Interview: Stella

Hinter-Net!: In welcher Besetzung spielt Ihr momentan?

Elena Lange: Wir waren zuerst ein Trio und haben so auch das erste Album gemacht. Mense Reents produziert und programmiert die elektronischen Stücken und spielt Schlagzeug bei den Rock-Stücken. Thies Mynther macht auch Programmierung und spielt live Keyboard, und dann ist direkt nach der letzten Platte einen neuer Bassist dazugekommen, das ist Hendrik, und ich singe, spiel Gitarre und schreibe Texte.

Hinter-Net!: Wie hat der neue Bassist die Band verändert?

Elena Lange: Wir waren nie eine eingeschworene Clique von Leuten, sondern haben uns schon immer viel gestritten und das auch zur Tugend gemacht. Aber irgendwann haben wir gemerkt, dass das etwas anstrengend ist, und Hendrik ist ein sehr ruhiger Mensch, der da so´n bißchen Gleichgewicht reingebracht hat und Dinge auch emotionaler sieht als wir drei. Wir sind ja ziemlich rational, gehen faktisch und trocken mit den Stücken um und arbeiten einfach richtig an Musik, während er nicht so das Arbeitstier ist, aber schon sehr ruhige, entspannte Elemente reingebracht hat.

Hinter-Net!: Das war also kein Klischee, was man immer über den vielen Zoff bei Stella gelesen hat? Und das war auch nichts, was vom Label aufgebauscht wurde, um Euch als Hauser & Kienzle der Popmusik aufzubauen?

Elena Lange: Nee, (lacht), Hauser und Kienzle, das ist ja ein Vergleich! Nein, das war so. Ich wollte mehr als die anderen und umgekehrt… Ich bin ein sehr stürmischer Mensch, ich kann auch mal aggressiv werden. Vielleicht auch, weil ich ne Frau bin, von der will man sich ja nicht unbedingt was sagen lassen. Ich wollte aber gerne mal diktieren, was so gespielt wird, und da bin ich natürlich auf Wände gestoßen, da hat man sich einfach gestritten. Dickköpfigkeit ist das Stichwort! Ich glaube, die Plattenfirma hatte eher Probleme damit, als dass sie das forciert hat. Es sind auch Leute einfach ausgestiegen aus der Zusammenarbeit mit uns, weil es denen zu anstrengend war, sich ständig unseren Diskussionen auszusetzen. Am Ende haben sie es dann doch gemacht, aber das war dann immer auf die Tour „Oh Gott, sind die anstrengend“, und so…

Hinter-Net!: Kommen wir zur Musik. Ihr arbeitet mit zwei völlig unterschiedlichen Formen, nämlich mit richtig instrumentaler Musik und mit Elektronik. Wie sieht eine Produktion bei Euch aus?

Elena Lange: Einmal gibt es die Version, dass ich Songs schreibe, und dann treff ich mich mit den Jungs, und wir erarbeiten das Arrangement. Das wird dann auch analog aufgenommen, meistens noch in den Computer gespielt, gesampelt und in Loops gebracht, dann kann man flexibler damit arbeiten. Und die andere Version ist: man trifft sich direkt im Studio (wir haben unser eigenes „Imperial Studio“ in Hamburg), dann ist es so, dass Mense vielleicht einen Beat hat, einen House-Beat oder einen Two-Step-Beat oder einn Sample, das interessant klingt, noch ne Basslinie, und wenn du das hast, kannst du dir schon ziemlich konkret vorstellen, was draus wird. Dann überleg ich mir einen Text und versuch, dazu was zu finden. Bei „Finger On The Trigger“ war es so, dass Thies da ein Sample hatte, damals war der Beat noch ganz anders, das war ja eigentlich ein 6/4-Takt, und ich hab mir da ziemlich einen bei abgebrochen, weil 6/4-Takte nicht so angenehm für Musiker sind, deshalb haben wir da auch einen 4/4-Takt draus gemacht, aber trotzdem versucht, den Charakter des 6/4-Taktes aufrecht zu erhalten… Man spielt mit den Elementen, die man hat, und es gibt eigentlich keine richtige Aufgabenaufteilung in der Band.

Hinter-Net!: Aus dem neuen Album ist viel Aggressivität rauszuhören.

