Ein Roman zur rechten Zeit. Das Hickhack um die Freilassung oder Nichtfreilassung von Christian Klar noch im Ohr, verspricht uns Hinrich Matthiesen die literarische Aufarbeitung des Themas. In „Auch du wirst weinen, Tupamara“ treffen sich Täterin und Opfer – das heißt: sie treffen sich nicht.
WeiterlesenAndrea Maria Schenkel: Kalteis
Vergessen wir den „Tannöd“-Hype. In einem Land, dessen Bevölkerung zu Millionen vor den Fernsehern sitzt und chemisch abgefüllten Pedaleuren zujubelt, kann ein Buch nur mit Hilfe der üblichen Hochleistungs-Medienzuckungen zu Hunderttausenden verkauft werden. Vergessen wir das Reizwort „authentischer Fall“. Das interessiert mich, wenn ich einen Roman zur Hand nehme, nicht im mindesten.
Vergessen wir vollständig die Plagiats-Farce, die eigentlich nichts weiter ist als Teil des Hypes. Vergessen wir die enttäuschten Zurufe düpierter KäuferInnen, die wegen dieses Hypes zugriffen und danach den „komischen Schreibstil“ ebenso geißelten wie die Preisgestaltung des Nautilus Verlags. Ihnen ist in diesem Leben nicht mehr zu helfen und in einem anderen werde ich hoffentlich anderswo sein als sie.
Vergessen wir die Sprache. Wie schon „Tannöd“ kommt auch „Kalteis“ als ins Hochdeutsche massakrierter Dialekt daher, syntaktisch zwischen verdreht-verzwirbelt und naiv-niedlich. Das ist Andrea Maria Schenkel, das darf sie, dafür kann man sie schelten oder bejubeln oder man kann es hinnehmen als den legitimen Versuch einer Autorin, zu einem eigenen Stil zu finden. Sie inszeniert, sie hat, auch wenn wieder viele Stimmen aus Protokollen und Zeugenbefragungen reden, nur eine Perspektive, die ihre nämlich.
Vergessen wir die historische Zeit. Kalteis, das „Monster“, mordet, während der Staat das viel größere Morden vorbereitet. Der Analogschluss, nach dem uns Schenkel hier im Kleinen vorführt, was im Großen bevorsteht, ist natürlich zulässig. Aber kein Verdienst der Autorin, sondern ein automatisch gereichtes der schrecklichen Epoche.
Vergessen wir den Mörder Kalteis. Um ihn geht es hier nicht. Weder um die Umstände seiner Offenbarungen – im Dritten Reich oft genug unter der Folter gemacht – noch um die Hintergründe seiner schrecklichen Taten. Andrea Maria Schenkel lässt Kalteis bekennen, lässt ihn leugnen, lässt ihn abschweifen – er ist aber nur Mittel zum Zweck, „das Böse“ eben, nichts von dem was er sagt überrascht.
Vergessen wir die Euphorie, bei „Kalteis“ handele es sich wie schon bei „Tannöd“ um etwas „Neues“. Was auch bei einem Zweitwerk merkwürdig klänge, das in seiner Machart an den Vorgänger gemahnt, also schon deshalb nicht „neu“ sein kann. „Tannöd“, nur zur Erinnerung, weist über die Zwischenstation „Kritischer Heimatroman“ geradewegs zurück ins 19. Jahrhundert, was man wüsste, wüsste man etwas über Krimis im 19. Jahrhundert. Aber für diese Euphorie kann Frau Schenkel ja auch nichts. Sie hat gezeigt, dass inmitten der inzwischen unerträglichen Krimi-Stanzereien auch ein Roman Erfolg haben kann, der gegen den Trend läuft, der nicht die wenigstens 200 Seiten Standardthrill abspult, keine Detektive beim Ermitteln zeigt oder, noch schlimmer, beim Inspizieren ihrer Kühlschrankinhalte zum Zwecke des „realistischen Schreibens“.
