Es kann ein Kennzeichen gelungener Kriminalliteratur sein, uns hinter die Kulissen der allgegenwärtigen Dichotomien blicken zu lassen, die schematischen Darstellungen von gut und böse, Opfer und Täter. Weniger zum Zweck, uns zu suggerieren, ein Täter sei immer auch ein Opfer und vice versa, sondern um ganz allgemein unseren Blick für das eben nie Eindeutige zu schärfen.
→Teil 1
Ich muss mit dem Protagonisten in Donovans „Winter in Maine“ keineswegs sympathisieren, um zu begreifen, wie da jemand zum Monster gegutmenscht worden ist und dass humanistische Bildung Antihumanismus zu befördern vermag. Bei Donovan kam mir, →siehe Rezension, sogleich Alfred Anderschs „Der Vater eines Mörders“ in den Sinn, die Schilderung einer Schulstunde und des Gebarens des Vaters von Heinrich Himmler. Ich bin also aus der Fiktion in die Wirklichkeit gelangt, habe Verknüpfungen hergestellt und etwas vergegenwärtigt, das mir zwar nicht fremd war, aber immer wert ist, zu Literatur zu gerinnen. Wozu mir gerade eine weitere, diesmal durchaus lustige Anekdote einfällt, die die Musikerin und Sängerin Laurie Anderson bei einer ihrer Performances zum Besten gab. Sie sitzt am Frühstückstisch und löffelt ihre Cerials, ihr Blick fällt auf die Packung mit der angeblich gesunden Nahrung, die Liste der Bestandteile und sie erkennt plötzlich: „What you read is what you eat.“ Oder anders: Während du dich in der Fiktion des Geschriebenen bewegst, bestimmt diese Fiktion dein Leben.
In einem weiteren Beck-Roman von Sjöwall / Wahlöö, „Verschlossen und verriegelt“, begegnen wir einer weiteren Variante von Opfern und Tätern. Kommissar Beck beschäftigt sich mit einem Klassiker der Kriminalliteratur, dem „locked room mystery“, dem Mord in einem verschlossenen Raum also. Es gelingt ihm sowohl den Hergang der Tat zu rekonstruieren als auch den Täter zu überführen, das Tonband mit dem Geständnis jedoch wird zerstört. Dennoch entgeht der Mörder seiner gerechten Strafe nicht; er wird für einen anderen Mord verurteilt, den er nicht begangen hat, während hier die eigentliche Täterin ungestraft davon kommt. Sie ist vom Typ „Opfer wird Täter“, ähnlich wie in „Und die Großen lässt man laufen“. Beck weiß, dass formal Unrecht geschehen ist, er akzeptiert es jedoch.
Was hier passiert, gehört zu den Alltäglichkeiten des Lebens und geradezu den Stützen jeder „funktionierenden“ Gesellschaft: Wer Opfer und Täter ist, wird nach Gutdünken festgesetzt, zu ganz bestimmten Zwecken manipuliert. Die Kriminalliteratur wimmelt nur so von Sündenböcken, die zum Schutz des wahren Täters ans Messer geliefert werden sollen, auch gelegentlich von wirklichen Tätern, die für etwas anderes zur Rechenschaft gezogen werden, weil man ihre eigentlichen Taten nicht ahnden kann (erinnert sei an Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“). Was uns hier wie ein aussergewöhnlicher Plot erscheinen mag, ist, wie gesagt, Alltag und nur deshalb nicht „krimitauglich“, weil es nicht um Spektakuläres, nicht um Mord geht.
Zwei Beispiele. Wer einigermaßen klar denken kann, beobachtet seit geraumer Zeit, wie eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu Tätern stilisiert wird, die Arbeitslosen nämlich, in Sonderheit die Bezieher des sogenannten „Hartz-IV“. Keine Talkshow ohne den Satz „Wer arbeitet, muss mehr haben als diejenigen, die nicht arbeiten“, kein Politikerstatement ohne einen Hinweis auf den „Mißbrauch von Leistungen“, jede dieser Äußerungen von Applaus begleitet, dem Applaus derjenigen, die sich, sind die Täter erst einmal identifiziert, sofort als „Opfer“ begreifen, die zur Kasse gebeten werden.
Mit der Realität hat all das nichts zu tun, jede Statistik spricht dagegen. Abgesehen davon, dass Leute arbeitslos sind, weil es nicht genügend Arbeit gibt und zu fragen wäre, wer hier wen benachteiligt. Die „betrügerischen Arbeitslosen“ die Besitzer von Arbeitsplätzen oder die Besitzer von Arbeitsplätzen die Arbeitslosen, denen sie ja, ganz nüchtern betrachtet, die Arbeitsplätze vorenthalten.
Das zweite Beispiel betrifft das aktuelle Gerangel um das bankrotte Griechenland. Ganz eindeutig: Ein Staat lebt über seine Verhältnisse, fälscht Statistiken und fordert nun Unterstützung durch die EU. Wer muss zahlen? Wir. Überhaupt: WIR sind der Zahlmeister Europas, und wieder ist alles eindeutig, wieder wissen wir sofort, wer hier Täter und wer Opfer ist. Von einer anderen Seite betrachtet, könnte es natürlich genau umgekehrt sein. WIR haben durch teure Kredite und ungebremsten Export Griechenland in den Ruin getrieben, WIR profitieren zuallererst von der Europäischen Union.
Beide Fälle zeigen nicht nur, wie vorsichtig man sein muss, vorschnell Opfer und Täter zu identifizieren, sondern auch, dass jede Gesellschaft willkürliche Festlegungen braucht, um ihre eigene Identität zu wahren. Eindeutige, mit geringem intellektuellen Aufwand nachvollziehbare Täter-Opfer-Definitionen sind ein wunderbares Beruhigungsmittel, das Gefühl, selbst Opfer zu sein, allemal schöner als das, möglicherweise der Täterseite näher zu stehen. So wird unaufhörlich inszeniert und geplottet, dramaturgisch vorbereitet, was im Grunde eskapistisch ist, da von den eigentlichen, so gar nicht eindeutigen Umständen ablenkend. Schlechter Krimi also, leicht konsumierbare Massenware aus der Fließbandproduktion.
Wird also die Kriminalliteratur zur Komplizin einer ganz auf simpelste Strickmuster fixierten Wirklichkeit? Natürlich wird sie das. Sie ist es von Anbeginn an. Ihre eigene Struktur fördert dies, das miserable Gesetz der Eindeutigkeit, der bis in die kleinste Verästelung auszubreitenden Logik, die, da es den Zustand vollkommener Eindeutigkeit nicht geben kann, selbst von hanebüchenster Unlogik ist. Aber trösten wir uns: Es gibt auch andere Kriminalliteratur. Irritierende Texte, die uns am Ende in einen labyrinthischen Interpretationsgarten locken, dessen Ariadnefäden allesamt trügerisch bleiben, uns aber wenigstens ein Stück dem näherbringen, was jeder gute Text in sich birgt: dem Leben außerhalb der Literatur, dem Leben, das selbst schlechte Literatur ist, die man zu guter machen sollte.
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