Natsuo Kirino: Teufelskind

In ihrer japanischen Heimat gilt Natsuo Kirino als „Tabubrecherin“. Nun sind solche Etikettierungen natürlich mit Vorsicht zu genießen (das größte Tabu scheint es zu sein, keines brechen zu wollen), vor allem dann, wenn die so Genannte der Liebling des Publikums und der Kritik ist. Dass Kirino ein für Japan heißes Eisen angefasst hat, sei ihr aber bescheinigt. Schon in „Die Umarmung des Todes“, mit dem sie international bekannt wurde, wird die traditionelle Rolle der Frau genüsslich und kompromißlos dekonstruiert und zur bedrohlichen Collage aus Trauma, Verdrängung und latenter Gewalt montiert. „Teufelskind“ setzt diese Arbeit fort.

Die Geschichte von Aiko Matsushima ist traurig. In einem Bordell geboren, elternlos, von den Insassinnen des Freudenhauses gequält, ein paar weiße Schuhe der Mutter (mehr kennt Aiko von ihr nicht), sind der wichtigste Besitz des Kindes, es redet sogar mit ihnen, nennt sie Mama. Der weitere Lebensweg ist in seiner Grausamkeit vorgezeichnet: Pflegefamilie, Bordell, billige Jobs, kleine Gaunereien. Zum titelgebenden Teufelskind wird Aiko aber dadurch, dass sie Menschen, die ihr im Weg stehen, einfach ermordet. Und so zieht sich eine Spur der Gewalt durch den Roman. Aiko ist noch immer das traumatisierte und geschundene Kind, sie hat sich nicht weiter entwickelt oder, wie es Kirino in einem schönen Bild ausdrückt, ihr Leben gleicht einem Heft, in dem ständig herumradiert wird, der Inhalt gelöscht und durch einen anderen ersetzt. Nichts baut auf anderem auf, keine Kontinuität, kein Lernen.

Das ist sehr hart und nüchtern erzählt, gibt aber nur einen Teil der Qualitäten des Buches wieder. Einen anderen findet man in den Beschreibungen jener Menschen (zumeist Paare), die Aiko töten muss oder die sonst in ihrem Leben eine Rolle spielten. Eine Art Mutter-Sohn-Ehe mit merkwürdigen Ritualen (das Ehemann-Baby bekommt die Windeln gewechselt und das Schwänzchen gelutscht), ein alter Mann, der die Kleider seiner bettlägrigen, ständig keifenden Frau aufträgt, eine zur Arbeitsmaschine Herangezogene, zu schweigen von den üblichen Betrugsgeschichten, wie sie auch in fernöstlichen Ehen zum Alltag gehören dürften. So hat man sich die japanische Familie nicht vorgestellt, und dass Kirino hier bewusst überzeichnet und karikiert, versteht sich von selbst. Wer sich mit dem Personal von Romanen „identifizieren“ möchte und lieber „normale Menschen aus Fleisch und Blut“ kennenlernt, ist hier fehl am Platz.

Alle anderen jedoch werden mit einer dichten Story belohnt, die die Wucherungen einer nur an der Oberfläche gesunden Gesellschaft betont und das mit äußerster Flexibilität der Erzählperspektive. Wenn von Aiko in der dritten Person erzählt wird und sie dann selbst zu Worte kommt, kann es sein, dass es dann, wenn sie schweigt, in ihr weiter redet, desöfteren wird sie aus dem Blickwinkel anderer geschildert, die dabei ihr eigenes Leben entrollen.

Am Ende ereilt Aiko, natürlich, die gerechte Strafe. Und man weiß, dass es wieder einmal die Falschen getroffen hat. Indem sie stirbt, wird Aiko „zum Buddha“, zum Symbol eines skandalösen Zustandes auch.

P.S.: Schön, dass der Verlag uns am Ende auch ein Porträt der Autorin von Elke Kreil spendiert hat. Die aus der metro-Reihe geschätzte Dienstleistung scheint sich allmählich, wenn auch ganz langsam, zum Standard zu entwickeln.

Natsuo Kirino: 
Teufelskind
(I'm sorry, mama, 2004. Aus dem Japanischen von Frank Rövekamp).
Goldmann 2008. 222 Seiten. 17,95 €

2 Gedanken zu „Natsuo Kirino: Teufelskind“

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