Zwischenzeugnis

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… und wie immer werden die Zeugnisse mit Verspätung überreicht. Das erste Halbjahr ist längst Geschichte, aber „watching the detectives“ hat nun mal gerade seine sechs Monate hinter sich. Also: Wie war er denn so, der Krimi im ersten Halbjahr 2005?

Generell: gut. Jedenfalls international. Die drei herausragenden Werke waren, für meine Wenigkeit, Fred Vargas’ „Der vierzehnte Stein“, Iain Levisons „Betriebsbedingt gekündigt“ und David Peaces „1974“. Keine Überraschung. Das sagt auch so ungefähr die „Krimibestenliste“, welche wiederum das herausragende Krimiereignis national genannt werden darf. Sie wird gewiss den deutschen Durchschnittskrimileser nicht in toto umkrempeln, aber ein verlässlicher Führer durch den Dschungel der Neuerscheinungen ist mir allemal lieber als ein weiterer Krimipreis, um „die Besten“ zu ehren.

Es fällt auf, dass die drei genannten Werke (meine höchst subjektive Auswahl, noch einmal) allesamt das sind, was man als „ambitioniert“ bezeichnet. Vargas arbeitet mit Zeichen, Symbolen und Mythen, eher unüblich für Krimis, aber gelungen. Levison und Peace pointieren das gesellschaftlich-moralische Hier und Jetzt bis zum Zynismus, schreiben sehr ökonomisch, ohne Füllstoff.

Bei den herkömmlicheren Krimis dieses ersten Halbjahres haben ebenfalls die Ausländer die Nase vorn. Guillermo Martinez’ „Die Pythagoras-Morde“ ist intelligenter Whodunnit, Laura Lippmans „Butchers Hill“ stellt die Vorteile eines sauberen Handwerks und eines atmosphärisch klug gearbeiteten Settings unter Beweis.

Wer Krimis als gute Gelegenheit zur Besichtigung anderer Länder betrachtet, kommt aktuell an Island nicht vorbei. Nach Indridason und Blomkwist jetzt Ingólfsson mit seinem gediegenen „Rätsel von Flatey“. Deutsche Krimileser mögen Skandinavien. Jedenfalls mehr als etwa Kuba, wo man sich zwar all inclusive einen Sonnenbrand einfängt, seltener jedoch mit Leonardo Padura am Strand liegt. Schade. Obwohl: Mit Padura am Strand?

Und der deutsche Krimi? Die Antwort hat drei Buchstaben: Ani. Sein „Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel“ ist das heimatliche Highlight dieses Halbjahres. Zufall, dass auch hier mit „Formalitäten“ virtuos umgegangen wird, wie bei Vargas und Kompanie?

Wohl nicht. Aber noch etwas: Anis Buch (das letzte seiner Art, leider, denn der Autor wendet sich anderen Sujets zu) könnte auch für etwas stehen, das ich mal „den anderen Regionalkrimi“ nennen möchte. Der herkömmliche boomt weiterhin, ganze Verlage scheinen inzwischen nicht schlecht davon zu leben.

Nun habe ich prinzipiell nichts gegen Regionalkrimis, nicht einmal gegen besagte herkömmliche, die mir irgendeinen Landstrich meines großen und schönen Heimatlandes vorführen und mich, der ich lieber anderswo eskapiere, mit Mord und Totschlag locken. Oder zusätzlich mit „historisch“. Historische Heimatkrimis – bitteschön. Aber Ani, der Tiefbayer, weist auch hier in eine alternative Richtung. Die Region nicht als Kulisse, sondern als geistiger Ort. Im übrigen ist auch z.B. Peaces „1974“ ein Heimatroman. Nordengland. Ein Heimatroman, wie ihn in Deutschland allerdings noch keine/r geschrieben hat.

Ansonsten eine Menge Durchschnittsdruckerschwärze. Paprotta, Blaudez, Bottini und einige andere nehme ich vorderhand davon aus, weil ich sie noch nicht gelesen habe. Wie überhaupt, und dies zum Beschluss: Auch ich sitze unter meinem Hut und kann starren und starren wie ich will – viel weiter als über die Krempe hinaus komm ich einfach nicht.

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