Liebesentzug

Eigentlich ist es ja so: Du hast einen Roman geschrieben und suchst einen Verlag, der daraus ein Buch macht. Du findest einen und bist glücklich. Und selbst wenn du es nicht bist: Hast du eine Alternative? Selbstverlegen, book on demand? Dann glaubt jeder, dass du es nicht „geschafft“ hast. Aber es tut sich was, wie →zweiArtikel zeigen, die mir heute via Facebook zugeflogen sind. Es geht um den Selbstverlag für Digitales und Gedrucktes, es geht um Verlage, die man nicht mehr liebt, weil SIE einen nicht lieben. Geschrieben haben dies nun etwa nicht abgewiesene AutorInnen, sondern sehr gestandene Kenner der Szene und Besitzerinnen von Verlagsverträgen. Spannende Sache. Oder doch nur ein Sturm im Wasserglas? Als durchaus mit einem Verlag Glücklicher beobachte ich das dennoch mit Interesse.

Der Teufelskreis des Politischen I

Vorspiel(en) auf dem Theater

Ein Mann steht auf einer Bühne. Er soll die Leute, die vor dieser Bühne sitzen, unterhalten, nein, Entschuldigung, nicht unterhalten, er soll sie belehren, aufklären, zum Nachdenken bringen, wozu er sie aber, wer weiß schon warum, zum Lachen bringen muss. Er ist kein Comedian, kein Witzeerzähler, kein Hanswurst mit Schellenkappe, er ist politischer Kabarettist und heißt Georg Schramm, man hat ihn schon im Fernsehen erblickt. Die Leute da vorne in der ersten Reihe gefallen ihm nicht. Großkopfete auf Freikarten, die das hier mit einer Muckibude für die Lachmuskulatur verwechseln. Oder eben nicht verwechseln, sondern ehrlich dafür halten.

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Herbert Dutzler: Letzter Kirtag

dutzler.jpg Nach einer Reihe eher unlustiger, dafür aber bekömmlicher Bücher sollte es diesmal etwas Leichtes sein. Weg vom amerikanischen Noir, hin zum österreichischen Schmäh. Während des Kirchweihfestes, titelgebend „Kirtag“ genannt, wird in Altaussee ein Mann erstochen. Gendarm Gasperlmaier, der den Toten entdeckt hat, macht sogleich einen schweren Fehler und schafft die Leiche aus dem Festzelt ins Pissoir, denn auch im Lande der Lederhosen und Dirndl muss die Show weitergehen, sprich der Gerstensaft ungestört von polizeilichen Ermittlungen fließen.

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Die Wege des Herrn

Ich gebe ja zu, →meine kleine Seite zu meinem ebenso kleinen Kriminalroman „Pixity – Stadt der Unsichtbaren“ ist nicht leicht zu finden, wenn man nicht weiß, was man suchen soll. Also benutzt man Suchmaschinen und gibt Begriffe ein. „hose unterm arsch“ zum Bespiel. Und schon ist man bei meinem Büchlein. Verstehe ich zwar nicht, gefällt mir aber. Hose unterm Arsch. Irgendeinen Bezug muss es ja geben…

Aus dem Leben eines Krimidesigners

Neulich landete ein dickes, ja, sagen wir ruhig: wohlhäbiges Buch auf dem wtd-Redaktionstisch, teure Broschur mit angeklebtem Lesebändchen, und auf dem Cover ein Aufkleber: „Ein kulinarischer Policeprocedural aus dem Rhein-Main-Donau-Kreis für alle Freunde des Noir und des Katzenkrimis“. Wir waren sprachlos. Und wie immer, wenn wir sprachlos sind, dachten wir angestrengt darüber nach, was in den Köpfen wildfremder Menschen vor sich gehen mag, wenn sie nachdenken. In welchem Gehirn werden solche Monstrositäten ausgebrütet? All die neuen „Subgenres“ und special-interest-Krimis, die „Kirchenthriller für Makrobiotiker“, die „Whodunits für Linkshänder“, der „erste Vollpfosten-Fußballkrimi zur Frauen-WM 2012?“ Dem wollten wir auf den Grund gehen.

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Jim Nisbet: Tödliche Injektion

nisbet_injektion.jpg Es gibt keinen Grund, „Tödliche Injektion“ zu lesen. Gegen die Todesstrafe sind wir sowieso, über das schwere Leben in Fixerkreisen ausreichend informiert. Auch Ehekrisen und üble Gesellen, die älteren Frauen das Gesicht wegblasen, kennen wir aus der Kriminalliteratur zur Genüge. Ok, das Cover ist gewohnte Pulpmaster-Klasse und die Sache mit der Kakerlake, der man den Rücken lackiert hat… oder Colleen, deren mit Kratern übersätes Gesicht es schafft, dass wir an Hässlichkeit und Schönheit zugleich denken… aber sind das wirklich gute Gründe, sich einen „Noir“ reinzuziehen, also ein Stück Krimikuchen, das weder süß noch sahnig noch angenehm im Abgang ist? Nö. Es gibt nur einen einzigen Grund, der allerdings alle Nichtgründe überwiegt: Jim Nisbet hat das Buch geschrieben.

