Cannabis Mythen – Cannabis Fakten

Das 1997 in den USA erschienene wissenschaftliche Standardwerk „Marijuhana Myths, Marijuhana Facts“ ist seit neuestem in einer deutschsprachigen Ausgabe erhältlich. Der in Kreisen Hanf-Interessierter recht populäre Bröckers fungiert als Herausgeber, und glücklicherweise auch nur als das: Sowohl seine quasireligiösen Lobpreisungen aller denkbaren Verwendungsarten der Pflanze wie seine neuesten wilden Verschwörungstheorien tauchen im Buch nicht auf.

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Live: Kimya Dawson u.a.

Bielefeld, Forum, 12.10.2005.

Die Forum Crew hatte den Raum für die kleine Bühne halbiert und so für ein gemütlich-überschaubares Setting gesorgt. Im Prinzip war ich nur wegen Kimya Dawson da und hatte leichte Bedenken, wie das denn live so werden würde, war aber guter Stimmung. So betraten denn auch meine etwas angeschlagene Begleitung und weitere antelefonierte Interessierte mit mir die Halle des Rock, in der ein höchst angenehmer Konzertreigen auf uns wartete.

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Weltmacht Europa – Hauptstadt Berlin?

„Imperialismus“ prangt als Kategorisierung auf diesem konkret-Band. Das mag viele Leute erstmal irritieren, geht es doch um das friedliche Europa. Dieses wird in jüngerer Geschichte und aktueller Politik seziert, bis es gar nicht mehr so friedlich dasteht: „Die Autoren zeigen das Aggressionspotential der ‚Großmacht mit Herz‘, ihre antiamerikanische und antiisraelische Außenpolitik, die Förderung von Terroristen als ‚Widerstandskämpfer‘, die Destabilisierung durch völkische Minderheiten, den Kampf gegen den Dollar als Leitwährung und die Aufrüstungspläne zu einer weltweit kriegstauglichen EU-Armee“, so das Verlagsinfo.

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Bernd Begemann und die Befreiung

Bielefeld, JZ Kamp, 21.09.2004

Bernd Begemann singt und tanzt, die Befreiung rockt und jazzt, alle zusammen haben eine gute Zeit. Das Konzept Bernd & Band funktioniert inzwischen sehr gut, so dass es nichts zu meckern gibt. Die meisten Songs funktionieren, es gibt Raum für Instrumental-Improvisationen und kleine Scherze am Rande. Das ist solide Unterhaltung, nicht mehr, aber auch nicht weniger – und etwas anderes will es ja auch gar nicht sein.

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Live: Chris Eckman

Bielefeld, Forum. 20. 5. 2004.

Kürzlich durfte ich ein intimes Konzert eines von mir durchaus geschätzten Künstlers besuchen, der es doch tatsächlich schaffte, in Bielefeld ca. 40-50 Leute anzulocken, während z.B. in Frankfurt keine 10 Gäste kamen. Dafür, dass ich von der geringen Zahl der Zuschauer überrascht war, lief es also noch ziemlich gut. Alles weitere überlasse ich meiner Begleiterin an jenem Abend, die folgendes zu berichten weiß:

Chris Eckman – ein Konzertbericht

Unter dem pathetischen, protzigen und peinlichen Titel „Mastermind of the Walkabouts“ wurde für den Solo-Auftritt Eckmanns geworben. Gut, er war von Anfang an dabei und schreibt die meisten Stücke, aber der Rest der Band ist ja wohl kaum als bloßes Anhängsel Eckmanns zu verachten.

Er spielte auf der kleinen Bühne, was diesem anmaßend klingendem Titel widersprach, denn auf den Walkabouts-Konzerten in Bielefeld war in den letzten Jahren immer recht viel los.

Als Chris Eckmann aus dem Backstagebereich auftauchte, lief er allerdings mit dem Gutes verheißenden fiesen Gesichtsausdruck herum, denn offenbar hat er mit Bob Dylan eines gemeinsam: je miesepetriger er herumläuft, desto besser sind seine Konzerte.

Als er nach dem unspektakulären und etwas unsicheren Andy White loslegte, wurde jeder fiese Gedanke über das schlechte Plakat (hoffen wir mal, dass es nicht Eckmanns Idee war) vom Tisch gefegt.

Er begann mit dem – in der Walkaboutsversion rockigen – Song „The Stopping-Off-Place“, den er in einer ruhigen, ja fast zarten Version spielte, die mich – und wie´s aussah den Rest des Publikums auch – in seinen Bann schlug, der den Rest des Konzertes anhalten sollte (nur ab und zu gestört vom Gelärme der Forumsmannschaft an der Theke).