Elena Lange: Ja, aber es ist eher Aggresivität im Sinne von Strike Back, wenn man erst mal angegriffen wird. Oder: wie verhält man sich dazu, wenn Dinge um einen herum schieflaufen? Ich mein das nicht nur im privaten Sinne, sondern auch im politischen Zusammenhang. Was passiert mit diesem Land? Wie verhält man sich gegenüber seiner Politik, welche Position nimmt man ein? Ich glaub, das Wichtigste – und das ist echt ne Minimalforderung – ist dieses Finger on the Trigger for the years to come. Man drückt ja nicht ab, sondern hat einfach diese Wachsamkeit für die Dinge, die passieren. Das ist einfach wichtig, also nicht Aggressivität von sich aus, sondern eher die Bereitschaft, zurückzuschlagen, wenn man angegriffen wird.

Hinter-Net!: In Euren Texten nennt Ihr die Dinge beim Namen, die Euch beschäftigen. Unter anderem auch den Jugoslawienkrieg.

Elena Lange: Es geht weniger um den Jugoslawienkrieg als tatsächlich um diesen ganz konkreten Natokrieg in den zwei Monaten 1999, als die Platte entstanden ist. Es geht nicht um die letzten zehn Jahre…

Hinter-Net!: Also um den Kosovo-Krieg?

Elena Lange: Ja, man sagt halt Kosovokrieg, aber man sollte schon wissen, dass nicht nur der Kosovo bombardiert wurde, sondern das ganze Land. Ich hab Freunde in Belgrad, und mir ist es wichtig, den Leuten dort eine Stimme zu geben. Man hört ständig Positionen von ethnischen Volksgruppen, aber man hört nichts von den Leuten, die tatsächlich betroffen sind. Dafür wollte ich einfach den Blick öffnen, obwohl man das Wort „Jugoslawien“ ja schon gar nicht mehr in den Mund nehmen darf, weil es gleich so anrüchig klingt… Ich finde die Leute da toll, die sind eigentlich wie in jeder beliebigen europäischen Großstadt, aber das wissen hier die wenigsten. Ich war natürlich absolut gegen diesen Krieg, aber ich will jetzt keine großartige Analyse dieses Krieges machen, zumindest muss ich das nicht in der Popmusik machen. Aber so´n Stück wie „The Jogging Man“ geht natürlich schon um unseren grünen Außenminister, wie der sich in der Öffentlichkeit als Jogger präsentiert und die Leute um mich rum total verblöden. Und „Finger on the Trigger“ geht darum, wie ist es, in so´m Flugzeug zu sitzen und die Verfügungsgewalt zu haben über Leben und Tod. Ich glaube, man vergisst in Deutschland sehr schnell, was im letzten Jahr passiert ist. Ich war während und nach der Bombardierung mit Thies in Belgrad, wir haben die Sirenen und die Flugzeuge gehört, und man kann sich das im sogenannten fortschrittlichen 21. Jahrhundert nicht vorstellen, wie das ist. Das war ein Rückfall auf Anfang des letzten Jahrhunderts! Sehr erschreckend, wie wenig Widerstand es dagegen gab. Ich wollte nochmal die Aufmerksam auf das Thema richten, obwohl es in den Medien längst durch ist.

Hinter-Net!: Pop-Musik ist immer noch eine ziemlich ungewöhnliche Form der Publikation von politischen Meinungen.

Elena Lange: Ich finde politische Pop-Musik ziemlich abstoßend. Jeder hat das Gefühl, er muss sich äußern und irgendwie ne politische Meinung haben, weil das ja auch sein muss… Mir geht´s nicht darum, politisch zu sein, sondern ganz konkret auf das Thema des Krieges aufmerksam zu machen und das ästhetisch-kritisch oder ironisch zu bearbeiten.

Hinter-Net!: Ist es Dir wichtig, dass die Leute das hören und nicht einfach nur als Disco-Musik konsumieren?

Elena Lange: Nö, ich bin auf niemanden sauer, der dazu einfach nur tanzt. Im Gegenteil. Ich finde es überhaupt eine reizvolle Form, politische Statements im Pop-Kontext unterzubringen. Kennst Du den Sommerhit „Two-Step-Hit“ von Artful Dodger Re-rewind? „The crowd say, bo selecter…“, das ist gerade der große Hit, und ich fände es interessant, wenn das nicht immer nur ein sinnloser Spruch wäre, sondern total aufgeladen mit Inhalt und die Leute trotzdem einfach nur dazu tanzen. Dann würde das Ganze plötzlich politisiert, ohne dass es einem bewußt ist. Und wenn die Leute in 20 Jahren zurückgucken, und denken, „Ach Gott, die Leute waren gar nicht so hohl im Jahre 2000, sondern haben sich schon Gedanken darüber gemacht, was so um sie herum passiert“ – das würde ich mir wünschen.

