Früher war das einfacher mit Helden – Tarzan war ein Held, den durfte man gut finden, ja, man musste ihn sogar gut finden. Heute ist das schwieriger, wenn man schon Wochen vorher gesagt bekommt, wen man gut zu finden hat. Auf einmal sind Popmusiker Helden und die Begeisterung schlägt einem noch vor dem ersten Album unisono entgegen. Wer also in Opposition gehen will, hat mit dem Opener „Ist das so?“ noch alle Trümpfe in der Hand: Laues NDW-Revival mit einer Stimme, die direkt an Ixi oder Frl. Menke erinnert.
Beim zweiten Song, dem munter treibenden Ohrwurm „Rüssel an Schwanz“ beginnt die Abwehrhaltung schon langsam zu bröckeln und spätestens bei der wirklich ergreifenden Ballade „Du erkennst mich nicht wieder“ haben die Helden mich komplett gefangen genommen.
Judith Holofernes und ihre Mannen schmeißen 80er-Jahre, Rock, Indie und Anspruch zusammen und führen dem Hörer ebenso charmant wie treffsicher vor Augen, dass es nicht viel gibt zwischen Poesie und Kitsch oder Vertrauen und Naivität. In den meisten Fällen balancieren Wir sind Helden blauäugig und unverkrampft auf diesem schmalen Grat und haben mit „Die Reklamation“ ein Album geschaffen, das so klingt, als hätte die Rockmusik ihre Unschuld noch lange nicht verloren. „Die Zeit heilt alle Wunder“ – vielleicht nicht, wenn wir uns nur heftig genug dagegenstemmen. Und wehe, es sagt nochmal einer, Judith Holofernes klingt nach NDW.
Wir sind Helden: Die Reklamation
(Labels/Emi )
Link: http://www.wirsindhelden.com