So, haben wir jetzt alles Wichtige vergessen? Dann kommen wir endlich zu „Kalteis“, das Buch mit dem etwas zu sprechenden Namen. Aber, wie schon gesagt, um Kalteis geht es nicht. Es geht um Kathie, ein junges Mädchen vom Land, das nach München kommt, weil man es daheim nicht mehr haben will. Kathie will Arbeit finden, Kathie will eine Dame in schönen Kleidern werden. Aber Kathie wird zunächst einmal eine Gelegenheitsprostituierte, und irgendwann schneiden sich die Lebenswege von ihr und Kalteis, und was da rauskommt, das ahnen wir von Anfang an, das beschreibt uns die Autorin an den Vorgängeropfern.
Und das ist schön und überlegt gemacht. Während Kathie ihrem Schicksal entgegenlebt, während wir schon wissen, dass wir da eine Verlorene auf ihrem letzten Stück Weg begleiten, seziert Andrea Maria Schenkel das grauenvolle Ende an Stellvertreterinnen-Objekten, und wir sehen die lebendige Kathie immer auch schon als tote Kathie.
Das hat sie in „Tannöd“ nicht gemacht (wir vergessen jetzt, dass wir „Tannöd“ eigentlich vergessen wollten). Dort hat sie eine ländliches Soziogramm inszeniert (dieses „inszeniert“ ist entscheidend), hier schickt sie ein armes Hascherl durch den Rest seines erbärmlichen irdischen Daseins. Punkt, fertig.
Ist das jetzt zu wenig oder vielleicht schon zu viel? Ich weiß es nicht. „Kalteis“ hat mich nicht gepackt, es hat mich trotz der gelungenen Dramaturgie – ein wenig kalt gelassen, was aber nicht am Text selber liegt, sondern natürlich an mir, der ich eben das Vergessen predige, aber nicht wirklich vergessen kann. – Oder es liegt gerade an der gelungenen Dramaturgie, weil man sie sofort als gelungene Dramaturgie erkennen kann. Wie auch immer: „Kalteis“ ist ein nettes Buch, und hätte Andrea Maria Schenkel damit debütiert, wäre sie ähnlich gelobt worden wie für „Tannöd“. Aber weil dem nicht so ist, lobt man es als das Buch, das „Tannöd“ überwinden sollte, aber noch nicht überwunden hat.
Das ist nun einmal der Fluch von Zweitlingen, die zwar eine Weiterentwicklung zeigen, aber noch zu sehr an der großen Blaupause hängen. Doch selbst das kann man der Autorin nicht anlasten. Sie ist dabei, sich freizuschreiben, hoffentlich auch formal, denn noch einmal möchte man ein Buch von ihr nicht mit „Tannöd“ vergleichen müssen oder darauf bestehen, es zu vergessen. Enttäuscht sein von „Kalteis“ kann nur, wer „Tannöd“ reloaded will oder überhaupt kein „Tannöd“. Alle anderen haben kein schlechtes Buch gelesen und warten auf ein anderes.
Andrea Maria Schenkel: Kalteis.
Edition Nautilus 2007. 155 Seiten. 12,90 €
Alligator-Dauerdienst: das Allerletzte
Natürlich: „Kalteis“. Einmal Andreas Ammer, →hier zu hören. Das ermuntert den →Herrn Linder zu einem Zitat. Und dann: nochmal „Kalteis“. Diesmal im nicht online-seienden „Bielefelder“. Auch hier Zitat: „Einziger Schwachpunkt: die etwas schlichte Psychologie der lüsternen Kerle und lieben Frauen“. Auch rezensiert: „Drei Irre unterm Flachdach“. Kein Krimi, aber passt irgendwie.
Alligator-Dauerdienst 070807: der ganze Rest
Die voraussichtlich letzte Lieferung des Dauerdienstes bringt noch einmal Stoff for all the Englischspeakers under us. Am Morgen übernimmt wieder der Original-Alligator, den wir mit einem kräftigen „fauler Sack!“ begrüßen wollen.
