Interview: Misfits

Vorbildlich

1976 gründeten Jerry Only (Bass) und Glenn Danzig (Gesang) die legendären MISFITS, von denen es weit mehr Bootlegs und Compilations denn reguläre Alben gibt. Dank der Mithilfe von Gitarrist Bobby Steele fand die Band schnell zu ihrem Punk-Sound. Einer erfolgreichen Karriere stand eigentlich nichts im Wege, doch erst nachdem sie 1983, als Glenn Danzig ausstieg, um SAMHAIN und später DANZIG zu formieren, abtauchten, wurde ihr Schaffen honoriert.

Bands wie METALLICA und GUNS’N’ROSES waren es, die sich vor ihnen verneigten und posthum die Plattenverkäufe ankurbelten. Seit drei Jahren nun gibt es sie wieder. 1996 nämlich hauchten Jerry Only und Schlagzeuger Doyle der Band wieder Leben ein. Nicht um das große Geld zu machen, sondern um den Fans etwas zu bieten. An Charme und Biß haben MISFITS trotz der 13 Jahre Pause keineswegs verloren, das stellte schon ihr Comeback-Album ,American Psycho‘ eindrucksvoll unter Beweis.

Wir sprachen mit Gründungsmitglied Jerry Only, der während des Gesprächs in der Maschinenhalle des Familienbetriebes in New Jersey stand und mittels preisgünstigem Funktelefon versuchte, lauter zu sein als die Nebengeräusche um ihn herum.

Michale Graves sang auf ‚American Psycho‘ (1997), wurde er für die Europa- und Südamerikatour durch Myke Hiddons ersetzt und ist jetzt wieder mit an Bord. Wie ist das zu erklären?

„Michael hat ein großes Problem. Er muß lernen, Verantwortung zu übernehmen. Er ist nunmehr 24 Jahre alt und da gibt es für mich keine Entschuldigung mehr. Er ist alt genug und müßte wissen, was ihm wichtig ist. Die Welt kann sich nicht nur um einen drehen. Er verließ uns seinerzeit aus freien Stücken. Er war nicht bereit, die nötige Verantwortung zu tragen und zog seine Konsequenzen. Meiner Meinung nach könnte einem jungen Sänger doch nichts besseres passieren, als mit den MISFITS auf der Bühne zu stehen. Du mußt schon ganz schön dumm sein, dieses Angebot auszuschlagen.“

Stimmt. Wo wir schon beim Thema sind. Glenn Danzig soll vor einigen Monaten gesagt haben, MISFITS ohne ihn seien nicht MISFITS.

„Ich weiß nicht. Glenn hat es drauf, stets etwas nettes über dich zu sagen. Ich will ihm nicht nacheifern und halte lieber mal den Mund. Als er seine eigene Karriere begann, war ich erst stolz auf ihn, obwohl mir die Musik nicht gefallen hat. Sie hatte diesen Achtziger-Touch. Ich bin nur froh, dass ich die Achtziger verschlafen habe. Auf solche Musik kann ich gut und gerne verzichten. Da hat mir keine einzige Band gefallen. (lacht) Glenn ist eben Glenn. Er ist von sich überzeugt und glaubt, er sei top. Was soll ich dazu sagen?“

Demnach wird er nicht mehr mitmischen?

„Ich denke nicht. Wir sind nämlich besser. Er hatte zwar einen guten Songschreiber an der Hand und war früher ein guter Sänger, wie es heutzutage um ihn bestellt ist, kann ich nicht beurteilen. (lacht) MISFITS bedeutet Teamarbeit und Glenn ist kein guter Teamspieler. Zusammen sind wir stärker und mächtiger als das Image eines einzelnen. Wir sind als Band gewachsen und besser geworden. Vielleicht sind wir derzeit sogar eine der besten Livebands. Und obwohl Glenn nicht hier ist und uns nicht beweisen kann, was er drauf hat, glaube ich, dass ein 24-jähriger Sänger besser ist als ein 45-jähriger.“

Ein 45-jähriger Bassist hat wohl mehr drauf.

„Moment, ich bin erst 40 Jahre alt. Das möchte ich doch klarstellen. Ich habe noch ein paar Jahre vor mir bis ich zum alten Eisen gehöre.“

Euer Comeback-Album ‚American Psycho‘ kam über ‚Geffen‘ raus, ‚Famous Monsters‘ allerdings wird bei ‚Roadrunner‘ veröffentlicht. Wie kam es zum Wechsel vom Major zum Indie?

