Neues aus der Larmoyanz

Es gibt drei Möglichkeiten, schrecklich reich zu werden: Völker ausplündern, im Lotto gewinnen, einen Krimi schreiben. Ich habe mich, weil es mir an den Talenten zum Plündern und Spielen mangelt, für letzteres entschieden und bin also reich geworden. Unsagbar reich.

Es trat alsbald ein, wovor mich mein Freund Krewinke (Lottogewinner) gewarnt hatte: „Einen Krimi zu schreiben ist leicht. Aber du wirst bei dem Versuch verzweifeln, das verdiente Geld auszugeben.“ Er sollte Recht behalten.

Jetzt sitze ich in einem sündhaft teuren Hotel am Meer bei Acapulco und sehe zu, wie Einheimische von hohen Klippen ins Wasser springen, ganz ohne Hänger. Und wette darauf, wer von denen wieder auftaucht und wer nicht. Erfreulicherweise verliere ich meistens. Wir, etwa zwanzig Krimiautoren, sitzen wie die Papageien auf der Stange am großen Panoramafenster des Hotels und vertreiben die Zeit. Trinken Drinks, die kein Mensch sonst bezahlen kann (außer den Völkerausplünderern; aber die hocken auf Jamaika und wetten, wer als erster von ihnen an Aids sterben wird), geben fürstliche Trinkgelder, die die so Beschenkten selbst auf einen Schlag zu Fürsten machen, essen seltenste Meeresfrüchte (am liebsten solche, die bereits ausgestorben sind) und unterhalten ganze Harems von Luxusgeliebten, die wir für ihr Befähigtsein zur ungehemmten Verschwendung höher schätzen als für ihre nicht kleinere Kunst, uns in längeren orgiastischen Momenten den Jammer des Daseins vergessen zu lassen.

Ja, den Jammer! „Man hätte Hochliteratur schreiben sollen!“ entkommt es einem wie ein Seufzer. Und dann nicken die anderen am Fenster. Genau. Hochliteratur. Nicht zwanzig Millionen Leser, sondern einen einzigen. Den man persönlich kennenlernt, mit dem man gemütlich in einer schäbigen Künstlerkneipe sitzt und das Stammessen (Makkaroni mit geriebenem Käse) verzehrt. Den man anschließend bitten kann, doch für einen mit zu bezahlen. „Ich bin heute etwas klamm, Mutti.“

So vergeht die Zeit. Ganz langsam. Und bringt uns auf dumme Gedanken. Der dümmste und frevelhafteste Gedanke ist der, sich die Zeit mit dem Verfassen eines zweiten Krimis erträglich zu gestalten. Eines zweiten! Der einen NOCH reicher werden ließe! – In Ordnung. Warum nicht. Voraussetzung: Man verbrennt vorher das Geld, welches man schon besitzt. Aber das tut man so wenig wie man Essen wegwirft. Das ist einfach unmoralisch.

Manchmal frage ich mich, warum die Menschen so dumm sein können. Krimis zu lesen ist schon eine durch nichts zu entschuldigende Dummheit (man könnte höchstens einen genetisch bedingten geistigen Defekt vorschützen: „Ich kann nicht anders! Meine Natur zwingt mich dazu, kleine Tiere zu quälen und Krimis zu lesen!“), das Schreiben von solchen indes eine im wahrsten Sinne des Wortes Mordsdummheit. Schon wegen der Menschen, die man kennenlernt, wenn der Krimi erst einmal auf dem Markt ist. Kritiker zum Beispiel. Man wünscht sich sofort in die Umarmung einer bestialischen Krake, das wäre erträglicher. Oder Leser. Noch schlimmer. Leserinnen. Am allerschlimmsten. Oder manisch-depressive Buchhändlerinnen, die „ein Kind!“ von einem haben wollen. Oder schwule Buchhändler, die immer über Jean Genet diskutieren. Solche Leute eben.

Nein, wenn ich es noch einmal zu tun hätte, würde ich Völkerausplünderer werden. Ein ehrenwerter Beruf. Ganze Landstriche mit Mann und Maus verwüsten, Rohstoffe ausbeuten, Kriege anzetteln. Und später auf Jamaika rumsitzen und sich wünschen, ein besserer Mensch gewesen zu sein.