WeiterlesenJump
Jump ist Radio für Leute, die Christina Stürmers Musik für Rock halten.
Die taz über Jump, die „Popwelle“ des MDR: Mitteldeutsches Mysterium (zugleich der Start einer neuen taz-Radioserie namens „Sendersuchlauf“)
Warum Derek Raymond?
„Im Noir-Roman fällt die Menschheit in einer Bar oder in der Dunkelheit dem Wahnsinn anheim.“
„Suarez zu schreiben hat mich gebrochen. Das begreife ich jetzt.“
(aus: Derek Raymond, „Die verdeckten Dateien“)
WeiterlesenAlligator-Dauerdienst 070807: Kalteis und mehr

Die Ausbeute dieses Morgens aus deutschen Landen. Draußen keine Spur mehr von Sommer. Nicht direkt kalt, aber die prognostizierten winterlichen Unbillen starren uns schon aus den Zeitungen entgegen. „Kalteis“ stürzt zu Tal.
WeiterlesenNancy Pickard: The Virgin of Small Plains
Dieses ist die dritte Besprechung eines der Kandidaten für den Edgar des Jahres 2007, Kategorie „Bestes Buch“.
WeiterlesenDerek Raymond
Ich bin nun mal so, ich kann nicht anders. Wenn sich eine Idee in mir behaglich einrichtet, muss ich ihr irgendwann ein kleines Büchlein bauen. Und der Gedanke, meine mit Astrid Paprotta begonnene Reihe mit Monografien fortzusetzen – wie und wo auch immer – unterstützt mich dabei.
WeiterlesenAlligator-Dauerdienst 060807: der Rest
Aus englischen (und schottischen) Gefilden zumeist schwebt nun der Tagesrest über die harrende Gemeinde der Linksucher. Beginnen wollen wir aber, natürlich, mit „Kalteis“.
WeiterlesenAlligator-Dauerdienst 060807: deutschsprachig

Aufarbeitung des Wochenendes. Deutschsprachiges. Von wichtig bis skurril. Mehr am Nachmittag. Internationales und alles andere, was uns bis dahin noch erreicht. Surfen Sie! Melden Sie! →Hierher!
Ingeborg Sperl empfiehlt im österreichischen →„Standard“ wieder kurz und bündig vier Kriminalromane: Sergej Kusnetzows „Die Hülle des Schmetterlings“, Veronica Stallwoods „Flucht aus Oxford“, Jörn Lier Horsts „Wenn das Meer verstummt“ sowie Katryn Ruschs „Die Lautlosen“, einen SF-Krimi: „Rusch präsentiert hier einen spannenden Zwitter für alle Leser, die über den Rand unseres Planeten hinausschauen möchten.“
Kapitel XII

Die folgenden Aufzeichnungen unseres Titelhelden erreichten die Redaktion auf denkwürdigem Wege. Sie befanden sich zusammengerollt in einer verkorkten Flasche mit der Aufschrift „Dr. Schlawinskis Original Südsee Erfrischung – jetzt mit 10% Datteln!“. Diese Flasche wurde – südwestlich der japanischen Insel Kyubashi – von Herrn Ludwig Hirnbeiß aus dem Pazifik gefischt, welchen Herr Hirnbeiß in Begleitung seiner Gattin auf einer handelsüblichen Luftmatratze zu überqueren gedenkt. Die Flaschenpost – denn um eine solche muss es sich handeln – gelangte per Sonderflugzeug in unseren Besitz und wird nun wort- und zeichengetreu wiedergegeben. Man entdeckte sie im spärlichen Nachlass des inzwischen verschollenen Ehepaares, einer Plastiktüte, welche außer der Flasche nur einen Stahlkamm sowie fünf unbenutzte Kondome enthielt. Die Aufzeichnungen schildern Wickiussens Erlebnisse, kurz nachdem dieser die geheimnisvolle künstliche Insel betreten hat, auf der sich die deutschen Krimischaffenden vor den kritischen Nachfragen von Öffentlichkeit und Ordnungsmacht versteckt halten.
