Eine kurze Notiz über das Lesen von Kriminalromanen

„Sie wünschen – wir schreiben“ versprachen wir gestern an dieser Stelle. Unsere Leserin Frau Krimi aus Österreich wollte wissen, warum Menschen eigentlich Krimis lesen. Kein Problem. Diplomphilosoph Darius Pjotr Radunzki, der das wtd-Team in existentiellen Fragen („Wer darf mit den Mädels in den Whirlpool?“) berät, hat sich so seine Gedanken gemacht. Gestern. Beim Kaffee. Zwischen 14.45 und 14.49 Uhr. Wir stellen sie im Folgenden zur Diskussion.

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Erstaunliches Amazon

Ich verstehs nicht. Gestern abend waren bei Amazon noch 2 „Menschenfreunde“ am Lager und das Buch tummelte sich irgendwo um Rang 230.000. Heute morgen ist noch 1 Menschenfreund verfügbar, einer also wurde über Nacht verkauft, was natürlich großartig ist und der Erwerber sei hiermit gepriesen und gebenedeit unter den Amazon-Kunden.

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Sie wünschen – wir schreiben

Im Moment steht mir der Kopf woanders, da will einfach kein Blogthema rein. Aber wozu hat man seine Leserinnen und Leser? Sollen doch die einem sagen, über was man mal was schreiben könnte. Mehr so allgemein oder mehr speziell, bitte keine Rezensionen, bitte keine Autorenporträts, bitte nichts, von dem ich keine Ahnung habe – okay, da bleibt nicht mehr viel übrig. Versucht es trotzdem mal: Das hier ist ein Wunschblog, das ist perfekter Service. Na? Worüber soll ich jetzt schreiben?

Anne Chaplet: Schrei nach Stille

Vor Jahreszahlen, die mit einer 8 enden, schaudert es mich. Schwärmt doch dann die gesammelte kritische Medienwelt aus und zerrt die üblich verdächtigen Zeitzeugen von „Achtundsechzig“ vor die Notizblöcke und Fernsehkameras, auf dass diese schwankenden Gestalten zum 20., 30., 40. Jubiläum ihre Sicht der Dinge zum Besten geben. Sie gockeln und sie blöken, sie giften und sie antichambrieren vor sich selbst – übel ist das, peinlich, manchmal ekelerregend.
Nicht weniger ärgerlich die meisten der Publikationen anlässlich der runden Wiederkehr jenes magischen Jahres 1968. Und auf einen Krimi zum Thema können wir nun wahrlich verzichten. – Dachte ich. Irgendwie. Nicht mal so sehr, weil Anne Chaplet als Autorin dieses Werkes annonciert wurde, sondern weil generell zu befürchten stand, wieder einmal ein Besinnungstextlein mit ungelenken historischen Einschüben vorgesetzt zu bekommen. Aber lesen wollte ich es natürlich; das sind schließlich garantierte Verrisse, auf die verzichtet der Kritiker nur ungern.

Tja. Und jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als Anne Chaplet für ihren „Schrei nach Stille“ zu loben. Zu loben, weil sie die Fallstricke souverän umgangen und ein Musterbeispiel für gelungene Kriminalliteratur abgeliefert hat. Das natürlich nicht allen gefallen wird, so wie einem James Sallis zu lakonisch, David Peace zu ordinär, Heinrich Steinfest zu skurril, Rex Miller zu schweinisch sein darf, und Anne Chaplet zu gediegen, zu bürgerlich. Aber das Genre ist groß genug, um auch ihr darin neidlos anzuerkennende Krimis bescheren zu können.

Neunzehnhundertachtundsechzig. Darum geht es also. – Nein. Eben nicht. Wir lernen Sophie Winter kennen, eine, wie man so sagt, Altachtundsechzigerin, eine Mitläuferin, ein „Blumenmädchen“, das einst mit zwei anderen Hippies aufs Dorf gezogen war. Jetzt, fast vierzig Jahre später, kehrt sie zurück. Grau ist sie geworden und ein Buch hat sie geschrieben, einen Bestseller, einen autobiografischen Roman über diese Zeit in dem Dorf, die keine idyllische war. Ist doch ihre Mitbewohnerin Sascha damals spurlos verschwunden, ein Verbrechen nicht auszuschließen. Die Dorfbewohner beäugen sie misstrauisch, sie haben, das merkt man sofort, etwas zu verbergen. Mysteriöse Dinge geschehen, jemand verfolgt Sophie, beachtet sie, dringt in ihr Häuschen ein.