21 Gedanken zu „Neues aus der Larmoyanz“

  1. Ja was nu, Fräuleinchen? Kind oder Geld? Beides? In welcher Reihenfolge? Zusammen? Eine Geldscheinschwangerschaft? — Georg jedenfalls kriegt nichts. Der ist Buchhändler. Der hat genug.

    bye
    dpr

  2. In Ordnung. Ich werde mit Fräulein Anobella einen Termin vereinbaren, sie wird das Ergebnis nach 9 Monaten an Herrn Georg abliefern (Freihauslieferung). Das Geld bleibt vorläufig bei mir.

    bye
    dpr

  3. Na toll. Ich möchte mal wissen, warum es NUR MIR nicht gelingt, einen reichen Mann an die Angel zu kriegen. Immer wenn es drauf ankommt, stellen sich alle an … das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben.

    *ärgerlich

  4. Sososososo – die Acapulco-Tristesse. Ein seltenes Syndrom – bislang immer nur ein gedämpftes Raunen – von jazzigen Melodien und dem schweren Duft von weißem Hibiskus – und es wimmelt von künstlerisch begabten (ausschließlich männlichen ?) Wesen ? Die Sorte, die im Hotel herumlungert ? fremden Unterhaltungen lauscht ? Unglaublich, es sind nur 20 ? Faszinierende ? Was für ein wunderlicher Ort.

  5. Heute die Honorarabrechnug vom Verlag erhalten? Komisch, Grafit weigert sich penetrant, meine Abrechnung (und natürlich auch die Honorare) nach Apaculpo zu schicken. Ebensowenig wie in meine Villen auf Malle, Juist oder Korfu. Sollte ich den Verlag wechseln?

  6. Ja, liebe Ana, ein fast thomasmannsches Setting, das Morbide duftet nach Flieder, alles nur Männer, tja… Weil: Die KrimiautorINNEN bevorzugen Südafrika. Sie riskieren ihr langweiliges Dasein auf Safaris, besuchen wilde Zulustämme und übernachten auf von noch wilderen Löwen unruhig bestrichenen Campingplätzen. Das ist noch Leben! Nicht so wie hier in Acapulco, wo noch nie ein Grafitautor gesehen ward. Wechseln Sie den Verlag, mein lieber Herr Zeyer!

    bye
    dpr

  7. Das ist richtig. Ein unendlich wildes, maßloses dolce vita.
    Nur eins wird gefürchtet: nach dem Flieder duftende Völkerausplünderer…-

    Aber – gerade las ich es : ‚Jesus ist angekommen – unerwartet‘ in Johannesburg ! alles très troublant

  8. Lieber dpr,

    hätte ich den lieben langen Tag nichts anderes zu tun, dann würde ich mich doch täglich kurz über Ihre Beiträge und Ihren BLOG amüsieren.
    Das hier klingt alles sehr nach „dpr’s Kosmos“. Geben Sie’s zu, dpr, Sie haben nicht nur einen zweiten Kriminalroman in Planung, sondern bereits eine Bank dazu ausgeraubt (oder gar den erwähnten Lottogewinner K. hopsgenommen)!?
    Mit den Banken ist das derzeit wohl ohnehin leicht für einen Profi, – bei dem Chaos, das dort allerorten herrscht. Nicht mal der bewaffnete Überfall wäre heute dazu zwingend, wenn man zu den Internetgärtnern gehört und ordentlich hacken kann.
    Schade, daß ich keine dollargrünen Daumen habe und deshalb hier in der deutschen Provinz sitze und mich andauernd über gewisse BLOGs wundere …

    Ergebenst

    HFM

  9. Respekt, Herr M., Sie haben soeben das bestgehütete Geheimnis des Webs gelüftet! Ja, wtd ist kein Wiedergänger von dpa, keine anonyme Krimipresseagentur – nein, es ist „dprs Kosmos!“. Da sitzt seit Jahren einer und schreibt über Kriminalliteratur und sich selber, man könnte fast meinen, das sei hier ein Weblog! Aber ich hab nicht etwa einen zweiten Krimi in Planung, sondern längst einen dritten. Um den zweiten kloppen sich gerade die Verlage, ich mag gar nicht zusehen, das viele Blut…

    bye
    dpr

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