Hinter-Net!: Vieles auf „Finger on the trigger…“ klingt irgendwie beunruhigend, ein wenig alarmierend. Insgesamt ist das Album aber sehr heterogen, vom Schweinerock bis zum Sommer-Song für Leute, die runtergekurbelten Scheiben Auto fahren und dabei den Ellbogen raushängen haben. Ich hab viel an alter Disco-Stimmung wiedergefunden, Atmosphäre aus den 70ern und frühen 80ern…

Elena Lange: Ja, das war auch beabsichtigt. Um erstmal was zu de Rock-Stücken zu sagen: es war so, dass wir auf der letzten Platte noch sehr New Wavige Sachen gemacht haben, auch irgendwie unmusikalische Musik. Das war sehr reizvoll für uns, aber inzwischen möchte ich, dass die Rock-Stücke auch wirklich Rock sind und nicht so´n halbes Ding, sondern dann richtig volle Kanone und bitte gleich Canned Heat, Thin Lizzy und Black Sabbath.. Dann gleich das ganze Register ziehen! Da ist ein Stück wie Hyperventilation draus geworden, was extrem rockig ist – glamrockig. Was die Rock-Stücke angeht, sind wir zurückgegangen in die 70er, weil wir das auch privat gehört haben. Ich hab extrem viel die „Jailbreak“-Platte von Thin Lizzy gehört, von ´77. Und auf der andere Seite sind die elektronischen Stücke moderner geworden. Das war uns wichtig, weil wir alle moderne Musik lieben, Techno und House, ich bin auch großer Two-Step-Fan, und das wollten wir auch verarbeiten. Wir sind richtige Music-Lover und besessen von Musik. Man nimmt sich was, wenn man Kompromisse eingeht. Ich hab das Gefühl, viele Leute, die Musik machen, lieben sie nicht wirklich, sondern wollen eigentlich nur ein einziges Stück machen, und der Rest der Platte klingt dann komplett wie dieses eine Stück. Wir gehen relativ liebvoll mit Musik um, wir sind sehr detailfreudig und schmieren nicht alles über einen Kamm. Manchmal denk ich, es könnte alles etwas homogener klingen, aber das ist tagesabhängig. Manches könnte auch elektronischer sein, weil ich schon an die Live-Vorbereitung denke und ganz gerne auch mal die Gitarre aus der Hand lege. Aber dann denk ich auch wieder, hm, das könnte mehr rocken…

Hinter-Net!: Wie sehen denn Eure privaten Plattensammlungen aus? Seid Ihr große Sammler?

Elena Lange: Nee, wir sind keine Plattenspießer, die auf Plattenflohhmärkte gehen… Ich hab vor drei Jahren wieder viel Black Music gehört, elektronische Musik und schwarze Tanzmusik. Besonders interessiert hab ich mich für HipHop und R´n´B. Ich fand es sehr reizvoll, wenn man aus so ner Indie-Ecke kam, wie ich eigentlich, so ganz klassisch, Britpop und so, damit hab ich angefangen…, dann plötzlich was ganz Anderes zu machen, und ich hab tatsächlich angefangen, mir R. Kelly-Sachen zu kaufen und fand es sehr spannend, was aus Missy-Elliott-Ecke kam, Timberland und so. Ich hab mir auch ein eigenes digitales Studio eingerichtet, wo ich versucht hab, ganz klassisch R´n´B zu machen, aber dann einfach die Muße nicht hatte, um das weiterzuführen. Aber meine Vorlieben liegen schon im Black Music-Bereich, und das ist bei den anderen nicht anders. Mense ist House- und Techno-Fan, hört auch viel R´n´B, Swing-Beat-Stimmen sind wichtig für ihn, und bei Hendrik ist es eher so Techno, und Thies ist offen für ziemlich alles, er hat die obskurste Plattensammlung, die ich jemals gesehen hab. Er kennt alles, wie ein wandelndes Musiklexikon, hat als Zehnjähriger schon angefangen, Biographien von Jazzmusikern zu lesen. Hinter-Net: Im Booklet Eures neuen Albums fallen die Namen anderer Musiker auf, zum Beispiel Dirk von Lotzow von Tocotronic und Erobique.

