Daniel Diges: „Algo pequenito“
Von wegen Flamencofeuer, Kastagnetten oder Ähnliches. Nix da, mit einem süßen kleinen zuckrigen Walzer kommt Spanien zum ESC. Zirkusmusik, zugegeben. Und schon wieder so ein Song, der ganz leise angefängt und dann zum dramatischen Finale mit Pauken und Trompeten Anlauf nimmt. Bleibt aber verteufelt lang im Ohr und lässt einen noch lange schwelgend den Kopf hin und herwiegen. Es braucht ein bisschen Mut, um zuzugeben, dass einem dieses Lied richtig gut gefällt, aber heimlich still und leise werden es viele lieben. Weiterlesen
Knackige Rockhymne, flott und sehr up to date aufbereitet. Drei Minuten Power, aber mit Melodie. Nicht zuviel Kitsch, keine Überdosen Rockismen. Zwar auch keine Experimente, und der Produzent durfte im Studio noch ordentlich Soundgimmicks einflechten. Trotzdem höchst angenehm zu hören.
Au backe. Da haben wir ja wieder prächtig daneben gelegen. Aber das war abzusehen. Weißrussland weiter und Finnland raus – wie konnte das passieren??? Die Finninnen waren hier nach ihrem grandiosen Semifinalauftritt schon zum Finalfavoriten avanciert, und dann scheiden sie einfach aus? Hmpf. Dickes Lob und heftige Abbitte an Belgien: das war eine super Performance! Kein Vergleich mit dem öden Video. Reift hier der nächste Finalfavorit heran? Bosnien-Herzegowina weiter – oh no! Das war eine schlimme Ansammlung überalterter Rockismus-Gesten, das kann doch nicht wahr sein. Der blonde Serbe weiter – hurra!!!! Sehr sympathischer Auftritt, auch wenn der Gesang manchmal ein paar Mikrotöne danebenzuliegen schien. Daumendrück, daumendrück!!!
In Landessprache gesungen, sehr sympathisch! Klingt sprachlich auch sehr einschmeichelnd. Aber der Rest, oweh… Ziemlich langweilige Ballade mit viel Melancholie. Schreit nach Windmaschinen. Klassische ESC-Kost. Wird sehr von der Performance der drei Damen abhängen.
Geheimtippalarm! Wunderschöne Pophymne, klingt trotz relativ üppigem Line up sympathisch unpathetisch – diesem Song verzeiht man sogar die Chöre im Hintergrund. Straighte bittersüße Melodie, herzzerreißender Refrain – einfach klasse Popmusik, höchstens im Klang ein bisschen milchgesichtig. Hätte auch in „La Boum“ der Hit sein können, zu dem Sophie Marceau und Pierre Cosso engtanzten.
Ödester Europop mit hohem Kitschanteil und pappigem Sound. Klingt ungesund, als müsste man hinterher viel Fett aus den Ohren waschen. Gefiedelt wird auch hier wieder ein bisschen, immerhin in der alten Philly-Disco-Tradition. Aber das rettet nichts.
Irland schickt eine Ex-Siegerin zum ESC, dafür erstmal: Lob. Das traut sich nicht jeder(r) – bloß nicht abgeschlagen und beschädigt aus dem zweiten Versuch hervorgehen. Niamh Kavanagh kann singen, das hat sie im Off – wenn wir richtig informiert sind – schon bei den Commitments getan. Aber ihr Song ist nur solides Handwerk, kein großer Wurf. Große irische Emotionen mit hymnischen Melodiebögen, so weit wie das Hochmoor hoch.
Huch, ist das der zweite Beitrag der Schweiz? Gitti und Erika beim Grand Prix? Nö. Das ist der ziemlich originelle Versuch von Slowenien, Europa zum Hinhören zu zwingen. Volksmusik mit hohem Schunkelfaktor, gekreuzt mit schrammelnden E-Gitarren. Optisch erinnern die Sängerin mit dem beachtlich glockenklaren Organ und der komische Rockmusikzausel ein bisschen an Dänemark. Da soll ja offenbar auch der Kontrast à la die Schöne & das Biest fatzen. Naja. Hier gibts also zwei Bands und zwei Songs in einem. Irgendwie lustig (hoher Novelty-Faktor), aber merkwürdig herzlos, eher holzschnittartig.
Die bizarrste der diesjährigen Europop-Nummern. Extrem gepimpt mit stampfenden Beats und schrillen Piano-Tönen, was wohl irgendwie sexy wirken soll. Ohne das ganze anproduzierte Beiwerk bleibt vom Song nicht viel übrig. Ob das merkwürdige durchsichtige Doppel-E-Piano irgendwie von der Dürftigkeit des Titels ablenken soll? Oder der hautenge Lederdress der Sängerin? Nein. Bestiiiiiiiiiimmt nicht.
