Ein Krimi beginnt mit dem Anfang und endet mit dem Schluss. So what? Wenn wir beide schon haben – wo liegen dann noch die Probleme?
Klingt das nicht furchtbar langweilig? Fünf Leutchen, die sich eine Stunde lang anöden, und am Schluss ist ein Mord geschehen, und der wird noch nicht einmal vernünftig aufgeklärt!
Kleiner Trost: Ein Krimi, der mit „Die sieben verstümmelten Leichen lagen unter der Abdeckplane des LKW“ beginnt und standesgemäß nach turbulenter Verfolgungsjagd mit dem Zurstreckebringen des Killers endet, ein solcher Krimi muss ja nicht zwangsläufig spannend sein. Ergo (hoch lebe der Umkehrschluss), bedeutet ein lendenlahmes Setting nicht automatisch ein dröges Buch.
Selbstredend steckt hinter allem volle Absicht. Ein Entwurf wie der oben notierte zwingt uns geradezu, solide Spannungsbögen zu konstruieren, uns nicht auf die Macht und Effizienz bloßer Effekte zu verlassen. Zugleich schränkt er uns natürlich ein. „In einem Raum“ spielt das Ganze, binnen einer guten Stunde. Gehen wir von 240 Seiten Roman aus (zum Umfang mehr in der übernächsten Campstunde), bedeutet das rein rechnerisch vier Seiten pro erzählter Minute!
Andererseits kommen wir auch hier gar nicht erst in Versuchung, durch nervösen Aktionismus und Ortswechsel potentielle Schwächen unseres Konstrukts kaschieren zu wollen. Jeder Fehler führt unweigerlich in die schlimmste Hölle von allen, die Langeweile, über die schlimmste Vorhölle von allen, den aus Unlogik und / oder Ratlosigkeit fabrizierten Pfusch.
Ich muss auch gestehen, dass es mich mit zunehmenden Alter (abnehmendes gibt’s ja leider nicht) immer mehr nervt, wenn KrimiautorInnen an die niederen, sprich von Fernsehen und Kino geprägten Instinkte der Leser appellieren. Ständig muss etwas „Dramatisches“ passieren, kein Leerlauf, keine Sekunde für den Leser, über das Geschriebene nachzudenken – er könnte ja auf den dummen Gedanken kommen, Nichtaktionistisches in einem Buch sei so etwas wie die Werbepausen im Fernsehen und auf’s Klo gehen oder Bier holen.
Die größte Herausforderung steckt indes im letzten Satz: „Die krimitypische Aufklärung des Falles findet nicht statt“. Kein Detektiv? Kein Kommissar? Keine hochnotpeinliche Untersuchung samt krachender Mörderüberführung?
Nichts. Dem Leser wird die Lösung nicht mundgerecht serviert. Sie muss aber, das ist der Anspruch, aus dem Text selbst zu ermitteln sein. Auch hier plagt mich das zunehmende Alter: Das Langweiligste an Krimis ist meistens die Auflösung. Und oft auch das Ärgerlichste. Entweder liegt die Lösung auf der Hand – dann ärgert es mich, weil alles so einfach ist. Oder du hast als Leser keine Chance, dir selbst das logische Ende zusammenzudenken – dann ärgert es mich, weil mich der Autor wie ein schlechter Lehrer bei der Hand nimmt. Wir probieren mal etwas Neues, und wenn wir dabei auf die Schnauze fallen, dann ärgern wir uns nur darüber, wenn’s nicht wehtut.
Hübsch eingefädelt. Aber noch nichts weiter als Hirngespinste, Absichten, Postulate und große Versprechungen. Eben so, wie es zu Beginn einer Planung sein sollte.
Wenn ich Ihnen, junger Freund (spricht der Mann fortschreitenden Alters) einen Rat geben darf, dann den: Überschätzen Sie sich! Goethe wäre nicht Goethe geworden, wenn er sich nicht überschätzt hätte! Und ein zweiter Rat: Halten Sie sich gleichzeitig für den letzten literarischen Heuler, das Untalentierteste seit Donna Leon, stellen Sie alles in Frage! Dann kann’s was werden!
Momentan schwirren im Kopf des Autors, der stolz auf diese eine und erste Karteikarte guckt, Gedankenpixel ordnungslos herum. Zur Handlung etwa: Wir werden wohl mit Rückblenden arbeiten und ein „Beziehungsnetz“ zwischen den beteiligten Personen knüpfen. Wie soll der Mord geschehen, wenn doch die gesamte Handlung in einem Raum stattfindet? Gift? Naheliegend. Noch offen.
Vielleicht hilft es uns, wenn uns beim nächsten Mal mit der Erzählperspektive beschäftigen. Hier erfolgt die vorentscheidende Weichenstellung.
Wem die Schreibhand juckt, der kann entweder seinen Senf kommentierend dazugeben oder hier mailen.