Gunsmithcats: Die Explosion

Mit Erscheinen des zweiten Bandes melden sich die Gunsmith Cats zurück ins pralle Leben. Rally Vincent und ihre Partnerin May haben es wie immer faustdick hinter den niedlichen Öhrchen. Gerade mal der Pubertät entronnen, betreiben die beiden einen Waffenladen in Chicago und arbeiten nebenher als Kopfgeldjäger. Die Action ist programmiert und man fühlt sich nicht zu unrecht an Starsky und Hutch oder die Einsätze von Ltd. Cochise im Beasty Boys Video „Sabotage“ erinnert: Da wird geballert was die Knarren hergeben, Explosionen und Verfolgungsjagden mit und ohne Wagen lösen einander ab. Die Luft brennt, Blut spritzt und das Quietschen von Reifen klingt in den Ohren. Aber das ist nur die halbe Miete, denn die Mädels haben ja schließlich auch ein für niedliche Comicfiguren höchst erotisches Privatleben. Gunsmith Cat am Drücker
Kenichi Sonodas Gunsmith Cats sind ganz und gar auf den amerikanischen Markt zugeschnitten, ohne jedoch die typisch japanische Zeichentradition oder den Panelaufbau über Bord zu werfen. Hin und hergerissen zwischen Pump-Gun und Wonderbra begeistern Rally und May die weiblichen Leser und lassen feuchte Jungenträume wahr werden.

Kenichi Sonoda
GUNSMITH CATS
Band 2: DIE EXPLOSION
Feest Comics 16,80 DM
ISBN 3-89343-577-8

Tim Hardin: Tim Hardin 3 – Live In Concert

Alle „Vinyl-Junkie“ da draußen werden wissen wie es ist, wenn man jahrelang nach einer Platte sucht, sie dann endlich – vielleicht sogar zum Schnäppchenpreis – ersteigert und dann, noch keine Woche später, liest man irgendwo, daß es das kostbare Stück seit neuestem auch als CD-Reissue mit Bonustracks und neuer Abmischung gibt. Ärger Ärger – aber dafür hat man das Ding ja auch auf Platte im Schrank. Das eben beschriebene ist dem Schreiber dieser Zeilen, der desöfteren mal ganz gerne in der Oldie-Kiste rumkramt, unter anderem auch mit der Live-Platte von Tim Hardin aus dem Jahr 1968 passiert. Wegen der Bonustitel und wegen der extrem guten Musik, kann man sich aber ruhig auch beide Versionen dieses Albums zulegen. Aber nun zu den Fakten.

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Marini/Smolderen: Gipsy – Der Tag des Zaren

Manchmal, da sitzt man bräsig vor dem flimmernden Fernseher, schaut sich irgendein Wissenschaftsmagazin oder einfach die Nachrichten an und stellt fest, daß wieder ein Roman über Nacht von fiction zu faction geworden ist. Vielleicht liegt das daran, daß den Erzählern solcher Zukunftsprognosen die weitreichenden Visionen fehlen, wie sie beispielsweise Karl Marx hatte. Jules Vernes Visionen vom 20. Jahrhundert haben wir heute bereits hinter uns gelassen. Karl Marx‘ Vision von der klassenlosen Gesellschaft ist heute utopischer denn je. Noch ein Beispiel: Marini und Smolderen entwerfen ein Szenario für einen Comic, der im postkommunistischen Rußland angesiedelt ist. Es zeigt ein Weltreich in Entropie: Mongolen, Zaristen, Kapitalisten, Freischärler und Separatisten, sie alle prügeln sich um die Macht.