Das zweite Stück „Up in the Graveyard“ leitete Eckmann mit der Äußerung ein, er habe es im ersten Golfkrieg geschrieben, dann setzte er selbstironisch dazu, dass das natürlich sehr pathetisch sei, das jetzt so zu sagen, und machte mit diesem leisen Humor deutlich, dass er eigentlich nicht dazu neigt, sich zu überschätzen.

Er beglückte uns (DAS klingt jetzt auch pathetisch, ist aber in diesem Falle einfach wahr) mit vielen seiner wunderbaren Songs:

Mit dem von der portugiesischen Fado – Musik inspirierten „Fadista“ – meiner Ansicht nach das Artischockenherz seines Soloalbums „A Janela“.

Mit dem kaum wieder zu erkennenden „Grand Theft Auto“. Man kennt es ja von den Walkabouts: selbst bei zwei Konzerten der gleichen Tour hört man kaum ein Lied identisch wiederholt. So unterscheiden sich die krachigere Studiowalkaboutsversion von „Grand Theft Auto“ von der Chris und Carla live in Llubljana – Variante mehr von einander als bei anderen Bands die einzelnen Lieder und Covers vom Original. Ich übertreibe nicht, wenn ich schreibe, dass es diesmal kaum wieder zu erkennen war: tatsächlich war ich mir erst sicher, als der Text einsetzte. Diesmal setzte Eckmann ganz selbstverständlich die zur Verfügung stehende Technik ein, nicht um der Technik Willen, nein, er benutzte sie zur Kreation der Musik, nur als Mittel zum Zweck, indem er auf geniale Art und Weise sein eigenes Intro sampelte und loopte, um darauf das Solo zu spielen, was ihm so bruchlos gelang, dass ich im ersten Moment dachte: Hört sich an, als würde er vierhändig spielen, wie macht er das nur?

Auch die mir bisher unbekannten Songs von seinem neuen Soloalbum „The Black Field“ spielte Eckmann mitreißend, insbesondere das umwerfend klagende „Restless“, in dem dem lyrischen Ich (natürlich wäre es Eckmann zuzutrauen, dass der Song autobiographisch ist, muss ja aber nicht sein) vorgeworfen wird, dass es rastlos sei, als es sich gerade wünscht, es wäre tot.

Doch es waren nicht nur die sagenhaft poetischen Texte Eckmanns, die bezauberten: manchmal musste man nur die Augen schließen und Chris Eckmann schuf mit seiner Gitarre das ganze Universum neu – wie beim kleinen Zauberer, der den Tieren die ganze Welt zaubert, nachdem sie hinter den geschlossenen Augenlidern verschwunden ist – und seine Stimme legte sich auf diese Klanglandschaft wie Morgentau.

Mit seinem sympathisch trockenem Humor sparte er allerdings auch weniger als sonst: Als er mit John, der die Platten verkaufte, die Go-Betweens coverte (es ist so angenehm, dass Eckmann trotz seines Dylanschen Sauertopfgesichts nicht wirklich Starallüren hat, sondern vor und nach dem Konzert im Publikum rumläuft und Lieder mit dem Merchandisingmann spielt), erzählte er vom Abend zuvor, an dem er in Fulda gewesen sei. Auf dem Konzert seien nur neun Leute gewesen, deshalb habe er begonnen Songs zu spielen, die er selbst nicht kannte – einer davon dieser. Fulda sei ein schwarzes Loch und die Hölle. Er riet uns niemals dort hinzugehen, selbst wenn wir unbedingt müssten.

Als er sich kurz darauf bei uns bedankte und sagte, wir seien ein großartiges Publikum, rief ein Mann vor uns, sie seien aus Fulda gekommen. Eckmann erzählte sofort cool, dass sie sich noch eben im Auto darüber unterhalten hätten, wie schön es in Fulda gewesen sei, vor allem ihr Zimmer dort…

Er coverte „Girls just wanna have fun“. Bei einem Lied erzählte er, hätten ihn in Griechenland Leute angesprochen, welcher griechische Philosoph den Text geschrieben hätte, und es stellte sich heraus, dass der Song von den Buzzcocks war.

