Smoke City

Dieser Artikel handelt von einer Band namens Smoke City. Smoke wer? Smoke City, die von „Underwater Love“, der Song aus der Levis-Werbung mit dem Typ, der aus dem Boot kippt und den Nixen. Ach so, die.
Das riecht verdächtig nach einer klassischen One-Hit-Wonder-Karriere, aber Smoke City haben es besser verdient – ein Grund mehr für Hinter-Net!, die Gruppe im Interview zu fragen, wie sie zu dem wurden, was sie sind.

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Dallas Barr – Unsterblichkeit zu verkaufen

Inzwischen ist es nicht mehr so außergewöhnlich, daß Papis Tochter den neuen Kleinwagen als Geschenk zum bestandenen Abitur verschmäht und sich stattdessen einen langgehegten Mädchentraum erfüllt, die heißersehnte Stupsnase oder eine optimal ausgepolsterte Oberweite. Der Wunsch nach Schönheit ist zu einer Sucht geworden, die biologische Unzulänglichkeiten nicht mehr akzeptiert. Neben der kosmetischen Chirurgie boomt der Markt mit allen möglichen Behandlungsmethoden, die den Alterungsprozeß aufhalten sollen. Doch allen Anstrengungen und allem Hype der Pharmaindustrie zum Trotz, sehr nahe ist man dem Ziel von der ewigen Jugend noch nicht gekommen.

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Batman – Wahnsinn in Arkham

Klar, irgendwann mußte es soweit kommen. Batman schnappt über und wird in die Irrenanstalt Arkham eingeliefert. Eigentlich kein Wunder, bei dem nervenaufreibenden Kampf, den Batman nächtelang gegen Gothams Unterwelt führt. Aber seltsam ist das Ganze trotzdem.

Kann Batman so umnachtet sein, daß er einen Cop tötet? Oder ist seine Einlieferung nur ein Trick. Denn in Arkham sitzen die meisten seiner irren Gegner und in Gotham werden Morde verübt, die die Handschrift eines der Insassen tragen. Ich sage nur: Come in and find out!

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William S. Burroughs – Agent in eigener Sache

Viele haben überhaupt nicht mehr damit gerechnet, doch das Unwahrscheinliche ist eingetreten: Am Sonntag dem 3. August 1997 starb der Übervater der Underground-Kultur William Seward Burroughs im Alter von 83 Jahren an Herzversagen.

Foto William Seward Burroughs

Burroughs, Kammerjäger, Privatdetektiv und schließlich Schriftsteller, ist seit seinem ersten öffentlichen Auftreten Ende der Vierziger Jahre zu einer generationenübergreifenden Kultfigur des Undergrounds geworden. In den Fünfziger Jahren und in den Roaring Sixties wurde er zur grauen Eminenz der Beat Generation. In den Siebzigern wurde er zur Ikone der Popwelt, und nachdem es in den Achtzigern etwas ruhiger geworden war um den zerknitterten alten Mann in seinem Buchhalteranzug, tauchte er in den Neunzigern wie ein Phönix aus der Asche und wurde auch von den jüngsten Wilden der Popfraktion hofiert. Fast alle seine Mitstreiter und Jünger hat er überlebt: Jack Kerouac, Allen Ginsberg, Nico, Andy Warhol, Frank Zappa, Kurt Cobain und seine deutsche Epigone Jörg Fauser. Einer, der in dieser Verlustrechnung vorkommt, aber fast immer unerwähnt bleibt, ist sein Sohn William Burroughs Jr.. Ihm erging es wie den anderen. Sie alle haben ihm gehuldigt, ihn imitiert und keiner hat ihn überlebt. Was bei vielen auch daran lag, daß sie seinen exzessiven und selbstzerstörerischen Lebensstil kopierten und sich damit zugrunde richteten. Was war dran an diesem mumienhaften Mann, der sie alle in seinen Bann schlug und der heute auf einer 29 Cent Briefmarke abgebildet ist?