Elena Lange: Mit Carsten, so heißt er wirklich, leg ich in Hamburg auf. Wir sind ein DJ-Pärchen. Aber das Ganze ist einfach eine Clique von Musikern in Hamburg, die zusammen sind. Das ist ganz normal, man unterhält sich über das, was man macht, „Haste nicht Lust, vorbei zu kommen…“. Thomas Lenz von den Sternen hat auch was auf der Platte gemacht und Philipp Sollman von Turbin… Ich finde es wichtig, das man mit verschiedenen Leuten kollaboriert, wir machen das gerne und es ist sehr unkompliziert. Vielleicht auch ein bißchen unspontaner als bei den HipHop-Bands, die dann einfach mal kurz gefeatured sind, aber trotzdem. Die ganze Band Stella hat sich übrigens über Tocotronic kennengelernt, die haben uns gegenseitig vorgestellt. Ich habe mal ein Solokonzert mit Gitarre gegeben, weil ich seit Ewigkeiten Songs schreibe, das gefiel den Jungs sehr gut. Thies hat mich gesehen, wir haben schnell ein Studio gegründet vor fünf Jahren, wo man alles im Griff hat. Dann schafft man sich immer bessere Bedingungen, neue Instrumente, Aufnahmemöglichkeiten und tja, ich weiß nicht, es gibt nicht so viele Rockbands in Hamburg, die zusammenhängen. Es gibt Blumfeld, Tocotronic, Stella, die Sterne, das ist relativ überschaubar. Die Sterne sind in den gleichen Räumlichkeiten wie wir, mit Tocotronic waren wir auf Tournee in Amerika, Thies nimmt eine Platte mit Dirk auf, Dirk singt bei Egoexpress, und ich sing beim Tocotronic-Remix.

Hinter-Net!: Hamburg wird in erster Linie mit der sogenannten „Hamburger Schule“ in Verbindung gebracht, mit Gitarrenbands, schrägen, witzigen Texten oder neuem deutschen HipHop. Stört es euch, dass die musikalische Vielfalt etwas aus dem Blickpunkt gerät?

Elena Lange: „Hamburger Schule“ ist ja total out, das gibt’s ja auch gar nicht mehr. Auch die Bands, die dazu gehörten, gibt’s ja zum teil gar nicht mehr, zb Kolossale Jugend und Cpt. Kirk &. Dieser Begriff ist auch nicht richtig und höchstens als Schlagwort hilfreich, aber man meint es dann nicht so, setzt es in Anführungszeichen. Aber Hiphop aus Hamburg, da hat man auch Kontakte zu: Fischmob-Crew machen unser Video, Carsten Wohn mit DJ Koze zusammen, ich hör musik allein und es hat mnich auch nicht interessiert, mein gott, was machen die anderen gerade, was schreiben die für songs, ich wollte eigentlich auch, wenn ich ganz ehrlich bin, immer ein bißchen über das hinaus, was so in Hamburg passiert, weil ich fand es irgendwie schon provinziell, und ich wollte immer popmusik machen, die ein bißchen weiter darüber hinausgeht. Ich schätze Rockos Humor, toller Kerl, ich find auch Kamerun gut, mit denen musik gemacht, mense ist bei goldenen zitronen eingestiegen, heilloses durcheinander in zusammenarbeit, aber die musik, Hinter-Net: Wie sehen eure Liveevents aus, Typ Rockkonzert oder Club-Atmo?

Elena Lange: Club-Atmo eigentlich nicht, es geht schon in Richtung Rockkonzert. Das liegt daran, dass es einfacher ist, mit elektronischen Beats im Rockzusammenhang aufzutreten, als mit Gitarren in Club-Atmo. Wir haben in den Usa erlebt, dass es gut war – z.B. in New York – im Rockkontext zu spielen und plötzlich fährt man Sounds hoch, die völlig ungewöhnlich klingen, so ne House-Bassdrum, die völlig alleine und nackt dasteht und einfach nur fett ist und Druck macht und wo die Leute völlig begeistert waren, einmal sowas zu hören. Ich finde es wichtig, diese Grenzen aufzulösen und nicht immer zu sagen: „Das ist das und das ist das“. Ich finds wichtig, innerhalb des einzelnen Stückes zu trennen, nicht Rock und Elektronik innerhalb eines Stückes zu vermischen, sondern eher so als Konzept zu sagen, als Band ist mal fähig, mehr als eine Musikrichtung zu machen, Live wird das von uns schon als Konzert von einer Bühne aus präsentiert, aber die Leute sollen auch tanzen.

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