Doppelte Sehnsucht

Da ist sie wieder, die Projektionsfläche. Fallen die Deutschen nur zu gern auf Von-und-zu-Blender herein, oder hat der Adel etwas Genuines zu bieten, das man anderen nicht zutraut? Wie stark ist sie, die Sehnsucht nach einer politischen Führung, die sich «durch Tugenden wie Mut und Anstand leiten lässt, sich allein dem Wohl der ihr Anvertrauten verpflichtet fühlt, Verantwortung übernimmt?», fragen die Guttenberg-Biografen. Erstaunlich nur, dass viele dieses Ethos ausgerechnet im Adel vermuten. Wo doch die Kunst der Intrige, der Sinn fürs Täuschen, Lügen und Verschweigen nirgendwo besser geschärft worden sein dürfte als in den Jahrhunderten bei Hofe.

In der Neuen Zürcher Zeitung wundert sich Anne Urbauer über die Begeisterung der Deutschen für all die Von und Zu`s: ↑Vom Schein des deutschen Adels

Goodbye Deutschland?

„Der Islam hat unsere Gesellschaft nicht geprägt und prägt sie auch heute nicht. Der Islam gehört damit nicht zu Deutschland“ (Volker Kauder)

Volker Kauder und ich haben Deutschland auch nicht geprägt. Folglich gehören wir auch nicht zu Deutschland. Sollten wir jetzt auswandern?

Bunte Bücher-Schätze

Diese bunten Schätze sind alles Kinderbücher aus dem Pestalozzi-Verlag, viele aus der Reihe „Pestalozzi-Plus“. Ich besitze ein schönes seit Kindertagen, nämlich „Mein Freund hat einen Hund“.

Seitdem bin ich verliebt in diese zart-bonbonfarben Bilder, die so schön kitschig, aber trotzdem stilvoll sind. Weiterlesen

gemein 020

Die Sehnsucht nach dem schönen Schein ist nicht nur eine Sehnsucht der kleinen Leute, zu deren Sprecher sich die Bild-Zeitung immer wieder zu machen versucht. Es ist auch eine Sehnsucht derer, die sich früher die besseren Stände nannten und die heute bisweilen von besseren Zeiten träumen. Auch diese Sehnsucht hat ein Organ: Die Zeit, das wurde in den Guttenberg-Wochen deutlich, ist eine Bild-Zeitung der Gebildeten.

Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung: ↑Die Sehnsucht nach dem Gesalbten

Potemkin lässt grüssen

Die ganze Figur Guttenberg entpuppte sich nach und nach als politisches potemkinsches Dorf. Jede dieser Zuschreibungen war eine glänzende Fassade. Nun kennt man die Rückseite jeder dieser Fassaden, jede für sich barg eine Illusion.

Jetzt noch auf Guttenbergs politisches Talent zu verweisen, ist gleichbedeutend damit, das potemkinsche Dorf als Ganzes zu trennen von seinen einzelnen Fassaden: Ja, kein Haus hier ist echt, mag sein, aber das Dorf ist es! Seht doch seine Pracht!

Jonas Schaible: zu Guttenberg: Ein Talent verselbständigt sich

Ein saarländischer Regionalkrimi

jamaika.jpg

Was sich am 30. August 2009 im Saarland ereignete, schien so vorhersehbar wie jeder rasch gelesene Krimi. Ein Prolog, der die Spannung anzuheizen gedenkt, im Grunde aber schon das Ende vorwegnimmt, falsche Spuren und endlich, innerhalb von wenigen Zeilen, die nicht überraschende Auflösung. Wahlsonntag eben. Käme es zu einer rot-rot-grünen Koalition, gar mit den Linken als stärkster Partei? Würde es die arg gerupfte CDU schaffen, ihre erwartbaren Stimmenverluste in Grenzen zu halten und wäre die FDP wieder einmal in der Lage, genügend strategische Stimmen aus dem schwarzen Lager zu generieren, um in den Landtag zu kommen?
Für ersteres sprach viel, für letzteres wenig. Immerhin hatte die Wirklichkeit als Autorin ein Talent für Personal. Der legendäre saarländische Volksheld Lafontaine schickte sich an, im Saarland für ostdeutsche Verhältnisse zu sorgen, die SPD, seit Lafontaines Rücktritt von allen Ämtern (wozu er nicht einmal eine Doktorarbeit zu türken brauchte) nicht gut auf den einstigen Vormann zu sprechen, ein immer blasser werdender Ministerpräsident Peter Müller, als auch bundesweit gefürchteter Tiger gestartet und regionaler Bettvorleger gelandet, dazu, als obligatorischer Dunkelmann, Grünen-Chef Hubert Ulrich, Anführer einer Truppe, die zu wählen man im Saarland entweder die Grünen schon sehr, sehr lieb haben muss oder infolge falscher Ernährung an intellektuellen Mangelerscheinungen leidet.