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Musikbücher II

Stellt Euch mal vor, ihr geht in eine gutsortierte Buchhandlung und verlangt eine Biografie von Neil Young. Der Buchhändler schaut verständnislos, wiegt bekümmert den Kopf und guckt dann in seinem Verzeichnis lieferbarer Bücher nach. „Tja“ sagt er schließlich, „Pech gehabt. Gibt es nicht.“ Wie? Unvorstellbar? Habt Ihr doch, wenn Ihr den Kopf leicht nach rechts dreht, gute drei Meter Literatur über Neil Young im Visier, und im Regal daneben harren sieben Meter Bob Dylan der Lektüre? Schon recht. Aber wieviele Bücher habt Ihr eigentlich über Joni Mitchell? Ich will es Euch sagen: Höchstens eins. Ein schmales Bändchen von Leonore Fleischer, 1976 erschienen, mit schönen Bildern, aber einem weniger befriedigenden Text.

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David Munyon – Stories from the curve

Eine Platte von David Munyon mit 12 Stücken die auch auf seinen anderen drei Platten drauf sind. Warum muß mensch die haben? Ganz einfach: Dies ist die optimale Art Munyon zu hören. Keine unnötigen Begleitinstrumente und kein störendes, dumm rumlaberndes Publikum. Nur Klarheit von Acoustic und Stimme, Melodie und beste, authentischste Geschichtenerzählerkunst. Niemand hat oder hatte jemals diese Kraft aus der Ruhe. Seine besten und politischsten Songs vereint sind ein Genuß. Ansonsten kann ich nur auf andere Rezensionen und das Interview verweisen. Ihr wollt ja nicht immer das gleiche Geschwafel von mir hören.

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Alasdair Gray – Kleine Disteln

Gray ist Schotte, mit Leib und Seele. Seine Romane und Geschichten berichten immer von seiner Heimat oder den eigentümlichen Schicksalen, die seine Landsleute erfahren. Dabei ist er alles andere als ein folkloristischer Wald-und-Wiesen-Autor. Was ihn auszeichnet ist die blühende, übersprudelnde und zuweilen auch obszöne Phantasie, die in seine Bücher einfließt. Obwohl er in seiner Heimat bereits seit Jahren den Durchbruch geschafft hat und von der Kritik gebauchpinselt wird, gelingt es ihm in Deutschland erst langsam, sich einen Namen zu machen. Er gehört halt nicht zu den Leuten, die in der SpiegelBestsellerliste oder in Ranickis Literarischer Vierteilung gefeatured werden. Und das, obwohl seine Bücher bereits seit Jahren ins Deutsche übersetzt und von einem wachsenden Leserkreis gekauft werden. Grays Status ist der eines offiziellen Geheimtips.

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Jürgen Benvenuti – Harter Stoff

Der Slogan einer Krimireihe lautet: „Jede Stadt hat das Verbrechen, das sie verdient.“ Und was fällt einem in diesem Zusammenhang zu Wien ein? Spontan vielleicht Ladendiebstahl und illegales Urinieren in Parkanlagen. Doch die Situation könnte sich jetzt ändern. JÜRGEN BENVENUTI, hauptberuflicher Zettelverteiler und Fachkraft für Gelegenheitsarbeiten aller Art haucht der K&K Metropole mit seinem Debütroman HARTER STOFF neues kriminelles Flair ein.

Wie so oft beginnt die Angelegenheit mit einem Telefonanruf. Es ist jedoch nicht der klassische beste Freund in Not oder die ebenso klassische mondäne Blonde in höchster Bedrängnis, sondern ein kleinkarierter, spießiger und schleimiger ehemaliger Mitschüler von Jochen, der ihn aus seinen surrealen Träumen reißt. Paul, so heißt der Nichtswürdige, ist die Freundin abhanden gekommen, abgehauen, vermutlich nach Wien in die halbseidene Szene zwischen Junk und Strich. Nach einigem Gejammer rückt er dann rüber, was er will: Jochen soll sie suchen, eine Woche lang, für zehntausend Schilling.

Als Szenegänger und Ex-Junkie ist Jochen vertraut mit dem Milieu und zehntausend sprechen eine eindeutige Sprache. Außerdem gibt es auch noch eine andere Motivation. Pauls Freundin ist Jochens Ex-Freundin.

Die Suche entpuppt sich als Hardcore Tour de Force wozu nicht nur die Drogistenszene sondern auch Skins beitragen. Und Henry Rollins, der von Jochen gern zitiert wird: See me walking with a gun in my hand, see me walking with a gun in my heart, loaded!

