Lesen bildet und Denken erweitert den Horizont? Das sind, sorry, die verbalen Tricks, mit denen sie uns in die Schulbänke locken. In Wirklichkeit, das wissen die Kindsverderber ganz genau, verhält es sich andersrum. Wer liest und denkt, verliert seine Überzeugungen, seine Definitionen, seinen Halt. Am allerschlimmsten aber ist dran, wer Krimis liest und sich Gedanken darüber macht. Denn was ein Krimi IST, weiß nur, wer nie einen gelesen hat. Worum es in einem Krimi geht, erschließt sich allein in völliger Gedankenlosigkeit.
WeiterlesenEine dringende Bitte
Liebe Krimischaffende, hört das auch irgend wann wieder auf? Und zwar möglichst bald, wenn’s geht, am liebsten jetzt gleich? Menschen, die plötzlich ihr Gedächtnis verlieren oder glauben, ganz andere zu sein, Menschen, die von ihrer Umwelt nicht mehr erkannt werden und Spielbälle finsterer Mächte und übler Halunken sind?
WeiterlesenFrank Göhre: Der Auserwählte
Frank Göhres „Der Auserwählte“ ist die Höchststrafe für einen Krimikritiker. Denn nichts will passen, nichts erfüllt die Erwartungen. Die Koordinatensysteme des Genres ächzen, im Prokrustesbett der Versatzstücke passt es hinten und vorne nicht, klarer Fall von versemmeltem Krimi, denkt man – und liest dennoch weiter, von Enttäuschung zu Enttäuschung, und am Ende legt man das Buch zufrieden aus der Hand und ärgert sich darüber, dass man sich nicht ärgert.
WeiterlesenSchlachteplatte 02.10
(Und wieder dampft es – mal verführerisch, mal abscheulich – im Schlachtzimmer Wutschel, wo die Hausherrin mit geübter Hand Krimis zerlegt. Die Herren MacBride, James und Brown sowie Frau Welsh hat es diesmal erwischt, frisch tröpfeln die Buchstaben in den Auffangbottich und werden von der Schlachterin zu feinen kleinen Rezensionen verrührt.)
Weiterlesen1. Deutscher Atomkrimi-Preis
Der Krimi ist DER Gesellschaftsroman. Sagt man. Doch wo, bitte schön, ist dann der Atomkrimi? Es gibt ihn einfach nicht, und das ist ein Skandal. Ist es doch die Atomenergie, die uns billigen Strom liefert, die Lebenshaltungskosten niedrig hält und so für sozialen Frieden sorgt. Außerdem besteht jeder Mensch aus Atomen, die einen mehr, die anderen weniger. Atom heißt Kraft – und Atomkraft heißt Lebensfreude – und Lebensfreude heißt: Krimis lesen.
WeiterlesenSchwarz ist keine Farbe
Und noch ein →kleiner Beitrag zum Noir. Diesmal in meiner Monatskolumne auf der Krimicouch.
Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus
Ein Krimi, in dem über Sophokles und Adorno räsonniert wird, kann nur bei Diogenes erscheinen, erspart es doch Patricia Highsmith und Georges Simenon, den Friedhof zu wechseln, wenn sie sich in ihren Gräbern wälzen. Eine Art Bildungsbürgerkrimi ist das, überraschenderweise, denn vielleicht hatte man geglaubt, der sei nur eine Schimäre, es gebe ihn gar nicht. Aber es gibt ihn wie etwa die Menschen, die ihre Kinder nicht mit „Unterprivilegierten“ allzu lange die Schulbänke drücken lassen wollen, liberal-asoziales Pack eben, doch pardon: Das passt jetzt nicht zu Hansjörg Schneiders „Hunkeler“-Roman, das ist eine spontane Assoziation des Kritikers, der die Gemüter durch die Versicherung zu beruhigen versucht, dass sie in „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ kein bisschen in Gefahr schweben werden, irgend etwas assoziieren zu müssen.
WeiterlesenAustralische Blogschelte
„Challis sinnierte eine Weile über die Idee von Blogs nach, vor allem in Dirk Roes Fall. Es schien ganz so, als hätten Privatsphäre, Würde und Zurückhaltung für die Cyberspace-Generation keinerlei Bedeutung mehr. Man konnte meinen, dass es heute vollkommen in Ordnung war, jeden halb ausgegorenen, langweiligen oder bösartigen Gedanken, jedes Gefühl, jeden verletzten Stolz hinauszuposaunen.“ ( Garry Disher, „Rostmond“, Unionsverlag 2010, S. 67/68)
WeiterlesenSozialer Profit
Deutschland verarmt. Woran liegt das? An der Globalisierung! Weil Asiaten und Afrikaner sich nicht entblöden, für einen Sack Reis oder Maniok zu arbeiten, müssen wir es auch! Das ist doof, aber nicht zu ändern. Nicht zu ändern? Doch! Durch unternehmerische Mildtätigkeit! Man nehme nur den Saarbrücker Conte Verlag und sich an diesem ein Beispiel.
WeiterlesenSchlachteplatte 01.10
(Im Hause Wutschel hat man sich einer alten ländlichen Tradition erinnert, der Hausschlachtung. Wo aber früher Nutztiere unters Messer kamen und lecker Wellfleisch, Blut- und Leberwurst etc. hergeben mussten, zerlegt Hausherrin Anna Veronica Wutschel ab sofort süße kleine Krimis in handlich-appetitlich-krimikritische Portionshappen. Deftig, naturbelassen, wohlschmeckend.)
