Lektion 13: COOL!!! PC ALS ALTERNATIVE ENERGIEQUELLE!!!

„Ach, diese Heizölpreise!“ seufzt Permanentvolontärin Fräulein Katja und lutscht weiter versonnen an unserem Redaktionsmaskottchen, dem GROSSEN GIFTGRÜNEN GARANTIERT GOTTSCHALKFREIEN GUMMIBÄRCHEN. Seit seiner Anschaffung anlässlich der Entdeckung der Postleitzahlen durch den Norweger Amundsen soll uns das GGGGG bei der Produktion guter Ideen helfen. Fünf Minuten versonnen lutschen = 1 guter Gedanke, wie der Vertreter damals versprochen hatte, dem wir das Bärchen gegen teuer Geld abkauften. Bei Fräulein Katja hat es auch tatsächlich schon einmal geklappt: Am 15. April 1959, als sie plötzlich mit dem versonnenen Lutschen des Gummibärchens innehielt und meinte: „Ich denke, der 2. Weltkrieg ist vorbei. Wir können so langsam aus dem Kartoffelkeller raus.“

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Lektion 12: Frequently Asked Questions 3

Seit der Erfindung von HINTERNET! im Jahre 1902 durch die Gebrüder Wright hat noch niemand unsere Redaktionsvolontärin Fräulein Katja so hart arbeiten sehen. Dreimal täglich keucht sie, schwere Postsäcke auf dem von Alter und Gebrechen gebeugten Rücken, die Treppen hoch und schüttet dann den ganzen Krempel auf meinen Schreibtisch. „Wieder Leserzuschriften, Chef!“ entkommt es ihr mit letzter Kraft, bevor sie sich in ihr Kämmerlein schleppt, um ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: die Rentenversicherungsnummern aller HINTERNET!-Mitarbeiter auswendig lernen und miteinander im Kopf multiplizieren.

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Lektion 11: Frequently Asked Questions 2

Aus dringlichen Gründen bringen wir heute in unserer beliebten Kolumne das 2. FAQ. Sie werden schon sehen, warum! Also, was wir, das allzeit tätige Team der beliebten Online-Illustrierten HINTERNET täglich als erstes zu sehen bekommen, ist ER: Willibrord Wittich, seines Zeichens Briefträger und dreifacher Träger des mallorquinischen Ballermann-Einen-Eimer-Sangria-Auf-Ex-Ordens, wie er (Wittich, nicht der Orden) die Treppen hochkeucht, um uns, in vorbildlicher Dienstauffassung, die Tagespost zu überreichen: zwei Briefe. „Sonst kriegen Sie doch immer nur einen! Vom Gerichtsvollzieher meistens! Der ist schwer genug! Aber gleich zwei auf einmal? Ob ich das tarifrechtlich überhaupt darf?“ Dabei wiegt er bedenklich räsonnierend sein Haupt, das schon zu dieser frühen Stunde von reichlichem Trainingssangria-Genuß benebelte, denn der 4. Orden muß her!

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Lektion 9: Inside Internet – Interessante Informationen 1

Heutzutage, da jeder Hansel und Wurstel, der eine AOL-Software installieren kann, sogleich ein „Internet startup“ gründet, sich eine Pferdeschwanzfrisur wachsen läßt und sein dummes Geschwätz fortan „online content“ nennt, heutzutage also kannst du, LeserIN, nicht genug über das Internet wissen. Denn bedenke: Ohne Internet gäbe es stücker 100.000 Arbeitsplätze weniger in der landwirtschaftlichen Industrie, 20.000 Maurer stünden auf der Straße und die „Ich-schreibe-eine-Kolumne-über-Computer-fürs-Hinternet“-Branche würde gar gänzlich vom Arbeitsmarkt verschwinden. Beginnen wir daher heute mit der hochinteressanten Doppelfrage: Wer entdeckte eigentlich das Internet – und was ist das überhaupt?

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Holly Cole: Romantically Helpless

Holly Cole wird es schaffen. Irgendwann und irgendwie. Vielleicht nicht mehr in diesem Leben, aber in einem besseren. Denn Holly Coles Geschmack ist das, was man „distinguiert“ nennt. Und er läßt sie auch auf ihrem neuesten Werk nicht im Stich. Was Holy Cole singt – und sei es Paul Simons „One Trick Pony“ -, erhält sofort einen Schuß leichten Jazz. Und manchmal, wie im Titelsong, sogar einen Spritzer Bossa Nova.