Weiterlesen*Trennt die Spreu vom Weizen: Les Fantômes du Chapelier
Nächsten Donnerstag um 20.45 Uhr auf Arte: Die Fantome des Hutmachers, von Claude Chabrol nach Georges Symenon, mit Michel Serrault und Charles Aznavour. Mehr >>>hier.
Alligator-Dauerdienst 030807: international
Einige ausgewählte Links aus der großen weiten Welt des englischsprachigen Krimis haben wir zum Wochenende für Sie zusammengestellt. Beginnen wir mit Michael Dibdin, dem im März gerade einmal 60jährig verstorbenen Autor, dessen postum erschienenes Werk „End Games“ im →„Spectator“ vorgestellt wird. Das letzte Abenteuer von Dibdins Held Aurelio Zen – und Rezensent Ian Thomson befindet: „End Games, in short, has all the bite of vintage Zen; I wish we could have more.“
WeiterlesenAlligator-Dauerdienst 030807: national

Vorwiegend Regionalkriminelles wollen wir in dieser morgendlichen Tagesschau präsentieren. Die internationalen Neuigkeiten sowie die Ausbeute der nächsten Stunden folgen dann am Nachmittag. Seien Sie also fleißig! Und nicht vergessen: Wer uns Links zukommen lässt, hat einen Linktipp frei! Wie immer an diese Adresse, wo eilfertige junge Damen sehnsüchtig auf Ihre Nachrichten warten!
WeiterlesenPieke taucht ab

Sie schreckt vor nichts zurück. Ob zu Lande, in der Luft oder im Wasser: Pieke ist immer dabei. Auch in ihrer neuen Kriminalreportage „Leichenfund nach Piratenart“, den man am Sonnabend, 4.August 2007 im „TAGESSPIEGEL“ lesen und im RBB-Inforadio 93,1 um 11:45 Uhr hören kann. Wiederholungen um 16:45 Uhr und in der folgenden Nacht um 0:45 Uhr und 05:45 Uhr. Oder als Podcast. Klick aufs Radio.
WeiterlesenOlov Svedelid: Als vermisst gemeldet
Zwischen den beiden hohen Wellen des „kritischen Schwedenkrimis“ floss die eine und andere solide Spannungskost aus dem Norden in die deutschen Lande. Ohne für Furore zu sorgen, aber das ist halt der Preis, den man für Nichtwellenreiten zu zahlen hat. Olov Svedelid, in seiner Heimat äußerst beliebt, hat hierzulande die Popularität von Sjöwall / Wahlöö oder Mankell nie erreicht.
WeiterlesenAlligator-Dauerdienst 020807

Kühles Regenwetter. An einem Wuppertaler Badeteich friert sich ein Alligator den Allerwertesten ab. Gut so! Wir müssen mal wieder Dauerdienst schieben! Schieben Sie mit!
WeiterlesenBlaues Sofa 2006
2006 gab es auf dem >>>blauen Sofa auf der Buchmesse Interviews mit deutschsprachigen (Krimi-)autoren – Wolf Haas, Thea Dorn, Jakob Arjouni und Martin Suter sind da. Sind bestimmt noch mehr dabei, die ich nur nicht kenne.
Die halbe Stunde ist nur immer fast zu lang.
Ross Thomas: Umweg zur Hölle
Ross Thomas kann’s. Nun, das ist keine sensationelle Neuigkeit. Aber was kann Ross Thomas? Amerikas Wirklichkeit hinter dem schönen Schein (die längst auch unsere ist) sezieren, das alles mit einer stilistischen Leichtigkeit, die auf das Schwerdenken verzichtet, einem souverän zusammengestellten Figurentableau und Dialogen, die wie Maßanzüge sitzen. All das – und noch ein wenig mehr.
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