Ray Wilson: Live

Bei Ray Wilson beschleicht mich manchmal das Gefühl, dass schon der Nachlassverwalter das Regiment übernommen hat. Bei den meisten Tätigkeiten des schottischen Sängers steht ein ‚Ex‘ davor und so zeigt er gerne auf Live-Platten, was er schon so alles gemacht hat.Nach dem super Akustikalbum „Live And Acoustic“ folgt jetzt ein randvoll gepackter Doppeldecker mit 32 Songs in Bandbesetzung, die alle Phasen seines Schaffens abdecken. Stiltskin, Cut, seine Soloplatten und natürlich auch Erinnerungen an seine kurze Zeit als Sänger von Genesis. Dabei sieht Wilson das Genesis-Repertoire als ‚All you can sing‘-Büffet und bedient sich nicht nur bei der „Calling All Stations“-Phase, sondern wildert auch noch in alten Zeiten.

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Union Youth: The Boring Years

Union Youth – wer es nicht wusste: das sind vier deutsche Jungs namens Maze, Orion, Bowy und Nosse – befinden sich mit ihrem neuen Album „The Boring Days“ mehr denn je auf den Pfaden des Post-Grunge und damit des Alternative Rock. Zwei in diesem bestimmten Genre nicht ganz unwichtige Namen springen einem da in den Sinn: Nirvana und Foo Fighters. Das sind Referenzen der obersten Kategorie. Union Youth haben deren Schaffen gut studiert, nicht jedoch kopiert. Ihre Songs haben Schmackes (gleich: Druck) und strotzen nur so vor Energie. Bestes Beispiel dafür ist die Singleauskopplung „Sweet Song“. Ein Kracher.

Aber keine Sorge: Union Youth haben nicht nur diesen in petto. An der Albumproduktion beteiligt war übrigens ein gewisser Pelle Gunnerfeldt, bekannt von Fireside. Jetzt ist aber Schluss mit Querverweisen. Rock on!

Union Youth
The Boring Years
Eat The Beat/Roadrunner/Universal
VÖ: 6.6.2005

Bloodsimple: A Cruel World

Hoppla, da kehren zwei Musiker zurück, mit denen wir gar nicht mehr gerechnet hatten. Sänger Tim Williams und Gitarrist Mike Kennedy hatten vor Jahren mit einer begnadeten Band namens Vision Of Disorder die Hardcore-Szene New Yorks mit progressiven, teils verkopften Tönen aufgemischt.Seit dem jähen Ende von VOD fragte man sich, was aus Williams & Co. wohl geworden ist. Nun wissen wir eine Antwort: Bloodsimple – zwei Mal Ex-VOD, ein Mal Ex-Downset, ein Mal unbekannte Herkunft plus ein Mal Ex-Skrew. Aus Hardcore – wie sollte es anders sein – wurde zwischenzeitlich Metalcore, respektive Metaledge. Insofern darf Kennedy mehr Mosh-Parts denn je einstreuen, während Williams wie gewohnt seine Stimmbänder aufs Extremste strapaziert und alles aus ihnen herausholt. Im Gegensatz zu früher geizt er mit melodiösen Passagen und konzentriert sich aufs Schreien. Gerade das kann er ja perfekt. Große Platte! Insbesondere der Song „What If I Lost It“.

Bloodsimple
A Cruel World
Warner
VÖ: 23.5.2005

Thirteen Senses: The Invitation

„Stadionpop im Widescreen-Format à la Radiohead gepaart mit Coldplay-Melodien“. Ergo: „Brillant-schönen Melodien“. Das sind „vom Piano geführte Chartstürmer“. Was hat die britische Presse nicht schon alles an Lob über Thirteen Senses ausgeschüttet.

Die Band um den gerade mal 21-jährigen Songschreiber Will South ist dabei, sich für längere Zeit im Pop-Gedächtnis einzunisten. Ihre Melodien gehören fürwahr in die Stadien. Sie sind auch wunderschön und erinnern tatsächlich an Coldplay & Co. Die vier jungen Burschen aus der Gegend von Cornwall zelebrieren melancholischen Edel-Britpop, wie ihn Coldplay und auch Keane bekannt gemacht haben. Piano, Akustikgitarre und die Kopfstimme von South – das sind die Markenzeichen dieser vielversprechenden Band, die wahrscheinlich bald aus dem Schatten ihrer Vorgänger treten wird. Zu schön, um wahr zu sein.

Thirteen Senses: The Invitation
Mercury/Universal
VÖ: 15.3.2005

Dropkick Murphys: The Warrior’s Code

Als Rezensent hat man es bei Dropkick Murphys‘ Platten leicht: Am Besten, man bereitet einen Basistext vor und tauscht für jede neue Platte nur die Songtitel aus. Der wilde Straßengröhler („Take It And Run“), der Bagpipes-Overload („Wicked Sensitive Crew“) und die Mitsing-Hymne („Sunshine Highway“) sind auf jedem Album vertreten und diese Zutaten werden so lange gemischt, bis mehr als zehn Songs herauskommen, die man auf Platte packen kann.

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Paal Flaata: Rain

Paal Flaata — das ist der Mann, der fünf grandiose Alben lang das Herz von Songwriter Al deLoner auf der Zunge trug und Midnight Choir zu einer der unvergleichlichen Bands machte. Beim ersten Hören seines Soloalbums „Rain“ drängt sich vor diesem Hintergrund eine Frage theologischen Ausmaßes auf: Warum versucht Paal Flaata an machen Stellen zu klingen wie Morten Harket auf seinem Soloalbum? Gut, beide sind Norweger, aber muss das sein? ‚Oberflächlichkeit‘ will man rufen und beleidigt „Unsung Heroine“ rauskramen, aber während „Rain“ nochmal und nochmal läuft, stellt man fest, was für ein feines Werk es geworden ist.

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