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Heya Safari

„Bei einem Wasserloch fuhren wir – so dicht wie an einer Parkhauskasse – an einem Paar männlicher Löwen vorbei. (…) Sie schienen sich nicht um uns zu scheren. Einer erhob sich gelangweilt, ging ein paar Schritte, pinkelte und legte sich – ohne Rücksicht auf die Eleganz, die westlich erzogene Menschen so an der afrikanischen Wildnis bewundern – mitten in der Pisse wieder auf den Boden. Am Ende dösten die Löwen ein, ihre Köpfe unrhythmisch nickend, als würden sie bekifft alte Nirvana-Platten hören. Grunge-Löwen eben.“

aus P.J.O’Rourke: Tete á tete in Tansania, in: Rollings Stone 7/97

Jackie O. Der Fan und sein Star

Würden alle Bücher nur von den wichtigen Dingen des Lebens handeln, wären die meisten nie geschrieben worden – dabei sind die überflüssigsten oft die besten!

So überflüssig wie lesenswert ist die mit zweijähriger Verzögerung erschienene deutsche Ausgabe von „Jackie O. Der Fan und sein Star“, ein Werk des Amerikaners Wayne Koestenbaum, nebenbei Dozent für englische Literatur, hauptsächlich aber glühender Jackie-Verehrer! „Jackie“ meint natürlich Jacqueline Kennedy Onassis, die mit Marge Simpson übrigens den Mädchennamen „Bouvier“ teilt.

Das war´s dann aber auch schon an Gemeinsamkeiten, denn während Marge auf ein stupides Hausfrauendasein im Kreise ihrer debilen Familie zusteuerte, heiratete die junge amerikanische Fotoreporterin französischer Abstammung einen aufstrebenden demokratischen Senator, wurde bald darauf First Lady der USA und ebenso schnell Witwe, heiratete einen häßlichen, griechischen Milliardär, wurde wiederum Witwe und arbeitete bis zu ihrem Krebstod 1994 in New York als Lektorin. Noch Fragen? Vielleicht nach Hinterlassenschaften, überlieferten Statements, einem Werk? Fehlanzeige!

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Radiohead – OK Computer

Ok Computer - Radiohead: Musik

Eigentlich hatte ich mit dem Rezensieren von Tonträgern abgeschlossen, erschien mir die Flut von zahllosen Veröffentlichungen so groß, daß sich nur wenige Platten von dem Grand Oeuvre abzuheben schienen. In diesem Fall blieb mir keine andere Wahl: Ich muß hier und jetzt eine überlange Rezension ins Auge fassen, da es sich bei ‚OK Computer‘ um einen der besonderen Momente im heutigen Musikgeschehen handelt.

Schon die ersten beiden Alben von Radiohead, ‚Pablo Honey‘ (1993) und (vor allem) ‚The Bends‘ (1995) waren Ausnahmeerscheinungen in der ansonsten von heiteren Klängen reich gesegneten britischen Musikszene. Die Parameter der Radioheadschen Herangehensweise stehen dem experimentellen Rock viel näher, als daß man sie einfach in die gängige Britpopschublade stopfen könnte. Harsche und laute Gitarren (gleich drei Gitarristen), ein oftmals mächtiges Schlagzeug, das ganz und gar nicht raven mag und – darüber thronend – der einzigartige, stark expressive Gesang Thom Yorkes.

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Kalkutta liegt am Ganges…

„In keiner Millionenstadt der Welt sind die Mieten so billig wie in Berlin. Nach drei Wochen Wohnungssuche habe ich letztes Jahr über Inserat meine 100 Quadratmeter Wohung in gutbürgerlicher Umgebung gefunden, mit Balkon, Parkett und Zentralheizung für 1.000 Mark. Für sowas kann man in Kalkutta lange suchen. Ja, es gibt sie immer noch, die 164-Mark-Wohnungen mit Ofenheizung und Toilette indisch (jenseits des Ganges).

Billige Mieten haben aber auch schlimme Folgen für die Stadt: Die schrecklichen Berliner Künstler, die seit Jahrzehnten rostige Eisenplatten zusammmenschweißen und es irre lustig finden, als schräge Dilletanten-Combo ihre Gitarren nicht spielen zu können, oder einen experimentellen Super-8-Film nach dem andern zu verwackeln oder Recycling-Mode aus Müllsäcken zu basteln. Zu Recht landen diese Künstler dann bei Arabella Kiesbauer als „Schrilli der Woche“. Und das ist wohl die niedrigste Lebensform, in der man auf dieser Erde existieren kann. Diese Berliner Künstler können nur dank des billigen Wohnraums immer weitermachen. Denn von dem Schmarrn kann man natürlich keine teure Wohnung bezahlen …

Ja, billige Mieten sind gefährlich.“

Lorenz Schröter in JETZT – das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, vom 21.07.97.

