ESC 2010: Estland

Malcolm Lincoln: „Siren“

Juiii! Sehr düster, sehr ausgefallen. Beginnt als spartanisch instrumentierte Ballade mit gespenstisch verzerrtem Chor, wechselt zum Refrain in flotteres Tempo, um dann zurückzufallen in die schluffige Anfangsgangart. Das ist keine ESC-Allerweltskost, Respekt. Aber man muss schon großer Depeche Mode- oder Joy Division-Fan sein, um „Siren“ zu goutieren. Und man muss viel gute Laune mitbringen, um diesen Downer zu überstehen.

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ESC 2010: Russland

The Peter Nalitch Band: „Lost and forgotten“

Was ist das denn, um Himmels Willen? Hier hat aber keine ESC-Beratungsschmiede gegen einen sechsstelligen Eurobetrag am Beitrag gewerkelt. Das hier ist Marke Eigenbau. Schleppende, entsetzlich elegische Ballade. Durchaus Ohrwurm, aber der Sänger liegt irgendwo zwischen Knödeltenor und Kastrat. Ohren auf bei den kuriosen Akzenten, die der Hintergrundchor setzt!

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ESC 2010: Der Doktor ist… da

Nach längerer Sendepause meldet sich unsere Gemeinschaftspraxis mit einer kleinen Fleißarbeit zurück. Im Vorfeld des diesjährigen Eurovision Song Contest und der beiden Halbfinale werden wir alle 39 Bewerber vorstellen und eine Prognose über ihr Abschneiden abgeben. Grundlage sind die Videos der Teilnehmer, die man u.a. hier finden kann: ↑NDR – Die Kandidaten im Porträt.

Unsere Prognosen sind natürlich fachkundigst, trotzdem ist nicht auszuschliessen, dass Europa völlig anders abstimmen wird als von uns erwartet. Denn auch in Oslo gilt: die Wahrheit liegt auf dem Platz. Wenn sich im entscheidenden Moment der passende Ton verweigert oder gar das Trickkleid streikt, dann hilft das beste Video (und die profundeste Prognose) nichts mehr.

Freut Euch auf eine 39teilige Komödie der Irrungen, Wirrungen und der ganz großen Gefühle. Ab morgen früh hier bei Hinternet.

gemein 017

Ich glaube, ich kenne kein nervenderes Popstück der letzten zehn Jahre als Röyksopps „Happy Up Here“ (…) Daß der Rökysopp-Song so nervt, liegt sicherlich auch daran, dass das Stück von deutschen TV-Redakteuren nahezu allen Bildstrecken, in denen Menschen beim Kochen, beim Snowboarden, beim Straßeentlanggehen und beim Von-der-Schaukel-fallen zu sehen sind, unterlegt wird. Mancher mag einwenden, dafür könnten Röyksopp ja nichts. Doch, sie können! Denn Röyksöpp machen Bildstreckenunterlegungsmusik unterster Latrine.

Röyksopps Musik hat die brüllend dämliche Aura eines Party-Events für Zahnärzte mit Niedlichkeitsfetischismus. Röyksopp ist Air für Modeopfer.

Eric Pfeil in seinem Pop-Tagebuch (FAZ): ↑Mein Kaffee ist keine Bildstrecke – Aufzeichnungen eines genervten Vollgedudelten

Moral

Wenn einem Autor nichts mehr einfällt, wird er moralisch. Damit kriegt er sie alle. Und wenn einen nicht, dann ist der eben unmoralisch. Das Wort „Moral“ ist das Pflaster auf den Wunden eines Textes, die billige Blitzheilung siecher Plots, das Placebo gegen Sätze mit Sinn-Alzheimer, das Dach, unter dem sich die intellektuell obdachlose Aussage vor sich selbst versteckt. Naja, eben ein Scheißkrimi, aber er thematisiert wenigstens den Fremdenhass. Schon tausend Mal gelesen, den ungelenken Mist, aber immerhin geißelt er den Ehrenmord. Schon wieder Nazi-0815, aber wir erfahren doch, wie schlimm es damals war und dass es auch gute Deutsche gab. Moral eben. Unangreifbar, mit eingebautem Applaus.

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Conte kann

Ach, es ist schön, durch die →Herbstvorschau des Conte Verlages zu blättern, fast gänzlich unbeteiligt, denn den nächsten dpr aus dem feinen Saarbrücker Haus gibts erst im Frühjahr. Ein kleines Nachwort für einen alten Franzosen und, große Freude, die Gewissheit, dass es endlich gelungen ist, dem phantastischen Peter J. Kraus eine neue Heimat zu verschaffen. „Joint Adventure“ heisst das Werklein und wärmt nicht nur von außen. Und dann gibt es noch einen Amila und ein mysteriöses Tapirtier, aber das schaut ihr euch jetzt alles selber an, gell?