Okay, so oder ähnlich war das zu erwarten. Aber Anne Chaplet macht nun eine entscheidende Sache richtig, sie zeichnet ihre Protagonistin als einen Menschen, dem peu à peu sein Kurzzeitgedächtnis abhanden kommt, Alzheimer nennt man die Krankheit. Je mehr sie aber den Kontakt zum Jetzt verliert, desto intensiver wird der zur Vergangenheit. Das ist beinahe rührend zu beobachten, eine tragische Volte, die den Text in die richtige Richtung lenkt, weg von den Schlagwörtern, hin zum verkorksten Innenleben aller Beteiligten.

Und etwas Zweites gelingt der Autorin: die sukzessive Aufklärung des Falles, die Dramaturgie der Ermittlung. Sie wird von zwei Personen unabhängig voneinander geführt, von Chaplets bekannter Serienfigur Paul Bremer, der in besagtem Dorf wohnt, und dem Polizeibeamten DeLange, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist und in dieser Funktion bei den Dreharbeiten zur Verfilmung von Sophie Winters Buch zugange ist. Als Gewährleister des „polizeilich Authentischen“, gewissermaßen. Die beiden Ermittlungsstränge laufen lange Zeit parallel, ohne sich zu berühren, aber sie ergänzen sich. Während Bremer die Vergangenheit seiner Mitdorfbewohner zu erhellen versucht, steht DeLange für die Zerstörung des „Authentischen“, des schönen Scheins. Ohne es zu groß beschreiben zu müssen, deutet Chaplet hier an, was von allen „Erinnerungen“, allem Medialen zum historischen Ereignis zu halten ist: nichts als ein Zurechtbiegen, ein Beschönigen, bestenfalls eine weitere Interpretation unter vielen, die der schnöden Wirklichkeit nicht standhalten.

Soweit zum psychologischen und historischen Setting des Romans, in dem es um das Sicherinnern und seinen Authentizitätsgrad geht (der erschreckend niedrig und willkürlich ist), bei Sophie Winter, wo die Vergangenheit überhand nimmt, bei der Dorfbevölkerung, die gerne das Gestern zugunsten des Heute verdrängen würde, also an der entgegengesetzten Form von Gedächtnisverlust leidet. Spätestens hier springt der Text aus seinem zeitgeschichtlichen Korsett und wird zu einem hübschen Stück subtiler Psychologie, Sophie Winter stets pars pro toto für eine Generation merkwürdig in der Vergangenheit eingeklemmter Menschen ohne Gegenwart.

Sogar die genreüblichen Verwicklungen und Dramen wirken nicht wie Fremdkörper (in Ordnung; den Herrn DeLange beutelt die Autorin vielleicht ein wenig zu sehr). Der verschwundene Junge Luca etwa, nach dem quasi am Rande gesucht wird und der zum Schluss ein letztes Mosaiksteinchen im großen Teppich ist, wirkt ebenso plausibel in diesem Szenario wie manch dörfliche Nebenfigur.

Also. „Schrei nach Stille“ ist ein Musterbeispiel dafür, wie man mit durchdachter Komposition und Figurenzeichnung selbst dem ausgemergelsten Thema eine spannende Seite abgewinnen kann. Chapeau, Frau Autorin.

Anne Chaplet: Schrei nach Stille. 
List 2008. 334 Seiten. 19,90 €

Regionalitäten

Hat heute ein bisschen länger gedauert, bis man gemerkt hat, dass Samstag Krimitag ist. Aber nun hat das „Titel-Magazin“ Herrn Chefredakteur Wörtches wöchentliche Beute endlich ins Netz gestellt. →Christine Lehmann mit dem 2. Teil ihres Essays über, unter anderem, Regionalkrimis; →Ulrich Noller ebenfalls über (grottenschlechte) Regionalkrimis; →Thomas Wörtche hat einen israelischen Comic gelesen, und →Ernst Jandl darf, ganz schreibfauler Österreicher, ein sehr kurzes Gedicht beisteuern.
Reicht doch bis nächsten Samstag.

Eine Jugendsünde

Na, okay, so jung war ich nicht mehr, als ich diesen kleinen Multimediakrimi in die Welt gesetzt habe. Für einen guten Zweck, natürlich, und sehr low budget. Wer ihn sich anschauen will, braucht allerdings den sogenannten „Shockwaveplayer“. Kostet nix, schadet nicht, braucht man aber nun einmal für die erweiterten Möglichkeiten des Netzes. Solltet ihr den Player noch nicht installiert haben, werdet ihr beim Klick auf den Link dazu aufgefordert. Ein paar weitere Klicks – und das Teil installiert sich quasi von selbst auf eurem Rechner. Sollte das wider Erwarten nicht funktionieren, kann der Player →hier bei Adobe direkt heruntergeladen werden. Wer noch analog im Netz unterwegs ist, sollte sich allerdings auf einige Wartezeiten auch beim Abspielen gefasst machen. Und jetzt: viel Spaß!