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Lektion 8: Textverarbeitung der dritten Generation

Ganz zu Anfang der, wie wir Experten sagen, „computer history“ konnten Textverarbeitungen nicht einmal das, was sie in ihrem Namen versprachen. Man tippte einige Sätze ein, wartete auf die Verarbeitung und gab, als diese vergeblich auf sich warten ließ, den Speicherbefehl. In diesem Moment hatte man verloren, denn das Speichern der Texte war nicht vorgesehen, geschweige denn das Ausdrucken.

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Lektion 7: Frequently Asked Questions 1

Immer wieder erreichen mich Hilferufe aus dem Kreis der werten HINTERNET-Gäste, drängende Schicksalsfragen zumeist wie „Panik! Was soll ich nur machen? Die Diskette klemmt im RAM-Speicher!“. Aus diesem Grunde seien an dieser Stelle und in loser Folge die wichtigsten Fragen exemplarisch behandelt, zu Nutzen und Frommen aller, amen.

Maik Honecker aus den neuen Ländern zum Beispiel nervt mich mit folgendem: „Lieber PC-Doktor! Ich bin noch Frischling in der IT-Branche und lerne gerade das ABC des Computerjargons. Eine Abkürzung konnte mir bis jetzt niemand erklären, auch die Fachpresse schweigt skandalöserweise. Die Abkürzung lautet: PDS. Was soll das sein? Weißt du’s?“

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Lektion 6: Datenträger – ein Beruf mit Zukunft

Die Geschichte des Datenträgers beginnt knapp vier Monate nach der Erfindung des Feuers. Erst mit seiner Hilfe war es möglich, an die Wände der Wohnhöhlen gemalte Zeichen überhaupt als solche wahrzunehmen. Natürlich waren die ersten so entstandenen Daten von der Banalität jeder Pionierleistung: „1a-Mammut zum Selberschlachten“ wurde da geschrieben, oder „Neanderthaler raus!“.

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Leona Naess: Comatised

Warum Leona Naess nicht bald auf dem kommerziellen Niveau einer Sarah McLachlan oder Sheryl Crow sein sollte, ist nicht einzusehen. Sie sieht gut aus, orientiert sich am erfolgreichen Rezept, ihre für akustische Klampfe konzipierten Songs mit moderatem Rock und monotonen Drums aufzumöbeln – ja, und singen kann sie auch ganz nach Bedarf: mal fordernd, mal flehend, mal femme fatal, mal Familienmami.

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Lektion 5: Der Rechner – bester Freund des Menschen

Laut einer Umfrage des Allensbach-Instituts hat der gemeine Rechner, auch „Computer“, „PC“ oder „Dreckding“ genannt, inzwischen bei 45% aller Befragten das gemeine domestizierte Tier, auch „Hund“, „Katze“ oder „Maus“ genannt, als liebsten Hausgenossen abgelöst. Das ist interessant, hat doch eine frühere Umfrage des selben Institutes ergeben, daß noch 1995 Haustiere bei männlichen Befragten höher im Kurs standen als Ehefrauen.

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Lektion 4: Computerkauf

Der Erwerb eines Rechners sowie des benötigten Zubehörs ist ein Kinderspiel. Sich im Vorfeld mit irgendwelchen Gedanken zu belasten (Was brauche ich? Was darfs kosten? Will ich später einen CD-Brenner einbauen?), ist völlige Zeitverschwendung, da mit dem Betreten eines Computerfachgeschäfts der Computerfachverkäufer für uns denkt und etwaige Vorüberlegungen unsererseits damit hinfällig werden.

Das „Handbuch der terroristischsten Berufe“ (Berlin 1997, 3. Auflage) verzeichnet unter dem Stichwort „Computerfachverkäufer“ folgende drei Haupttypen:

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Lektion 2: Verlorene Dateien wiederfinden

Es war einmal ein User, der hatte drei Dateien. Sie lebten alle zufrieden und glücklich in einem Ordner „Unbezahlte Rechnungen“ und freuten sich ihres Lebens, waren redlich und strebsam – und wurden selbstverständlich niemals ausgedruckt geschweige denn versandt.

