Charles Willeford: Ketzerei in Orange

Pulp und die Moderne. Krimi und die Theorie vom Werden der Kunst im Auge des Betrachters. Das passt nicht? Passt! In Charles Willefords „Ketzerei in Orange“.

Ist der Kunstkritiker James Figueras ein Psychopath? Nun, er ist ehrgeizig und skrupellos, beides Eigenschaften, die er braucht, als ihm der reiche Sammler Cassidy ein unmoralisches Angebot macht: Ich vermittle dir ein Interview mit dem legendären Maler Jacques Debierue und du stiehlst ihm im Gegenzug ein Bild für mich. Debierue ist ein Nichtmaler. Einmal hat er einen leeren Bilderrahmen über einen Mauerriss gehängt, mehr war nie von ihm zu sehen. Jetzt sitzt der alte Franzose in der Wildnis Floridas, verzehrt Fertiggerichte, guckt sich drittklassige Komiker im Autokino an, während in der Welt draußen die Mythen gedeihen und der Ruf des Künstlers ins Maßlose wächst. Figueras braucht nicht lange zu überlegen. Ehrgeizig, skrupellos: Zusammen mit seiner Freundin fährt er zu Debierue, parliert ein wenig, will ein Bild stehlen, aber findet keines. Er steckt das Haus in Brand, vorher hat er genügend Malutensilien entwendet, um selbst ein Bild zu malen, das dann ein Bild Debierues werden soll. Ja, und dann auch noch ein Mord und ein überraschendes Ende.

Weiterlesen

Die Braut im Worthülsenbett

Die ersten Seiten eines Buches sind seine Visitenkarte. Kaum ein Autor, dem dies nicht bewusst wäre, der nicht daran feilte, bis er überzeugt ist, damit jeden Leser ohne Verzögerung in die Geschichte zu ziehen, ihn an sie zu fesseln, bis ihn die letzte Seite wieder ausspuckt. Man sieht den ersten Seiten eines Buches in der Regel nicht an, ob ihr Verfasser ein guter, gar ein großer Schriftsteller ist. Ist er aber ein schlechter oder allenfalls mittelmäßiger, verraten ihn die ersten Seiten seines Werkes unfehlbar.

Weiterlesen

Gestern abend

… den ersten „Noir“-Krimi der deutschen Krimigeschichte gelesen. Kurz. Prägnant. Gnadenlos. Hard boiled. Gigantisch. Titel, Autor? Verrate ich (noch) nicht. Denn merke: Der deutsche Kriminalroman hat keine Tradition. Also muss man auch nicht den ersten „Noir“-Krimi kennen. Oder?

Duane Swierczynski: Secret Dead Men

Krimis, die so richtig quer stehen zur üblichen Lesart, sind, wenn man mal ehrlich sein will, selten. Klar gibt es Bücher, die herausragen, sei es aufgrund der Sprache oder des ausgefeilten Plots oder der dichten Atmosphäre …, Handwerk eben. Die verschiedene Subgenres haben ihre Schnittmuster, und wenn der Leser Glück hat, kann der Autor des Kaisers Kleider vortrefflich schneidern, aber dass ein Autor etwas ganz Neues hinzufügt, das passiert nicht oft. Duane Swierczynskis „Secret dead men“ ist, glaube ich, so ein seltenes Buch.

Weiterlesen

Karl Braun

Bis die schöne Seite alte-krimis.de steht, gibt es hier Hinweise auf lesenswerte Criminalia aus dem 19. Jahrhundert. Heute: Karl Braun. Auch der ein liberalpolitischer Kopf, Autor diverser Novellen, u.a. „Der Cadettenmord zu Weilburg an der Lahn. Eine Criminalnovelle aus der Kaserne“, die →hier als PDF verfügbar ist, nebst Interessantem zum Leben des Autors.

Wochenausblick

Diese Woche ist, wie man so schön sagt, in einigen Teilen noch ergebnisoffen. Am Dienstag lobt Bernd Duane Swierczynskis „Secret Dead Men“ als „eines der herausragenden Bücher des Lesejahres“, am Donnerstag lasse ich mich nicht lumpen und nenne Charles Willefords „Ketzerei in Orange“ einen absoluten Klasseroman. Aber sonst? Man könnte mal das Thema: „Warum ich nach der ersten Seite erkenne, dass jemand nicht schreiben kann“ ausführen, natürlich wie immer die Aktualitäten im Blick haben und auf Herrn K. hoffen, aber ich fürchte, der alte Finanzbeamte verprasst gerade sein Weihnachtsgeld und kommt blogmäßig vor Heiligabend nicht mehr in die Gänge. Mit Holtei verschone ich euch, aber zum Jahrbuch hätte ich vielleicht noch das eine oder andere Wörtchen zu sagen, wenns genehm ist.

