Der Kurz-Rate-Krimi erlebt eine bemerkenswerte Renaissance. Mit jenem suspense gesegnet, den Patricia Highsmith einst als „fucking thrilly“ literarisch adelte, ist er längst zum unterhaltsamen Kuckucksei geworden, das uns in gebündelter Form den politisch-sozialen Status Quo abbildet, über die Abgründe der Seele informiert und – als von Medizinern empfohlenes Training gegen die Alzheimer-Erkrankung – zugleich unser Deduktionsvermögen herausfordert. Der Kurz-Rate-Krimi hat hinsichtlich seines volksaufklärerischen Gehalts längst die „Sendung mit der Maus“ als wichtigstes Informationsmedium des deutschen Durchschnittsbürgers distanziert. Auch in unserem heutigen Kurz-Rate-Krimi, wie immer von Kurz-Rate-Krimi-Papst Dale Patrick Rutherford verfasst, geht es um Wissenswertes und Essentielles, um das Grauen des Alltags und die Alltäglichkeit des Unfassbaren.
Nu gut. Wenn in Deutschland tote Hose ist, was Kriminachrichten anbelangt, dann reisen wir ins englischsprachige Ausland, wo es immer wieder Interessantes zu vermelden gibt. Über „Knockemstiff“ etwa. Nicht nur „a hamlet of a few hundred people about 10 miles from Chillicothe that had gravel roads, rundown housing, a few general stores and a rough-and-tumble reputation“, sondern auch Titel einer „collection of dark stories set in rural southern Ohio. While it’s fiction, the book is getting national acclaim for its imagery and sense of realism.“ Verfasst vom gebürtigen Knockemstiffer Donald Ray Pollock. Mehr gibts →hier.
Als geistige Nahrungsergänzungsmittel werden die Kriminalreportagen der Pieke Biermann von jeder Dopingagentur bedenkenlos durchgewunken. Anders bei Anabolika und Co. Hier hat sich die Kriminalität längst organisiert und der Zoll desgleichen. Fitnesswahn eben, Muckis „um jeden Preis“. Hören Sie unbedingt die neueste Reportage der von Natur aus bärenstarken Pieke, am Freitag, 9. Mai 2008 im RBB-Inforadio 93,1 um 10:27 und 13:27Uhr (Wiederholungen Wiederholungen Sonntag 13:45 und 18:45 und Montagnacht 04:45 Uhr) oder lesen Sie es am Sonnabend, 10. Mai 2008 in DER TAGESSPIEGEL. Oder hören / lesen Sie per Mausklick. Aufs Radio, klar.
So, so. Die schlamperten Alligatoren, die gestern Horst Eckert zu einem Verfasser alter Krimis gemacht haben (1868 geboren), haben die Kurve gekratzt, sind nach Italien ausgebüchst und werden erst nach dem 26. Mai zurückerwartet. Und wer soll die ganze Arbeit machen? WIR, die Blogs! Schön. Wer Erwähnenswertes zum Genre mitzuteilen hat, der tue dies →hier. Wir werden uns, so Material vorhanden ist, dann Nachmittags an die Zusammenstellung machen und sie dem harrenden Krimivolk formschön präsentieren. Hoffentlich ohne größere Fehler, denn was wir in Italien zu suchen hätten, wissen wir nicht.
Dass der Metzger, weil er hat nachsitzen müssen, jetzt rot sieht, das verdankt er seinem Schöpfer Thomas Raab, der diesen Restaurator und Eremiten aus Gewohnheit in einem der schönsten Debüts des Vorjahres in die Welt gebracht hat. Nicht ohne Folgen. Für den Autor gabs eine Glauser-Nominierung, für Willibald Adrian Metzger die dralle Danjela und für das lesende Publikum ein neues Abenteuer.