Nur am Ende, bei der etwa tausendsten Zugabe – ich dachte noch: von mir aus könnte er die ganze Nacht weiterspielen – erlitt ich eine persönliche Enttäuschung. Zum krönenden Abschluß spielte Chris Eckmann so sauer, wie ich ihn selten auf der Bühne erlebt habe, „A glad nation’s death song“. In meiner vertrauensseeligen Gutgläubigkeit hatte ich dieses Lied immer für ein antinationalistisches, gar antinationales Lied gehalten. Leider leitete Eckmann es mit den Worten ein: „Fuck George Bush, fuck Donald Rumsfeld!“ Man kann einwenden, dass Eckmann als Amerikaner (auch wenn er wohl gerade in Llubljana wohnt) das darf: der Hauptfeind ist das eigene Land. Aber diese Form der Personalisierung, die im einig antiamerikanischen Deutschland auf billige Art Stimmung produziert, ist hier mehr als platt, denn sie kommt schnell einem Schulterschluss mit den deutschen Nationalistischen und den SPD-Anhängern, die sich auf Old Europe einen runterholen, gleich. Zumal Eckmann schon als es um den Feiertag ging eine naiv idealistische Vorstellung von Europa gezeigt hatte, da er meinte, es sei sehr europäisch, wenn viele an dem Tag zwischen Feiertag und Wochenende auch frei hätten: als wenn irgendwo auf der Welt so ein Arbeitsfetischismus zelebriert würde wie in Deutschland.

So ist das eben oft mit Künstlern: manchmal wissen sie wohl nicht was sie tun, wenn sie Lieder schreiben, die etwas revolutionärer sind als die Künstler. Und wenn sie sie dann vor einen politischen Wagen spannen wollen, geht’s steil bergab. Schade um diesen Gülletropfen in einem großartigen Konzert.

Links:
www.forum-bielefeld.com
www.thewalkabouts.com

Das Bierbeben: No future no past

Was ist das bloß? Gerüchteweise (und Gerüchte scheinen ein Teil dieses etwas heimlichtuerischen Projektes zu sein) gestartet als bierseliges Politparolen-Punkprojekt auf Jan Müllers (Tocotronic) kleinem Punkarsch-Label, hatte die bunte Sammlung einzelner amtierender und ehemaliger Mitglieder bekannter und unbekannterer Berliner und Hamburger Punk-Intellektuellen-Diskursrock-Sonstwas-Kombos die Idee, den Primitiv-Punk durch minimalistischen tanzbaren Techno zu ersetzen.

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Das Bierbeben: No future no past

Was ist das bloß? Gerüchteweise (und Gerüchte scheinen ein Teil dieses etwas heimlichtuerischen Projektes zu sein) gestartet als bierseliges Politparolen-Punkprojekt auf Jan Müllers (Tocotronic) kleinem Punkarsch-Label, hatte die bunte Sammlung einzelner amtierender und ehemaliger Mitglieder bekannter und unbekannterer Berliner und Hamburger Punk-Intellektuellen-Diskursrock-Sonstwas-Kombos die Idee, den Primitiv-Punk durch minimalistischen tanzbaren Techno zu ersetzen. Herausgekommen ist nach 2 EPs ein seltsames Album voller Saufproll-Anspielungen in den Künstlernamen, Dancefloor-Sounds und simplen ständig wiederholten Parolen (ist das die Stella-Sängerin?).

Das Bierbeben nimmt sich im Presseinfo selbst nicht richtig ernst („Agenda zeitloser Weisweinheiten“, „Alle Songs sind sowohl betrunken in der Öffentlichkeit tanzbar als auch astrein für heimlich zuhause“), will aber mit dem System abrechnen und visiert selbstironisch die Revolution mit „der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen“ an.

Kommunikationsguerilla? Ein wenig. Nämlich „die Abrechnung des Spiegelbilds mit dem Original“ insofern, als das simple des Punks als auch das zwanghafte pseudosubversiver Parolenklopperei in linker Szene- und Mainstreammusik praktisch karikiert wird. Dann wirken viele Parolen aber doch wieder recht ernst gemeint, z.B. „Wenn Deutschlands Mauern fallen, möchte ich dabei sein“, das sich inzwischen auf hippen Antifa-Demos einen festen Platz erspielt haben soll, oder „Ihr seid Räder im Getriebe der Maschine die euch plattwalzt“. „Mach Deinen Fernseher kaputt“ wirkt als Songparole etwas ewig-gestrig, allenfalls interessant dadurch gebrochen, dass die Musik höchst modern produziert ist und so gar nicht zu der antimodernen oder romantischen Parole passt.

Der Video-Bonustrack spielt das Thema dann aber noch auf eine weitere Ebene, in dem die Sängerin (wer immer es jetzt auch ist) im Spitzennachthemd singt und tanzt, sich selbst als laszive sexy Tänzerin inszeniert und zu manchen Kamerazooms auf Augen oder Lippen nur noch das „Ruf mich an! 0190…“ fehlt. Der Zuschauer soll über Bildsprache an das Video gefesselt werden, dem artikulierten Inhalt nach aber das Trägermedium kaputtschlagen. Lustige Irritation. Ein Logo der Band, ein krickelig durchkreuzter Bundesadler blitzt zwischendurch kurz auf, als wolle er die anerotisierte Szenerie nutzen, um sich unbemerkt im Unbewussten des Betrachters festzusetzen. Witziger Trash.

