, u.a. einen langen, langen Aufsatz von →Thomas Wörtche „zur ungeklärten Nachbarschaft von Science Fiction und Kriminalliteratur“.

Kapitel XVI

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Was bisher geschah: Wickius hat die künstliche Südseeinsel IDIOT erreicht, auf der die deutschen Krimischaffenden Fortbildungskurse in Plotten, Surfen und Deutsch besuchen. Er wird inhaftiert. Die bezaubernde US-amerikanische Geheimagentin Claudine Schrunz befreit ihn. Doch der böse Alte macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der zugedröhnte Giorgio zielt mit einer Schrotflinte auf Wickius. Er drückt ab. — Das Kapitel endet mit orgiastischen Kopulationsszenen und ist daher für zartbesaitete Gemüter kaum geeignet.

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Diesmal nicht

Der Alligator hat wieder Urlaub. Ich weiß auch wo. In einem Land mit ausgeprägter Krimikultur, manche nennen das, was von dort kommt, skurril. Momentan steht wieder einer von denen ziemlich hoch in der Bestenliste. Aber darum sollte es hier eigentlich gar nicht gehen. Sondern: Sorry, ich kann diesmal die Alligatorvertretung nicht übernehmen. Hab genug anderes zu tun. Also müssen andere ran. Wer überwindet sich? Ludger, Bernd, Axel, Georg, Anobella, JL? Oder alle zusammen?

Neues für die Wortschatztruhe

Auch Kriminalromane leben vom Wortschatz ihrer Macherinnen und Macher. Nun ja, wird man sagen, die deutsche Sprache ist reichhaltig genug, da findet ein jeder was er braucht. Das ist richtig. Dennoch kann es nie schaden, von Zeit zu Zeit neue krimispezifische Wörter zu kreieren. Wir beginnen mit vier davon, denen gemeinsam ist, dass sie garantiert bei jeder Google-Suche zu 0 Treffern führen. Bis jetzt…

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Pieke und die Kaffeesteuer

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Was zoll’s, sagte sich Pieke Biermann schön apostophphil und ging für ihre neue Krimireportage aufs Zollamt Berlin-Schöneberg. Was sie dort erlebt hat, kann man unter dem Titel „Drei, zwei, eins – keins!“ hören oder lesen oder beides. Und zwar am Sonnabend, 1. September 2007 in DER TAGESSPIEGEL (lesen) und im RBB-Inforadio 93,1 um 11:45 Uhr (hören). Wiederholungen zum Hören: um 19:45 Uhr und in der folgenden Nacht um 0:45 und 05:45 Uhr. Podcast: aufs Bild klicken. Sechs, fünf, vier – viel Pläsir!

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Erklär mir das mal jemand

„Um Kriminalromane zu schreiben, braucht man Weltkenntnis“, schreibt Tobias Gohlis in seiner →Ritzel-Rezension. Das versteh ich ja doch. Aber dann setzt er als Konsequenz hinzu: „deshalb geben erstaunlich viele Krimiautoren „Journalist“ als Erstberuf an“. Und jetzt bin ich baff. Heißt das, als Journalist verfüge man per se über „Weltkenntnis“? Kann doch wohl nicht gemeint sein, oder? Ich frag ja nur.

Alan Furst: The Foreign Correspondent

Mit „The Foreign Correspondent“ schreibt Alan Furst seine Darstellung der Geschichte des 2. Weltkriegs fort. Wieder einmal stehen die kleinen, scheinbar unbedeutenden Figuren der Zeitgeschichte im Mittelpunkt seiner Darstellung. Eine Gruppe von italienischen Immigranten in Paris ist es diesmal. Mitten unter ihnen Carlo Weisz, Korrespondent vom Nachrichtendienst Reuter und Herausgeber der geheimen Zeitung der Gruppe, welche regelmäßig auf gefährlichen und verschlungenen Wegen nach Italien geschmuggelt wird.

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Kapitel XV

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Was bisher geschah: Wickius sitzt voll in der Scheiße! Nämlich in einem Kerker! Wo? Auf IDIOT, der künstlichen Südseeinsel! Was passiert dort? Sämtliche deutsche KrimiAutorInnen befinden sich auf IDIOT, um eine Weiterbildungsmaßnahme zu absolvieren! Sagt der komische Alte! Aber er lügt! Und Wickius deliriert said Stunden! Wow! Spannend! Klar, dass diese Folge mit einem sauguten Cliffhanger endet!

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Argumente

„Passma auf, Axel“, sag ich, „das Dumme ist: Ich weiß, wo du wohnst. Noch dümmer: Ich neige von Natur aus zu körperlicher und seelischer Gewalt. Am allerdümmsten: Ich müsste nicht einmal selbst nach Berlin kommen, ich kenn dort ein paar ziemlich harte Jungs, die mir noch einen Gefallen schuldig sind. Also?“ – Und sieh an: Heute endlich hat Kollege Bussmer seine →Besprechung des formidablen Paprotta-Porträts „Die Zeichen der Vier“ auf dem Blog. Danke, Axel!

Darf man? Darf man nicht?

Unsere verfeinerte Zivilisation hat einige begrüßenswerte Errungenschaften gezeitigt. Dass in Gesellschaft weder gerülpset noch gefurzet werden sollte, zum Beispiel. Selbst die deutsche Krimikultur, mag sie als solche auch selten erkennbar sein, hat ihre Höflichkeitsregeln. Die erste und wichtigste: Beschmutze, oh Schaffende/r, niemals dein eigenes Nest! Hm. Aber genau das ist mein Problem.