Um das heutige Volksbloggen ein wenig voranzutreiben, stellen wir eine grundsätzliche Frage: Warum lest ihr eigentlich Krimis – und welche? Seid ihr zu blöd für richtige Literatur? Oder clever genug, nicht zwischen richtiger und falscher Literatur zu unterscheiden? Wollt ihr einfach nur Spaß, Entspannung, Nervenkitzel? Oder erzählt euch ein Krimi mehr über die gesellschaftliche Wirklichkeit? Welche Art von Krimi mögt ihr rein gar nicht? Wie müsste euer idealer Krimi aussehen? – Okay, das war jetzt mehr als EINE Frage. Ich will hier auch mehr als eine Antwort lesen…
Wünsche der Leserschaft haben bei wtd Priorität. Zumal dann, wenn sie aus bezauberndem Munde geäußert stammen. Wohlan: Ab sofort findet man in der rechten Kolumne der wtd-Abteilung des Hinternet-Weblogs DIE GLORREICHEN SIEBEN, des Rezensenten Jahresfavoriten, die er hemmungs- und vorbehaltlos empfiehlt. – Natürlich auch auf die Gefahr hin, damit einige Verführte stinkig zu langweilen. Die Reihenfolge der Titel ist willkürlich und keine Rangfolge. Sie wird, so sich ein Titel qualifiziert, um diesen bereichert, wofür dann ein anderer ins Gras beißen muss. That’s life.
Vier Monate 2008. Zeit und Gelegenheit, die gelesenen Bücher zwischen Januar und April noch einmal zu begutachten. Aber nicht Stück für Stück, sondern einzelne Stücke, die nicht zusammen zu gehören scheinen, miteinander in Beziehungen gesetzt. Gegen alle limitierten Ansichten von „Genre“.
Weil ja die Donnerstagsrezension wg. Doppelfeiertag erst Freitag kommen sollte, aber wg. Leserprotesten dann doch Donnerstag gekommen ist, kommt heute gar nichts, das heißt es kommt doch was, die Aufforderung nämlich, dafür heute am Freitag mal wieder in der →„Criminalbibliothek des 19. und frühen 20. Jahrhunderts“ zu schmökern, was sich immer lohnt, auch wenn nichts Neues gekommen ist, aber gestern Mittag ist die A.K. Green mit „Eine rätselhafte Entführung“ reingekommen und die war mal eine große Nummer auf dem deutschen Krimimarkt, ist aber schon lange her, aber lesen sollte man das doch, weil von nichts kommt nichts. Und was am Montag kommt, weiß ich noch gar nicht.
„Eine Menge Scheiße“: So beginnt Amir Valles „Freistatt der Schatten“, vierter Teil und vorläufiger Höhepunkt seiner Havanna-Krimis. Und es trifft zu: Valles Kuba stinkt; nach Blut und Verwesung, nach Hoffnungs- und Skrupellosigkeit, nach Gier, nach Tod. Und doch ist es Amir Valles Kuba, auch wenn der Autor, dem man nach einem Auslandsaufenthalt die Rückkehr in seine Heimat verweigert, schon seit Jahren in Berlin lebt. Es ist auch Leonardo Paduras Kuba – dies nur, weil der Name natürlich fallen muss, wenn man von kubanischer Kriminalliteratur spricht -, und der mag die Scheiße anders beschreiben, aber so poetisch kann gar nichts sein, dass es den Gestank überlagern könnte.
