Wer den Film gesehen hat, weiß, was Sache ist: Thema mit Variationen. Das ist das Prinzip der Geschichte und infolgedessen auch der Musik. Auch die vielen Remixe sind folgerichtiges Produkt dieser Philosophie. Regisseur Tom Tykwer hat die Sache selbst in die Hand genommen, was nie schaden kann, und sich mit den 80er-Veteranen Reinhold Heil (Ex-Spliff) und Johnny Klimek (Ex-The Other Ones) tatkräftige Unterstützung ans Mischpult geholt. Rausgekommen ist ein originelles Techno-Kraftpaket mit knüppelharten Beats und einem Wust greller Synthie-Sounds. Sphärig wabernd, aber straff geführt wummern sich die Aggresso-Songs bis ins Mark.
Die meisten Takes (ausgenommen „Running three“ und „Somebody has to pay“, wo sich Mickey-Maus-Stimmchen Susie van der Meer beteiligen darf) halten konsequent die Spannungskurve oben und setzen Tempo und Adrenalinausstoß der Story adäquat in Akustik um. Der Instrumental-Anteil steht immer im Vordergrund, und die hypnotisierenden, schlafwandlerischen Sprech-Gesänge von Franka Potente (und bisweilen auch Johnny Klimek) sind nur Beilage. Bis auf das mit vorausschauendem Blick auf die Charts angelegte Duett mit Thomas D. natürlich.
Die Grundlage aller Songs, sozusagen der Basisbaukasten, ist die hämmernde Beatstruktur: mal Pulsschlag, mal tickende Uhr. Sie ist der Motor der flächigen Harmoniestrukturen, die sich in jedem Take anders entwickeln. Der Lola-Sound hat etwas seltsam Irreales, von der Welt Abgeschnittenes: wie man sich halt so fühlt, wenn einen die Beine vor Konzentration und Erschöpfung kaum noch tragen und man ähnlich wie die Radprofis auch von der schönen Landschaft wenig mitkriegt… Für Großstadt-Straßenschluchten ist dies jedenfalls die passende Beschallung!
Laut Booklet subsumiert Take 1 („Believe“) die Essenz des Films, die Takes 2 bis 9 lassen das Zelluloid-Werk noch einmal Revue passieren, und die restlichen Takes 10 bis 15, samt und sonders Remixe, bieten Gelegenheit zu alternativen Erfahrungen. Take 10 enthält übrigens die philosophischen Ausführungen aus dem Film-Intro, und die Stimme von Hans Paetsch dürfte vielen meiner Artgenossen bekannt vorkommen (eine Art „déja entendu“), ich persönlich kenne sie von meiner „Regentrude“-Schallplatte, sicher aber auch aus unzählingen „Hui Buh“- und „Hexe Schrumpeldei“-Geschichten. Auf Fischmobs „Power“ ist Paetsch übrigens auch mit von der Partie.
Also, meine Favoriten im einzelnen:
Take 1 „Believe“: ein straighter, noch vergleichsweise harmloser Take, der sich recht gleichmäßig entwickelt. Franka Potente und Johnny-Flüstervoice-Klimek wechseln sich am Mikro ab und erhalten schließlich Unterstützung von sirenenhaften Sakral-Vocals.
Take 2 „Introduction“: Ticktackticktack, das Rennen kann losgeh´n! Schicht für Schicht legt sich über den Zeitbombensound, und gepitchtes Zirpen mündet schließlich in trügerisch gleichmäßige Beats, die ab circa 1´55 mit superbrutalen E-Gitarren-Riffs zum Inferno ausarten. Von jetzt an sitzt die Uhr im Nacken…
Take 3 „Running one“: Hi-Hat-Beats, Blasrohrgezirpe mit diesem Ding der Aborigines, auf dessen Name ich grad nicht komm, klingt so wie bei Yothu Yindi. Dazu wieder Destroyer-Riffs und vor allem affenartig hämmernde Piano-Kaskaden!!! Unter Franka Potentes Soft-Raps schraubt sich das Ganze offbeatmäßig in immer neue harmonische Dimensionen, um ab 2´37 aprupt von den bereits bekannten Sirenen-Chören abgelöst zu werden. Jetzt schütten sich bei Marathon-Lola wahrscheinlich die Jogger-Glückshormone aus…
Take 4 „Supermarket“: Dumpfe Pulsschlag-Basis, blecherne Zusatz-Beats und faithlessmäßig gepuffte Synthie-Drops. Klimek hier so richtig alptraumartig als vokaler Freddy Krueger. Um 2´50 rum suchen symphonische Synthie-Akkorde einen Ausweg und sorgen für ein kurzes Break, aber eine Atempause ist nicht drin…
Take 7 „Casino“: Ein ruhiger, dumpfer Song mit Safari-Flair und Afro-Beats. Als studierte Literaturwissenschaftlerin ist man immer zwanghaft am Interpretieren, und ich muß sagen: witzige Idee, diesen Hort des Lasters, der Etikette und der Geldgier mit einer animalischen Aura zu befrachten! Sehr stimmungsvoll.
Take 12 „Running one (Large Mix)“: Super, Lola macht uns den Oskar Matzerat im Casino! Dazu wieder das Aborigines-Blasrohr und dumpfer Drum´n´Bass-Sound. Ab circa 2´00 gesellen sich phillymäßige Disco-Gitarrenriffs dazu und Lola läßt es nochmal krachen. Hat was Dunkles, Exotisches.
Take 13 „Running two (Remix)“: Wieder dieses Ticken… Dazu nervöses Synthie-Flackern und oberharte Break-Beats. Ab circa 1´25 ein paar Techno-Martinshorn-Einwürfe und danach eine wüste E-Gitarren-Orgie. Never let him go…
Take 14 „Casino (Solid state Remix)“: Gong! Das Casino wird geentert… Ein ziemlich ruhiger, spartanisch instrumentierter Remix mit Lolas Keuchen in der Hauptrolle. (Lieber Carsten, der Du beim Bergauffahren mit Deinem Rad immer Walkman Hörst, um Dein demotivierendes Schnaufen zu übertönen: Dieser Song ist nichts für Dich!) Minimaler Aufwand, maximaler Effekt!