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Eine geheime Gesellschaft

Wer nach ihr googelt, wird nicht fündig, wer Betroffene auf sie anspricht, erntet heftiges Kopfschütteln. Die „Deutsche Gesellschaft zur vollständigen Beseitigung der Kriminalliteratur“? Gibt es nicht! Was soll das sein? Hä? Wohl verrückt geworden? – Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus. Mächtige Buchscheiterhaufen, die nächtens auf entlegenen Weizenfeldern vor sich hin lodern; Krimikritiker mit ausgelaufenem Auge, gebrochenen Rippen und zerquetschten Genitalien; Autoren, die plötzlich „keine Lust mehr auf Krimi“ haben und sich – „äh, ich hab geerbt!“ – selbst in einer mallorquinischen Finca frühverrenten. Also gibt es sie doch, die DGVBK? Ja! Nur: Wer oder was ist das, wer oder was steckt dahinter? WTD ist es gelungen, den Mantel des Schweigens zu lüften.

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David Osborn: Jagdzeit

osborn.jpg Drei Mörder, zwei Opfer, ein Rächer. Die Rollen in David Osborns „Jagdzeit“ sind klar verteilt, das Setting verspricht Hochspannung nach dem Reinheitsgebot des Genres. Ein turbulenter, harter Thriller, der seit seiner Erstveröffentlichung 1974 nichts verloren hat und zumindest an Patina nichts dazugewonnen. Aber ganz so reibungslos und als Filetstück für im Lesesessel versunkene Genießer verläuft dann die Lektüre doch nicht. Zum Glück.

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Krimikritik 1990 – aus den Tiefen einer Bibliothek gezogen

Alle Jubeljahre fällige und hochmotiviert angegangene Renovierungen von Arbeitszimmern mit integrierter Bibliothekswand fördern unweigerlich interessante altertümliche Funde zutage. Na sieh mal an, „Der Mord an Suzy Pommier“ von Emmanuel Bove! Könnte man doch mal wieder nachlesen, was die literarische Moderne so alles mit dem Krimi angestellt hat. Und das hier? „Von Büchern und Menschen“, 1990 in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, wie das Preisschild verrät für 2 Märker irgendwann einmal aus der Krabbelkiste gefischt. Was Krimirelevantes? „Über die Rauchgewohnheiten Sherlock Holmes’“. Ok, kann, aber muss jetzt nicht sein. Moment – und was ist DAS hier?

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James Dickey: Flussfahrt

dickey.jpg Eine klassische Konstellation des Spannungsgenres. Vier Männer, allesamt solide amerikanische Mittelschicht, planen einen aufregenden Wochenendtrip. Mit zwei Kanus wollen sie einen ungebändigten wilden Fluss erobern, es ist die letzte Chance, denn das ganze Gebiet soll bald geflutet und zum Freizeitareal werden. Ed, der Erzähler, ist Werbegrafiker, Motor des Ganzen ist Lewis, Fitnessfanatiker, ein ganzer Kerl mit Drang zum Abenteuer. Sie fahren los. Alles scheint so wie erwartet und erhofft: Anstrengend, aufregend, urwüchsig, prima Erfahrungen für Stubenhocker in einer archaischen Welt.

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Das Buch und ich

(Die Diskussion um das Wesen und die Wirkung politischer Krimis geht weiter. Und zwar, was nahe liegt, unter dem Gesichtspunkt der Nützlichkeit des Lesens überhaupt. Else Laudan beschreibt, warum sie liest und was ein Roman haben muss, um keine Zeitverschwendung zu sein. Persönlich – und natürlich politisch…)

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Dickey, Osborn, Household: ein Archetypus des Krimis

Es ist dünnes Eis, auf dem wir wandeln. Darunter brodelt Magma, unter der Erdkruste wie unter dem Zivilisationsüberzug, und jeden Moment drohen wir einzubrechen, unser bisschen Zivilisiertheit verdampft im Triebhaften, das angelernte Gute löst sich im archaisch Bösen auf. So jedenfalls sagt es ein Gemeinplatz der philosophischen Psychologie, davon handelt Kriminalliteratur generell. Von dieser hauchdünnen Distanz zwischen Kultur und Natur, Gutbürgerlichkeit und Verbrechen.

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Nachruf auf Guido Rohm

pathologie-252.jpg Der Kriminalschriftsteller Guido Rohm (Blut ist ein Fluss, als Simon Beckett Tiere u.a.) hat heute, in den frühen Morgenstunden des 14. Mai 2011 →das Zeitliche gesegnet. Diese an sich schon erschütternde Nachricht trifft mich umso schwerer, als ich selbst diese Katastrophe ausgelöst habe. Bei den Arbeiten an meinem neuen, sehr mysteriösen, inzwischen schon Kultstatus erreicht habenden Werk Das große Totenbuch der Kriminalliteratur. Eine Vademekum für die ganze Familie (im Herbst bei Conte) war mir aufgefallen, dass noch kein Kriminalschriftsteller, keine Kriminalschriftstellerin an einem 14. Mai die Welt betreten resp. das Zeitliche gesegnet hat. Eine entsprechende launige Aufforderung bei Facebook nahm Rohm zum Anlass, mir in die Hand hinein zu versprechen, dieses Manko pünktlich zu beheben. Er hat Wort gehalten. Wer aber war Guido Rohm?

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Andrej Longo: Sarahs Mörder

longo.jpg Dass es in Sarahs Mörder nur am Rande um Sarahs Mörder geht, dämmert einem schnell. Auch Neapel, dieser korrupte, stinkende Moloch, bildet keineswegs das Zentrum des schmalen Romans, mag es uns der Verlag noch so dringend nahe legen. Sarahs Mörder handelt ganz einfach von einem Jungen, der das Leben kennenlernt, auf die harte Tour zwar, aber dennoch sensibel, von einer Katastrophe in die kleinen Nervenzellen des eigenen Lebens abgeleitet.

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