Eines Tages war die jüngste der drei Dateien plötzlich verschwunden, und kein Mensch wußte wohin. Da weinte der User bitterlich, so daß ihn die beiden anderen Dateien fragten „Warum weinst du, Vater? Wahrscheinlich macht unser Bruder einen Zug durch die Festplatte und hat sich verirrt, so daß er nimmermehr zurückkommen wird. Also weine dem Liederlichen keine Träne nach.“ Da weinte der User umso bitterlicher.

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Lektion 1: Das Ein- und Ausschalten

Das Einschalten des Computers erfolgt über den Einschaltknopf am Computer. Er dient auch zum Ausschalten des Computers, heißt dann aber nicht mehr Einschaltknopf. Außerdem verkompliziert es die Dinge insofern, als vor dem Einschalten des Computers geklärt werden muß, ob der Computer gerade ein- oder ausgeschaltet ist. Faustregel: Ist der Computer eingeschaltet, kann er nur noch ausgeschaltet werden; ist er ausgeschaltet, kann man ihn einschalten.

Wie ermittelt nun der Profi den jeweiligen Zustand seines Rechners bezüglich ein- resp. ausgeschaltet? Ungeübte Anwender richten sich nach „dem grünen Objekt am Tower“, zumeist ein Viereck oder Kreis. Ist dieses gut sichtbar, sei der Computer eingeschaltet, ist es nicht sichtbar, sei er ausgeschaltet. Leider lehrt die Erfahrung, daß häufig angebliche „grüne Objekte am Tower“ verirrte Kleckse Waldmeister-Konfitüre der Firma Schwartau sind und über den aktuellen Status des Gerätes nur sehr unzuverlässig Auskunft erteilen.

Etwas fortgeschrittenere Anwender orientieren sich am sog. „Monitor“. Ist dieser schwarz oder dunkelgrau, gilt der Rechner als abgeschaltet, ist er andersfarbig und / oder bewegt sich etwas auf ihm, kann man ihn als eingeschaltet betrachten. Leider rührt eine eventuelle Andersfarbigkeit der Monitoroberfläche nicht selten von einem gehäkelten Bildschirmschoner her, wie ihn etwa die schweizer Firma „Gehäkelte Bildschirmschoner AG“ weltweit vertreibt. Sie zeigen im Allgemeinen die Abbildung einer gehäkelten Klopapierrolle oder, sehr tückisch, eine schwarze resp. dunkelgraue Monitoroberfläche, was den Wert dieser Monitoroberfläche als Indikatorin von Ein- oder Ausgeschaltetsein vollends obsolet werden läßt.

Der Profitipp: Man öffne vermittels eines Schraubenziehers das Gehäuse des „Towers“ und lege das sog. Motherboard frei, auf welchem sich das ebenfalls sog. „BIOS“ (Bin Ich On, Schatz?) befindet. Über dieses gieße man sodann eine kleinere Menge lauwarmer Flüssigkeit. Ein Bios der dritten Generation wird auf diese Kontaktierung mit einem lauten und vernehmlichen „Ja!“ antworten (in der englischen Version: „Yes!“). Ältere Modelle reagieren bisweilen mit dumpfen Geräuschen und mittelschwerer Rauchentwicklung.

Der Profi weiß nun: Wenn der Rechner, als das Bios benäßt wurde, an war, so ist er jetzt definitiv aus. War er aus, dann bleibt er es sowieso auf ewig.

Der Hinternet-Expertentipp: Legen Sie ein Word-Dokument an, in dem sie den Status Ihres Rechners festhalten (an/aus). Gelingt es Ihnen ohne Mühe, an dieses Word-Dokument zu gelangen, können Sie davon ausgehen, daß der Rechner eingeschaltet ist. Gelingt es Ihnen nicht, ist der Rechner entweder ausgeschaltet, oder Sie haben das Word – Dokument versehentlich gelöscht. Wie Sie dann vorgehen müssen, erfahren Sie in der nächsten Lektion, wenn es wieder heißt: „Hilfe, mein BIOS spricht!“

Musikbücher VI

A href, Freunde! Mit diesem orientalischen Gruß melde ich mich nach einer längeren Zeit des Schweigens wieder einmal mit neuen Musikbüchern, die sich wie immer dadurch auszeichnen, dass sie schon steinalt sind.