HARTER STOFF wurde bereits 1994 in Wien veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt war Benvenuti immerhin schon satte 22 Jahre alt. Damit gehört er zu den jüngsten Autoren, die nach Arjouni kommen. Sein Stil ist ruppig aber nicht unpersönlich, der Plot gradlinig. Insgesamt ein straffer Krimi, der am Puls der Zeit ist und ein jüngeres Publikum anspricht. Ob das allerdings mit diesem Titelbild funktioniert ist mehr als fraglich. Benvenuti hat wahrscheinlich einen Blutsturz gekriegt als er dieses Cover gesehen hat mit dem sich ein Schmöker in der Sparte „Neue Frau“ verkaufen läßt, aber bestimmt kein Krimi.

Jürgen Benvenuti
HARTER STOFF
dtv 9,90 DM
ISBN 3-423-12205-6

Striker: Die zweite Sintflut

Splatter im Heidiland

Endlich dringen auch die Mangas auf die deutschen Ladentheken, die das actionbetonte Gut-gegen- Böse-Spiel interessant machen und auch das zeigen, was bei der inzwischen in Ehren ergrauten Gerechtigkeitsliga stets zwischen zwei Bildern ausgespart bleibt. In diese Lücke springt Striker, der 17jährige Held der neuen Reihe von Takashige Minagawa und fühlt sich dabei scheinbar sauwohl. Bei STRIKER wird nicht gekleckert, da wird geklotzt und zwar richtig, denn es gilt „Die zweite Sintflut“, so auch der Titel des ersten Bandes, aufzuhalten, die über die Erde hereinzubrechen droht.

Daß man da als der Gute nicht zimperlich sein darf, versteht sich von selbst. Und da nimmt man auch schon mal in Kauf, daß miesen Cyborgs das Gehirn weggepustet oder wenn es sich um weniger tragische Verfehlungen handelt, ein Arm abgesäbelt wird. Der Zweck heiligt halt auch noch im Jahr 200X die Mittel. In diesem Jahr haben Archäologen, japanische natürlich, auf dem Ararat tatsächlich die Arche Noa gefunden. Bevor sie jedoch genauer untersucht werden kann, werden die Arbeiten sabotiert. Um die Wissenschaftler vor Angriffen zu schützen, setzt die Arcam Foundation eine Spezialeinheit ein, an deren Spitze der junge Striker steht. Aussehen tut er ganz normal, außer wenn er stinkig wird, dann nämlich zieht er seine Panzerung aus künstlichen Muskeln an und die Post geht ab und zwar in einem Tempo, die wir uns für die Briefbeförderung wünschen.

An Action wird nicht gespart und wer an High-Tech Kriegsführung Spaß hat und auch Freddy Krüger nicht von der Bettkante stoßen würde kommt mit dieser Reihe voll auf seine Kosten.

Takashige Minagawa
STRIKER - Die zweite Sintflut
Carlsen Verlag, DM 24,90
ISBN 3-551-72821-6

Schuiten/Peeters: Mary. Die geheimnisvollen Städte

In den achtziger Jahren begann die große Rezession in der Comicbranche. Die geburtenschwachen Jahrgänge und eine veränderte Interessenlage der Jugendlichen sorgten dafür, daß das Angebot an Kioskware zunehmend dünner wurde. Im Gegenzug dazu etablierte sich jedoch der Autorencomic, der sich an ein älteres Publikum wandte. Der Comic war erwachsen geworden, sein Publikum auch. Durch diese Entwicklung war es auch möglich, die Inhalte und die Form auf ein intellektuelleres Niveau zu heben als dies bis dato der Fall gewesen war (von Ausnahmen wie Hugo Pratt einmal abgesehen). Die Alben wurden umfangreicher und anspruchsvoller.