Hier gehts zum Krimi!

Digital, multimedial?

„Wir versenden keine Leseexemplare – wir ziehen es vor, einen Vorgriff auf die Zukunft des Buches zu machen:
Seit Montag, 11. August, bis Freitag, 29. August, steht das komplette Buch online. Sie können es hier aufrufen, lesen, sich ausdrucken, abheften, binden, verschenken, verwerfen – was immer Sie wollen.“

Mit diesen Worten verweist der geschätzte Kollege und Edition Köln – Verleger Peter Faecke auf seinen neuen Kriminalroman →„Die Tangosängerin“, und diese“Zukunft des Buches“ sticht einem dabei natürlich ins Auge.
Aber was meint Faecke eigentlich damit? Die Zukunft des Buches als digitale Datei („Die Tangosängerin“ erscheint auch als e-book)? Die Zukunft des Buches als noch immer Druckwerk, dem sein digitaler Zwilling zu Werbezwecken beigesellt ist? Letzteres wohl. Denn nichts will der Autor weniger als einen digitalen Bestseller ohne Umsatz, während die Druckwerke im Keller verstauben. Und so falsch liegt er damit auch nicht. Noch leben wir in Zeiten, da Bücher in die Hand genommen werden wollen. Die wenigsten schnappen sich ihr Lesegerät und ziehen sich einen mehrhundertseitigen Text durch die Augäpfel. Die Gewichtungen werden sich sicher noch verschieben, aber das wird dauern.

Ich habe früher auch geglaubt, die Zukunft des Buches läge im Digitalen, genauer: im Multimedialen. Dass ich von diesem Glauben abgekommen bin, hat mehrere Gründe. Erstens: Ich kenne mich zufällig ein wenig in diesem Metier aus und weiß, dass Anspruch und Wirklichkeit oft auseinander klaffen. Zweitens, und dieser Grund ist viel wichtiger: Wer etwa einen Krimi multimedial kreieren will, muss nicht nur schreiben können. Er muss auch wissen, mit welchen Möglichkeiten er was umzusetzen gedenkt, die Konzeption wird eine gänzlich andere, der Text nicht mehr nur „Story“, sondern Teil eines größeren Ganzen, das weit über die heute üblichen Formen und Intentionen des Schreibens hinausreicht.

Natürlich, Versuche gibt es. Mir ist aber noch keiner begegnet, der es wert gewesen wäre, sich intensiv mit ihm zu beschäftigen. Meistens artet das Ganze ins Spielerische aus („Such das Indiz und klick drauf!), versumpft im Multiple-Choice-Elend („Welches der vier Alibis ist falsch?“) oder wähnt sich irgendwo zwischen Hörspiel, Videoclipperei und karger Drehbuchprosa.

Nein, auch das wird noch dauern. Und eins sollte man nicht vergessen: Multimediale Krimis werden keine Bücher mehr sein können. Und einen weitaus größeren Zeitaufwand erfordern. Und Programmierkenntnisse resp. jemanden, der welche hat und zur Verfügung stellt, was die wenigsten nur für Gotteslohn tun. Aber die Möglichkeiten gibt es schon. Es bleibt also spannend.

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Unvollständige Welten

Wenn der Rezensent grad keine Lust zum Rezensieren hat, dann schreibt er über das Rezensieren. Das nennt man „Schmoren im eigenen Saft“ oder „kritisches Hinterfragen der eigenen Existenz“, je nachdem, ob man Zyniker oder Sozialpädagoge ist. Irgendwie geht’s immer um „Erkenntnis“, und wenn wir von Erkenntnis sprechen, sie gar zu erlangen versuchen, dann geht’s auch immer gleich um „Objektivität“. Immer?

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Jetzt aber!