Hier kommt das Gegengift zur apokalyptischen Kost aus der Ukraine. Geht-gar-nicht-Kirmesmusik mit durchgedrehter Drehorgel im Hintergrund. Die Holländer können einen Leid tun. Oder ist es am Ende doch der Stoff, den das krisengeschüttelte Europa am dringendsten braucht: ein bisserl Schlager? Hm. Die Sängerin verdient allein 12 Punkte dafür, dieses Machwerk mit aller verfügbaren Würde und nicht etwa im Mickey Maus-Kostüm beim ESC zu performen. Geschrieben hat es Vader Abraham, und man muss nichtmal der Meckerschlumpf sein, um es nicht lieb zu schlumpfen.
Tieftraurige Ballade mit bedrohlichen Untertönen seltsam entrückt wirkender Gitarrenbegleitung. Rafft sich im Laufe des Songs immer mehr zur Hardrock-Powerballade auf. Baut irgendwie aus ganz konventionellen Versatzstücken etwas ziemlich Schräges, Extremes auf. Oder ist es einfach so schlicht, dass es schon wieder seltsam wirkt?
Klebrigsüße Hammerballade, die auch Beyoncé nicht schlecht stünde. Lässt jedenfalls, was die Rhythmusspur angeht, die meiste Konkurrenz alt aussehen. Wechselt in der Stimmung zwischen Kleinmädchenschmelz und Domina-Strenge und nutzt die drei Minuten atemberaubend vorbildlich für eine echtes Drama. Auch noch einen echt klasse Ohrwurmrefrain drin untergebracht: ein Stöffchen, das süchtig macht.
Für Fans der Kelly Familiy gibt´s hier ein ordentliches Mecker-Vibrato! Sängerin vom Typ „Kleiner blonder Pop-Kobold“ mit umgehängter Klampfe stemmt eine leider völlig bombastische Hymne. Weniger wäre mehr gewesen, denn Anna Bergendahl klingt durchaus nach Stärke und Personality. Der Song ist ebenfalls nicht schlecht, fließt angenehm dahin, hat aber auch genug Pep und eine gute Melodie.
Das ist nicht nur auf französisch gesungen, das klingt auch nach schlimmer französischer Hitparadenkost der 80er, die dann aber gottlob nicht oft über die Grenzen rüberschwappte. Ziemlich ödes, mit Synthies und anderen künstlichen Effekten vollgepumptes Liedchen eines dagegen sehr sympathischen Sängers, der diese üble, altbackene Kost nicht verdient hat.
Wer war noch das Land, das praktischerweise gleich seine WM-Hymne für den ESC nominierte? Ach, nicht Dänemark? Dabei häufen sich hier die billigsten Klebefallen: Harmonien wie aus dem Baukasten „Der kleine Ohrwurm-Konstrukteur“, die Chöre aufs Künstlichste gedoppelt, der Text ein einziger reduzierter Mischmasch, auch im Schlaf und unter Narkose mitsingbar. Ganz ganz schlimm. Robotermusik, klingt seelenlos und bis zum Erbrechen kalkuliert. Dass sich hier optisch ein zerzauselter Dolph Lundgren-Typ und die kleine brünette Schwester von Mariah Carey zusammentun, macht´s nicht besser.
Viel Schwermut im Zeitlupentempo. Harel Skaat schafft es trotzdem, die ganz großen Gefühle und Melodiebögen angenehm zu erden. Klassische Grand Prix-Kost. Eine Hymne, wie geschaffen für schmerzverzerrte Gesichtsausdrücke und ausladende Gesten mit den Armen. Schlichtere Popgemüter machen es sich in diesen drei Minuten erfreut gemütlich und kuscheln sich in Skaats Harmonien ein wie in eine große Wolldecke.
Bittersüße Ballade, sogar der englische Akzent sitzt fast perfekt. Wechselt munter das Tempo, bleibt auch uptempo mediterran-melancholisch und bringt eine solch hübsche Ohrwurm-Melodie mit, dass Fans von Kelly Family-Musik vor Glück seufzen. Verbindet typisches ESC-Pathos in Moll und ebenfalls ESC-vertraute Stimmakrobatik mit erfreulicher Frische.
Mann, das Ding hat Highspeed. Und Funk, trägt also den Songtitel zu Recht. Bläserfunk, mit ganz schön inhalierter Folklore. Keine Standardkost, keine Fiedeln – fällt also sogar in diesem Jahrgang aus dem Rahmen. Insgesamt kleines nettes, aufgepepptes Popliedchen mit schlichter Melodie. Der Madness-Hear-a-like-touch rührt unter anderem von der Bandstärke: sechs Mann, hallo. Vielleicht auch vom Off-Beat.
Wo kommen dieses Jahr wieder all dieses 90er-Captain-Jack-Synthies her? Und das ausgerechnet noch bei einer Frau, die hoffentlich live genauso stark singt wie im Video. …und die nicht wie eine austauschbare Discomieze aussieht, sondern wie eine echte Frau. Power-Hymne mit Midtempo-Strophen und großem Energiesturm im Refrain.
So, da war also in Weissrussland eine große Blutspendeaktion nötig, und die freigiebigsten Spender hat man nachher völlig blutleer zu ESC-Finalisten erkoren. Langweiligster aseptischster Klassikpop mit viel Harmoniegesang.