Aber halt! Eine Ausnahme. In bälde erscheinen wird die erste deutschsprachige Joni-Mitchell-Biografie, ein Werk von außerordentlicher literarischer Klasse, philosophischem Tiefsinn und aberwitzigstem Witz. Der nicht genug zu lobende Starcluster-Verlag wird die gut 200, mit vielen unglaublichen Fotos gewürzten Seiten as soon as possible herausbringen, lächerliche 49 Mark 80 dafür verlangen und expressement versenden.

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Musikbücher V

From the bottom of the ocean to the mountains of the moon: Willkommen zu einer musikliterarischen Reise aus den Niederungen deutscher Beschränktheit hin zu den Höhen deutschen Weltbürgertums, aus dem Elend der Sprache mitten hinein in den Reichtum der Phantasie.

I’m your captain: denn, Leser, du brauchst einen Lotsen, der dich nicht nur sicher führt, sondern dich auch darauf vorbereitet, welcher ungeheure Druck tief unten im Meer des Büchermarktes dein Haupt beschweren wird. Eine Gewöhnungssache. So nähern wir uns dem Ort, wo sich dir die geballte Dummheit tonnenschwer auf die Schädeldecke legt, ganz allgemach mit einem Zitat:

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Dieter Paul Rudolphs Inselplatten

Joni Mitchell: Hejira (1976)

Konzeptalben gehörten zu den schlimmsten Heimsuchungen der 70er, wenn ein schlichtes Gemüt tiefgründig über ein schlichtes Thema brütete und dem so erhitzten Ei dann doch nur der übliche Rührkuchen entfleuchte. Joni Mitchells „Hejira“ ist ein Konzeptalbum – aber eines, das sich seinem Gegenstand auf vielfältige Weise nähert, sowohl textlich als auch musikalisch. Es geht, verkürzt gesagt, um Heimatlosigkeit, ums Herumirren, um schwache Männer und schwache Frauen.

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Musikbücher IV

Sechs mehr-oder-weniger-Neuerscheinungen gilt es euch heute näherzubringen. Beginnen wir mit dem von mir sehnlichst erwarteten Werk „Lyrics And Poems“ von Joni Mitchell, erster von drei angekündigten Bänden, deren beiden noch ausstehenden den „Malereien“ respektive „Autobiografischem“ gewidmet sein sollen. Nun schön. Es freut mich natürlich, endlich sämtliche Songtexte der großen Joni zwischen zwei Stückern Pappdeckel im Regal zu haben – von mir aus hätt’s auch Hardcover sein können, da bin ich ganz bibliophiler Snob und scheue die Extramärker nicht.

Aber na gut, dann halt Broschur. Nur: Kündet der Titel nicht von „Lyrics AND Poems“, dem also, was unsereiner landläufig „Gedichte“ nennt und von denen in Jonis Schublade garantiert noch mancher Versuch ruht? Kündet er. Wird aber nicht gebracht. Bloß Songtexte. Und der Verlag entschuldigt sich auf einem beigelegten Papierstreifen auch noch dafür, daß leiderleider die Texte der für Februar 1998 erwarteten 18. Mitchell-Platte, „Taming The Tiger“, nicht haben abgedruckt werden können – „due to circumstances beyond our control“, ja, ja, das sagt Herr Rühe auch gerade. Als großer Verehrer der Kanadierin will ich aber mal nicht so sein. Haben wir halt nur die Songtexte und ein erläuterndes Vorwort nebst Anmerkungen, denn es gibt ja soviel zu schreiben über diese „lyrics“, diese Juwelen unter all dem Schrott herkömmlichen Popgereimes. Ha! Nichts da! Kein Vorwort! Keine Anmerkungen! Nur eine Seite kümmerlichste Diskografie am Schluß des Buchs! In mir breitet sich eine große Traurigkeit aus, und wäre mir zum Weinen zumute, ich würde es gewiß tun. Bist du dran schuld, Joni? Oder der knickrige Verlag? Apropos Verlag: Wo ist der deutsche Verlag, der mich die Texte ins Deutsche übertragen läßt? Mit Vorwort! Mit Anmerkungen! Wir werden die Literaturpreise nur so abräumen, meine Damen und Herren Verleger! Sie werden in den Parnass aufsteigen, bei Desinteresse aber weiter in der Hölle der 698. Dylan-Biografie schmoren! Nur Mut! Melden!