„Ganz einfach, ‚Geffen‘ hat sich nicht bemüht und uns nicht unseren Erwartungen entsprechend unterstützt. Vinyl und Singles waren tabu. Das gefiel uns gar nicht. MISFITS haben aber nur den einen Sinn und Zweck, dem Publikum das zu geben, was es will. Jeder soll zufrieden sein. Wenn dann eine große Plattenfirma zwischen uns und unseren Zielen steht, muß etwas geschehen. Allerdings würde ich heute, wenn dasselbe Angebot rein käme, wieder bei ‚Geffen‘ unterschreiben. So ein Angebot darf man nicht ausschlagen, schließlich haben sie mit dem Rob Zombies Soloalbum bewiesen, dass sie ihren Job verstanden haben und Millionen Platten verkaufen können. ‚American Psycho‘ war und ist ohne Frage ein klasse Album, nur leider hatten ‚Geffen‘ die Sache in den Sand gesetzt. Jetzt liegt es an uns und an ‚Roadrunner‘ die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Das müßte gelingen. ‚Famous Monsters‘ wird den Leute gefallen. Wir haben noch viele Pläne und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir Erfolg haben werden. Und wenn nicht, dann wird uns das nicht das Genick brechen.“

Eure Musik ist nicht mehr revolutionär. Es scheint euch eher um den puren Spaß an der Sache zu gehen, was ‚Famous Monsters‘ deutlich anzuhören ist. Zumindest gewann ich diesen Eindruck.

„Natürlich. Wir wollen nicht für eine negative Attitüde stehen. Wir schwimmen nicht gegen den Strom und versuchen nicht mit allen Mitteln anders zu klingen. Wir wollen uns statt dessen verbessern und irgendwie unseren eingeschlagenen Weg beibehalten. Verbesserungen sind sicherlich bei der Produktion, den Melodien und beim Gesang zu hören. Der Gesang ist bei uns mittlerweile eine variabel einsetzbare Waffe geworden. Im Gegensatz zu all den vielen Hardcore-Bands, legen wir viel Wert auf den Gesang und die Harmonien. Ein großer Vorteil des neuen Albums ist meiner Ansicht nach der Sound, der unserem Livesound sehr nahe gekommen ist. Unser Soundmann hat da einige sehr gute Ideen in die Tat umgesetzt.“

Der Beweis ist erbracht. Jerry schmückt sich nicht mit fremden Federn und lobt selbst den Soundmann, der in aller Regel nie lobende Erwähnung findet. Doch mal ehrlich, was nützen bei einer Show eine gute Performance und klasse Songs, wenn der Sound aus der Blechbüchse kommt? Eben. Dann stehen sie nämlich alle wie begossene Pudel da, die MISFITS-Anhänger. Apropos, wer zählt eigentlich zur treuen Gefolgschaft?

„Meine Mutter, mein Vater, meine Kinder…“

Deine Familie mal geschlossen.

(lacht) „Eine Altersgrenze gibt es nicht. Fast jede Altersgruppe ist bei unseren Konzerten vertreten. Letztens tauchten sogar mein Neffe und meine Nichte auf, kamen auf die Bühne und sangen ein Stück mit uns. Wir sind in der glücklichen Lage, ein bestimmtes Image zu repräsentieren und diesem über Jahre treu geblieben zu sein. Und wir wollen noch viele gute Alben veröffentlichen; hoffentlich kommt uns nichts dazwischen. Einige sind uns ja böse, dass wir uns mit ‚Geffen‘ eingelassen hatten. Seinerzeit fehlten ,Geffen‘ anständige HipHop-, Rap- und Metal-Acts. Die Zeiten von GUNS’N’ROSES waren schließlich vorbei. Einzig und allein WHITE ZOMBIE gab es da noch. Mit ‚American Psycho‘ hatten wir bewiesen, dass wir unser Handwerk nicht verlernt haben und Schritt halten können. Das neue Album wiederum soll zeigen, dass wir auch zu mehr fähig sind und in vielen Töpfen gleichzeitig kochen können. Wir wollen jedem etwas geben. Niemand soll enttäuscht sein. Einzig und allein die, die weiterhin nur unsere alten Hits hören wollen, werden nicht zufrieden sein. Diesen Job können von mir aus METALLICA übernehmen.“ (lacht)

Wer die Lust am Musikfernsehen noch nicht verloren hat, der wird demnächst das Video zu ‚Scream‘, einem Song, den MISFITS eigentlich für den Soundtrack des dritten Teils des gleichnamigen Films geschrieben haben, zu Gesicht bekommen. Für den Dreh haben sich MISFITS einen Profi geangelt, der vor allem bei den Horror-Fans für große Augen sorgen wird. George A. Romero konnte nämlich als Regisseur gewonnen werden.

