Alles Pop? Kapitalismus & Subversion

„Macht ihr Popmusik?“
Schorsch Kamerun: „Die Frage interessiert mich langsam nicht mehr, weil eine Beantwortung schon wieder Popthema ist.

“Dieses Buch ist ein Sammelsurium von Texten von, mit & über Pop. Die HerausgeberInnen & Schreiberlinge konnten sich dabei offensichtlich nicht richtig auf eine inhaltliche Linie einigen: Einmal gilt Popkultur als Inspirationsquelle für Theorie, dann wieder als Gegenstand der Kritik, immer wieder aber auch unreflektiert als Projektionsfläche für eigene Sehnsüchte. Demnach sind einige Texte & Interviews durchaus spannend & vielleicht gar erkenntnisbringend zu lesen, andere sind vollkommen egal, naiv oder gar dumm, manche recht informativ & wieder andere so knietief im DeleuzeGuattariDerridaFocault-Sprech (vielleicht aber auch einfach Freestyle?), dass sie mir fast gar nichts mehr sagen, was aber auch an meinen allgemeinen Schwierigkeiten mit post- & postpostmoderner Theorie liegen mag.

Besonders nervig sind die immer wieder gleichen verzweifelten „Pop als Subversion oder doch nicht?“-Fragen in den Interviews. Interessant dagegen sind aber die Antworten der Künstler, wobei vor allem „Attila the Stockbroker“ sich dadurch auszeichnet, das Niveau der Fragen noch zu unterschreiten. Knarf Rellöm haut als einziger mal richtig auf den Tisch „“Die Fragen hauen nicht hin“, „Wieso glaubt ihr, dass es in der Popmusik ein Gebiet der Heiligkeit & Unschlud geben müsse“). Vollkommen überflüssig sind Thomas D & sein Mitbewohner Parago, die sich in Mystizismus, Esoterik & Vegetarismushype suhlen.

Ansonsten gibt es eine treffliche Analyse des neueren Sendeformats Popradio, Einblicke ins Innenleben der mehr oder weniger denkenden PopprotagonistInnen, polemisches über neuere deutsche Popliteratur, Huldigungen, Backgroundinfos zum verschuldeten Mitbegründer des Verbrecher-Verlags, historisches zu Indielabeln, ein bisschen Collagenkunst & Gedichte & (natürlich) jede Menge Namedropping.

Lesenswert also auf jeden Fall, aber empfehlenswert? Ich würde sagen, wer sich nicht schon sowieso für Poptheorie & Widerstandsmythen im Pop interessiert, muss auch dieses Buch nicht gelesen haben. Für alle, die’s trotzdem interessiert (oder die einfach alle Interviews von Tocotronic, Einstürzende Neubauten, The Notwist etc. im Regal stehen haben müssen) ist dieser Band auf jeden Fall ein nettes Präsent, z.B. zum Debüt-Auftritt im Jugendzentrum nebenan.

P.S.: Wenn die vielen „&“ anstatt „und“ stören: Schon mal dran gewöhnen, denn genau diese total subversive postmoderne Schreibweise wird auch im Buch benutzt.

Marvin Chlada, Gerd Dembowski, Deniz Ünlü (Hg.):
Alles Pop? Kapitalismus & Subversion
Alibri Verlag, Aschaffenburg 2003

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