Meret Becker: Noctambule

Das Multitalent Meret Becker legt mit „Noctambule“ nun auch ihr Debüt als Gesangskünstlerin vor. Unterstützt wird sie hierbei von befreundeten Musikern und Musikerinnen und ihrem mittlerweile Ehemann Alexander Hacke, dem Gitarristen der Einstürzenden Neubauten. Diese wurden ja bereits vom „Spiegel“ 1989 als der „als Edel-Avantgarde begehrteste Exportartikel deutscher Kultur“ bezeichnet. Und deutsches Kulturgut ist auch auf der vorliegenden CD zu hören. Das Eröffnungsstück von „Noctambule“ hat den passenden Titel „Schwarz“ und trägt typische Merkmale der Musik der Einstürzenden Neubauten, zu düsteren Klängen klagt Meret eindringlich gegen das Verlassenwerden.

Doch dann geht es schon gänzlich anders als erwartet weiter. Mit hörbarer Lust an der Liedgestaltung und flexibler Professionalität präsentiert Becker ihre Auswahl von Texten und Bearbeitungen: Märchen der Gebrüder Grimm, Texte von Friedrich Hollaender, Brecht-Chansons und Volkslieder. Die Arrangements der Stücke stammen alle von Meret Becker und Alexander Hacke. Die spärliche Instrumentierung steht ganz im Dienste der Textinterpretation, Meret gelingt ein ganz am Wesen des Liedes ausgerichteter sehr persönlicher Vortrag. Auch wenn sie berlinert, trifft die bebürtige Bremerin den Geist der Lieder.

Meret Becker wagt sich hier auch an Interpretationen von Brecht/Weill-Liedern. Und gerade die Chanson vom Elternmörder Apfelböck und Nanas Lied sind wohl die virtuosesten Interpretation, die Meret hier – ganz im Geiste der großen Sängerin und Schauspielerin Lotte Lenya – liefert. Ausklang der CD, die übrigens in der „Bar jeder Vernunft“ im Oktober 1995 live aufgenommen wurde, sind zwei Instrumentalstücke der beteiligten Musiker und die beiden Volkslieder „Es saß ein klein wild Vögelein“ und das Kinderlied „Gut‘ Abend, gute Nacht“. Als einziges Manko der CD wäre das Fehlen eines ausführlicheren Booklets mit Textabdruck zu nennen.

Meret Becker: Noctambule
(Reihe Ego/Our Choice /Rough Trade)

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