Eigentlich sollte ja Schluss sein mit dem Volksbloggen. Aber gleich nach der Drohung erreichten mich massenhaft LeserInnen-Mails: „Gib uns noch ne Chance, dpr! Wir versprechen, uns zu bessern! Wir werden kommentieren wie die wildgewordenen Schimpansen! Demokratie jetzt! WIR sind das Bloggervolk!“ u.ä. Also gut. Eine letzte Chance. Ich will hier wenigstens 100 Kommentare von wenigstens 90 verschiedenen LeserInnen sehen. Zu irgendwas. Sagt einfach mal Hallo, wenn euch sonst nichts einfällt. Oder sagt mir mal, ob ihr noch diesen Radio-Tatort hört. Über den man ja nach dem ganzen Rauschen im Vorfeld so rein gar nichts mehr hört… Oder was mich ganz arg interessiert: Wie ist das eigentlich mit Krimis außerhalb der Schriftform? Also Krimi im Film, im Radio, als Comic / Graphic Novel? Tangiert euch das überhaupt? Oder Krimi und Sci Fi gemixt oder Krimi und Western oder…
Was muss sich dort abgespielt haben … welcher Schriftsteller übernimmt einen Versuch der Darstellung ?(Bernd)
je länger ich mir das anschaue, um so weniger kann ich glauben, daß die Literatur (oder die Kriminalliteratur) das richtige Medium für dergleichen ist. (JL)
Was für ein genial heimtückisches Stück Kriminalliteratur! Was für ein Beleg der These, jedes Werk stehe und falle mit der Wahl der erzählerischen Mittel! Was für eine Widerlegung des Dogmas von den „ehernen Gesetzen des Genres“!
Im April scheint die Kriminalliteratur nicht revolutioniert worden zu sein. Jedenfalls vermeldet →die neue Bestenliste nichts dergleichen. Noch immer regiert Robert Littell, vom Aufsteiger des Monats, Lee Childs „Sniper“ (von 7 auf 2) hart bedrängt. Auch Platz 3 – Linus Reichlins „Sehnsucht der Atome“ – muss sich eines Ehrgeizlings erwehren – Lawrence Blocks „Verluste“ (von 8 auf 4). Neulinge? Immerhin drei. Marek Krajewskis „Festung Breslau“, Matt Beynon Rees mit seinem „Verräter von Bethlehem“ und Stuart MacBrides „Der erste Tropfen Blut“.
Via →Krimiblog.de erreichte uns am Mittwoch ein kleiner Vorgeschmack auf die Apokalypse. „Die Buchkultur“, diagnostizierte Grafit-Verleger Dr. Rutger Booß zum „Tag des Buches“ in der Westfalenpost, „wird bedroht von der unglaublichen Vielzahl überflüssiger Bücher, die sich gut verkaufen.“ Ei, wie das denn? Bisher sind wir davon ausgegangen, es sei gerade der aus solchen Büchern gezogene Profit, der es Verlagen erlaube, auch weniger Gängiges im Programm zu halten. Gleichwohl leuchtet des Verlegers Lamento auf den ersten Blick ein: Gäbe es weniger überflüssige Bücher, die sich gut verkaufen, gäbe es vielleicht mehr in ihrer Existenz legitimere Bücher, die der freundlichen Büchhändlerin aus den Händen gerissen werden. Vielleicht, na ja. Eher nicht, sagt mir mein hoffentlich noch halbwegs gesunder Menschenverstand, es sei denn, es gelänge uns, Charlotte-Link-Leser zu Fred-Vargas-Lesern und Stieg-Larsson-Besoffene zu James-Sallis-Afficionados umzuschulen. Haare kann man inzwischen einpflanzen; Gehirnzellen meines Wissens noch nicht. Also vergessen wir das schnell wieder.
Ganz Krimideutschland erregt sich. Müssen Kurzkrimi Suspense enthalten? Wenn ja, wieviel? Und welches ist die Maßeinheit? Gramm? Liter? Herzinfarkt? Wtd hat einen ausgewiesenen Meister der Krimikurzgeschichte um zwei Fallbeispiele gebeten. Kurze knackige Kriminalliteratur mit garantierter Hochspannung a la Hitchsmith.
Ich weiß, das darf man nicht: Die Kritik an einem Buch kritisieren, an dem man selber beteiligt war. Andererseits bin ich aber auch Kritiker und nehme mir das Recht heraus, auf gewisse Mindeststandards beim Rezensieren zu pochen. Genaues Lesen, zum Beispiel.