Kommen wir zu zwei recht ansprechenden Werken über die englischen Folkrockpioniere Fairport Convention, zunächst zu einer aktualisierten Neuauflage des bereits 1972 erschienenen „Meet On The Ledge. Fairport Convention – The Classic Years“. In den reichlich düsteren Jahren der britischen Popmusik zwischen etwa 1970 und 1976, also dem Split der Beatles und dem Siegeszug des Punk, kam akustischer Trost in erster Linie aus den Gefilden des Folkrock. Den hatten die Briten keineswegs erfunden, wie uns manchein oberflächlich recherchierender Journalist gerne weismachen möchte, und es war auch nicht so, daß die Erleuchtung, altes englisches Liedgut mit modernen Rocktönen zu verbinden, über Nacht gekommen wäre. Nein, das Licht leuchtete von Amerika her, vom Folkrevival der Frühsechziger, dem Countryblues, von Woody Guthrie, Tom Paxton, Pete Seeger und, er darf natürlich nicht fehlen, vor allem Bob Dylan. Die Byrds schließlich machten vor, wie sich Folk und Rock verbünden konnten (nebenbei sei bemerkt, daß sie vom englischen Genius profitierten, den Beatles nämlich), die Insulaner machten es nach. Fairport Convention, 1967 vom umtriebigen Ashley Hutchings gegründet (er zeichnete auch für das Inslebenkommen von Steeleye Span und der Albion Country Band verantwortlich), begnügten sich auf ihrem Debütalbum noch mit Joni Mitchell-Covern und ersten Eigenkompositionen, die den amerikanischen Vorbildern huldigten. Zwei Ereignisse änderten das: Zunächst der Beitritt von Sandy Denny (sie kam für Judy Dyble, die singende Bibliothekarin), dann mit dem wachsenden Selbstbewußtsein des milchgesichtigen Gitarristen Richard Thompson, der fortan als Komponist glänzte. Beide stellten sich in der Folgezeit nicht nur als treibende Kräfte von FC heraus, sondern wurden auch die herausragenden englischen Singer/Songwriter der Siebziger. Thompson ist bis heute an der Spitze geblieben, Sandy Denny fiel 1978 eine Treppe runter und war tot, aber leben wird sie immerdar. 1969 brachte man mit „Liege & Lief“ das erste britische Folkrock-Album heraus, und es strahlt bis heute.

Unsere zweite FC-relevante Neuvorstellung heißt „Fairportfolio“, stammt von Kingsley Abbott, einem Jugendfreund der Band, und bietet auf ca. 60 Seiten Einblicke in die Anfangsphase, mit seltenen Fotos und Zeitungsschnipseln, rührend unprofessionell abgedruckt, aber eben mit Liebe, wie es einer im Eigenverlag erschienenen Publikation frommt. Kostet stücker 30 Mark, ist beim Autor erhältlich (Adresse siehe unten) und nur etwas für ausgemachte Liebhaber der Band.

Das nächste Buch, das ich euch ans Herz legen will, behandelt ein amerikanisches Thema, ist allerdings auch von einem Engländer geschrieben worden (na, und so ganz neu ist es auch nicht: 1996. Aber wann soll ich denn den ganzen Kram lesen?!): „Waiting For The Sun. The Story Of The Los Angeles Music Scene“. Barney Hoskyns heißt der Autor, hat lange in L.A. gelebt, schreibt heute für verschiedene Zeitschriften, u.a. für MOJO, und so wie wir keine Zeitschrift hierzulande haben, die an MOJO heranreicht (schleicht’s euch, Rolling Stone-Schreiber! Nur daß sie „Happy Boys Happy“, den fulminanten Schmitt/Twelker-Happen über die Small Faces, etwas unterkühlt-britisch besprochen haben, ist den Mojo-Mannen anzulasten. Typisch angelsächsischer Neid, klar, und außerdem gehört das gar nicht hierher, verwirrt nur die Leser, die darauf warten, daß ich die Klammer endlich zumache. Mach ich’s also. Es geht also jetzt (nach der Klammer) damit weiter, daß ich gesagt habe, es gäbe keine Zeitschrift wie MOJO hierzulande (danach kommt besagte Klammer, die ihr aber ignorieren könnt, weil ihr gerade mittendrin seit, d.h. eigentlich habe ich sie ja zugemacht) (nein, nicht DIE Klammer! Das ist eine Klammer in der Klammer, und die mache ich jetzt zu. So:), und jetzt muß ich weiterfahren, daß es selbstverständlich auch kein solches Buch über die L.A.Szene hierzulande gibt. Ergo:), so haben wir selbstverständlich auch kein solches Buch über die L.A.-Szene. Wie denn auch! Das Ding ist in Leinen gebunden! Wiegt ungefähr so viel wie ein Pfund Kaffee (ich hab’s ausprobiert; es war entkoffeinierter)! Ist in einer Sprache geschrieben, die mehr als den Grundwortschatz benötigt! Enthält kein einzig Sterbenswörtlein über die Kelly Family! Ist also in Deutschland unverkäuflich! Und ein Standardwerk!