Wilco: Outtasite (Outta Mind)

Die Geschichte von Wilco-Jeff Tweedy, Son Volt-Jay Farraw und Uncle Tubelo setze ich einfach mal als bekannt voraus und konzentriere mich auf die Singleauskopplung „Outtasite (Outta Mind)“ von Wilco aus dem aktuellen Album „Being there“. (Sollte obige Annahme nicht zutreffen, legt dem Plattendealer eures Vertrauens unaufgefordert 30 Affen auf den Tisch und stammelt die Worte „Uncle Tubelo – Anodyne – Rausgekommen bei Sire Records/Reprise Records – Haben müsen“)

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Musikbücher III

Ihr, die euch die Gnade der späten Geburt vor so manchem bewahrt hat, werdet euch nicht erinnern können. Aber glaubt mir: Es gab eine Zeit, da jeder Rentner, der etwas auf sich hielt, hierzulande beim Anblick eines Langhaarigen schöne Visionen bekam. In ihm dräute dann die 1000jährige Sehnsucht nach einer freundlich im frühen Morgenlicht blitzenden Guillotine im propperen Hof eines wohlorganisierten Konzentrationslagers. Und er dachte (meistens still in sich hinein, manchmal laut aus sich heraus): Hei, wäre das nicht schön, wenn jetzt dieser langhaarige Kopf, der so arg voll ist von verseuchter Beatmusik, unterm Fallbeil=da zu liegen käme und – schwupp – abgeschlagen würde, auf daß er in ein weiches Auffangnest aus druckfrischen BILD-Zeitungen plumpsete? (Unsere ehemaligen Rentner beherrschten noch den altertümlichen Konjunktiv!)

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Scare Crows – Flourish

Da ist sie wieder, die deutsch-amerikanische Band mit dem Sänger der so verdammt nach Bono klingt. Musikalisch hat sich auf dem ersten Longplayer gegenüber der EP nicht sehr viel getan. Ruhige Stücke, Acoustic, unverzerrte Guitar und gelegentlich ein Cello. Dominiert durch die Stimme von Sänger Mäx. Alles sehr gefällig und doch ambitioniert. Aber irgendwie reißt es mich nicht so vom Hocker wie die EP vor einem halben Jahr. Irgendwie hat der „große“ Bono doch Einfluß genommen. Er ist mit seinem neusten Geseier einfach zu oft und überall zu hören. Das hätten die Scare Crows eigentlich nicht verdient.

The Hooblers: Can You Do This

In der Popmusik gibt es nichts Neues mehr, dieser Satz ist so banal, wie meist wahr. Häufig liegt es noch nicht einmal am Wollen und am Können der Musiker, sondern eher an den Marktgesetzen. Will man kommerziellen Erfolg haben, muß das Produkt vergleichbar, in Schubladen sortierbar sein und für den Kunden einen hohen Wiedererkennungsgrad haben. Ist die Platte trotzdem clever gemacht, dann stört dies auch die ehrliche Seele eines kritischen Vielhörers nicht. Nehmen wir beispielsweise die Plagiatmeister von Oasis, die es mit solchen Methoden schafften sich für eine Weile in unseren Herz hineinzuschmeicheln. Einen Hit kann man als Rechtfertigung für Diebstahl gelten lassen.

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Tiefstapelei in einer Welt voller Angeber

Im Gespräch mit Lou Barlow

Ein Interview mit Lou Barlow hatte ich mir schon immer als ein schwieriges Unterfangen vorgestellt, da ihm schon seit Dinosaur-Tagen ein Ruf vorauseilt, der dem Begriff Introvertiertheit eine neue Dimension verleiht. Die Zurückhaltung und schon fast an falsches Understatement grenzende Tiefstapelei drückt sich seit jeher in seiner Musik und in seinen Texten aus. Immer wieder hört man zwischen den Zeilen ein kränkelndes „I`m sorry to speak my mind…“ oder „I don´t trust myself“ und irgendwann taucht unweigerlich die Frage auf, ob diese Angst bei der Entblößung seiner Seele eine von Barlow inszenierte Imagepflege oder ein ehrlicher Charakterzug ist. Wenn letzteres zutrifft, dann drängt sich eine weitere Frage auf, nämlich warum er schon seit Jahren wie ein Besessener Platten auf den Markt wirft, sei es mit Sebadoh, Sentridoh und nun zum bereits dritten Mal mit Folk Implosion (bestehend aus Lou Barlow und John Davis). Als Musiker sollte man das Risiko einplanen, einen Bekanntheitsgrad zu erlangen, der über den Zaun des Nachbarn hinausgeht…