„Wir haben uns schon oft von seinen Filmen inspirieren lassen. Ich erinnere da nur an unsere Single ‚Night Of The Living Dead‘ (Titel eines Romero-Streifens und der Single, die an Halloween 1979 raus kam – der Verf.), den wir Anfang der Achtziger veröffentlichten. Irgendwann kam uns zu Ohren, dass er nur mit einer einzigen Band ein Video drehen würde und das wären wir. Was soll ich sagen? Das war das beste, was wir je gemacht haben. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass das Video die besten zwei Minuten Zombie-Stoff aller Zeiten sein werden. Wir hatten zwar nur zwei Tage Zeit, aber der Streß hat sich gelohnt. Jeder Zombie-Fan wird neidisch sein. Ich kann es kaum erwarten, bis ich den Final Cut endlich zu Gesicht bekomme. Ich muß mich leider noch ein paar Tage gedulden. Jedenfalls bin ich aufgeregt wie ein kleines Kind.“

Freuen wird sich Jerry natürlich auch, wenn es an die Arbeiten zum Soundtrack des nächsten Romero-Streifens geht. Einige Songs sollen die vier Punkrocker beisteuern wenn nicht sogar den kompletten Soundtrack schreiben. In diesem Zusammenhang gesteht Jerry übrigens, dass es schön wäre, all den Zwist mit Glenn einmal zu vergessen, beiseite zu legen und gemeinsam an einem Song zu arbeiten. Das allerdings ist ferne Zukunftsmusik. Aktueller ist das Projekt Comic-Figuren. Wie schon vor ihnen KISS werden auch MISFITS Spielfiguren auf den Markt bringen. Allerdings zu einem guten Zweck, denn ein Teil des durch den Verkauf erzielten Gewinns werden sie der Stiftung „Make A Wish“ überweisen.

„Wir wollen mit den Spielfiguren kein Geld machen. Daher haben wir uns auch für einen kleinen Familienbetrieb entschieden, der jetzt diese Figuren herstellen wird. Uns war es wichtiger, dass sie so authentisch und detailgetreu wie möglich aussehen. Wir werden nicht nur einen Teil der Einnahmen spenden, sondern auch ein paar signierte Figuren. Mit all dem wollen wir uns von dem typischen Rockstar-Image distanzieren, das ein Bild von drogensüchtigen Alkoholikern zeichnet. Musik ist schließlich Entertainment und das soll in meinen Augen etwas Positives darstellen. Darum geht es bei dieser ganzen Sache. Die Kids sollen einfach nur Spaß damit haben.“

Ab jetzt dürfte jedem klar sein, dass es Jerry bei der Reunion nicht ums Geld ging. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass er – seitdem es die MISFITS gibt – tagtäglich in dem Betrieb seines Vaters zur Hand geht. MISFITS war und ist seit jeher ein Freizeitprojekt. Daher ist ‚Famous Monsters‘ ausschließlich in der Zeit nach seiner 8-Stunden-Schicht entstanden.

„Jeden Abend saßen wir da und haben an den Songs gearbeitet. Ich bin froh, dass wir überhaupt genügend Songs für ein komplettes Album zustande gebracht haben. All die, die noch zur Schule gehen oder einem geregelten Job nachgehen, brauchen nicht zu jammern, sie könnten keine Musikerkarriere nebenher laufen lassen. Das ist totaler Quatsch. Man muß sich nur wollen und sich zusammenreißen können. Immerhin haben wir es auch geschafft. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Wir haben in zwei Monaten das wohl beste MISFITS-Album geschrieben. Das sollte ihnen ein Vorbild sein.“

Seit ihrer Gründung haben die vier MISFITS eins nicht abschütteln können: ihr Comic-Image. Und Jerry ist stolz drauf.

„Als die Punkbewegung in England entstand, hatten die Kids kein Geld, keinen Job und keine Zukunft. Sie kämpften gegen die Gesellschaft. In den Staaten hatten wir solch Probleme nicht. Ich arbeitete seinerzeit schon in dem Betrieb meines Vaters. Wir hätten unseren Fans nie weiß machen können, dass wir arme Burschen sind, denen von der Gesellschaft übel mitgespielt wurde. Jeder der das versuchte, war ein Heuchler und full of shit. Daher dachten wir uns ein neues Konzept aus. Im Nachhinein betrachtet, war das wahrscheinlich das bis dato beste Image einer Rock’n’Roll-Band. So konnten wir den Underground, zu dem viele intelligente und unabhängige Künstler wie Fans gehörten, für uns gewinnen. Sie alle ebneten den Weg für den heutigen Markt und bildeten das Grundgerüst für die heutige Kultur. Die Liste derer, die von MISFITS beeinflußt sind, ist endlos. Es fängt bei GUNS ‚N‘ ROSES und METALLICA an und reicht bis zu WHITE ZOMBIE. Ganz egal, ob wir in der Top 40 vertreten sind oder nicht, MISFITS haben ihre Spuren hinterlassen und sind Teil der amerikanischen Kultur geworden. Ich bin sogar froh, dass wir nicht so erfolgreich sind und uns nicht zu einer Multi-Platin-Maschine entwickelt haben. Ich möchte nie den Underground-Status verlieren und bin stolz drauf, dass wir zwei Generationen vereinen und derzeit die dritte erobern. Ich will ewig weitermachen und ewig gute Songs schreiben. Wir sind eine gute Band. (lacht)“

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