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Gisbert Haefs – Kein Freibier für Matzbach

Nachdem Balthasar Matzbach in seinem letzten Fall den Bonner Politklüngel auf groteske Weise aufgemischt hat – unter anderem legte er einer originalgetreuen Kanzlerkopie und einem falschen Oskar Lafontaine das Handwerk – zog sich der Universaldilletant aus diesem Metier zurück. Matzbach tauschte Revolver gegen Remoulade und eröffete ein exquisites Speiselokal auf einem angedockten Kahn am Rheinufer, das seiner Verschrobenheit Rechnung trägt: Der Kellner ist ein gestrandeter Cheyenne, den die US-Army vergessen hat, der Koch ein Ashanti und der Geschäftsführer ein Chinese. Mädchen für alles, im Besonderen auch Damenbeglücker und Bodyguard, ist ein Zwerg mit einschlägiger Halbwelterfahrung.

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Ronnie Lane: See Me

Ronnie Lane? Das muß schon länger her sein. SMALL FACES? FACES? Ah, ja! Der ist doch krank, nicht? War so was wie der Gegenpol zu den sog. „Frontmännern“ Steve Marriott und Rod Stewart und hat dann dem Rockbiz lapidar tschüs gesagt. Die BritPopper haben ihn inzwischen wiederentdeckt und festgestellt, daß er vor allem mit Marriott tolle Songs geschrieben hatte. RIDE veröffentlichte jüngst sogar ’ne CD-Single mit dem lustigen Song: „A Trip To Ronnie Lane“.

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Will Eisner: South Bronx, Dropsie Avenue

Neben Carl „Duck“ Barks ist der Amerikaner Will Eisner der letzte große Comic-Zeichner der alten Garde. Hal Foster (Prinz Eisenherz) hat er überlebt, ebenso Hergé (Tim & Struppi) und Hugo Pratt (Corto Maltese). Heute, im Alter von 78 Jahren gilt er als Ikone der Graphic Novel. Will Eisner ist zu einem Stück lebender amerikanischer Zeitgeschichte geworden. Dessen, so scheint es, ist er sich auch zunehmend bewußt geworden, seit er vor achtzehn Jahren zu einem Comeback ansetzte und fortan das Leben der kleinen Leute im Schmelztiegel New York in den Mittelpunkt seiner Arbeit gerückt hat.

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The Beatles – Die Bildbiographie einer Legende

Beatles als Sprechbläser

Sonst läßt er Micky Maus &Co. in Deutschland fiepen, jetzt setzt er auch noch auf die BEATLES-ANTHOLOGIE-Karte. Der Ehapa-Verlag in Stuttgart suchte und fand eine Möglichkeit, beim neuerlichen Rummel um die vier Jungs aus Liverpool mitzumischen.

John, Paul, George und Ringo also als Comic-Figuren, die komplette Beatles-Story auf 46 Schwarz-Weiß-Seiten. Von den Anfängen („Ruhm und Glück – wir kommen“) bis zum bitteren Ende anno 1969/70. Sprechblase Paul McCartney: „Wir hatten diese Streitereien, und John sagte mir, er würde gehen. Er sagte: Ich will die Scheidung. “ Die hat Lennon bekanntlich gekriegt.

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Moby – That’s when I reach for my revolver

Strubbelkopf Und wieder mal eine Coverversion, die als Singleauskopplung aus einem Longplayer herhalten muß. Das Original stammt von Mission of Burma aus dem Jahre ’81 und war später Punkrock. Die 96er-Moby-Variante wächst auf als britisches Wimp-Gedaddel und erlebt im Refrain ihr Coming Out als die monströseste Schweinerock-Nummer seit mindestens 96 Wochen. So stumpf und platt wie eine Wand aus Waschbeton. Wie ein Kollege so treffend bemerkte, groovet das kein bißchen – und das ist das Tolle daran!

