Arno Schmidt: Die Referenzbibliothek

Wenn man die Wohnung eines Menschen betritt, mustert man zunächst seine Bibliothek. So jedenfalls machen wir das vom HINTERNET. Und nicht selten rufen wir aus: „Ha! Möcht ich auch haben! Und das! Und das!“ Heißt dieser Mensch Arno Schmidt und ist einer der größten Prosaschreiber des 20. Jahrhunderts, reizt eine Bibliotheksinspektion natürlich besonders. Und haben möchte man so ziemlich alles.
Kein Problem! Die rührige „Gesellschaft der Arno Schmidt Leser“ stellt peu à peu Arno Schmidts Bibliotheksbestand als pdf-files kostenlos zur Verfügung. Neu im Angebot: Tolle Sächelchen von Jules Verne. Zu finden → hier .

Dumme Sätze

„Literatur ist anders, aber Literatur erwartet man auch nicht von einem Kriminalroman“, schreibt Inge Baldinger („Salzburger Nachrichten“, 7.3.05). Nachdenken, bevor man schreibt, ist auch anders, aber das erwartet man nicht von einer Journalistin. Jedenfalls nicht von Inge Baldinger.

Charles Todd: Stumme Geister

Die Kulisse ist konventionell und altbekannt: Ländliches England, eine Mordserie, ein Detektiv, skurriles Personal in gediegenen Cottages. Dann liest man ein paar Seiten – und siehe da: Man wird angenehm überrascht.

Inspektor Rudledge plagt sich gleich mit zwei sehr unangenehmen Fällen: Wer ermordet in einem idyllischen Dorf in Kent Kriegsveteranen auf die humane Art per Überdosis Laudanum – und war jener Serienmörder, den Rudledge einst an den Galgen brachte, am Ende doch unschuldig?

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T. Jefferson Parker: Die kalte Gier

T. Jefferson Parker: Die kalte Gier

Dieser Krimi enthält alles, was du aus amerikanischen Krimiserien kennst. Nämlich:

  1. Der Ermittler (irisch) und das Opfer (portugiesisch) entstammen zwei seit Jahrzehnten verfeindeten Familien.
  2. Die Familienverhältnisse sind hier wie dort katastrophal.
  3. Der Ermittler ist geschieden und hat einen „wunderbaren kleinen Jungen“
  4. Der Ermittler verliebt sich in die Hauptverdächtige.
  5. Die Hauptverdächtige hat eine dunkle Vergangenheit.
  6. Der Ermittler trifft seine alte Flamme wieder, die aus der Opferfamilie stammt.
  7. Es wird was über die mexikanische Grenze geschmuggelt.
  8. Etliche korrupte Bullen.
  9. Ein deftiger Schusswechsel.
  10. Ein paar moralinsaure Sätze.
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Peter J. Kraus: Geier

Kraus, Peter :JGeier

In der zweiten Hälfte der Neunziger hat Peter J. Kraus drei Musikbücher veröffentlicht, von denen zwei auch bei Hinternet enthusiastisch aufgenommen wurden (Rock-Highway, Route 66). Dann wurde es still um ihn. Warum? Er hat einen Krimi geschrieben!

Und der ist, man kann es nicht anders sagen, so gut wie die Musikbücher. Oder, um es doch anders zu sagen: Wer Peters Art des kenntnisreichen, witzigen und immer lockeren Plauderns mag, der bekommt mit „Geier“ ein neues Quantum dieses Stoffes, angereichert um jede Menge Sex & Crime.

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Elke Schwab: Kullmanns letzter Fall

Wahlweise morgens oder abends. Du enterst einen Nahverkehrszug, der dich in fünfundzwanzig Minuten zur Arbeit / nach Hause bringen soll (aber nur, wenn der Chauffeur nicht mittendrin mal wieder „dringend aufs Klo“ muss, wo er dann gemütlich die Bildzeitung liest und eine qualmt). Du bist dem Schülergeschrei / dem Omaschnattern hilflos ausgesetzt, der Blick aus dem Fenster bietet weder Ablenkung noch Trost. Also: Buch her. Krimi bevorzugt. Deine Ansprüche sind gering.