WeiterlesenNii Parkes: Die Spur des Bienenfressers
Beginnen wir mit einer Falschmeldung: Der Afrikakrimi boomt. Oje. Natürlich nicht. Was fröhlich hypt, ist der Südafrikakrimi und auch das ist wohl schon passé, nachdem es sich fußball- und trötenmäßig ausgehypt hat. Und Afrikakrimi? Nun ja. Der moderne Kriminalroman, wie man ihn allerorten mehr oder weniger routiniert runterschreibt. Also kein Afrikakrimi. Dafür, wenigstens in kleinen Dosen gereicht, eine Art Abkehr vom amerikanisch-europäisch geprägten Ratiokrimi. Nach Vamba Sherifs →„Geheimauftrag in Wologizi“ jetzt Nii Parkes mit „Die Spur des Blenenfressers“.
WeiterlesenDie verwischte Deutlichkeit
Andrea Bajanis „Mit herzlichen Grüßen“ oder „Die Spur des Bienenfressers“ von Nii Parkes: eines der beiden Bücher, die ich gerade lese, ist ein Krimi, aber welches? Das eine ist wie ein Krimi aufgebaut und dennoch… das andere ist dezidiert KEIN Krimi und dennoch…
Weiterlesen3 Minuten noir
Man muss nicht wie Derek Raymond die Gesellschaft für einen Zustand halten, der nur im Schreibmodus des noir sichtbar wird. Ein Röntgengerät ist er durchaus, denn noir erlaubt einen Blick durch das Fleisch auf die Knochen unseres Zusammenlebens und seiner Regeln. Nur: Ein Skelett ist ein Skelett, und das agiert höchstens in Gruselfilmen als zusammenhängend Menschliches. Ansonsten ist es nichts weiter als ein Haufen Knochen, ohne Muskeln und Sehnen, ohne Fleisch und Fett die Andeutung von Form.
Weiterlesen10 Themen, über die zu schreiben sich nicht lohnt
Mann, über was ist hier in den letzten Jahren nicht alles geschrieben worden! Manchmal wolkig, manchmal heiter, erschöpfend oder en passant, mit anschließender Prügel für den Autor oder nicht. Aber manche Themen sind inzwischen so was von durch, dass es an der Zeit ist, sie endgültig kurz und bündig abzuschließen. Keine Diskussionen mehr, höchstens noch das eine oder andere Späßlein drüber. Hier die Worstlist nicht nur für diesen Monat. Freuen wir uns statt dessen auf neue Themen wie „Welche Farben bevorzugen Krimiautoren bei ihren Unterhosen?“
WeiterlesenRobert B. Parker: Alte Wunden
Ein neuer Auftrag für Spenser (na ja, im Original von 2003) und die alten Reflexe. Nichts zu bemängeln, Kriminalliteratur auf bestem Unterhaltungsniveau, gute Bekannte, die tun, was sie schon immer getan haben. Ein Banküberfall von 1974, bei dem eine scheinbar Unbeteiligte erschossen wurde, sorgt diesmal für „alte Wunden“, als die Tochter der Getöteten Spenser um Aufklärung bittet. Die Aktion war von einer „studentischen Aktionsgruppe“ durchgeführt worden und rasch zeigt sich, dass alte Wunden, wenn sie aufbrechen, schnell zu neuen führen können.
WeiterlesenWolfgang Bitburger rests in pieces
Wolfgang Bitburger, der Doyen der deutschen Krimikritik, ist tot. Der bei Kollegen wie Autoren wegen seiner stets kenntnisreichen und ausgewogenen Rezensionen gleichermaßen geschätzte Bitburger verstarb gestern im Alter von 89 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls, den er bereits im Frühjahr während der Tagung „Krimikritik – Fluch oder Segen oder beides?“ in Bad Krotzingen erlitten hatte. „Wir verlieren einen Gentleman der liebevollen Krimianalyse“, heisst es in einem Nachruf des „Itzehoer Volksboten“, für den Bitburger ebenso schrieb wie für andere Massenmedien.
WeiterlesenDetektei Geheimnislos
Die Detektei Geheimnislos hat ihr kleines Büro im Hinterhof der Literatur. Kein Firmenschild, keine Annoncen, das Mobiliar schäbig, der Detektiv mit der ausgebeulten Polsterung seines Sessels verwachsen, Kriminalromane lesend. Sie langweilen ihn, er wartet.
WeiterlesenThe fastest couch ever
Kaum geschrieben, schon veröffentlicht. Etwas zu →Deutschkrimis auf der Couch, in Verlängerung des vorangegangenen Eintrags.
Problem gelöst
Grummeln bei FACEBOOK. Steht doch auf der neuen Krimiwelt-Bestenliste mal wieder nur ein deutscher Titel, noch dazu auf hinteren Plätzen. Ein unhaltbarer Zustand, finden die AutorInnen, man erfährt erstaunt, selbst die Verlage hätten sich schon darüber „beschwert“, ohne Erfolg allerdings. Wer ist dran schuld? Die Kritiker. Und überhaupt.
WeiterlesenTired Pony: The Place We Ran From
Ihr Album trägt den Titel „The Place We Ran From“. Aber von Flucht kann keine Rede sein. Tired Pony schlurfen. Hektik oder Panik sind partout nicht auszumachen. Melancholie, Romantik, innere Einkehr – das sind Attribute, die man mit diesem Debütalbum in Verbindung bringen könnte. Weiterlesen