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Mai: Die letzte Tochter des Mihiro Clans

Telekinese und Pubertät

Die Welt wird ein Dorf und Inseln sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren: Eine Garantie für intellektuelle Inzucht. Das haben nicht nur die Briten am eigenen Leib gespürt. Selbst im Land der aufgehenden Sonne, das sich mit fremden Kulturen sichtlich schwer tut, sind die Einflüsse der westlichen Welt nicht mehr zu leugnen. Doch bis heute gelingt es selten genug, beide Traditionen unter einen Hut zu bringen. Der üblichere Ausdruck ist ein unvermitteltes und abruptes Nebeneinanderher von japanischer und westlicher Kultur: moderne Glaspaläste neben Schreinen in traditioneller Holzbauweise. Ebensowenig wie Kleidung und Wohnungseinrichtung sind die japanischen Comics davon ausgenommen. Die zelebrieren in einem kulturellen Spreizschritt eine Art japanische Postmoderne.

Ryochi Ikegamis jüngster Wurf „Mai, the psychic girl“ (dt. Mai, die letzte Tochter des Mihiro Clans) ist ein typisches Beispiel für diese kulturelle Schizophrenie. Im Vordergrund dieser Reihe steht die 14jährige Mai Kuju, an sich ein stinknormaler Teenager, der die Schulbank drückt, Steaks brät und sich, wie wohl alle Mädels in diesem Alter, Sorgen um die Form ihres Busens macht. Wären da nicht die psychokinetischen Fähigkeiten, die sie von ihrer Mutter geerbt hat. Hinter Menschen mit diesen Fähigkeiten ist eine mysteriöse Organisation her, die von einem Hauptquartier in den Schweizer Bergen aus operiert und ihre Handlanger überall zu haben scheint. Kein Wunder also, daß sie von Mais Fähigkeiten Wind bekommt und versucht, sie in ihre Gewalt zu bringen.

Das klingt wie ein Potpurri aus den George Lukas‘ Yedi-Rittern, Stephen Kings Feuerkind und anderen hierzulande mehr oder weniger bekannten Motiven. Trotz dieses Hangs zum Plagiat ist Ryochi Ikegami sichtlich bemüht, diesen Motiven einen eigenen Kontext zu geben, indem er die Handlung vor japanischem Dekor ablaufen läßt und mit einigen mangatypischen Actionszenen anreichert. Ein entscheidendes Problem bleibt dabei allerdings bestehen: da die zugrundeliegenden Motive den Lesern bekannt sind, kann er sich den Verlauf der Handlung aus den Fingern saugen – und liegt damit nicht einmal falsch. Bis zum Ende des ersten Bandes zumindest. Ob Ryoshi Ikegami und sein Zeichner Kazuya Kudo noch ein paar ungeahnte Wendungen parat haben bis es zum psychokinetischen Showdown kommt, werden die nächsten Folgen zeigen. Unterm Strich ist ein ost-westlicher Manga entstanden, der durch seine konzeptionelle Unschlüssigkeit schon wieder originell ist.

Ryochi Ikegami/Kazuya Kudo
MAI - DIE LETZTE TOCHTER DES MIHIRO CLANS
Feest Comics 16,80 DM
ISBN 3-89343-756-8

Die Kaltblütigen – Spring Haven

Die Kaltblütigen kommen ins Schwitzen

Wer es bedauert, daß „Taxi Driver“ nach zwei Stunden bereits zuende war und daß „Pulp Fiction“ nicht zur 378teiligen Vorabendserie avanciert ist, hat es heute schwer mit den Ersatzdrogen, vor allem seit Micky Spillane weich geworden ist und James Ellroy vor lauter Größenwahn unter Mordblockade leidet. Einziges probates Mittel ist derzeit DIE KALTBLÜTIGEN, ein Comic-Epos, das eine wunderschöne Mischung aus Hardboiled, Film Noir, Road Movie und Gangsta bringt.
Frisch auf den Ladentheken gibt es jetzt den zweiten Band, der die Flucht des Auftragskillers Hamlet, des Juniorhysterikers Huevo und der gekidnappten Wendy durch die amerikanische Wüste erzählt. Die Vorgeschichte dazu liefert der erste Band.