Das Gespräch lief meinen Erwartungen gemäß zäh an, und erst nach zehn Minuten ließ Herr Barlow von seiner Einsilbigkeit ab. Über die neueste Machenschaft von Folk Implosion – namentlich „Dare To Be Surprised“ – hinaus, verriet er einige Dinge, die an den Privatbereich grenzen. Ob sich Lou Barlow während unserem Gespräch gehen ließ, ist mir bis heute schleierhaft.

Ein eigenes Süppchen zu kochen

„Dare To Be Surprised“ ist im Vergleich zu „Take A Look Inside“ ein Album, das weniger durch fragmentarische Songstrukturen und Minimalismus glänzt, als vielmehr die konsequente Fortführung des Sountracks zum Film „Kids“ ist. Dieser hatte gleich zwei Singleauskoppelungen („Daddy Never Understood“ und „Natural One“), die den Sprung in die U.S. amerikanischen Charts schafften. Diese Vorgabe erweckte bei dem ein oder anderen die Erwartung nach einer Folgeerscheinung und auch diesmal gibt es zwei Singleauskopplungen („Pole Position“ und „Insinuation“), die durchaus das gleiche Hitpotential aufweisen. Lou Barlow selbst verspürt keinen Druck, weiterhin Charterfolge zu produzieren; den einzigen Druck den er verspürt macht er sich selbst, und zwar mit dem eigenen künstlerischen Anspruch. Somit wäre seine Einstellung zum Musikmachen geklärt: In erster Linie sieht sich Lou als Künstler der unabhängig von den Erwartungen anderer aufnimmt, was ihm selbst Spaß bereitet.

Die Entstehungszeit von „Dare To Be Surprised“ erstreckte sich über zweieinhalb Jahre, nicht zuletzt weil Lou Barlow „hauptberuflich“ mit Sebadoh beschäftigt ist:

Folk Implosion sind eigentlich keine Band, mehr ein Projekt das John und ich verfolgen, wann auch immer sich die Gelegenheit dazu ergibt. Was nicht heißen soll daß wir unsere Arbeit nicht ernst nehmen würden. Die immense Zeitspanne ergab sich deshalb, weil ich sehr viel mit Sebadoh herumgereist bin, dann mußte John seinem regulären Job nachgehen und schließlich stand das Studio auch nicht immer zur Verfügung, wenn wir beide mal zufällig zur gleichen Zeit frei waren.

Kontinuität mit dem Willen zur Besserung

Obwohl auf „Dare To Be Surprised“ mehr Vocals zu hören sind als auf „Take A Look Inside“ und dem „Kids“ Soundtrack sieht Lou Barlow keine gravierenden Unterschiede in der Konzeption der Folk Implosion Songs:

John und ich haben unsere feste Arbeitsweise. Wenn Du die Vocals wegnimmst und die Instrumentaltracks von D.T.B.S. mit denen von „Kids“ vergleichst, hörst Du ähnliche Basslinen und Drumgrooves.

Verglichen mit den anderen Bands/Projekten die Lou betreibt, steht der Sound bei Folk Implosion weiter oben auf der Prioritätenliste:

Der Weg zum Song führt über den zuerst gefundenen Sound. Wir arbeiten nicht wie sonst üblich zuerst an den Gesangsmelodien, sondern kreieren als ersten Schritt ein Instrumental für den entstehenden Song.“

Überraschend für mich war zu lesen, daß die gesamte Produktion digital aufgenommen wurde, hört sich der Sound doch sehr nach dem typischen low-fi Stil alter Sebadoh Aufnahmen an.