KC im Mai

Mit geziemender Verspätung erschienen: →die neueste Ausgabe der Krimi-Couch, Deutschlands größtes und beliebtestes Krimimagazin. Mit vielen Rezensionen und Interviews, u.a. auch zwei dringend notwendigen Nachholarbeiten des Bloggers. Der hat sich, auch mit Verspätung, Stefan Kiesbyes →„Nebenan ein Mädchen“ zur Brust genommen und ist des Lobes voll. Da der Titel nun auch als Taschenbuch erscheint, sogar eine verblüffend aktuelle Rezension. Christine Lehmanns ebenfalls besprochener →„Allmachtsdackel“ siecht derweil der Altersschwäche entgegen, ist aber dennoch sehr lesenswert.

Das deutsche Element

„XYZ ist ein deutscher Thriller, der sich vor den amerikanischen nicht zu verstecken braucht.“

Reden wir nicht von Vergangenheit und Tradition der deutschen Kriminalliteratur, reden wir von ihrer Gegenwart. Immerhin: Es gibt sie. Nicht mehr die entfernte Verwandte der Literatur, für deren Anwesenheit am Katzentisch der Familie man sich schämt, noch nicht – und vielleicht nie – dort platziert, wo die Sippe ihre großen Diskussionen führt, ihre Entscheidungen trifft. Aber überhaupt: DEUTSCHE Kriminalliteratur?

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Interview: Hayseed Dixie

Bekannt wurden sie mit AC/DC-Songs, die sie im Bluegrass/Country-Stil nachspielten. Mittlerweile haben sie auch Songs von Kiss, Prodigy oder anderen Rockbands in ihrem Repertoire. Ganz zu Anfang hießen sie AC/Dixie, mussten ihren Namen aber auf Drängen der Plattenfirma der australischen Hardrocker umändern. Und da sie selbsternannte Hinterwäldler sind, kamen sie auf den Namen Hayseed Dixie – Hayseed heißt übersetzt Hinterwäldler. Hinternet-Chefreporter Kai Florian Becker sprach mit John Wheeler alias Barley Scotch, dem Sänger, Gitarristen und Geiger der US-Band.

Hinternet: Diese Frage dürfte Ihnen nicht neu sein: Dennoch würde ich gerne erfahren, wie man auf die verrückte Idee kommt, AC/DC-Songs in das Bluegrass/Country-Genre zu entführen?

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Opfer und Täter, Täter und Opfer -2-

Es kann ein Kennzeichen gelungener Kriminalliteratur sein, uns hinter die Kulissen der allgegenwärtigen Dichotomien blicken zu lassen, die schematischen Darstellungen von gut und böse, Opfer und Täter. Weniger zum Zweck, uns zu suggerieren, ein Täter sei immer auch ein Opfer und vice versa, sondern um ganz allgemein unseren Blick für das eben nie Eindeutige zu schärfen.
Teil 1

Ich muss mit dem Protagonisten in Donovans „Winter in Maine“ keineswegs sympathisieren, um zu begreifen, wie da jemand zum Monster gegutmenscht worden ist und dass humanistische Bildung Antihumanismus zu befördern vermag. Bei Donovan kam mir, →siehe Rezension, sogleich Alfred Anderschs „Der Vater eines Mörders“ in den Sinn, die Schilderung einer Schulstunde und des Gebarens des Vaters von Heinrich Himmler. Ich bin also aus der Fiktion in die Wirklichkeit gelangt, habe Verknüpfungen hergestellt und etwas vergegenwärtigt, das mir zwar nicht fremd war, aber immer wert ist, zu Literatur zu gerinnen. Wozu mir gerade eine weitere, diesmal durchaus lustige Anekdote einfällt, die die Musikerin und Sängerin Laurie Anderson bei einer ihrer Performances zum Besten gab. Sie sitzt am Frühstückstisch und löffelt ihre Cerials, ihr Blick fällt auf die Packung mit der angeblich gesunden Nahrung, die Liste der Bestandteile und sie erkennt plötzlich: „What you read is what you eat.“ Oder anders: Während du dich in der Fiktion des Geschriebenen bewegst, bestimmt diese Fiktion dein Leben.

In einem weiteren Beck-Roman von Sjöwall / Wahlöö, „Verschlossen und verriegelt“, begegnen wir einer weiteren Variante von Opfern und Tätern. Kommissar Beck beschäftigt sich mit einem Klassiker der Kriminalliteratur, dem „locked room mystery“, dem Mord in einem verschlossenen Raum also. Es gelingt ihm sowohl den Hergang der Tat zu rekonstruieren als auch den Täter zu überführen, das Tonband mit dem Geständnis jedoch wird zerstört. Dennoch entgeht der Mörder seiner gerechten Strafe nicht; er wird für einen anderen Mord verurteilt, den er nicht begangen hat, während hier die eigentliche Täterin ungestraft davon kommt. Sie ist vom Typ „Opfer wird Täter“, ähnlich wie in „Und die Großen lässt man laufen“. Beck weiß, dass formal Unrecht geschehen ist, er akzeptiert es jedoch.