Hoskyns entwickelt die Geschichte des musikalischen L.A. chronologisch, beginnt etwa in der Nachkriegszeit und endet im Hier und Jetzt. Was man erwarten konnte. Aber da betet nicht nur einer Daten runter, sondern er hat seine Grütze beim Schreiben stets dabei, was man ja nicht von allen sagen kann, die schreiben. Das Ganze ein „Sittenbild“ zu nennen, wäre nicht falsch. Schwerpunkt des Buches ist natürlich die Mitt- bis Endsechziger-Phase der Canyon-Schickeria, als sich von Zappa bis zu den Eagles alles in den diversen Tälern tummelte. Hoskyns beschreibt, wie sich der anfängliche Idealismus der friedlichen und kreativen Gemeinschaft allmählich zum blanken Horrorszenario wandelt. Man hat sich von der Außenwelt abgekoppelt, schnupft, spritzt, raucht, was nur irgendeinen Kick verspricht, und wird in Gestalt von Charles Manson und seiner Family schließlich mit dem Entsetzen konfrontiert. Was einige ernüchtert, andere nur resigniert ins nächste Refugium weiterziehen läßt. Hoskyns arbeitet bei der Beschreibung jener Jahre vor allem mit Gruppen- und Solistenporträts – was ein kleines Manko ist, denn dabei kommt ihm manchmal der analytische Verstand abhanden. Aber nur kurzzeitig, er findet ihn schnell wieder. Alles in allem liefert er den Beweis, daß Musikjournalismus weder reine Starparade noch soziologisch-tiefgründelndes Gewäsch sein muß. Man kann auch erzählen, sich an Anekdoten delektieren und, wie erwähnt, das Hirn als kongenialen Partner der Schreibhand akzeptieren. Vielleicht auch bald in Deutschland? Wo sich ein Verlag findet, der eine Übersetzung finanziert? Dürfte auch Paperback sein. Auf holzhaltigem Papier. Wunschtraum eines ewig Unbelehrbaren.

Über „Frauen im Rock“ (selten dämlicher Begriff!) ist in den letzten Jahren eine wahre Flut von Publikationen geschwappt, einige auch an dieser Stelle besprochen und doch artig gelobt. „Trouble Girls. The Rolling Stone Book Of Women In Rock“, herausgegeben von Barbara O’Dair ist nun der bislang kompetenteste Reader zum Thema. Zwar kein Lexikon im eigentlichen Sinne, aber ein Nachschlagewerk erster Güte, was vor allem daran liegt, daß a) wirklich fähige Autorinnen (und Fotografinnen!) mitwirken und b) der übliche US-Zentrismus amerikanischer Publikationen hier erfreulicherweise etwas abgemildert wurde. Man findet z.B. einige schöne Seiten über Sandy Denny, und selbst June Tabor wird wenigstens zweimal namentlich erwähnt. Daß ich das noch erleben darf! Schön auch, daß man sich endlich einmal des Themas „Groupies“ ohne den moralischen Zeigefinger angenommen hat. Der Janis Joplin-Beitrag ist herrlich ironisch, die Karen Carpenter-Story analytisch erhellend. Und so weiter. Selbst Gillian G. Garr, Autorin eines mäßigen Rockfrauenbuches, das gerade bei 2001 verramscht wird, weiß zu Laurie Anderson Erbauliches zu schreiben, was ich ihr, ehrlich gesagt, nicht mehr zugetraut hätte. Natürlich: Auch dieses Werk kann das große Dilemma nicht überwinden, daß man beim Thema „Frauen und Rockmusik“ stets auch die gesellschaftliche Seite berücksichtigen muß, dabei aber fast zwangsläufig die reine künstlerische Leistung in den Hintergrund rückt. Aber so ist das halt: Die Geschichte der Rockfrauen ist vor allem die Geschichte ihrer Diskriminierung – und die Geschichte ihrer Emanzipation.