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Ein Haufen alter Hippies…

Ein Interview mit David Munyon

David Munyon begann so um 1967 in Kalifornien Musik zu machen. Anfangs spielte er Gitarre in einigen Bands, die so nette Namen wie Grapes of Wrath ( wie das Steinbeck Buch) oder East Coast Chapter hatten. Die Bands konnte er nie zusammenhalten, da die Jungs zum Militär mußten oder einfach zuviel tranken.

Daraufhin beschloß er, nur noch allein mit der Acoustic in den USA zu reisen, um in Cafes, Restaurants und gelegentlich in Bars zu spielen. 1986 ging er schließlich nach Nashville und traf dort Greg Humphrey, seinen heutigen Produzenten und begann ein Projekt zusammen mit Matt Rowlins und Leland Sklar, Anthony Crawford, Billy Joe Williams jr.. In ihrem Haus haben sie sich zusammen gesetzt und in 4 bis 5 Tagen auf 24 Spuren ein Album aufgenommen.

Mit der Unterstützung von ein paar Freunden aus Kalifornien brachten sie die Platte auf einem eigenen Label (Los Hermanos) raus. Ihnen fehlte es aber am nötigen Kleingeld, um das gute Stück vernünftig zu verkaufen. Insgesamt wurden nur einige hundert Stück der ‚Code Name: Jumper‘ verkauft. Auf einer Messe in Texas traf er dann jemanden vom deutschen Label Glitterhouse. Glitterhouse brachte das Album und die Nachfolger „Acrylic Teepees“ und „slim possibilities“ in Europa raus und unterstützte Munyon schon auf seiner ersten Europatournee vor drei Jahren.

David Munyon ist eine unglaublich charismatische Perönlichkeit. Während seiner Konzerte sitzt er mit seiner Acoustic auf einem Stuhl, vor ihm ein Notenständer, auf dem sein Songbook mit mehr als 400 Songs liegt. Die Aura um ihn herum läßt sich nur mit einem Hochspannungskondensator vergleichen. Man hat ständig das Gefühl, die Spannung springt über.

Leider gibt es immer wieder besch… Publikum. Jauchzende Barfußtänzer und Landeier, die nie die Klappe halten können. Irgendwann schließt Du deine Augen und hörst ihm zu. Vor dem geistigen Auge laufen die Geschichten ab, von denen er erzählt. Alles andere erscheint irrelevant. Im Anschluß an sein Konzert im Kölner MTC nimmt er sich Zeit für ein kurzes Interview. Im kleinen Backstage Raum spielt sich Steve Wynn hinter mir für seinen Auftritt warm. Munyon ist anzusehen: Er hat alles mitgemacht, die schlimmsten Dinge gesehen und erlebt; hat kleine Dinge gesehen, die ihm eine Riesen-Freude bereitet haben. Sein Glück strahlt er aus jeder Pore seines vernarbten Gesichtes; ohne zu lachen, ohne zu lächeln.

Hinter-Net!: Mr. Munyon, auf Ihren Platten spielen Sie mit einer Band, hier auf der PopKomm spielten Sie aber ganz allein…

Munyon: Ich spiele meist allein. Für diese Europatournee wollte ich eigentlich mit der Band spielen, mit der ich auch die letzten Platten aufnahm. Ich kann es mir einfach nicht leisten, eine Band zu engagieren. Außerdem haben die meisten eine Familie in Nashville und daher wenig Interesse, mehrere Monate durch Europa zu touren.

Hinter-Net!: Was für ein Unterschied ist für Sie live mit oder ohne Band zu spielen ?

Munyon: Ich hatte bis jetzt nur einige Male die Gelegenheit dazu. Unter anderem mit Warren Haynes ( Allman Brothers). Sonst spiele ich nur mit anderen zusammen, wenn es sich zufällig ergibt. Vielleicht werden wir auf der nächsten Tour mit Band spielen.

Hinter-Net!: Spielen sie mit Band die gleichen Songs ?