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Musikbücher XI

Bis Butler James wieder über’s Tigerfell stolpert, sind es noch etliche Wochen hin, in denen viel passieren kann: Vielleicht wird endlich die Deutschquote im Radio eingeführt und wir dürfen nicht nur angloamerikanischen, sondern auch deutschen Hitparadenschrott genießen. Oder, who knows, HINTERNET startet einen neuen, spannenden Fortsetzungskrimi. Mag da kommen was will, eines steht jetzt schon fest: Mein nicht nur Musik-Lieblingsbuch 2004 heißt „Please kill me. Die unzensierte Geschichte des Punk.“

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Wolfgang Ludewig: Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften

Saarländer, die Romane schreiben? Das stimmt fast so hoffnungsvoll wie einarmige Zwerge beim Hammerwerfen. Und ein Titel wie „Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften“ animiert geradezu zum Nichtlesen. Wäre aber ein Fehler.

Worum geht es in Wolfgang Ludewigs Roman (den Titel wiederhole ich jetzt nicht mehr)? Birdie und Mollie, zwei Saarbrücker Langzeitstudenten/ABMler brechen im Jahre 1991 nach Kreta auf, um dort zu urlauben, d.h. für ein paar Wochen einer südlicheren Variante ihres saarländischen Lebens zu frönen, dessen Eckpfeiler Suff, Sex und Quatschen sind.

Das Saarland ist rasch verlassen, und das ist gut so; denn leider ist auch Ludewig von der anscheinend typischen saarländischen Autorenkrankheit, bei der Beschreibung ihrer Heimat in den drögen Duktus eines Angestellten des Saarbrücker Fremdenverkehrsvereins zu fallen, heimgesucht worden.

„Über die Saarstraße gelangte er zum St. Johanner Markt. Der ‚Markt‘, wie ihn die Saarbrücker liebevoll nennen, hatte sich vom ehemals verrufenen Rotlichtbezirk zum Aushängeschild saarländischer Lebensart entwickelt. Klein-Paris sozusagen.“
(Nebenbei bemerkt wäre mir, dem bekennenden Fußgängerzonen-Hasser, lieber, die Nutten stünden sich dort noch die Beine in den Bauch. Angenehmer als in Straßencafés breitgesetzte Schickimicki-Ärsche ist dieser Anblick allemal.)

Das ist aber quantité négligeable, wie der Klein-Pariser sagt, ebenso der Reiseweg via Berlin und Prag. Ja, auch der Aufenthalt auf Kreta ist nichts, was Ludewig und seine Helden zu breitangelegten geografisch-soziologischen Reflexionen inspiriert. Was allein zählt, sind die Dialoge von Birdie und Mollie. Ihretwegen lohnt das Lesen dieses Buches.

Sie quatschen wirklich über Gott, die Welt, Pop und Architektur, denn die solide Halbbildung der beiden Geisteswissenschaftler muss raus wie alles andere, das man nicht richtig verdaut hat. Und hier nun gelingen Ludewig geradezu aparte und durch die Bank wahre Psychogramme einer Spezies Mensch, die es Anfang der Neunziger zuhauf und auch heute noch mehr als genug gibt: den leicht asozialen Besserwisser im eigenen Saft, der bevorzugt alkoholisch ist. Hören wir kurz in einen solchen Dialog:

„Mollie, wenn es gesellschaftliche Veränderung durch Literatur gibt, dann nur, wenn sie massenwirksam ist.“
„Quatsch. Literatur ist immer elitär. Es ist geradezu notwendig, dass wahre Kunst sich dem Massengeschmack entzieht.“
„Elitärer Sack!“
„Dummschwätzer!“
„Was ist Hemingway im Vergleich zu T.S. Eliot und Shakespeare und was sind Böll und Grass im Vergleich zu Arno Schmidt und Rainer Maria Rilke?“

Wahre Worte. Und wir ahnen schon, wie diese hochintellektuelle Unterhaltung endet. So nämlich:

„Für mich ist nur der ein echter Künstler, der malen kann.“
„Den deutschen Bauer auf dem Felde, du Fascho!“
„Ich Fascho? Es langt, Mollie!“
„Dein Kunstbegriff ist hochreaktionär bis kryptofaschistisch.“

Man wird zugegeben, dass diese Dialog nur begrenzt „witzig“ sind, und das ist gut so. Denn ihre eigentliche Komik beziehen sie aus ihrer Authentiziät, aus der Selbstverständlichkeit und Ernsthaftigkeit, mit der sie am laufenden Band produziert werden .