Allerlei munteres Beiwerk sorgte für vordergründige Spannungseffekte. Linke und SPD attackierten sich, ebenso Linke und Grüne, nicht zuletzt, weil die meisten der linken Spitzenkandidaten bis vor nicht allzu langer Zeit noch in den jeweiligen Konkurrenzparteien zugange gewesen waren. Lafontaines Satz „Wer grün wählt, wird sich schwarz ärgern“, ärgerte die Grünen, erwies sich allerdings als sehr weise.

Zunächst jedoch sah es so aus wie erwartet: Es reichte für rot-rot-grün. Erste Verhandlungen begannen, sie zogen sich hin, doch am Ergebnis konnte nicht gezweifelt werden. Weder die SPD noch die Grünen konnten mit der CDU koalieren, zu kontrovers die Programme und Absichten. Das Ende des Krimis war also unglaubwürdig, denn die Grünen verbanden sich gegen alle Wahrscheinlichkeit mit CDU und FDP, die ach so kritischen Delegierten waren schnell auf Vordermann gebracht, als Ulrich den Buhmann Lafontaine heraufbeschwor – und der Krimi, scheinbar zu Ende, begann nun erst richtig.

Darüber, wie sich all das entwickelte und wie es weiterging, hat nun Wilfried Voigt ein Buch geschrieben. Es heißt „Die Jamaika Clique. Machtspiele an der Saar“ und versucht auf gut 200 Seiten eine Zusammenfassung der Fakten sowie die Offenlegung der Fäden zwischen den einzelnen Akteuren. Es ist eine wirre Geschichte, was nicht an ihrer Darstellung liegt, sondern Teil ihrer selbst ist. Saarländern sind die Fakten weitgehend bekannt, nicht zuletzt wegen der Skandale, die sich um einige der Personen ranken. Die „zweifelhafte Persönlichkeit“ (Daniel Cohn-Bendit) Hubert Ullrich, von seinem Parteifreund gar als „Mafioso“ tituliert, merkwürdige Begebenheiten bei den Grünen (Karteileichen, die sich nur dann aus ihren Gräbern erheben, wenn Herr Ulrich Stimmen braucht etc.), vor allem jedoch der FDP-Strippenzieher Hartmut Ostermann, Chef des Seniorenheim-Dienstleisters „Pro Seniore“, ehemaliger Präsident des 1. FC Saarbrücken (ein saarländischer Mythos) und auch sonst überall dort zu finden, wo es glänzt und nach Profit riecht, dazu die aparte Tatsache, dass Ulrich in einem Unternehmen angestellt war, an dem Ostermann eine Beteiligung hält… das ist guter Stoff für Mutmaßungen, wie denn diese überraschende Koalition von FDP und Grünen zustande gekommen sei.