Das Album irritiert und das will es auch. Tanzbar und hörbar ist es auf jeden Fall, aber empfehlenswert? Schlag Deine Stereoanlage kaputt.

Das Bierbeben
No future no past
shitkatapult strike47

Die Aeronauten – Zu gut für diese Welt (Best of)

Vor so ca. einem Jahrzehnt sah ich die Aeronauten als Vorband von Tocotronic und fand sie gar nicht so toll. Das tut mir inzwischen furchtbar leid, denn die Aeronauten sind ein bemerkenswerter Haufen! Die Schweizer touren und produzieren scheinbar rund um die Uhr, spielen eine schmissige Mixtur aus poppigem Garagenrock und Soul und sind (neben schwachen Momenten, aber wer hat die nicht?) immer wieder witzig, traurig und weise.

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Bernd Begemann & die Befreiung: Unsere Liebe ist ein Aufstand

Wenn er will, kann Bernd Begemann ein harter Kritiker und entlarvender Beobachter sein. „Unsere Liebe ist ein Aufstand“ gegen alles, was uns festhält und klein macht, hören wir da auf dem neuen Album. „Wir zerstören die alte Ordnung“. Oder die wunderbar traurige Kitsch-Ballade „Wir sind lebendig begraben – und manchmal fühle ich mich nicht einmal richtig lebendig“.

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Dead Moon, Bielefeld

Eigentlich bin ich ja gar nicht mehr so heiß auf Konzerte. Hätte es nicht die Möglichkeit einer Rezension gegeben, hätte ich die 15€ wohl kaum zusammengekratzt. Das Forum ist mit Gästelistenplätzen etwas knauseriger als andere Veranstalter in Bielefeld, weswegen es bei dem Preis diesmal gar nicht so einfach war, Leute zum Mitkommen zu motivieren – hat aber letztendlich geklappt.

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Live: Dead Moon + The Devastations

28.04.2004, Forum Bielefeld.

Eigentlich bin ich ja gar nicht mehr so heiß auf Konzerte. Hätte es nicht die Möglichkeit einer Rezension gegeben, hätte ich die 15€ wohl kaum zusammengekratzt. Das Forum ist mit Gästelistenplätzen etwas knauseriger als andere Veranstalter in Bielefeld, weswegen es bei dem Preis diesmal gar nicht so einfach war, Leute zum Mitkommen zu motivieren – hat aber letztendlich geklappt.

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Live: Mambo Kurt/John Boy Walton

Tangente Bielefeld. 13.3.2004

Die Tangente, eine gemütliche Bielefelder Kneipe, war gut gefüllt – Glückwunsch an die Kneipenkult-Veranstalter. Eigentlich sollte ja zuerst der halbvergessene Buttermaker auftreten, der war aber leider krank. Schade, ich habe damals nur den Hype mitbekommen, ihn aber nie gehört. Vielleicht aber auch ganz gut – auf seiner Homepage wird ein lokalpatriotischer Versand empfohlen, der „Bielefeld“-Shirts verkauft (grusel). Für die, die das mit dem Patriotismus richtig verstanden haben, gibt’s auch noch gleich „Deutschland“-Shirts, naja…

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Live: Hot Water Music

Kamp, Bielefeld, 8.3.2004

Das Kulturkombinat hat eingeladen und alle sind gekommen: Die Emocore-Kids, die an den wichtigsten Textstellen gekonnt den Zeigefinger in die Luft recken, die Rocker, Alternativen und Spießer – sogar ein Iro-Punk wurde gesichtet. Hot Water Music ziehen eben ein immer größeres Publikum an. Zu Recht, denn an diesem Abend haben sie wiedermal bewiesen, dass sie so richtig abgehen können.

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Bernd Begemann live

Kamp Bielefeld. 6.2.2004

Bernd, was soll das? „Eine Rückwendung ins Lokalpatriotische“ sieht die FAZ im Opener dieses Abends „Ich stamme aus den Hügeln“. Mit Recht, steht zu befürchten. Aber der besserwisserische Kritiker wird später mit dem ironisch/sarkastischen „Bad Salzuflen weltweit“ und der „Deutschen Hymne ohne Refrain“ versöhnt – was immer auch das „dieses Land verstehen“, das doch „droht“ und ’niemanden verschont‘, bedeuten soll.

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