Krimilexikon -A-

Eines der ehrgeizigsten Projekte der deutschen Krimikultur legt endlich erste Ergebnisse vor. Das von der Arbeitsgruppe „lexikalische Erfassung“ geplante „historisch-kritische Lexikon der deutschsprachigen Kriminalliteratur“ unter Leitung von Wolfram Dietz („Dinkelsbühler Neue Presse“) und Prof. Dr. Egon Schlenndorf (Fernuni Hagen) wird in den nächsten Jahren alles Wissenswerte zum Genre unter Mithilfe zahlreicher Fachgelehrter aus dem In- und Ausland zusammentragen und nach dem Stand der neuesten Forschung präsentieren. Als erstes Massenmedium veröffentlicht wtd vorläufige Auszüge aus den bisherigen Arbeiten der Gruppe.

A

Alibi, das: von Krimischreibenden eingestreuter versteckter Hinweis auf den Täter. Faustregel: Wer ein hieb- und stichfestes Alibi präsentiert, war’s am Ende. Personal ohne Alibi ist generell unschuldig.

Apfel, der: Lieblingsobst aller Krimischaffenden. Ohne Apfel keinen Sündenfall, ohne Sündenfall keine Vertreibung aus dem Paradies, ohne Vertreibung aus dem Paradies keine Verbrechen, ohne Verbrechen keinen Krimi.

Abel: irgendwie der Dumme bei der Apfelgeschichte (s. auch OPFER, erstes)

Aufklärung, die: eigentlich philosophische Richtung im 18. Jahrhundert (s. Diderot, Voltaire, Kant u.a.), im Kriminalroman der interessanteste Teil, meistens keine zwei Zeilen lang („Gestehen Sie, Schmidt!“ „Okay, okay“)

Agatha: Vorname einer ziemlich unbedeutenden englischen Kriminalautorin, die dadurch unsterblich wurde, dass sie – als sie nicht mehr wusste, wer’s denn nun gewesen sein könnte – einfach alle Beteiligten zu Mördern erklärte (s. auch VERBRECHEN IM ÖFFENTLICHEN PERSONENNAHVERKEHR).

Arbeit am Text, die: von Krimiproduzierenden euphemistisch so genannte Ruhephase zwischen Wichtigem (Steuererklärung) und wirklich Wichtigem (Fußball-WM)

Austrokrimis, die: von Österreicher/innen verfasste Kriminalromane, die man entweder nicht versteht (Dialekt) oder nicht versteht (lange Relativsätze) oder nicht versteht (Dialekt und lange Relativsätze)

Alkohol, der: In früheren Kriminalromanen oft Auslöser von Verbrechen (Totschlag an Ehefrau etc.), in neuen häufig Hilfsmittel zur Verbrechensaufklärung (s. auch ALKOHOLISMUS BEI KRIMINALBEAMTEN)

Angst, die: eigentlich: emotionaler Zustand, der mit nervlicher Anspannung einhergeht. In der Kriminalliteratur: gerne benutzte Vokabel bei der Titelfindung („Die Angst fährt mit“, „Stadt der Angst“, „Ich habe Angst um dich“,“Die Angst der Torwarts beim Elfmeter“) und dem Verfassen des Klappentextes („Vor lauter Angst werden Sie zum Nägelbeisser“), dessen Lektüre mit einem anderen emotionalen Zustand nervlicher Anspannung einhergeht (s. auch: VERÄRGERUNG)

Anarchie, die: üblicher Zustand eines Kriminalromans hinsichtlich Motiv, Psychologie, Tathergang, Beweisführung. Wird von erfahrenen Autoren auf den letzten drei Seiten in logische Ordnung verwandelt.

Aschaffenburg: hessische Stadt. Handlungsort von vielen Regionalkrimis (gilt auch für alle anderen deutschen Gemeinden ab 12 Einwohnern, die im Folgenden nicht mehr eigens erwähnt werden)

Amnesie, die: med. Fachausdruck für Gedächtnisverlust. In der Kriminalliteratur von Kritikern am Ende der Lektüre häufig angestrebter Zustand, den Inhalt des Gelesenen betreffend

4 Gedanken zu „Krimilexikon -A-“

  1. Historisch-kritische Projekte, noch dazu derart kolportiert in Massenmedien, finden natürlich schon per se meinen ungeteilten Beifall. Ich möchte als Fachgelehrte aus dem abseitigeren Inland meine Mitwirkung am HKLDK anbieten. Als Sold genügen mir Ru(h)m, Ehre und sagen wir 25 Belegexemplare des Gesantwerks, die ich dann als Verunsicherungslektüre meinen Praktikantinnen aufhalsen kann. Wenn das die Auflage sprengt, nehm ich die Broschur-Ausgabe (aber mit 4 Lesebändchen!). Grüße aus dem Norden, Else

  2. Aber gerne, Else! Wir können dir sogar 50 Exemplare der Halblederausgabe anbieten, mit ihren 12 voluminösen Bänden ein edler Blickfang für jedes Krimibücherregal. 8 Lesebändchen serienmäßig eingebaut, dazu digitale Fassung auf edlem USB-Stick kostenlos dazu. Welchen Buchstaben möchtest du gerne verantwortlich betreuen? F wie Feminismus, Frauenkrimi und Faschingskrimi,kulinarischer? Unter A erwähnen wir natürlich auch noch
    Ariadne: ursprünglich: Frau, die etwas von Labyrinthen verstand. In der Krimiszene bekannter Verlag, der etwas von Krimis versteht.

    bye
    dpr

  3. Mmmm, Blumen! Merci beaucoup. Tja, nehme ich nun F? Ich habe Sorge, dass ich dann auch Faunakrimis, Freudthriller und Ferienkiller behandeln muss. Ich könnte natürlich auch M nehmen, die Mordsweiber bejubeln und mich dann an Machos, Megakonzernmüll, Mittätern und Menschheitsfragen abreagieren … Bis wann muss ich mich denn entscheiden?

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