Denn spätestens ab Juli 2008 werde ich wohl alle Bedingungen erfüllen, um einen Mitgliedsantrag beim SYNDIKAT, der Vereinigung deutschsprachiger KrimiautorInnen, stellen zu können. Rein theoretisch jedenfalls. Das sind dann also alles meine Kolleginnen und Kollegen, wir sitzen im gemeinsamen Nest und bemühen uns, nicht mit Dreck aufeinander zu werfen. Genau das tue ich aber seit geraumer Zeit – nicht mit Dreck werfen, aber doch die eine, den anderen meiner zukünftigen Mitschaffenden rezensionsmäßig am Näschen fassen, sozusagen. Und das darf ich dann nicht mehr?

Ich bin ratlos. Nein, besser: zerrissen. In Zukunft keine Krimirezensionen mehr? Oder nur noch positive (das darf man nämlich merkwürdigerweise immer!)? Wer kann mir bei dieser Entscheidungsfindung helfen? Niemand? Doch! Eine! Anne!

An Frau Chaplet scheiden sich die Geister. Nicht nur, was ihre literarische Produktion betrifft, aber das gehört eh zum Berufsbild, dass dich die einen lieben und die anderen nicht ausstehen können. Nein, was man Anne Chaplet vor allem verübelt, ist ihre Frechheit, auch vor KollegInnenschelte nicht zurückzuschrecken.

Nehmen wir den →Tagebucheintrag vom 21. August 2007. Es beginnt mit einem geschickten Verweis auf Chaplets Tätigkeit als FOCUS-Krimikritikerin. Wir erinnern uns: Im Focus kritisieren KollegInnen (außer Chaplet noch Henrike Heiland, Manuela Martini, Ralf Kramp, Harry Luck und Horst Eckert) KollegInnen, und zwar straight to the rules, also ausschließlich lobeshymnend. In ihrem Tagebuch weicht Anne davon ab und verflucht ihre Tätigkeit, „für die man manchmal auch Kriminalromane eines Blickes würdigen muß, die man lieber nicht zuende liest. Da wird oft derart ins Klischee gegriffen, daß man Margit Schreiner versteht, wenn sie sich vom Gedanken verabschiedet hat, es auch einmal mit einem Krimi zu versuchen.“ (Der Frau Schreiner möchte man ins Gebetbuch schreiben, dass nur der oder die aus dem Klischee nicht herauskommt, die bereits hüfttief drinsteckt.)

Hernach kommt sie – das Fräuleinchen Anobella wird’s freuen – auf Juli Zeh zu sprechen, die ja gerade das Genre aufmischt. „Was ist da wohl Großes zu erwarten von einer Autorin, die sich mit Nabokov vergleicht und bei der selbstredend nichts an der Oberfläche bleibt? Hoffentlich mehr als so ein unglaublich dummes Geschwätz.“

Und nach einem Klatscher für die Herren Kirchhof und Spinnen fasst die Chaplet zusammen: „Mit manchem möchte man sich eben nicht gemein machen. Nicht mit den Verhunzern des Genres, die sich bei mäßigen Autoren ebenso finden lassen wie bei den Echtliteraten, die zum zigsten Mal die Gesetze des Genres lustvoll brechen möchten. Würg.“

Wer sich so artikuliert, braucht in Deutschland um sein Image nicht zu fürchten. Eine Neiderin, ein Schandmaul, eine Wegbeißerin, doch, es gibt eine Menge Vokabular in unserer Sprache, die den Umstand geißelt, dass da eine die eigene Zunft massakriert. Tut man nicht. Kein Arzt tut das, kein Lehrer, kein Kritiker, kein Elektroanlageninstallateur. Man teilt natürlich aus, aber bitteschön immer extern. Der Arzt schimpft über den Lehrer, der Autor über den Kritiker, der Kritiker über die doofen Leser – Hauptsache, die Küken im eigenen Nest müssen keine Federn lassen.
Nun ist ja wer im Krimigewerbe zu tun hat, nicht per definitionem weltfremd und weiß also, dass einer und einem jeden die eigene Haut lieber ist als die fremde und eine negative Äußerung natürlich eine hinterhältige Waffe, mich in den Kleinkriegen des „Marktes“ zu behaupten. Nur: Als Generalverdacht taugt das nicht. Zumal ja wer wem ans Bein pinkelt auf das Zurückpinkeln vorbereitet sein muss. Ein wenig Aufmischen täte der Szene ganz gut, wobei wie so oft nicht alles so heiß gegessen wie gekocht wird. Mir gefällt ein Buch nicht, ich versuche zu erklären, warum es mir nicht gefällt – und das wars dann schon.

Was meinen nun die Leserinnen und Leser? Darf man, selber Krimiautor, die Ergüsse der Zunft überhaupt kritisieren? Und wenn ja: nur positiv, bitte? Oder, wenn schon, dann mit allen Konsequenzen, notfalls bis zum Verriss? Mir würde ohne letzteren schon etwas fehlen, obwohl ich lieber lobe (was mir jetzt kein Mensch glaubt, ich weiß). Um Antwort wird gebeten.