Emanzipation ist auch ein gutes Stichwort für unsere letztes Werk: Es heißt „Björk. Björkgraphy“, wurde von Herrn Martin Aston geschrieben und handelt natürlich von Leben und Wirken jener seltsamen Frau Gudmundsdottir aus dem hohen Norden. Wie fast alle ihre Kolleginnen ist auch Björk inzwischen das Objekt sogenannter „illustrated biographies“ geworden, also gemeinhin stark bebilderter Broschüren, deren Textteil wohl nur aus Versehen mit hineingerutscht ist. Nicht so dieses Buch, das auf satten 336 Seiten die Stationen der Karriere Björks Revue passieren läßt. Tappi Tikarass, Kukl, Sugarcubes, endlich die blendenden Soloveröffentlichungen – nichts wird übergangen, aber das kann man schließlich von einer Bio erwarten. Nicht unbedingt zum Standard gehört es, sich auch über das gesellschaftliche Umfeld schlau zu machen, zumal es sich im Falle Björks um das exotische der Insel Island handelt. Aber Aston gelingt auch dies, man merkt, er war dort und hat sich umgeschaut, hat einiges Merkwürdige beobachtet und gibt es im einleitenden Kapitel seines Buches preis. Daß auf den 336 Seiten manches zu erschöpfend behandelt wird und gewisse Ermüdungen beim Leser nicht ausbleiben können, ist selbstverständlich. Aber noch erträglich. Für alle Fans ein Muß, auch wenn die aktuelle Entwicklung („Homogenic“, das letzte Album, das Säureattentat usw.) in diesem 96er Werk naturgemäß fehlen.

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Für alle, denen es wieder einmal viel zu schnell gegangen ist, hier noch einmal Titel, Autoren, Verlage, Preise:

Joni Mitchell: The Complete Poems And Lyrics. London (Chatto & Windus) 1997, Preis: 14 Pfund 99
Patrick Humphries: Meet On The Ledge. Fairport Convention - The Classic Years. London (Virgin Books) 1997, 176 Ss. Preis: 9 Pfund 99
Kingsley Abbott: Fairportfolio. Personal Recollections of FAIRPORT CONVENTION from the 1967-1969 era. North Lopham 1997 (zu beziehen über: Kingsley Abbott, "Hollycot", High Common, North Lopham, Diss, Norfolk, IP22 2HS), Preis: ca. 10 Pfund
Barney Hoskyns: Waiting For The Sun. The Story Of The Los Angeles Music Scene. London (Viking/Penguin) 1996, 356 Ss. Preis: 20 Pfund, die sich lohnen.
Barbara O'Dair: Trouble Girls. The Rolling Stone Book Of Women In Rock. New York (Random House) 1997, Preis: 25 $
Martin Aston: Björk - Björkgraphy. London (Simon & Schuster) 1996, Preis: 10 Pfund 99

Musikbücher III

Ihr, die euch die Gnade der späten Geburt vor so manchem bewahrt hat, werdet euch nicht erinnern können. Aber glaubt mir: Es gab eine Zeit, da jeder Rentner, der etwas auf sich hielt, hierzulande beim Anblick eines Langhaarigen schöne Visionen bekam. In ihm dräute dann die 1000jährige Sehnsucht nach einer freundlich im frühen Morgenlicht blitzenden Guillotine im propperen Hof eines wohlorganisierten Konzentrationslagers. Und er dachte (meistens still in sich hinein, manchmal laut aus sich heraus): Hei, wäre das nicht schön, wenn jetzt dieser langhaarige Kopf, der so arg voll ist von verseuchter Beatmusik, unterm Fallbeil=da zu liegen käme und – schwupp – abgeschlagen würde, auf daß er in ein weiches Auffangnest aus druckfrischen BILD-Zeitungen plumpsete? (Unsere ehemaligen Rentner beherrschten noch den altertümlichen Konjunktiv!)

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