Munyon: Ja, da ändert sich nicht viel. Für diese Tour war sie geplant mit David Pomeroy am Bass, mit Craig Krampf an den Drums und mit Al Perkins (Ex-Emmylou Harris Band) an der E-Gitarre. Die meisten wollten nicht ohne Familie touren. Viele Musiker aus Nashville wollen im Moment in kein Flugzeug steigen, da Freunde im Crash in Florida gestorben sind. Und Chet Atkins Bassist ist mit der TWA 800 über Long Island abgestürzt. Jetzt ist er vielleicht im Himmel und schreibt Songs mit Elvis. Ich hatte genug Glauben und war sicher, heil anzukommen.

Hinter-Net!: Kommen in Europa andere Leute zu Ihren Konzerten als in den USA ?

Munyon: Das Publikum in Europa ist völlig anders. Ich wünschte, ich könnte es mitnehmen. Sehr enthusiastisch und die Leute behandeln mich mit sehr viel Respekt. Manchmal spiele ich in Nashville in einem Cafe fünf Stunden am Stück und bekomme keinen Applaus. Die großen Shows in Nashville, das ist nur Country. Ich habe allerdings kein stereotypisches Country Publikum. In den USA ist es normalerweise so: Komme ich in eine Stadt, frage ich einfach solange, bis ich irgendwo spielen darf. Dadurch kommen die Leute eher zufällig. Reisen liegt mir im Blut. Mein Vater war in der Navy, und arbeitete für die NASA, wir haben schon immer aus dem Koffer gelebt. Bis jetzt habe ich in den USA, Kanada und Europa gespielt, wir planen aber im Fernen Osten (Japan, Taiwan) zu touren. In China wurde ein Einreiseverbot verhängt. Aus politischen Gründen. Ein Song vom ersten Album, Bejing Dreams, handelt vom Massaker während des letzten Revolutionsversuchs.

Hinter-Net!: Wieviel Politik liegt in Ihren Texten ?

Munyon: Ich glaube ich war schon immer ein politischer Songwriter, habe auch Politikwissenschaften an der Uni studiert. Mir war aber nie bewußt, daß ich politische Songs schreibe, bis eine Verlegerin sagte, ich schreibe politische Texte. Erst da wurde es mir richtig bewußt. Ich sehe mich aber lieber als ein Geschichtenerzähler.

Hinter-Net!: Sehr oft sprechen Sie von »wir«, wenn es um Ihre Musik geht

Munyon: Wir ist Gott, ich, alle, die mit geholfen haben. Ich spiele Gitarre, seit ich 13 bin und jetzt nach 30 Jahren bekomme ich eine solche Anerkennung, das ist ein gutes Gefühl. Es war anscheinend das Warten wert. Glitterhouse macht gute Arbeit, die beste Firma, die ich haben könnte. Mit 13 hatte ich kein Geld, jetzt habe auch nicht viel mehr. Ich lebe »on a steady diet of miracles«.

Hinter-Net!: Haben Sie den Erfolg noch erwartet ?

Munyon: Irgendetwas hat mich immer vorangetrieben. Mit 17 habe ich angefangen in LA aufzutreten, dann wurde meine Mutter in Florida erschossen. Irgendwelche Verrückte, die neben ihr wohnten, haben mit einem Gewehr durch Wand geschossen und sie dabei getötet. Ich war zu der Zeit in LA. Im Militär war ich einige Male, auch in Vietnam, bin aber immer wieder zur Musik zurück gekommen. Einige Jahre Alkoholkrankheit, habe es aber überstanden. Die Dinge laufen sehr gut im Moment, ich bin sehr glücklich, fühle mich fast wieder wie ein Kind.

Hinter-Net!: Was hat Sie zum Weitermachen getrieben ?

Munyon: Songs konnte ich immer schreiben, egal ob ich meinen Job verloren habe oder etwas anderes mich umgeworfen hat. Songs konnte ich immer schreiben. Jemand aus meiner Kirche zeigte mir vor einiger Zeit einen Vers aus der Bibel » Gott schenkt uns unsere Lieder in der Nacht« Es ist meine Bestimmung, Songs zu schreiben. In den letzten Jahren war Gott sehr gut zu mir, fast hätten sie mich untergekriegt, ich bin wohl gerade noch davon gekommen.