Voigt schildert diese Zusammenhänge detailliert. Das meiste ist, wie gesagt, nicht neu, aber hilfreich in seiner nun vorliegenden Kompaktheit. Dass Ostermann auch in den sogenannten „Berliner Bankenskandal“ verwickelt war sowie die mögliche Rolle einer vielumworbenen rechten Burschenschaft sind Aspekte, die man bislang so noch nicht kannte, ebenso das im Vorfeld der Wahl geradezu penetrante Werben Ulrichs um gute Worte für die Grünen durch den SPD-Vorsitzenden Maas. Dass sich das politische Saarland als reichlich verfilzt darstellt – geschenkt. Wo ist es anders? Verblüffend jedoch, wie sich dieser Filz nicht nur in bekannter Manier einfarbig präsentiert (roter, schwarzer, grüner, gelber…), sondern als buntes Gemenge, in dem sich die Intrigenlandschaft als geradezu überparteilich erweist. Jeder mit jedem also, wenn es opportun erscheint, natürlich auch jeder gegen jeden. Was nicht verwundert, wenn man in einem Bundesland lebt, in dem jeder jeden kennt. Das Saarland ist eben nicht nur historisch ein Land mit Besonderheiten. Es ist auch ein Land der Minderwertigkeitskomplexe (zumeist waren es Auswärtige, die hier das Sagen hatten, sowohl politisch als auch ökonomisch), der Nähe zu Frankreich und dem dortigen „Savoir Vivre“ (eine immer wieder zu Fremdenverkehrszwecken kolportierte Legende, wie sie in einem zünftigen Regionalkrimi nicht fehlen darf), ein Land im Umbruch auch (Ende der Kohleindustrie, Niedergang der Stahlindustrie) und, natürlich, ein Land der kurzen Wege, auf denen es nicht ausbleiben kann, dass man sich über den Weg läuft, in gerade angesagten Lokalen zufällig am selben Tisch sitzt oder, so wird gemunkelt, in Bordellen die selben Dienstleisterinnen präferiert.

Saarländer, so könnte man sagen, sind harmoniebedürftige Leute (die meisten…), locker im Umgang miteinander, nicht sehr nachtragend und mit anspruchsloser Kost (Bier, Lyoner, Weck) zufrieden. Das verbindet – und in der Verbindung liegt nun einmal das Gefühlige, und dieses Gefühlige, diese Nähe ist der Bodensatz des Mauschelns, der Intrige. Wilfried Voigts Verdienst ist es, genau diese Atmosphäre in seinem Buch zu beschreiben, als eine Abfolge von Skandalen, die, jeder für sich, meist glimpflich für die Betroffenen ausgehen, wo aus einer Steuerhinterziehung in Millionenhöhe auf wundersame Weise ein nicht mehr sonderlich justizrelevanter Streit um Kleckerbeträge wird, wo die Liebe zum örtlichen Fußballverein noch idealistisch und ökonomisch einträglich zugleich sein kann und das Stehlen einer Badematte zum Politikum wird. Typisch saarländisch eben. Regionalkrimi, wie wir ihn lieben.

Wilfried Voigt: Die Jamaika Clique. Machtspiele an der Saar.
Conte 2011. 204 Seiten. 14,90 Euro

(Hinweis: Der Rezensent steht in geschäftlichen Verbindungen zum Conte Verlag)

Rund

Na, wenigstens heute ist das →Edwin-Drood-Projekt eine runde Sache. Seit 100 Tagen erscheint jeden Morgen eine neue Folge des berüchtigten Endloskrimis, ein Ende ist nicht abzusehen, es wird aber ein abruptes sein und die Leserschaft für alle Zeit rätselnd zurücklassen. Aber erst einmal egal. Heute wird gefeiert, morgen wieder geschrieben.

Extra 3-Präcogs

Die Jagd auf Kopisten unter unseren Politikern geht im Netz fleissig weiter. Auf ↑http://de.plagipedi.wikia.com/wiki/PlagiPedi_Wiki etwa hat man sich vorgenommen, diverse Doktorarbeiten unserer Politpromis unter die Lupe zu nehmen. Und zur Zeit macht auch ein altes Extra 3-Filmchen die Runde, das beweist, dass sich Altkanzler Schröder einstens mal bei Uraltkanzler Brandt bedient hat.

Der Fakt ist jetzt nicht neu und es sind auch keine in die Hunderte gehende Stellen, die Extra 3 da dokumentiert (zum Video geht es ↑hier entlang). Wirklich sensationell ist, dass Extra 3 den Beitrag am 27.2.2001 sendete.

Schröder hielt diese Rede am 29.10.2002!

Kurt Bracharz: Der zweitbeste Koch

bracharz.jpg

Der zweitbeste Koch ist immer besser als der erstbeste, denn der heißt bekanntlich Hunger. Nur leider ist der zweitbeste, ein Chinese, spurlos verschwunden. Er hat in einer Art Mega-China-Event-City mitten in Wien gekocht, einem fernöstlichen Disneyland mit Restaurants, Hotels, einem Riesenrad (kleiner als das im Prater) – und einem Zoo. In diesem kulinarischen Paradies verkehrt auch Romanheld Xaver Ypp und das von berufswegen, er ist nämlich Gourmetkritiker der Zeitschrift „Lukull“.

Weiterlesen