Die ganze Aufnahme war sehr billig. Das Digitalverfahren ist im Allgemeinen billiger als das Analogverfahren. Beides hat seine Vorzüge. Digitalaufnahmen bringen eine gewissse Klarheit rüber, die Du mit einem herkömmlichen Analogband nicht erreichen kannst. Trotzdem bin ich nun kein Verfechter des Digitalzeitalters. Es war eben billig, erst recht für die lange Zeit die wir uns zur Fertigstellung nahmen. Alles in allem steckten wir dreißig Tage in die Produktion, und an jedem einzelnen Tag gaben wir alles, um es so klingen zu lassen wie die fertige CD nun klingt. Ich denke ich habe bis jetzt noch keine großartige Studioaufnahme gemacht außer vielleicht „Natural One“ oder ein paar Sachen auf „Dare To Be Surprised“. Die nächsten Produktionen mit Sebadoh und Folk Implosion sollen sowohl die Aspekte eines großen Studios als auch die des Homerecordings in sich vereinen. Es ist eine große Herausforderung einen Studiosound groß klingen zu lassen, ohne daß er sich zu poliert oder wie eine TV – Werbung anhört. Es muß was Lebhaftes dran sein. Wir sind beim „Kids“ – Soundtrack mit einem Lo-Fi – Anspruch an die Aufnahmen rangegangen, haben aber High-End Equipment verwendet, d.h. gute Mikrophone, eine große Bandmaschine (16 bzw. 24 Spuren, 2″ Analog-Band) und einen Optimalen Raum benutzt. Du kannst in einem großen Studio mit einer Lo-Fi Attitüde einen großen Sound hinbekommen, ohne daß die Produktion zu glatt oder unpersönlich wirkt.

Philosophisch betrachtet…Groove first!

Das Samplen von merkwürdigen Geräuschen und Tonbandschnipseln, die schon auf „You´re Living All Over Me“ von Dinosaur Jr. zu hören sind, waren schon immer des Meisters Steckenpferd. Seit dem „Kids“-Soundtrack findet man auch trippige Drumloops, die den schweren Groove verbreiten, im Gemischtwarensortiment des Hauses Barlow:

Ich bin was meine Hörgewohnheiten angeht sehr offen. Ich lasse mich von sehr verschiedenen Stilen beeinflussen, auch von Trip Hop. Gerade von Tricky gibt es einige Songs, die jemanden in unglaubliche Gefühlszustände versetzen können. Drum – Loops und Samples können wichtige Werkzeuge im Rahmen der Songentstehung bilden. Es ist viel einfacher einen Song über einem fertigen Loop entstehen zu lassen als sich tatsächlich mit der Akkustikgitarre Stück für Stück vorzukämpfen. Das liegt daran, daß gute Loops bereits eine eigene Melodie in sich tragen, die sozusagen den Rest förmlich provoziert. Leider gibt es viel Dance Music, der es an Subtilität und Einfallsreichtum fehlt, in der die immerwiederkehrenden Patterns nichts als Langeweile hervorrufen. Ich weiß allerdings nicht, wohin uns diese Technorevolution, die schon eine geraume Zeit anhält, hinführen wird und ob sich daraus noch viel mehr ergeben wird als es momentan der Fall ist. Die Neunziger sind ja auch noch nicht ganz vorbei.

90s vs. 80s

Fest steht, daß die Neunziger solchen Bands, die in den Achtzigern vom Mainstrem völlig isoliert waren, nun plötzlich die Chance geben einen Top 40 – Hit zu landen, da im laufenden Jahrzehnt die Grenzen zwischen den einzelnen Musikschattierungen langsam verwischen. Für Lou, der mit seiner ersten Band „Deep Wound“ 1983 mehr als Underground war und die Explosion von U.S. Alternative Bands jenseits der SST-Vergangenheit miterlebt hat, bewertet diese Entwicklung als eine positive Errungenschaft- oder?

Die Chance, daß eine Band wie Folk Implosion in den Achtzigern einen Top 40 Hit hätte landen können, wäre gleich Null gewesen. Pop und der sogenannte Mainstream waren getrennt von dem, was man allgemeinhin als Underground bezeichnet. Bands wie Hüsker Dü, Meat Puppets oder Black Flag waren recht isoliert zu der Zeit als sie in ihrer musikalischen Blüte standen. Sie mußten um ihr Publikum förmlich kämpfen. Die Medien haben ihre Strategien weitestgehend geändert und das macht es einer Band wie Folk Implosion möglich Videos über MTV einem großen Publikum zu präsentieren.