Hinter-Net!: Denken Sie, die vermehrten Reisen und der Erfolg werden Ihre Musik verändern ?

Munyon: Die Musik wird sich nicht verändern, vielleicht wird sie besser. Ich lerne vielleicht einige neue Akkorde. Greg (Produzent) und ich haben lange darüber nachgedacht, was wir machen wollen. Versuchen wir zu einem Major Label zu kommen, aber mit unserer Musik, 7-8 minütige Songs über Jesus, Krishna, Buddah, Rama, Vishnu, damit will die große Country-Industrie nichts zu tun haben. Sie mögen die Musik vielleicht, können sie aber nicht bei ihrem Publikum vermarkten. So beschlossen wir »Zur Hölle mit dem Geld !«

Hinter-Net!: Sie sprechen sehr oft von Gott, aber auch vielen anderen Religionen.

Munyon: Es gibt da ein Buch: »Autobiography of a Yogi«. Er verbindet alle Religionen, und sagt, es sind alles nur Namen, genauso wie es viele Namen für Blumen oder Bäume gibt.

Hinter-Net!: Ist dies ein Teil Ihrer Message ?

Munyon: So ungefähr. Wir hoffen auch etwas peace zu bringen, wenn wir nicht vorher aus der Stadt gejagt werden. Wir sind halt ein Haufen alter Hippies

Backstage: der Künstler und sein Interviewer

Thumb – Thumb

Die Single enthält zwei Teile:

Intro von P.E.T.A. people for ethical treatment of animals. In verschiedenen Sprachen (25) spricht man sich gegen das Töten und den Mißbrauch von Tieren Ein eher klassisches Crossover/Hardcore-Stück der deutschen Formation Thumb in dem sie das Motto von P.E.T.A. herausschreien. Sie haben nicht nur dieses Stück, sondern auch ihre letzte Tour dem Motto »No more blood« gewidmet. Sicher eine gute und unterstützenswerte Aktion.

You should rather go naked than wear fur!

Thumb
Thumb
Spin/EMI

Butthole Surfers – Pepper

Waren die Butthole Surfers einst Aushängeschild des Undergrounds in Vollendung – denn sie machten das wonach ihnen der Sinn stand ohne Rücksicht auf Stilbrüche- sind sie nun ambitioniert auch mal Kohle mit ihrer Musik zu verdienen. Das ist sehr leicht nachvollziehbar, denn von Kult und ausverkauften Jugendzentren will man ab einem gewissen Entwicklungsschritt auch nichts mehr wissen.

Also, kein Ausverkauf sondern Ehrlichkeit. Es ist ja auch geradezu offensichtlich und fast schon platt, wenn MTV-Kompatibilität durch die Adaption Beckscher Stiltugenden erspielt wird. Der Rest der Single ist halt Füllmaterial und ein Remix des Titelsongs. Die volle CD hab ich noch nicht zu Ohren bekommen, wird aber insgesamt etwas weniger peinlich sein als dieser Versuch (der auch noch erfolgreich ist) den Fernsehschirm zu erobern.

Perfect – When Squirrels play chicken

Perfect ist die neue Band von Tommy Stinson, dem ehemaligen Bassisten und Gitarristen der Replacements. Während sich Paul Westerberg, kreativer Kopf der Replacements, auf seinen letzten Soloalben zumindest zaghaft um musikalische Veränderungen bemüht hat, greifen Perfect den Faden auf, den meine Minneapolis-Lieblingsband etwa 1987 freiwillig verloren hat: zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug rocken melodisch-rusikal ab. Spielstand auf dieser Vorab-EP zum neuen Album: 4:1 für die Kracher gegen die Balladen. Musik für T-Shirts, dünne Lederarmbänder und eisgekühltes Bier. Im Grunde habe ich eine Schwäche für sowas, aber mehr als gute Kneipenmusik ist das nun auch nicht.