Die gute Nachricht: Bei Amazon ist „Menschenfreunde“ wieder lieferbar. Die schlechte: nur “ noch 1 Stück auf Lager“. Liegt wahrscheinlich daran, dass aus der neuen Lieferung erst mal die alten Ansprüche befriedigt werden mussten. Mich hat das auf Rang 150.000 und noch was gedrückt, sehr ärgerlich. Aber jetzt! Wer schnappt sich das letzte, SOFORT LIEFERBARE Exemplar? →Hier! Auf die Plätze…fertig…

Neu und glorreich

Und wieder haben es zwei Neuzugänge in die Hall of Fame dieses Blogs, „die glorreichen Sieben“, geschafft. Damit wir uns nicht missverstehen. Wer aus dieser Liste herausfällt, wird dadurch nicht automatisch schlechter. Sondern schlichtweg ein Opfer des Fortschritts. Gelungen ist alles, was in der Liste auftaucht und irgend wann auch wieder untertaucht. Also: Tusch für die Neuen.

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Alltag eines Rezensenten: Enttäuschte Erwartungen

Wieder ist es in aller Munde: das Gezetere um die ach so selten gewordene literaturkritische Streitkultur, die Frage nach dem Sinn von Rezensionen und wen sie zu welchem Zweck erreichen sollen. Die Kritik als Kaufempfehlung oder die Kritik als Wetzstein feuriger Debatten? Und, selbstverständlich, die Suche nach den Urteilskriterien , die nicht weniger als „objektiv“ sein sollen. Wer aber Literatur für eine messbare Wissenschaft hält, liegt ebenso falsch wie der, dem als einziger Maßstab „der Geschmack“ dient.

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Kritikerstammtisch: Lucie Klassen, „Der 13. Brief“

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Wenn vier Menschen ein Buch lesen, dann lesen vier Menschen vier Bücher. Selbst dann, wenn die Meinungen nicht so weit auseinander driften. Bestes Beispiel: „Der 13. Brief“ von Lucie Klassen. Die HonoratiorInnen am Kritikerstammtisch sind sich (fast) einig. Erfrischend und nett sei das Debut geraten, aber. Interessant jedoch, wie doch im Detail die Perspektiven der Kritiker voneinander abweichen. Lesen Sie selbst.

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Fast schon eine Rezension

… ist das, was →Krimileser Bernd über „Menschenfreunde“ geschrieben hat. Natürlich hätte ein professioneller Rezensent (das ist bekanntlich einer, der nur noch als Warenanpreiser tätig ist) aufgefordert, das Buch SOFORT zu kaufen. Was aber im Moment gar nicht so einfach ist. Bei „Amazon“ scheint es nämlich momentan nicht „am Lager“ zu sein. Ausverkauft? Gutes Zeichen. Aber es sind noch einige Exemplare da. Also trotzdem bestellen. Bewahrt mich davor, aus den Top-100000 zu fallen!

Wer ist’s?

In Deutschland fliegen einem die gebratenen Krimis ins Maul. Hmmmm! Knusprig! Lecker! Währenddessen man unter den schattigen, duftigen Wunderbäumen selig ruht, an denen die prallen Plots wachsen. Krimischaffender in Deutschland? Ein Traum! Als Angehöriger eines angesehenen Berufsstandes hat man eine seriöse Ausbildung genossen, ist Elite, verdient gutes Geld und die Verlage reißen einem die Waren nur so aus den Händen.

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Robert B. Parker: Der gute Terrorist

Unser momentan zur Krimi-Couch delegierter Jung-Geselle Jochen hat uns eine seiner gefürchteten Rezensionen übermittelt. Sie wollen sie unbedingt lesen? Gerne! Auf wie immer auf eigene Gefahr!
„Valediction“ („Spensers Abschied“) aus dem Jahr 1984 hätte ein beeindruckendes Finale einer Romanreihe sein können, die den klassischen Detektiven Chandlerscher Prägung um einige Facetten erweiterte, ohne den Status des edlen Ritters in rostiger Rüstung gänzlich abzuschaffen. Parkers Detektiv Spenser hatte mehr Freunde und Helfer als Philip Marlowe, kochte für sein Leben gern – ließ sich deshalb lang und breit übers Essen aus – und lebte, bis auf eine kurze, aber dramatische Auszeit, in einer offenen Beziehung mit seiner Freundin Susan Silverman, die diese gerne mit dem Bund für’s Leben geschlossen hätte.

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Watching Pieke

Sie entkommt mir nicht. Ich notiere jedes Wort, das sie spricht. Verfolge jeden ihre Schritte. Sehen ALLES. Höre ALLES. Zum Beispiel morgen, Mittwoch, 6. August. Wenn Sie bei der WDR 5 REDEZEIT zwischen 11 Uhr 05 und 11 Uhr 30 über ihr famoses Buch „Der Asphalt unter Berlin“ sprechen wird. Und später werde ich das noch einmal nachhören. →Hier. Ach was, einmal! Mehrmals! Nein, sie entkommt mir nicht…