Weiterlesen

Erster Einblick in die Krimiproduktion 2006

543.gif

„Dann sind die Zugvögel den ganzen Winter lang beieinander gewesen, haben diverse Kontakte geknüpft, alte Bekanntschaften aufgefrischt, neue Lebenspartner gefunden, dabei tüchtig allerhand Viren und anderes verstreut und kehren zurück. Dann müssen unsere Hühner wieder in den Stall. Dann kriegen sie Beklemmungen, unsere Hühner, Ängste, sie werden, um das mal gewichtig zu sagen, klaustrophobisch, unsere Hühner.“

Dies sagt voraus: →Astrid Paprotta. Und was sagt dpr voraus? Astrid Paprotta arbeitet derzeit am ersten Hühnerkrimi der internationalen Spannungsliteratur! Aber ganz sicher! Ich kenn doch die Anzeichen!

Der Verlag und die Kultur

jahrbuch_cover_werk.jpg

Ursprünglich sollte das Jahrbuch als „book on demand“ erscheinen. Auf Verlagstour wollte ich nicht gehen, denn was hätte ich schon zu bieten gehabt? Die Aussicht auf Profit ganz gewiss nicht. „Ein Jahrbuch, meine sehr verehrten Damen und Herren“, hätte ich sagen können, „muss man sich als Verlag leisten. Einfach so. Im Dienste der Krimikultur.“ Und dann hätten sie mich rausgeschmissen.

Weiterlesen

Altpapier gesucht

Besitzt ein Leser, eine Leserin dieses Blogs das Buch „Untersuchungsrichter, Diebsfänger, Detektive. Theorie und Geschichte der deutschen Detektiverzählung im 19. Jahrhundert“ von Hans-Otto Hügel? 1978 in der Sammlung Metzler erschienen. Wäre der Besitzer, die Besitzerin dieses Buches bereit, mir nämliches zu verkaufen? Falls ja: hier kann man mir das mitteilen. Bitte mit Preisvorstellung.

Andrew Taylor: Der Schlaf der Toten

Doch, mir hat Andrew Taylors Roman „Der Schlaf der Toten“ auch gefallen. Vorzugsweise im Lehnsessel zu schmökern, draußen schneit es, drinnen prasselt das Ferngas romantisch im Heizkörper, und wenns schaurig wird, dimmt man die Beleuchtung auf Zwielicht. Was also inhaltliche Wiedergabe und summarische Bewertung angehen: siehe die →Rezension des Kollegen Menke. Willkommene Gelegenheit, zwei spezielle Punkte näher zu beleuchten. Einen, der bei Ludger keine Erwähnung findet, einen anderen, in dem ich ihm – nicht widerspreche, aber ihn doch etwas ergänzen möchte.

Weiterlesen

Ergebnis eines Dienstgangs

Wie hier vor Wochenfrist angekündigt, habe ich in den letzten Tagen eine zwar nicht repräsentative, so doch vage wissenschaftlich angedachte Inspektion hiesigen, d.i. Saarbrücker Handels mit Kriminalromanen durchgeführt, partiell begleitet von Chef Walter, der sich bei dieser Gelegenheit nicht zügeln konnte, über die noch elendere Situation der Science Fiction Literatur zu lamentieren.

Weiterlesen

Uncool

… ist mal wieder Ludger vom anderen-Blog-da. Erst muss er natürlich seine →Andrew-Taylor-Rezension vor meiner ins Netz hauen. Keine Rücksicht mehr auf alte Leute. Ich bin halt nicht mehr so schnell! Dann, kaum habe ich meinen Deutschkrimirückblick fertig, konfrontiert er mich mit dem →Gemetzel Eckert – Seghers, was ich jetzt wohl auch noch da reinpacken soll, was? Wenn sich zwei streiten, von denen der eine mit den historischen Begrifflichkeiten nicht ganz klarkommt und der andere in diesem Jahr doch eigentlich schon genug Scheiß erzählt hat. Muss der Menke natürlich wieder alles haarklein…böser Menke! Sollten wir uns in der Vorweihnachtszeit nicht mal alle ganz furchtbar lieb haben? Der Horst den Jan, der Ludger das Syndikat, der Krimi die Vollwertliteratur. Macht mal einer ein Teelichtchen an?