Ludewig begeht dabei nicht den Fehler, seine Personen und ihre Ergüsse als Karikaturen anzulegen. Sie schweben nur ganz knapp über der Normalität, was sich auch in ihren kretischen Aktivitäten wiederspiegelt. Mollie, Birdie und all die anderen Urlaubsdeutschen sind alternative Spießer, die in Diskos abhängen, Frauen resp. Männer aufreißen, über den griechischen Schlendrian fluchen und heimlich den Kondomvorrat ihres Reisepartnerns checken, um über dessen sexuelle Ergüsse auf dem Laufenden zu sein.

Erst gegen Ende des Romans zeigt sich diese Normalität in ihrer ganzen Absurdität, als es Mollie mit Hilfe eines Gesprächs über den korrekten Konjunktiv gelingt, eine Frau dort hin zu bringen, wo sie natürlicherweise alle landen: ins Bett.

Das ist, wie gesagt, komisch, weil es wahr ist, und nicht wahr, weil es so komisch ist. Ludewig ist ein unterhaltsamer, gut geschriebener Roman gelungen, in dem sich Alltag und Wahnsinn geben, wie sie nun einmal sind: so unzertrennlich wie Birdie und Mollie, so siamesisch verwachsen wie Bildungskultur und Wissensmüll.

Wolfgang Ludewig:
Glücksritter im Labyrinth der Leidenschaften.
Conte Verlag, 220 Seiten, €12,90.

Martin Conrath: Stahlglatt

„Bitte, bitte, nur ein paar Zeilen!“ Die Stimme des Herausgebers stürzt in ein Jammertal. „Bedenken Sie doch: Es ist ein Saarland Krimi!“

Ich schweige ein paar Sekunden, räuspere mich und antworte brutal: „Ja, ja. Saarland Krimi. Wenn der Autor nur am Bindestrich gespart hätte – geschenkt. Aber so… Ich bespreche grundsätzlich keine Bücher, die mir beim Lesen körperlichen Schmerz bereiten.“

„So schlimm?“ Der Herausgeber heuchelt Mitgefühl. „Schlimmer!“

„Und…“ – er überlegt angestrengt – „… es gibt wirklich gar nichts, was man zu Gunsten von Martin Conrath und seinem Krimi ‚Stahlglatt‘ vorbringen könnte?“

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Lektion 33: Computer und Recht

Der Leserbrief, zumal wenn er in rauhen Mengen von dickleibigen und alkoholisierten Briefträgern in die Redaktion gebracht wird, ist die Geißel des Kolumnisten. Wiewohl so mancher recht brisanten Inhalts ist und letztlich von solch allgemeinem Interesse, dass selbst ich, der ich das Leserbriefbeantworten für gewöhnlich meiner neuen Praktikantin, Fräulein Theophile Hor-Mon, überlasse, höchstselbst zur Tastatur greife und die zumeist verzweifelten und nicht selten vor Rechtschreib- und anderen Fehlern nur so strotzenden Ergüsse der Leserschaft beantworte.

(Anmerkung: Wenn Sie diesen Satz beim ersten Durchlesen verstanden haben, erhalten Sie das Recht, weitere zehn Hinternetseiten kostenlos zu lesen.)

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Musikbücher VIII

„Komm, Alter, hau mal wieder einen raus!“: Mit diesen (oder ganz anderen) Worten werden mir von Zeit zu Zeit aus wohlmeinender Hand Bücher überreicht, und wenn es sich lohnt, lege ich nach der Lektüre meine Stirn in Falten und tue das, was man von mir erwartet: Ich haue mal wieder einen raus.

Heute sind es zwei Neuerscheinungen, die nähere Betrachtung durchaus verdienen. Ein Roman, der auch ein Sachbuch sein könnte, und ein Sachbuch, das auch ein Roman sein könnte.

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Lektion 31: Pro und Contra Empfängnisverhütung

Seit der liebe Gott seine Mail an Maria schickte, wissen wir zweierlei: Erstens sind Mails keine Engel, und zweitens ist das Thema der unbefleckten Empfängnis rein kommunikationstechnisch nur noch theoretisch von Bedeutung. Lassen wir hingegen heutzutage unseren Outlookexpress durch die Leitungen dampfen, müssen wir immer damit rechnen, einen unerwünschten Balg in unsere digitale Wiege gelegt zu bekommen.

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