Was hier passiert, gehört zu den Alltäglichkeiten des Lebens und geradezu den Stützen jeder „funktionierenden“ Gesellschaft: Wer Opfer und Täter ist, wird nach Gutdünken festgesetzt, zu ganz bestimmten Zwecken manipuliert. Die Kriminalliteratur wimmelt nur so von Sündenböcken, die zum Schutz des wahren Täters ans Messer geliefert werden sollen, auch gelegentlich von wirklichen Tätern, die für etwas anderes zur Rechenschaft gezogen werden, weil man ihre eigentlichen Taten nicht ahnden kann (erinnert sei an Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“). Was uns hier wie ein aussergewöhnlicher Plot erscheinen mag, ist, wie gesagt, Alltag und nur deshalb nicht „krimitauglich“, weil es nicht um Spektakuläres, nicht um Mord geht.

Zwei Beispiele. Wer einigermaßen klar denken kann, beobachtet seit geraumer Zeit, wie eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zu Tätern stilisiert wird, die Arbeitslosen nämlich, in Sonderheit die Bezieher des sogenannten „Hartz-IV“. Keine Talkshow ohne den Satz „Wer arbeitet, muss mehr haben als diejenigen, die nicht arbeiten“, kein Politikerstatement ohne einen Hinweis auf den „Mißbrauch von Leistungen“, jede dieser Äußerungen von Applaus begleitet, dem Applaus derjenigen, die sich, sind die Täter erst einmal identifiziert, sofort als „Opfer“ begreifen, die zur Kasse gebeten werden.

Mit der Realität hat all das nichts zu tun, jede Statistik spricht dagegen. Abgesehen davon, dass Leute arbeitslos sind, weil es nicht genügend Arbeit gibt und zu fragen wäre, wer hier wen benachteiligt. Die „betrügerischen Arbeitslosen“ die Besitzer von Arbeitsplätzen oder die Besitzer von Arbeitsplätzen die Arbeitslosen, denen sie ja, ganz nüchtern betrachtet, die Arbeitsplätze vorenthalten.

Das zweite Beispiel betrifft das aktuelle Gerangel um das bankrotte Griechenland. Ganz eindeutig: Ein Staat lebt über seine Verhältnisse, fälscht Statistiken und fordert nun Unterstützung durch die EU. Wer muss zahlen? Wir. Überhaupt: WIR sind der Zahlmeister Europas, und wieder ist alles eindeutig, wieder wissen wir sofort, wer hier Täter und wer Opfer ist. Von einer anderen Seite betrachtet, könnte es natürlich genau umgekehrt sein. WIR haben durch teure Kredite und ungebremsten Export Griechenland in den Ruin getrieben, WIR profitieren zuallererst von der Europäischen Union.

Beide Fälle zeigen nicht nur, wie vorsichtig man sein muss, vorschnell Opfer und Täter zu identifizieren, sondern auch, dass jede Gesellschaft willkürliche Festlegungen braucht, um ihre eigene Identität zu wahren. Eindeutige, mit geringem intellektuellen Aufwand nachvollziehbare Täter-Opfer-Definitionen sind ein wunderbares Beruhigungsmittel, das Gefühl, selbst Opfer zu sein, allemal schöner als das, möglicherweise der Täterseite näher zu stehen. So wird unaufhörlich inszeniert und geplottet, dramaturgisch vorbereitet, was im Grunde eskapistisch ist, da von den eigentlichen, so gar nicht eindeutigen Umständen ablenkend. Schlechter Krimi also, leicht konsumierbare Massenware aus der Fließbandproduktion.

Wird also die Kriminalliteratur zur Komplizin einer ganz auf simpelste Strickmuster fixierten Wirklichkeit? Natürlich wird sie das. Sie ist es von Anbeginn an. Ihre eigene Struktur fördert dies, das miserable Gesetz der Eindeutigkeit, der bis in die kleinste Verästelung auszubreitenden Logik, die, da es den Zustand vollkommener Eindeutigkeit nicht geben kann, selbst von hanebüchenster Unlogik ist. Aber trösten wir uns: Es gibt auch andere Kriminalliteratur. Irritierende Texte, die uns am Ende in einen labyrinthischen Interpretationsgarten locken, dessen Ariadnefäden allesamt trügerisch bleiben, uns aber wenigstens ein Stück dem näherbringen, was jeder gute Text in sich birgt: dem Leben außerhalb der Literatur, dem Leben, das selbst schlechte Literatur ist, die man zu guter machen sollte.

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Jo Nesbø: Leopard

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(Seit unsere Mitarbeiterin Anna Veronica Wutschel jenen unvergesslichsten aller deutschen Krimisätze gehört hat – „Harry Hole mal den Wagen“ – ist sie besonders empfänglich für die Werke des norwegischen Autors Jo Nesbø. Und da es ihr endlich gelungen ist, bei ebay ein Sortiment durchgestrichener o’s zu ergattern, rezensiert sie die Bücher nun auch. Lesen Sie den beiliegenden Tatsachenbeweis.)

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