Gewalt gegen Frauen. Zwangsprostitution. Benachteiligung im Beruf. Das klingt alles stark nach „Frauenthemen“, klingt aber nur so. Die Gewalt wird von Männern ausgeübt, die sexuellen Dienstleistungen werden von Männern gekauft, benachteiligt wird zu Gunsten von Männern. Es sind also allgemein wichtige Themen und ihr Platz in einer Kriminalliteratur, die auch Realitäten reflektiert, ist ein legitimer. Theoretisch. Praktisch jedoch hat Gisa Klönne in „Nacht ohne Schatten“ weder Realitäten reflektiert noch einen passablen Kriminalroman geschrieben. Das Ergebnis ist, hier wie dort, verheerend.
In ihrer beliebten Reihe „Menschen – Orte – Kriminalität“ präsentiert Pieke Biermann am 25. April 2008 um 10:27 und 13:27 Uhr einen Menschen und eine geheimnisvolle Organistation:Heinz Jankowiak und die ZERV. Wer ZERV-mäßig endlich mitreden möchte, schalte also, wie alle vier Wochen freitags, RBBinfoRADIO 93,1 ein. Oder überprüfe, ob unter unserem formschönen Logo vielleicht wieder ein kleiner Link verborgen ist.
Die Zentrale Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität war ein Kind der Wende und wurde knapp zehn Jahre alt. Mehr war nicht beabsichtigt. Das meiste, was sie zu ermitteln hatte, war nach dieser Zeit – auch nach zweimaliger Verlängerung – verjährt. Was nicht verjährt, zum Beispiel Mord, wird seitdem von den passenden Fachdienststellen des Landeskriminalamts weiterbearbeitet.
Den einen – Opfern des DDR-Unrechts – erschien die ZERV als zahnloser Tiger, die anderen – Tätern, Profiteuren, Ideologen – beschimpften sie als Vollstreckerin von Siegerjustiz. Der damalige Bundeskanzler Kohl erklärte sie zur “großen nationalen Aufgabe”, sein Innenminister Schäuble mochte dennoch nicht das Bundeskriminalamt damit betrauen. So kam die ZERV nach Berlin – nach dem Tatortprinzip: Die DDR war “von Berlin aus zentralistisch gelenkt” worden.
Ab 1991 wurde sie aufgebaut mit gut 300 Beamten aus der ganzen Republik verteilt über die ganze Stadt. 1994 endlich fand sich ein Ort, an dem alle zusammen Platz hatten, bis die ZERV schließlich Ende 2000 abgewickelt werden konnte: H2 lang und H2 rund – zwei Trakte des legendären Flughafens Tempelhof, der derzeit gerade mal wieder abgewickelt werden soll.
Heinz Jankowiak, Jahrgang 1948, hatte in jungen Jahren mehr Zeit mit Musik (ua. als Pianist beim “Reichskabarett”) als mit Jura verbracht und wurde Kriminalpolizist. Heute ist er Chef des LKA 1 (Delikte am Menschen) und stellvertretender LKA-Leiter. 1995 hatte er das eine der beiden ZERV-Referate übernommen, 1998 wurde er ZERV-Chef und damit bald ihr Abwickler.
Ein Gang durch ein Gebäude mit vielen historischen Schichten.
Kommentiert. Ihr könnt es doch. Und gehört nicht zur Gruppe „Einzeller entdecken das Internet“, die etwa jüngst Thea Dorn als „Mädchen“ und „Medienhure“in Kommentaren zu einem Artikel von →Welt Online beschimpfte (anderes wurde inzwischen gelöscht). Da wären wir auch schon beim Thema. Lesen Frauen Krimis anders als Männer? Schreiben sie gar anders? Ich bin ja grundsätzlich kein Freund einer solchen Geschlechtertrennung; doch gerade im Falle Dorn und auch – dazu morgen mehr – bei Gisa Klönnes „Nacht ohne Schatten“ hat man den Eindruck, sie könnte doch existieren. Eure Ansichten dazu – und zu was ihr sonst noch immer wollt – sind sehr gefragt.