Die Kontrolle nur innerhalb der Familie

Man möchte sich trotz des Popularitätsschubs als Independent Band verstanden wissen. Die Wahl des kleinen Labels, die Familiarität mit den Leuten mit denen man zusammenarbeitet, soll gewahrt bleiben. Ein ähnliches Beispiel findet man hier in Deutschland bei den befreundeten Sharon Stoned und ihrer Projekt-Inzucht. Gary der das Label betreibt und den Revolver-Vertrieb leitet spielt die Live-Drums und sein WG-Mitbewohner bedient den Bass.

Communion ist das einzige Label in den Staaten, das Independent geblieben und nicht mit irgendeinem Major-Label verknüpft ist. Sie bringen alles raus, von Punkrock über irgendwelche schrägen Gitarrenbands bis zum Experimental Noise und alles erscheint noch immer auf Vinyl, sogar auf Seven Inches. Du kannst Dir vorstellen, daß dieses Label die Ideale der 80er Punk Explosion im Auge behalten hat. Wir haben dieses Label ausgesucht, weil wir an dem Entstehungsprozess der Platte bis hin zur Tourplanung beteiligt sein wollten. Wir haben alle Hebel selbst in der Hand und werden sehen, wie weit es auf diesem Weg gehen kann. Das ist weitaus aufregender als wenn wir bei einem Major Label unterschrieben hätten.

Die Anonymität, die zwischen Bands und Labels meistens herrscht, geht im Fall von Communion völlig verloren. Eine große Plattenfirma hätte wie bei allen anderen Vertragspartnern versucht ihren Künstler erfolgreich zu machen, wie weit die Bemühungen reichen, bleibt Dir selbst aber verborgen. Gerade wenn es sich um die Promotion dreht, geht Dir bei einem großen Label die Kontrolle völlig verloren. Wir sagen Gary, wie wir uns promoted sehen wollen und er setzt das 100%ig um. Es ist, als ob man noch einmal von vorne anfängt, denn mit Sebadoh wurde alles immer größer. Für mich ist es wichtig mit Leuten ZUSAMMEN zu arbeiten. Das ist weitaus interessanter als Aufgaben zu delegieren. Es ist allerdings auch viel härter, aber der bequemste Weg ist bekanntlich nicht immer der beste. Ich arbeite noch immer mit der selben kleinen Gruppe von Leuten zusammen. Der Unterschied besteht darin, daß mit Communion die Arbeit persönlicher geworden ist als das bei Domino, Sub Pop oder City Slang der Fall war.

Im Info-Sheet zum letzten Sebadoh-Album „Harmacy“ (auf Domino Records- ein etwas größeres Label als Communion) ist zu lesen, daß Lou nicht gerne herumtourt und lieber Konzerte in seiner Nachbarschaft gibt als auf eine ausgedehnte World – Tour zu gehen. Wieder eine Info zur Förderung des Introvertiertheits-Images oder eine unleugbare Tatsache?

So stimmt das nicht. Ich bin seit einem geschlagenen halben Jahr nun unterwegs, zuerst mit Sebadoh und nun mit Folk Implosion. Natürlich freut man sich dann mal wieder nach Hause zu kommen und etwas Zeit für sich zu nehmen.

Jeder der in einer Band spielt, kann das sehr gut nachvollziehen, denn trotz des Spaßes, den man on the Road hat, geht einem dieses Gefangensein mit den immer gleichen Leuten irgendwann auf die Nerven.

Wie so oft mußte ich während des Interviews feststellen, daß das Image von sogenannten Underground/Indie Bands von den mittelgroßen Labels gemacht wird und sich die Vermarktungsstrategien nicht sehr stark von denen eines Major Labels unterscheiden. Ja, Lou Barlow ist ein sehr zurückhaltender Mensch, der nur sehr wenig nach außen trägt was ihn innerlich beschäftigt – eine wirklich schwierige Angelegenheit um ein Interview zu konzipieren – aber letztendlich sympatischer wie die Quasselstrippen die dank Profilierungssucht den Telefonhörer am anderen Ende zusabbern.